Auktion: 535 / Evening Sale mit Sammlung Hermann Gerlinger am 09.12.2022 in München Lot 11

 

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Erich Heckel
Stehende, 1920.
Skulptur aus Pappelholz
Schätzpreis: € 600.000 - 800.000
+
Stehende. 1920.
Skulptur aus Pappelholz.
Vogt Plastik 12. Hüneke 1920/7. Auf der Standfläche mit dem Namenszug des Künstlers. Höhe: 79 cm (31,1 in).
[SM].
• Von allergrößter Seltenheit – erstmals wird eine Holzskulptur des Künstlers auf dem internationalen Auktionsmarkt angeboten.
• Was Heckel und Kirchner in der Plastik erschaffen, ist singulär in der Bildhauerei Anfang des 20. Jahrhunderts – sie brechen noch radikaler als in der Malerei mit den Sehgewohnheiten ihrer Zeit.
• Von den sieben erhaltenen Skulpturen befinden sich fünf im Nachlass oder Museum.
• Die wohl letzte verfügbare Holzskulptur Heckels.
• Ein museales Werk mit internationaler Ausstellungshistorie
.

PROVENIENZ: Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen.
Sammlung Hermann Gerlinger, Würzburg (2001 vom Vorgenannten erworben, mit dem Sammlerstempel Lugt 6032).

AUSSTELLUNG: Erich Heckel, Kunstverein Freiburg/Kunsthalle Mannheim 1950, Kat.-Nr. 102.
Plastik und Kunsthandwerk von Malern des deutschen Expressionismus, Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum, Schloss Gottorf, Schleswig, 28.8.-2.10.1960; Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, 14.10.-13.11.1960, Kat.-Nr. 10.
Van Gogh to Picasso, Stedelijk Museum, Amsterdam, 1964, Kat.-Nr. 34.
German Expressionist Sculpture, County Museum of Art, Los Angeles, 1983; Hirshhorn Museum, Washington, 4.4.-17.6.1984; Josef-Haubricht-Kunsthalle, Köln, 12.7.-26.8.1984, Kat.-Nr. 48.
German Art in the 20th Century, Royal Academy of Arts, London, 11.10.-22.12.1985; Deutsche Kunst im 20. Jahrhundert, Staatsgalerie Stuttgart, 8.2.-27.4.1986, Kat.-Nr. 26 (m. Abb.).
Holz. Vom Material zum Ausdruck, Kunsthaus Zug, 1988, Kat.-Nr. 87.
Out of the Wood, Tate Gallery, Liverpool, ab 7.11.1990, Kat.-Nr. 23.
Expressionist Sculpture, Prefectual Museum of Art, Aichi/Prefectual Museum of Art, Niigata, 1995, Kat.-Nr. 81.
Die Maler und ihre Skulpturen. Von Edgar Degas bis Gerhard Richter, Museum Folkwang, Essen, 12.10.1997-4.1.1998, S. 140.
Kunstwelten im Dialog, Museum Ludwig, Köln, 5.11.1999-19.3.2000, Kat.-Nr. 48 (m. Abb.).
Frauen in Kunst und Leben der "Brücke", Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum, Schloss Gottorf, Schleswig, 10.9.-5.11.2000, Kat.-Nr. 109.
Erich Heckel an der Ostsee, Städtische Galerie, Bietigheim-Bissingen, 6.5.-16.7.2006, Kat.-Nr. 39.
Expressiv! Die Künstler der Brücke. Die Sammlung Hermann Gerlinger, Albertina Wien, 1.6.-26.8.2007, Kat.-Nr. 113, S. 184. (m. Abb.)
Kunstmuseum Moritzburg, Halle an der Saale (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2001-2017).
Buchheim Museum, Bernried (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2017-2022).

LITERATUR: Hermann Gerlinger, Katja Schneider (Hrsg.), Die Maler der Brücke, Bestandskatalog Sammlung Hermann Gerlinger, Halle (Saale) 2005, S. 220, SHG-Nr. 499.

"Kirchner brachte den Holzschnitt aus Süddeutschland mit [..]. Heckel schnitzte wieder Holzfiguren; Kirchner bereicherte diese Technik in den seinen durch die Bemalung."

Ernst Ludwig Kirchner in der Chronik der Künstlergruppe Brücke, 1913.

"Was meiner Freundin (Mrs Stoub) in der Wohnung am meisten auffiel, waren die überlebensgroßen Holzskulpturen, die Heckel geschaffen hatte. Von diesen Skulpturen war meine Freundin so begeistert, daß sie Heckel dazu bewegen konnte, sie ihr zu verkaufen. Wir nahmen sie sofort mit, diese 'Wilden Indianer', so sahen sie jedenfalls aus, oder was sie sonst darstellen sollten. Sie ragten mit ihren Köpfen aus dem Auto heraus."
Erinnerung von Walter Kaesbach im Gespräch mit Roman Norbert Ketterer an die ersten Berliner Jahre Erich Heckels, zit. nach: R. N. Ketterer, Dialoge, Stuttgart 1988, S. 19.

Aufrufzeit: 09.12.2022 - ca. 17.20 h +/- 20 Min.

In der "Brücke"-Ausstellung der Galerie Arnold 1910 in Dresden befinden sich erstmals wenige Kleinplastiken von Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner, auf einen Kaminsims gestellt, aber nicht im Katalog erwähnt. Ein Foto von Kirchner lenkt die Aufmerksamkeit auf ihre Existenz. (Abb.)

Auf dem Kaminsims stehen sieben kleine Skulpturen und Plastiken, vermutlich sind sie die ersten Zeugnisse expressionistischer Bildhauerkunst in einer Ausstellung. Zwar sind sie anhand des Fotos nicht eindeutig zu identifizieren, sie konnten jedoch glücklicherweise von Wenzel Nachbaur, langjähriger Mitarbeiter von Roman Norbert Ketterer, nach Angaben Heckels bestimmt werden. Demnach stehen von links nach rechts: ein weiblicher Halbakt Kirchners aus Zinn, vor 1910; eine wesentlich kleinere hockende Holzfigur von Heckel; Kirchners "Hockende", eine verschollene Zinnfigur, 1909; ein Tonrelief mit Liebespaar, ebenfalls von Kirchner. Es folgen zwei weitere holzgeschnitzte Figuren mit deutlich erkennbaren hohen Sockeln, die von Heckel stammen: ein "Liebespaar" und eine vermutlich mit langem Rock bekleidete Figur. Aus erhaltenen Fotografien und Skizzen zu Heckels skulpturalem Werk kann man schließen, dass Heckel seine Figuren 1909/10 bevorzugt mit kleinen, mit der Figur fest verbundenen Sockeln schnitzte, während Kirchner Sockel nur andeutungsweise oder gar nicht verwendete. Ganz rechts außen steht eine weitere kleine Zinnfigur Kirchners. Nach Wolfgang Henze beginnt Kirchners plastisches Werk 1909 mit Werken aus Ton, Fliesen mit erotischen Motiven, und erst 1910 entstehen die ersten Holzskulpturen. Heckel ist also der Erste aus der Gruppe, der sich mit plastischen Werken beschäftigt. Erst 1912 werden Holzskulpturen in der gemeinsamen "Brücke"-Ausstellung bei Fritz Gurlitt in Berlin im Katalog erwähnt und in die Ausstellung einbezogen, bei Heckel sind es fünf Plastiken in Holz, bei Kirchner sechs Plastiken. Historische Abbildungen sind nicht überliefert.

Die ersten Holzskulpturen Heckels entstehen laut Andreas Hüneke nach dessen eigener Aussage Ende 1906. "Nachdem er am 23. November in einem Brief an Ada Nolde ein von Kirchner gefertigtes Foto angekündigt hatte, schickte er ihr dieses am 27. Januar 1907 und schrieb dazu: '4 Holzfiguren von E. Heckel. Die erste und dritte in Birkenholz, zweite und vierte in Linde, vielleicht heben Sie sich das Blatt als Andenken an meine erste Plastik auf.'" (Zit. nach: Andreas Hüneke, Die Skulpturen aus Holz, in: Erich Heckel, Werkverzeichnis der Gemälde, Wandbilder und Skulpturen, München 2018, S. 370) "Sowohl dieser dokumentarische Impetus als auch die Positionierung der Skulpturen auf Sockeln deuten auf eine besondere Wertschätzung hin. Soweit sich auf dem Foto und einem zweiten im Kirchner-Museum in Davos mit den gleichen Figuren in anderer Anordnung erkennen lässt, hat Heckel bereits bei diesen ersten Arbeiten die Körper mit enganliegenden Armen mit wenig Materialverlust aus dem Stamm herausgeschält", so Hüneke an gleicher Stelle weiter.

Auch nach Heckels Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg entstehen in Osterholz Holzskulpturen. Von dieser unbekannten Anzahl hat sich aber nur diese "Stehende" erhalten; deshalb ist sie so besonders kostbar. In leichter Überlängung des Körpers schält der Künstler diese elegante Erscheinung in nachdenklicher und zugleich von sich überzeugter Haltung aus dem Stamm. Das Gesicht andeutungsweise auf die rechte Hand gestützt, gerahmt von einer für die 1920er Jahre typischen Kurzhaarfrisur, begegnet sie uns mit geschlossenen Augen, kräftiger Nase und wulstigen Lippen. Während Heckel frühere Skulpturen sparsam bemalt, etwa die Haartracht mit Schwarz betont – siehe die "Hockende" aus dem Jahr 1912 (Abb.), oder Ernst Ludwig Kirchner mit Schwarz die Intensität der "Hockenden" aus dem Jahr 1910 steigert –, so verzichtet der Künstler hier auf jede Nuancierung, die er nicht mit bildhauerischen Mitteln erreichen kann: so das ausdrucksstarke Gesicht, die Positionierung der Arme und nicht zuletzt die Pose der Beine, womit Heckel dem rund 80 Zentimeter langen Körper diese selbstverständliche Haltung verleiht.

Einige der skulpturalen Arbeiten, wie die "Stehende" von 1920, sind als "Modell" im malerischen und zeichnerischen Werk Heckels vertreten, beispielsweise in dem Aquarell "Stilleben mit Holzplastik" aus dem Jahr 1946 (Abb.). Bisweilen sind die Zitate der Skulpturen der einzige Hinweis auf dereinst existierende Arbeiten des Künstlers, die dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen sind. Nach dem Atelierbrand in Berlin verzeichnete Heckel noch summarisch acht Skulpturen als Verlust, die sich also über das hinaus, was er retten konnte, noch in seinem Besitz befanden. (Andreas Hüneke, S. 379) Andreas Hüneke vermutet, die Anzahl der insgesamt von Heckel geschaffenen Holzskulpturen sei erheblich größer gewesen als alles, was sich selbst unter Zuhilfenahme seiner Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen auch nur annähernd nachweisen ließe. "Zu den freien Skulpturen sind ja noch die Gebrauchsgegenstände hinzuzurechnen: geschnitzte, teilweise figürliche Hocker, wie sie unter anderem auf verschiedenen Bildern neben Skulpturen oder als deren Sockel auftauchen." (Andreas Hüneke, S. 379) [MvL]



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung zu Erich Heckel "Stehende"
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Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

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Für Werke lebender Künstler oder von Künstlern, die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.