Auktion: 528 / Klassische Moderne am 11.06.2022 in München Lot 423

 

423
Ernst Ludwig Kirchner
Kühe auf der Alp, 1918/19.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 120.000 - 150.000
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Kühe auf der Alp. 1918/19.
Öl auf Leinwand.
Gordon 541. Verso signiert, vordatiert "17" und betitelt. 59,5 x 70,5 cm (23,4 x 27,7 in).
Im Original-Kirchner-Rahmen.
• Seit fast 70 Jahren Teil derselben Privatsammlung.
• Geschlossene Provenienz.
• Im originalen Künstlerrahmen.
• Noch zu Lebzeiten E. L. Kirchners in der groß angelegten Kirchner-Ausstellung in der Kunsthalle Bern 1933 erstmals ausgestellt.
• Nach Kirchners Umzug in die Davoser Bergwelt wird das Leben der Bauern eine bedeutende Inspirationsquelle für das Schaffen des Künstlers.
• Außergewöhnlicher, nah an das Motiv herantretender Bildausschnitt
.

Das vorliegende Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern, dokumentiert.

PROVENIENZ: Dr. Othmar Huber (1892-1979), Glarus/Schweiz (direkt vom Künstler erworben, wohl durch Vermittlung von Dr. Max Huggler).
Sammlung Ernesto Blohm, Caracas (1954 vom Vorgenannten erworben, Stuttgarter Kunstkabinett, Auktion 18.-20.5.1954, Los 983).
Seitdem in Familienbesitz.

AUSSTELLUNG: Ernst Ludwig Kirchner, Kunsthalle Bern, 5.3.-17.4.1933, Kat.-Nr. 30 (dort mit dem Titel "Kühe am Mittag", m. ganzs. Abb., Tafel VII).
Expresionismo en Alemania. Exposición conmemorativa del décimo aniversario de la fundación de la Asociación Cultural Humboldt, Asociación Cultural Humboldt und Fundación Eugenio Mendoza, Caracas, November/Dezember 1959, Kat.-Nr. 25 (m. Abb.).
E. L. Kirchner in Privatbesitz. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Grafik, Richard-Kaselowsky-Haus, Kunsthalle der Stadt Bielefeld, 14.9.-26.10.1969, Kat.-Nr. 13.
E. L. Kirchner. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgraphik, Kunstverein in Hamburg, 6.12.1969-25.1.1970; Frankfurter Kunstverein, Frankfurt am Main, 6.2.-29.3.1969, Kat.-Nr. 45 (m. Abb., Nr. 56).
Ernst Ludwig Kirchner - Bilder, Aquarelle, Pastelle, Zeichnungen, Druckgraphik aus südamerikanischem Privatbesitz, Galerie Günther Franke, München, 5.5. bis Anfang Juni 1970, Kat.-Nr. 1 (hier noch auf 1917 datiert).

LITERATUR: Stuttgarter Kunstkabinett Roman Norbert Ketterer, 19. Auktion, Kunstliteratur, Gemälde, Zeichnungen, Graphik des 19. und 20. Jahrhunderts, 18.-20.5.1954, Los 983, S. 95 (m. Abb., S. 35, hier noch auf 1917 datiert, verso auf dem Rahmen mit der handschriftlichen Nummerierung).
Donald E. Gordon, Ernst Ludwig Kirchner, München/Cambridge (Mass.) 1968, Kat.-Nr. 541, S. 353 (m. Abb.).
Hanna Strzoda, Die Ateliers Ernst Ludwig Kirchners. Eine Studie zur Rezeption "primitiver" europäischer und außereuropäischer Kulturen (Diss.), Petersberg 2006, S. 320 (Fußnote Nr. 2080).

Aufrufzeit: 11.06.2022 - ca. 17.32 h +/- 20 Min.

Ländlich-bergige Idylle. Kirchners Wahlheimat in der Schweiz
Vor seinem endgültigen Umzug in die Schweiz reist Ernst Ludwig Kirchner ab 1917 aufgrund seines gesundheitlichen Zustands mehrfach nach Davos, um sich dort unter anderem bei Dr. Frédéric Bauer, dem damaligen Chefarzt des Davoser Parksanatoriums, in Behandlung zu begeben. Auch den Sommer 1918 verbringt er in seinem Schweizer Sehnsuchtsort in den Bergen auf der "Stafelalp", die er auch in den darauffolgenden Jahren als Sommerdomizil auswählt. Hier genießt er ein einfaches, rustikales Leben mit nur wenigen Annehmlichkeiten. Die Alpenlandschaft, das Leben der dort ansässigen Bauernfamilien und die dörflich-bukolische Idylle sind Kirchner in diesen Jahren bedeutende Inspirationsquellen. Der ehemalige Stadtmensch, der das geschäftige Treiben in Dresden und in der Berliner Großstadt mit ihren elektrischen Straßenbahnen, durch die asphaltierten Straßen brausenden Automobilen und den urban-modern gekleideten Einwohnern gewohnt war, entwickelt für das ländliche, ganz anders getaktete Leben in Davos eine inspirierte Faszination. In einem Brief erklärt er 1919 überzeugt: "Der gute van de Velde schrieb mir heute, ich sollte doch wieder ins moderne Leben zurück. Das ist für mich ausgeschlossen. Ich bedaure es auch nicht. Ich habe hier ein reiches Feld für meine Tätigkeit, dass ich es gesund kaum bewältigen könnte, geschweige denn heute. Die Welt in ihren Reizen ist überall gleich, nur die äusseren Formen sind andere. Und hier lernt man tiefer sehen und weiter eindringen als in dem sogenannten 'modernen' Leben, das meist trotz seiner reichen äusseren Form so sehr viel oberflächlicher ist." (Brief an Helene Spengler, 3.7.1919).

Lieblingsmotive eines ehemaligen Großstädters
Wie sehr sich der Künstler mit seiner schweizerischen Umgebung und dem bäuerlichen Leben in Davos-Frauenkirch identifiziert, lässt sich u. a. anhand der Sujets der in diesen Jahren entstandenen Gemälde nachvollziehen. Allein zwischen 1918 und 1920 entstehen neben zahlreichen Landschaftsdarstellungen u. a. die Arbeiten "Alte Sennhütte", "Ziegenhirt am Morgen", das große Triptychon "Alpleben", "Kuhstall, Alpbauer beim Melken", "Der Mäher", "Auf der Alm, Bauern in der Nacht", "Milchmädchen" und viele weitere Darstellungen, in denen die motivische Entwicklung in Kirchners Schaffen offenbar wird. Ganz nach dem Leitsatz der "Brücke"-Künstler, "aus dem Leben die Anregung zum Schaffen zu nehmen und sich dem Erlebnis unterzuordnen" spiegeln auch seine in der Schweiz entstandenen Bilder nun mit jedem Pinselstrich sein Leben in Davos wider, so wie schon seine Gemälde bis 1917 ein Abbild seiner Berliner Zeit und der besonderen Großstadt-Atmosphäre liefern und seine Arbeiten bis 1911 die progressive künstlerische Schaffenskraft der Dresdener Jahre illustrieren (E. L. Kirchner in der "Brücke"-Chronik von 1913, zit. nach: E. W. Kirnfeld, E. L. Kirchner. Nachzeichnung seines Lebens, Bern 1979, S. 43).
Im Winter mietet Kirchner in diesen Jahren das Haus "In den Lärchen" in Frauenkirch und kann so jede der verschiedenen Jahreszeiten und den darauf abgestimmten Rhythmus im arbeitsreichen Leben der Bauern erleben, die harten Winter, die Heuernte, die Bauernfeste und auch die Alpzeit in den Sommermonaten, wenn die Kühe auf die saftigen Weiden getrieben werden. Die auf den Wiesen grasenden Tiere, insbesondere die Ziegen und die Kuhherden haben es dem einstigen Großstadtbewohner dabei besonders angetan. Im Sommer 1919 notiert der Künstler in seinem Tagebuch: "Spaziergang nach der Galtviehweide. [..] mir brennt die Haut und das Gesicht von der Sonne." (zit. nach: L. Grisebach, Kirchners Davoser Tagebuch, Wichtrach 1997, S. 48). Auf ebensolchen ausgedehnten Spaziergängen in der näheren Davoser Umgebung, bspw. in "Längmatte", kann Kirchner die Tiere aus nächster Nähe beobachten und in Fotografien und spontanen Zeichnungen sowie später in druckgrafischen Arbeiten und Gemälden künstlerisch festhalten. Sogar eine eigenhändig geschnitzte Skulptur aus Arvenholz hat sich erhalten. Motivisch sind die behörnten Tiere in diesen Jahren für Kirchner von ebenso großer Bedeutung wie die Pferde bei Franz Marc oder das Reh im Schaffen von Renée Sintenis: Die Kühe sind aus Kirchners Œuvre der Davoser Jahre ebenso wenig wegzudenken.

Fokus auf Form, Farbe und Perspektive
Unter den Gemälden sind bspw. "Kühe im Wald" (Pinakothek der Moderne, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München), "Kühe bei Sonnenuntergang" (Sammlung Batliner, Albertina, Wien), "Alpaufzug" (Kunstmuseum St. Gallen), "Absteigende Kühe" (Georg Kolbe Museum, Berlin), "Weidende Kühe" (Buchheim Museum, Bernried) zu nennen, doch nur für "Die weiße Kuh" (1920, Hamburger Kunsthalle) verwendet Kirchner das Tier ebenfalls als bildfüllendes Motiv.
In dem hier angebotenen Gemälde "Kühe auf der Alp" nehmen sie den gesamten vorderen Bildraum ein, der Künstler zeigt die gemütlich grasenden Tiere mit einer einzelnen Ziege vor einem der typischen kleinen Bauernhäuser, wie man sie in Davos-Frauenkirch häufig an den Berghängen findet: mit weit überstehendem Dach und der charakteristischen kombinierten Bauweise aus gemauertem und verputztem Erdgeschoss sowie einem aus Holz aufgesetzten Obergeschoss. Doch Kirchner geht es hier nicht um die Darstellung der idyllischen Davoser Bergwelt, es geht ihm um Formfindung, Tiefenwirkung, Perspektive und den wirksamen Einsatz von Farbkontrasten. Die formal interessantesten Partien der Tiere - Nüstern, Hörner und Ohren - zeigt der Künstler vereinfacht und in heller Farbigkeit hervorgehoben, während ihre massigen Körper in dunklem Braun und Violett in den Hintergrund treten.
Zusammen mit den eckigen, fast geometrischen Formen des Hauses mit geradliniger Regenrinne und kantigem Schornstein, den Diagonalen der nur angedeuteten Nadelbäume, den spitzen Hörnern und dem langen Bart der grazilen Ziege und dem in heftigen, kurzen Pinselstrichen in Grün- und Blautönen auf die Leinwand gesetzten saftigen Weidegras schafft Kirchner hier eine von der Wirklichkeit enthobene, abstrahierte, formal wie farblich höchst interessante und reizvolle Komposition von großer Anziehungskraft. Wo die früheren und auch einige der gleichzeitig entstandenen Arbeiten noch die typisch nervöse Linienführung der Berliner Jahre aufweisen, findet Kirchner hier bereits zu einer betont flächigen Malweise und zu einer ganz eigenen expressionistischen Formensprache.

Historie. Ausstellungen und Erwähnungen zu Kirchners Lebzeiten

1954 wechselt das Gemälde "Kühe auf der Alp" in der Auktion des Stuttgarter Kunstkabinetts zuletzt seinen Besitzer. Zuvor ist es Teil der Sammlung des schweizerischen Augenarztes und Kunstsammlers Dr. Othmar Huber (1892-1979) aus Glarus, der es wohl durch Vermittlung von Dr. Max Huggler (1903-1994), dem damaligen Leiter der Kunsthalle Bern und späteren Direktor des Kunstmuseums Bern, direkt von Kirchner erwirbt. Dr. Othmar Huber besaß nachweislich ein weiteres Gemälde des Künstlers ("Am Waldrand", 1935) und versucht in den 1930er Jahren mehrfach Kontakt zu Kirchner aufzunehmen, doch in den Briefen, Tagebuchaufzeichnungen und historischen Dokumenten konnte kein Zusammentreffen von Künstler und Sammler nachgewiesen werden. 1936 schreibt Kirchner zwar an den bereits erwähnten Vermittler Dr. Huggler: "Es wird mich sehr freuen, wenn Sie mit dem Herrn von Glarus [Dr. Othmar Huber] zu mir kommen. Ich werde dort gerne mal etwas zeigen." (Brief vom 25. Februar 1936); doch mindestens einmal sagt Kirchner ein geplantes Treffen aus Gesundheitsgründen ab, wie er 1937 in einem Brief an Paul Klee zugibt, wenn er schreibt: "Kennen Sie einen Augenarzt Dr. Huber aus Glarus, der soll Sachen von Ihnen und Kandinsky haben, wollte mich besuchen, ich war aber krank, konnte ihn nicht empfangen." (Brief vom 9. Dezember 1937).
Vermutlich erwirbt Huber die "Kühe auf der Alp" in den 1930er Jahren. Bis mindestens 1933 müssen sie sich noch im Besitz des Künstlers befunden haben, denn in diesem Jahr sendet er das Gemälde für eine retrospektive Ausstellung nach Bern. Für den Katalog wählt er eigenhändig die entsprechenden Abbildungen aus und schreibt diesbezüglich an den Leiter der Kunsthalle Dr. Max Huggler: "Beiliegend endlich die Photos für den Katalog. Es war sehr schwer sie zu bestimmen, ich habe 2 Tage gebraucht, aber so wird es nun gut sein, denke ich. Bitte sagen Sie mir, wie Sie die Auswahl finden. Es sind leider 22 geworden, anstatt 20. [..] Von den Bildern kann nichts weggelassen werden, es sind sowieso zu wenig. Gern hätte ich noch das Strassenbild mit roter Kokotte und das Damenporträt der Frau H gebracht, aber was nicht geht, geht eben nicht." (Brief 2798 ELK an Max Huggler, 16. Februar 1933). Kirchner scheint unser Gemälde als besonders wichtig erachtet zu haben, denn unter den nur 22 abgebildeten Werken sind auch die "Kühe auf der Alp" (Tafel VII). Letztendlich übertrifft die Ausstellung sogar die Vorstellungen des Künstlers, denn in einem Brief schreibt er wenig später begeistert: "Nun steht die Ausstellung und ist so schön geworden wie wohl noch keine überhaupt bisher [..]. Mit seltener Hingabe hängten wir die über 100 Bilder und über 120 Zeichnungen, die einen Überblick über mein ganzes Schaffen geben. Schade, dass soetwas in Deutschland nie möglich war. Der Katalog ist an sich eine kleine Monographie." (Brief an Kurt Hentzen, 8. März 1933).



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Ernst Ludwig Kirchner "Kühe auf der Alp"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 32 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 27 % berechnet und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 25 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

Wir bitten um schriftliche Mitteilung vor Rechnungsstellung, sollten Sie Regelbesteuerung wünschen.

Berechnung der Folgerechtsvergütung:
Für Werke von Künstlern die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.