Auktion: 528 / Klassische Moderne am 11.06.2022 in München Lot 416

 

416
Egon Schiele
Sitzendes Mädchen mit ausgestrecktem Arm und Bein, 1913.
Bleistiftzeichnung
Schätzpreis: € 60.000 - 80.000
+
Sitzendes Mädchen mit ausgestrecktem Arm und Bein. 1913.
Bleistiftzeichnung.
Kallir D 1279. Links unten signiert und datiert. Auf Velin. 31,7 x 48,6 cm (12,4 x 19,1 in), Blattgröße.

• Mit der extremen Pose, dem fragmentierten Bildausschnitt und der verfremdeten Anatomie der fast im Spagat sitzenden Dargestellten verfügt das Werk über eine für Schiele charakteristische Bildsprache.
• Seit über 40 Jahren Teil einer deutschen Privatsammlung.
• Vergleichbare Zeichnungen befinden sich u. a. in den Sammlungen des Metropolitan Museum of Art in New York und der Albertina in Wien
.

PROVENIENZ: Fischer Fine Art, London.
Privatsammlung New York.
Privatsammlung Süddeutschland (vom Vorgenannten durch Vermittlung von Serge Sabarsky, New York, erworben).
Seitdem in Familienbesitz.

LITERATUR: Jane Kallir, Egon Schiele. The Complete Works, New York 1990, Kat.-Nr. 1279 (m. Abb.).

"Neben dem Selbstbildnis ist sicher das dominierende Thema der Frauenakt und den identifiziert man bei Egon Schiele unweigerlich mit einem erotischen Akt. Er hat die erotische Kunst nobilitiert und aus der Ecke des Verborgenen hervorgeholt. [Doch] Egon Schiele geht es nicht in erster Linie um die Erotik bei seinen Aktdarstellungen, ganz im Gegenteil. [..] Dahinter steht eine spirituelle Dimension des Aktes, die ich für wesentlich wichtiger erachte als die erotische. Bei Gustav Klimt spielt sie eine Rolle [..], bei Egon Schiele ist es nur ein Nebenthema."
Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina in Wien, 2017.

Aufrufzeit: 11.06.2022 - ca. 17.21 h +/- 20 Min.

1911 mietet Egon Schiele ein kleines Haus in Neulengbach, in dem er mit Wally Neuzil, seiner Lebensgefährtin und seinem damals bevorzugten Modell in 'wilder Ehe' lebt. Doch die konservative Wiener Gesellschaft empfindet nicht nur sein Privatleben, sondern insbesondere seine Kunst als Provokation. Für die Blicke seiner Zeitgenossen in der etablierten akademischen Wiener Kunstwelt sind die ungehemmten avantgardistischen Darstellungen von weiblichen und männlichen Akten mit gespreizten Beinen, prominent in Szene gesetzten Genitalien, onanierend, beim lesbischen Liebesspiel oder mit ins Extreme verfremdeten, verdrehten und überzeichneten Gliedmaßen gewöhnungsbedürftig und provokativ, gar gefährlich. Mit der Unterstützung seines Künstlerkollegen und Mentors Gustav Klimt und dessen Freundeskreis aus dem Kreis der Wiener Secession gelingt Schiele in diesen Jahren die erfolgreiche Rebellion gegen die von der Wiener Akademie verbreitete Kunstauffassung und -kritik.

Hier widmet sich der Künstler einem sitzenden weiblichen Akt, der durch Schieles geschickte Komposition von den Grenzen des Bildträgers beschnitten und damit anonymisiert wird. Es geht nicht um die Darstellung eines Aktmodells, sondern eines weiblichen Körpers und seiner Anatomie, der weiblichen Scham und der Auslotung einer extremen, im Ansatz fast zum Spagat gedehnten Sitzposition.
Das so subtil angedeutete Handtuch oder Sitzkissen verweist auf Schieles äußerst typischen Einsatz von Stoffen und Textilien als dem Akt beigefügtes, kompositorisch spannungsreiches Bildelement, das sich als solches in einer großen Anzahl seiner Akte wiederfindet. Der Kunstgriff mag sich aus dem anfänglichen künstlerischen Einfluss Gustav Klimts und dessen eher dekorativen textilen Darstellungen des Wiener Jugendstils heraus entwickelt haben und zieht sich schließlich wie ein roter Faden durch das zeichnerische wie malerische Œuvre Egon Schieles.

Auch wenn sein internationaler Durchbruch und sein Aufstieg zu einem der weltweit bekanntesten Künstler der Moderne eine posthume Entwicklung darstellen, verzeichnet Schiele auch zu Lebzeiten bereits große, auch europäische Ausstellungserfolge und gilt nach Klimts Tod im Jahr 1908 bereits als wichtigster lebender Künstler Wiens.
Die Essenz seines 1918 durch seinen tragischen Tod mit nur 28 Jahren abrupt beendeten künstlerischen Schaffens ist nicht nur in seinen Gemälden, sondern insbesondere auch in seinem zeichnerischen Œuvre überliefert. "Schiele’s drawings are, at least, as interesting as his canvases. It is the accuracy and precision of his syntax that places him among the revolutionary critical modernists of the fin-de-siècle Vienna. [..] His works on paper illustrate very well the search for an accurate syntax that would enable him to fulfill the very demanding expectations that he had of his own paintings." (Carla Carmona Escalera, Universidad de Sevilla, in: Johann Thomas Ambrózy, Eva Werth u. Carla Carmona Escalera (Hrsg.), Egon Schiele Jahrbuch, Bd. I, Wien 2011, S. 59). [CH]



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Egon Schiele "Sitzendes Mädchen mit ausgestrecktem Arm und Bein"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 32 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 27 % berechnet und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 25 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

Wir bitten um schriftliche Mitteilung vor Rechnungsstellung, sollten Sie Regelbesteuerung wünschen.

Berechnung der Folgerechtsvergütung:
Für Werke von Künstlern die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.