Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 98

 

98
Ernst Wilhelm Nay
Chromatische Ketten, 1954.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 300.000 - 400.000
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Chromatische Ketten. 1954.
Öl auf Leinwand.
Scheibler 724. Rechts unten signiert und datiert. Verso auf dem Keilrahmen signiert, datiert, betitelt und bezeichnet "E. N.". 90,5 x 125,5 cm (35,6 x 49,4 in). [CH].

• Eines der berühmten Scheibenbilder (1954-1962).
• Ernst Wilhelm Nay steht damals fast symbolisch für die Auseinandersetzung zwischen Figuration und Abstraktion.
• Der Künstler inszeniert eine gleichsam schwerelos wirkende Bildszenerie.
• Bedeutende Provenienz.
• Vergleichbare Arbeiten aus dem Jahr 1954 befinden sich u. a. in der Hamburger Kunsthalle, im Städel Museum, Frankfurt a. M. und im Sprengel Museum, Hannover.
• Gerade wird E. W. Nay mit einer Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle geehrt (25.3.-7.8.22), im Anschluss im Museum Wiesbaden sowie im Museum Küppersmühle für Moderne Kunst
.

PROVENIENZ: Elly Nay, Berlin (verso auf dem Keilrahmen mit dem Monogramm "E. N.").
Galerie Reitzenstein-Seel, Berlin (1954).
Sammlung Hubertus Wald (1913-2005), Hamburg.
Nachlass Hubertus Wald, Hamburg.
Privatsammlung Niederlande (vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Moderne Malerei. Frankfurter Privatbesitz, Frankfurter Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg, Frankfurt am Main, 16.3.-28.4.1963, Kat.-Nr. 96, (m. Abb.).
Glanzstücke der Malerei des 20. Jahrhunderts. Sammlung Wald, Hamburger Kunsthalle, 12.9.-15.11.2003.

LITERATUR: Aurel Scheibler, Ernst Wilhelm Nay. Werkverzeichnis der Gemälde, Bd. II, Köln 1990, S. 77, Kat.-Nr. 724 (m. Abb.).
Christie's, London, 8052. Auktion, 14.2.2012, Los 54 (m. Abb.).

"Die farbgewaltigen Gemälde [E. W. Nays] gehören zum Schönsten, was die klassische Moderne auf dem Weg in die Abstraktion hervorgebracht hat."
Wolfgang Krischke, Schmetterlinge im Nationalsozialismus, FAZ online, 7.4.2022.

"Ein scharfer Versuch, zur Ordnung zu kommen, zur Ordnung des Bildes mit einer Methode, deren Syntax die Fläche als das zu Gestaltende ist. Eine Ordnung vom immanenten Wert der Zahl her und von daher zur sich von selbst einstellender Aussage. Von der Gestaltfarbe mit ihren Fächern: Chromatik, Dynamik, Rhythmus, Volumen zur hieratischen Farbe."
E. W. Nay an Will Grohmann, Köln, 8.10.1954, zit. nach: Karl Gutbrod, Lieber Freund - Künstler schreiben an Will Grohmann. Eine Sammlung von Briefen aus fünf Jahrzehnten, Köln 1968.

Aufrufzeit: 10.06.2022 - ca. 20.14 h +/- 20 Min.

Auseinandersetzung von Figuration und Abstraktion
Mit Beginn der Werkphase der Rhythmischen Bilder 1951 und 1952 stellt Ernst Wilhelm Nay die Auseinandersetzung "nur mit der Leinwand, der Fläche, der Farbe, der Form" im Vordergrund seines Tuns. (E. W. Nay, Lesebuch. Selbstzeugnisse und Schriften 1931-1968, Köln 2002, S. 62) Jetzt, da auch der letzte Hinweis auf Gegenständliches in seinem Werk wie etwa noch in den Hekate-Bildern anzutreffen, verschwindet, konzentriert sich der Künstler auf einen Gedanken, der die Entwicklung der Motive als Ganzes bestimmt, die zwar in ihrem wildbewegten und von Farben geprägten Erscheinungsbild dennoch viele für ihn typische, spontane Entscheidungen erkennen lassen, Nay aber mit seinen ab 1954 entstehenden "Scheibenbildern" schon jene Grundordnung um eine dem Prinzip der Wiederholung und Reihung unterstellten Verwendung der Farbe erweitert. "Erst 1953 wurde ich ganz systematisch und versuchte mit den Scheiben eine Theorie der Malerei, eine Theorie als Grundlage für Kunst, zu entwickeln", so der Künstler. "Ich trieb tief hinein in das ästhetische Prinzip, bis es nichts mehr hergab. Ich mußte es darauf ankommen lassen. Ich stand zuweilen dicht vor einer modernen Akademie der Malerei. […] Ich entwarf ein eigenes Prinzip und suchte es ab nach allen Seiten in großer Hoffnung auf eine Eröffnung, die entweder kommen mußte, oder die ganze Sache war umsonst." (Lesebuch, S. 207)."Aus dieser grundsätzlichen Malerei, deren Gerüst ich sogar in der Gestaltfarbe aufzeichnete, [..] entwickelte ich vorerst alle nur denkbaren Variationen. Und schließlich wurde es mehr als die Malerei in nuce [im Kern]." (Lesebuch, S. 221)

Beginn der Scheibe
"Chromatische Ketten" gehört zu den allerersten Arbeiten von Ernst Wilhelm Nays berühmten Scheibenbildern. Gestische Formen und leuchtende, kreisförmige Farbtupfer wuchern über das Format, nehmen eine lyrische, fast rhythmische Form an und spiegeln die lebendige Stimmung des Künstlers. Flecken und dicht gemalte Farbblöcke in Zinnoberrot, gebranntem Ocker, Goldgelb und Tintenblau beleben die Komposition. Impulsive, linear gesetzte Farbstriche unterbrechen die pulsierende Anordnung der improvisierten Formen. Quadrate mit vielfarbigen und komplementären Farbkreisen, die wie Glieder einer Kette verlaufen, worauf der Titel des Werks anspielt. Die Farben sind lebhaft gesetzt und verbinden Schwarz mit Cyanblau, Senfgelb, Scharlachrot und Orange mit großer Wirkung, eine freie, musikalische Ästhetik mit gemalten Kreisformen. Der Künstler inszeniert eine gleichsam schwerelos wirkende Bildszenerie die "geradezu übersprudeln vor Lebensfreude, Rhythmus, Farbenpracht, Schnelligkeit des Strichs und energiegeladener Bewegung", so der Kunsthistoriker und Nay-Kenner Siegfried Gohr. (In: Ernst Wilhelm Nay - Ein Essay, Ausstellungskatalog, Stedelijk Museum, Amsterdam, 1998, S. 27).

Das Gelingen dieser neuen, von Nay jetzt mehr denn je auch mit farbtheoretischen und methodischen Erkenntnissen reflektierte Ausrichtung seiner Kunst dokumentiert eine große Souveränität im Umgang mit den künstlerischen Mitteln. Nay steht damals fast symbolisch für die Auseinandersetzung zwischen Figuration und Abstraktion und auch der zeitgleich einsetzende äußere Erfolg des Malers, der ebenfalls dazu beigetragen haben mag, dass diese zentrale Werkperiode die mit Abstand längste innerhalb des Nay‘schen Œuvres werden sollte. [MvL]



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Ernst Wilhelm Nay "Chromatische Ketten"
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Für Werke von Künstlern die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.