Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 80

 

80
André Derain
Arbres aux environs de Martigues, 1908.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 100.000 - 150.000
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Arbres aux environs de Martigues. 1908.
Öl auf Leinwand.
Kellermann 137. Verso auf der Leinwand signiert. Verso auf dem Keilrahmen mit typografisch nummerierten Etiketten "N 144" und "4[??]0 D". 47 x 38,5 cm (18,5 x 15,1 in).
[KT].
• Derain gilt wie Matisse, Picasso und Braque als bedeutender Vertreter der französischen Avantgarde.
• Drei Jahre vor Entstehung des Werkes sorgt er im Salon d’Automne von 1905 neben Vlaminck und Matisse für die Begründung der „Fauves“.
• Höchst relevante Ursprungsprovenienz aus der Galerie Daniel Kahnweilers, der v.a. als Galerist Picassos in die Kunstgeschichte eingeht: 1908 schließt er mit Derain einen Exklusivvertrag und sichert sich dieses Werk bei seiner Entstehung.
• Vergleichbare Landschaften Derains sind in den wichtigsten internationalen Sammlungen vertreten: im Centre Pompidou, dem Musée d’art moderne und dem Musée de l’Orangerie, Paris, im Metropolitan Museum of Art, New York, in der National Gallery of Art, Washington, sowie in der Tate Gallery, London.
• Aus der Sammlung des berühmten Schriftstellers, Soziologen und späteren Galeristen Eric Estorick (1913-1993), der seit 1998 ein eigenes Museum in London gewidmet ist
.

PROVENIENZ: Galerie Kahnweiler, Paris (direkt vom Künstler, wohl 1908).
Galerie de France, Paris.
Privatsammlung Eric Estorick, London (ab spätestens 1954).
Privatsammlung Frankfurt am Main.
Privatsammlung Baden-Württemberg (2006 erworben).

AUSSTELLUNG: Möglicherweise: Les Fauves 1903-1908, Galerie de France, Paris, mit einem Katalogvorwort von Gaston Diehl, 13.6.-11.7.1942, Nr. 11 ("Sous Bois, vers 1907", ohne Abb.).
Derain, Vlaminck, Souverbie, Gallery Roland, Browse and Delbarco, London, Juni-Juli 1953, Abb. 8.
Derain, Musée national d'art moderne, Paris, 11.12.1954-30.1.1955, Nr. 24 (dort datiert 1910, Leihgeber Eric Estorick, London).
André Derain 1880-1954, a loan exhibition in aid of the National Art Collections Fund, Wildenstein & Co, London, April-Mai 1957, Nr. 17 (mit Abb.).
André Derain, Grosvenor Gallery, London, 1968, Nr. 5.
André Derain - Paysages du Midi, Musée de l'Annonciade, Saint-Tropez, 15.6.-6.10.2003, Nr. 10 (mit ganzseitiger Farbabb. S. 36, SW-Abb. S. 83).

LITERATUR: Michel Kellermann, André Derain - Catalogue raisonné de l'œuvre peint, Bd. I: 1895-1914, Paris 1992, S. 87, Nr. 137 (mit Abb.).

"Ich bin im Süden. Ich bin dort zufriedener als je zuvor, ruhig wie alles in dieser wunderbaren Landschaft. [..] Ich werde ernsthaft arbeiten und wieder zu einem wahren Maler werden. Es ist sehr schwer, in Paris Malerei zu betreiben. [..] Es mangelt an Berührungspunkten. Und ich glaube, dass dies hier die einzige Umgebung ist, in der man zu reiner malerischer Empfindung gelangt."
André Derain an Maurice de Vlaminck, Martigues 1908, zit. nach: André Derain, Lettres à Vlaminck, Paris 1994, S. 197.



Aufrufzeit: 10.06.2022 - ca. 19.38 h +/- 20 Min.

Wilde Anfänge – die "Fauves" im Salon d'Automne 1905
Für großes Aufsehen sorgt 1905 der Auftritt einer Gruppe junger Künstler im Pariser Salon d’Automne. Die leuchtenden, farbintensiven und lebhaft gemalten Werke von André Derain, Henri Matisse und Maurice de Vlaminck werden dort in einem der Säle zusammen ausgestellt. Angesichts der wilden Malerei der jungen Künstler, alle zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, wird ihnen von der Kunstkritik der Name „Fauves“ verliehen, nicht ahnend, dass dieser lose Zusammenschluss so als eine der wichtigsten Strömungen der französischen Avantgarde in die Kunstgeschichte eingehen sollte. Wie bereits andere Strömungen, etwa die Impressionisten, vor ihnen wissen die jungen Maler den eigentlichen Schmähbegriff gewinnbringend umzudeuten: Eine erste geschlossene Ausstellung findet anschließend in der Galerie Berthe Weill statt, darunter Werke von Matisse, Derain, Vlaminck, Émile Othon Friesz, Albert Marquet und Raoul Dufy.

Künstlerische Symbiosen: Matisse, Van Gogh, Cézanne und der Midi
Zwischen Kritikern, Künstlern und Galeristen herrscht im Paris des angehenden 20. Jahrhunderts eine hoch dynamische, von der Idee des Fortschritts und dem radikalen Bruch mit der Tradition geprägte Atmosphäre, die in immer kürzeren Abständen neue malerische Ausdrucksformen hervorbringt. Dies gilt vor allem für zentrale Künstlerpersönlichkeiten der Avantgarde wie Derain, Matisse, Picasso und Braque, die – kaum dass sich eine Richtung zu affirmieren beginnt – bereits wieder neue Wege beschreiten. Der junge Derain malt zunächst mit Vlaminck in Chatou, einem westlich von Paris gelegenen Städtchen, die Landschaften an der Seine. Die Nähe zu Paris bringt schnell Bewegung in sein Schaffen: Er lernt Matisse beim Kopieren im Louvre kennen, besucht Ausstellungen mit Werken von Vincent van Gogh, Paul Cézanne und Paul Gauguin. Prägend für die Geburt der "Fauves" ist zunächst der Aufenthalt mit Matisse in Collioure im äußersten Süden der französischen Mittelmeerküste, während dem mit breiten Pinselstrichen kraftvolle Landschaften im Ausklang des Neoimpressionismus entstehen. Auf der Suche nach intensiven Farb- und Lichteindrücken abseits der Großstadt Paris wird der französische Midi für die Künstler zum neuen bevorzugten Ort einer ursprünglichen, naturhaften Kreativität. Eine solche entsteht in der engen Verbindung zwischen Landschaft und Künstler, der die individuelle Wirkung in seiner ihm eigenen expressiven Bildsprache wiedergibt.
Netzwerke: der junge Kahnweiler als Galerist der Avantgarde
Eine wichtige Rolle in dieser sich formierenden Avantgarde kommt den Galeristen zu, die immer auf der Suche nach neuen Talenten sind. Schnell wird Derain von Ambroise Vollard, dem Galeristen Renoirs, Cézannes, Picassos und Matisses, vertreten. Bedeutsamer für ihn wird jedoch ein junger, gerade 23-jähriger Deutscher: Daniel-Henry Kahnweiler, der für eine Stelle bei der Börse nach Paris gekommen ist. Doch davon schnell gelangweilt, fasziniert hingegen von der Pariser Kunstwelt, beschließt Kahnweiler eine Galerie zu gründen und mietet 1907 den kleinen Raum eines polnischen Schneiders in seinem Wohnhaus. Im Pariser Salon des Indépendants begeistert er sich für die Werke Vlamincks und Derains und kauft erste Gemälde der beiden, ebenso von Braque und Picasso, in dessen Atelier er 1907 die Entstehung der weltberühmten „Demoiselles d’Avignon“ und die Geburtsstunde des Kubismus miterlebt. Sein Geschäftsmodell konzentriert sich darauf, mit den von ihm vertretenen Künstlern Exklusivverträge abzuschließen, die ihm die gesamte Produktion sichern, so auch 1908 mit Derain. Das Galerieprogramm erweckt in kürzester Zeit das Interesse mutiger und ebenso zahlungskräftiger internationaler Sammler wie Roger Dutilleul, Gertrude Stein oder Sergej Schtschukin. Zudem ist Kahnweiler hervorragend vernetzt, so hat er Verbindungen in Deutschland u. a. zu Alfred Flechtheim.

Spannungen - Derain zwischen Fauvismus und Kubismus
Trotz Derains enger Bekanntschaft mit den Vorreitern des Kubismus Picasso und Braque folgt er ihnen nicht auf diesem Weg. Sein Galerist Kahnweiler sieht ihn zusammen mit Cézanne als einen Maler des Übergangs, in dessen Bildern sich am besten jene Spannung des „Dazwischens“ visualisiert. Nach der Zersplitterung des späten Neoimpressionismus und der "Fauves" beginnen sich bei Derain die Formen um 1908 wieder ins Flächenhafte zu konsolidieren, ohne die anschließende Fragmentierung des Kubismus mitzuverfolgen. Bei seinen Aufenthalten im Midi mit Matisse, Picasso oder Braque bleibt er Marseille und der Côte d’Azur mit den kleinen Orten Cassis, Cagnes-sur-mer oder L’Estaque treu, für die er neue Darstellungsprinzipien zu suchen beginnt. Von Mai bis Ende November 1908 hält er sich in Martigues an der Küste westlich von Marseille auf und versenkt sich ganz in den Eindruck der warmen, südlichen Landschaft. Die Pinienhaine an der steilen Küste gibt er in kühlen tiefgrünen und indigoblauen Tönen wieder, hinter den Baumkronen leuchtet das intensive Blau des mediterranen Himmels; der von trockenen Nadeln bedeckte Boden leuchtet in rotem Ocker. Vereinfacht und aufs Wesentliche reduziert, steigern sich die Kontraste zwischen kühlen und warmen, dunklen und hellen Tönen zu einer fast körperlichen Empfindung. Faszinierend bleibt auch, wie Derain einerseits Farben und Formen auf der Bildfläche arrangiert und zugleich in die Tiefe des warmen Waldes hineinführt. In diesem Landschaftsgemälde "Arbres aux environs de Martigues" konzentriert sich die Bedeutung und die Inspiration des französischen Südens für Derain, der ihm zu seinem künstlerischen Durchbruch verhilft und an dessen Motiven sich seine künstlerische Entwicklung vollzieht. Sie zeigt die Auseinandersetzung mit bedeutenden Vorgängern wie Cézanne und Zeitgenossen wie Picasso. Nicht zuletzt die Provenienz aus der Galerie Daniel-Henry Kahnweilers macht das Werk über sein wundervolles Motiv hinaus zu einem einzigartigen, kunsthistorisch facettenreichen Zeugnis der französischen Moderne. [KT]



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu André Derain "Arbres aux environs de Martigues"
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Berechnung der Folgerechtsvergütung:
Für Werke von Künstlern die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.