Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 53

 

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Ernst Ludwig Kirchner
Verblühte Tulpen / Porträt Simon Guttmann, sitzend, 1914/1912.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 200.000 - 300.000
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Verblühte Tulpen / Porträt Simon Guttmann, sitzend. 1914/1912.
Öl auf Leinwand.
Gordon 408. Verso schwer leserlich signiert. 78,3 x 70,4 cm (30,8 x 27,7 in).
Das "Porträt Simon Guttmann, sitzend" entsteht 1912, die Vorderseite "Verblühte Tulpen" 1914. Das Gemälde "Verblühte Tulpen" ist in Ernst Ludwig Kirchners "Photoalbum I" als Fotografie Nr. 21 zu finden.

• Neuentdeckung: Rückseitig mit dem bisher unbekannten Porträt des Literaten Simon Guttmann (1912).
• Aus der besten Zeit der gesuchten Berliner Jahre.
• Bedeutende Provenienz: Sammlung Henry van de Velde und später Mary & Leigh Block, Chicago.
• Bereits zu Kirchners Lebzeiten mehrfach öffentlich ausgestellt.
• Seit über 50 Jahren erstmals wieder auf dem Auktionsmarkt angeboten.
• Der Architekt E. L. Kirchner verbindet hier Aufsicht und Frontalperspektive zu einer spannungsreichen Komposition.
• Weitere Stillleben des Künstlers befinden sich u. a. in den Sammlungen des Metropolitan Museum in New York, des Aichi Prefectural Museum of Art in Nagoya (Japan), des Von der Heydt-Museums in Wuppertal und des Museum Ludwig in Köln
.

Dieses Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern, dokumentiert.

PROVENIENZ: Sammlung Henry van de Velde, Terveuren/Belgien (1917 bis mindestens 1931).
Sammlung Mary (1904-1981) und Leigh B. Block (1905-1987), Chicago.
Galerie Roman Norbert Ketterer, Campione d'Italia (1968).
Prof. Dr. Kurt Nordmeyer, Essen (1970 vom Vorgenannten erworben).
Seitdem in Familienbesitz.

AUSSTELLUNG: Ernst Ludwig Kirchner, Galerie Ludwig Schames, Frankfurt am Main, Oktober 1916, Kat.-Nr. 15 (m. d. Titel "Hellblaue Tulpen").
Ernst Ludwig Kirchner, Kunstverein, Jena, 21.2. bis März 1917.
L'art vivant en Europe, Palais des Beaux-Arts, Brüssel, 25.4.-24.5.1931, Kat.-Nr. 48.

LITERATUR: Galerie Roman Norbert Ketterer (Hrsg.), Moderne Kunst V, Campione d'Italia 1968, Kat.-Nr. 72 (m. Abb., S. 89 u. m. d. Titel "Überblühte Tulpen", hier dat. 1915).
Donald E. Gordon, Ernst Ludwig Kirchner. Mit einem kritischen Katalog sämtlicher Gemälde, München/Cambridge (Mass.) 1968, Kat.-Nr. 408, S. 333 (m. Abb.).
Hans Delfs, Ernst Ludwig Kirchner. Der gesamte Briefwechsel – "Die absolute Wahrheit, so wie ich sie fühle", Zürich 2010, Nr. 377, 394, 423 u. 1077.

Aufrufzeit: 10.06.2022 - ca. 18.44 h +/- 20 Min.

Rückzugsort und Gesamtkunstwerk. Kirchners Wohnatelier in Berlin-Friedenau
Nach der gemeinsamen Gründung der Künstlergruppe "Brücke" mit Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Fritz Bleyl und einigen erfolgreichen Jahren in Dresden gehen die Künstler mit Ausnahme Fritz Bleyls 1911 in die Großstadt Berlin. Die noch junge Metropole hatte sich zu dieser Zeit bereits zu einem der aufregendsten kulturellen Zentren in Deutschland entwickelt und zieht so auch den jungen E. L. Kirchner und seine "Brücke"-Kollegen in den Bann. In seinem Wohnatelier in der Durchlacher Straße in Berlin-Wilmersdorf und später in der Körnerstraße in Berlin-Steglitz bzw. -Friedenau verarbeitet er fortan die Eindrücke seines neuen Wohnorts. Das Atelier ist ihm in diesen Jahren persönlicher Rückzugsort, in dem es ihm mehr oder weniger gut gelingt, der politisch immer bedrohlicheren Außenwelt und seinem psychologisch angeschlagenen Inneren zu entfliehen, bis es ihn in seiner Sehnsucht nach größtmöglicher Ursprünglichkeit schließlich weit aus der Stadt heraus nach Davos in die abgeschiedene Bergwelt der Schweizer Alpen verschlägt.

Seine Ateliers stattet Kirchner mit zahlreichen exotischen Gegenständen aus, etwa mit orientalischen Teppichen, japanischen Wandschirmen, eigenhändig geschnitzten Holzskulpturen und einzelnen einfachen, aber auch afrikanischen Möbelstücken. Am auffälligsten sind jedoch die von den "Brücke"-Künstlern zum Teil bereits in Dresden gestalteten Textilien wie der mit zahlreichen Aktdarstellungen bemalte, mehrteilige Wandbehang, mit dem E. L. Kirchner seine Mansardenwohnung in der Körnerstraße in Berlin auskleidet. In der Wohnung befinden sich außerdem selbst bestickte Kissen, Decken und ebenso eine eindeutig zuzuordnende Tischdecke, die auch in dem hier angebotenen Stillleben zur Darstellung kommt.

Das Stillleben als Zeugnis für Kirchners Begeisterung für Form und Perspektive
Um 1912 entsteht eine kleine Werkreihe einzelner Stillleben, die sich heute bspw. im Los Angeles County Museum of Art, im Aichi Prefectural Museum of Art in Nagoya, im Groninger Museum in Groningen und im Von der Heydt-Museum in Wuppertal befinden. Und auch in späteren Jahren kehrt er einzelne Male zu diesem tradierten Sujet zurück. Während in den sogenannten Vanitas-Stillleben der vergangenen Jahrhunderte oftmals der Vergänglichkeitsgedanke eine Rolle spielt, geht es Kirchner hier in besonderem Maße um Formen, Farben und Perspektivkonstruktionen. In anregenden, fast geheimnisvollen Kompositionen vereint Kirchner die Gegenstände in seinem Atelier mit den interessantesten variierenden Formen: Vasen, Blumenarrangements, selbst geschnitzte Figuren, verschiedenste Gefäße und Bücher. Er zeigt sie auf den oftmals selbst entworfenen Tischdecken, die sich heute über Fotografien zum Teil genau zuordnen lassen. Auch "Verblühte Tulpen" zeigt eine mit weiblichen Akten verzierte Tischdecke des Künstlers, auf der Kirchner mit kräftigen, kontrastreichen Farben eine mit Tulpen gefüllte Vase, ein kleines spitzovales Schälchen und einzelne, auf ihre geometrischen Grundformen reduzierte Bücher oder Skizzenbücher anrichtet. In der Aufsicht auf die Tischdecke sowie die darauf drapierten Gegenstände und der gleichzeitig in Frontalperspektive gezeigten Blumen gelingt Kirchner hier eine besonders spannungsreiche, dem traditionellen Sujet enthobene und überlegene Komposition.

Der doppelte Kirchner. Die Entdeckung eines bisher unbekannten Gemäldes
Im Frühjahr 2015 widmen die Kunsthalle Mannheim und das Kirchner Museum Davos den sowohl vorder- als auch rückseitig bemalten Leinwänden Ernst Ludwig Kirchners die viel beachtete Ausstellung "Der doppelte Kirchner. Die zwei Seiten der Leinwand". Heute weiß man, dass Kirchner und seine Künstlerkollegen der "Brücke" Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Hermann Max Pechstein hin und wieder auch die Rückseiten ihrer bereits bemalten Leinwände verwendeten. 1919 schreibt Kirchner in einem Brief an eine Bekannte: "Auch ich muss etwas sparen jetzt, und das Material ist sehr kostspielig geworden. Aber die Leinwand hat Gott sei Dank 2 Seiten." (Brief vom 7.2.1919). Die erneute Verwendung der Leinwand bedeutet dabei nicht unbedingt, dass das zunächst fertiggestellte Gemälde vom Künstler als unzulänglich verworfen wurde, sondern dass die eigentlich benötigte Anzahl an neuen Bildträgern die Menge an verfügbaren Leinwänden aufgrund von Kirchners großem Schaffensdrang deutlich überstieg.

"Verblühte Tulpen" zeigt auf der Rückseite der Leinwand ein nicht vollendetes Porträt des Literaten Simon Guttmann (1891-1990) aus dem Jahr 1912, das höchstwahrscheinlich auf einer kompositorisch sehr ähnlichen Bleistiftzeichnung von 1911 basiert (heute: Brücke-Museum, Berlin). Im Hintergrund verweist Kirchner erneut - wie zuvor mit dem Tulpen-Stillleben - auf die Ausstattung seines Ateliers in der Körnerstraße in Berlin, hier deutet er die von ihm selbst mit einem Muster aus verschnörkelten Formen und mit in verschiedenen Posen gezeigten weiblichen Akten entworfene, von seiner Lebensgefährtin Erna Schilling gestickte Wandverkleidung in der kleinen Mansardennische an. Das Porträt des leise in sich hinein lächelnden Simon Guttmann war dem Verfasser des ausführlichen Werkverzeichnisses der Ölgemälde, Donald E. Gordon, bei Erstellung des Werkkatalogs offenbar nicht bekannt und wurde erst in diesem Jahr im Ernst Ludwig Kirchner Archiv in Wichtrach/Bern offiziell registriert.

Kirchner lernt den Schriftsteller nach seinem Umzug nach Berlin kennen, als er durch sein großes Interesse am Theater und am Varieté Kontakte in den literarischen Zirkeln der Berliner Großstadt-Avantgarde knüpft. Guttmann macht die "Brücke"-Künstler 1909 mit dem "Neopathetischen Cabaret" bekannt, einem Dichterkreis um Georg Heym (1887-1912), Jakob van Hoddis (1887-1942) und anderen. 1910 ist er Begründer der Literaturzeitschrift "Neue Weltbühne" und 1912 verfasst er für Heckels Lebensgefährtin Siddi Riha (1891-1982) die Pantomime "The Merry Puck", die im "Neopathetischen Cabaret" zur Aufführung kommt. Weitere Porträts Guttmanns sind deshalb auch im Œuvre von Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und sogar Ludwig Meidner zu finden. Ein weiteres, 1910 entstandenes Gemälde des Literaten von E. L. Kirchner befindet sich heute im Nelson-Atkins Museum in Kansas City (Missouri).

Eine herausragende Provenienz. "Herrn Prof. van de Velde das Stilleben mit Schale und Blumen (Tulpen) für 500 M, einverstanden"
1916 wird "Verblühte Tulpen" im renommierten Kunstsalon Ludwig Schames in Frankfurt am Main erstmals ausgestellt und im darauffolgenden Jahr auch im Jenaer Kunstverein der Öffentlichkeit präsentiert. Wenige Wochen später schreibt Kirchner an Walter Dexel, den damaligen Leiter des Jenaer Kunstvereins: "Sehr geehrter Herr Doktor, vielen Dank für Ihren Brief und Ihre Bemühung. Also Herrn Prof. van de Velde das Stilleben mit Schale und Blumen (Tulpen) für 500 M, einverstanden." (394. Brief vom 2.4.1917). Gemeint ist der Architekt und Sammler Henry van de Velde (1863-1957), der kurz darauf – wie Kirchner vor ihm - in die Schweiz übersiedelt. Van de Velde bringt Kirchners Kunst und Person große Anerkennung entgegen: Er erwirbt nicht nur die hier angebotene Arbeit "Verblühte Tulpen", sondern es ist seiner finanziellen und persönlichen Unterstützung zu verdanken, dass Kirchner zur Verbesserung seines Gesundheitszustands im September 1917 für zehn Monate im Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen im Thurgau verweilen kann. In einem Brief an Eberhard Grisebach schreibt Kirchner im Juni: "Van de Velde war gestern hier er sandte mir das Geld für die Tulpen, er war sehr gut und wollte nach einem Kuraufenthalt auf der Staffel Alp mich zu Binswanger hier in das Nervensanatorium bringen." Noch einmal erwähnt er hier auch unser Tulpen-Stillleben (423. Brief vom 29.6.1917). Auch mit van de Veldes ältester Tochter Nele verbindet Kirchner in diesen und den darauffolgenden Jahren eine gute Bekanntschaft, die sich bis heute in den erhaltenen Briefen ihres Briefkontakts nachvollziehen lässt. So schreibt ihr Kirchner 1923: "Hat Papa mein Bild zu seinem Geburtstag erhalten? [..] Ich dachte, es wäre eine gute Ergänzung zu dem Stillleben, das er bereits hat.", und bezieht sich damit noch einmal schriftlich auf das zu diesem Zeitpunkt in Henry van de Veldes Sammlung befindliche Stillleben "Verblühte Tulpen" (zit. nach: E. L. Kirchner, Briefe an Nele, München 1961, S. 51).

Mitte des 20. Jahrhunderts gelangt das Gemälde in die bedeutende Sammlung von Mary und Leigh Block in Chicago. Leigh Block gehört damals u. a. dem Stiftungsausschuss des Art Institute of Chicago an und fungiert 1970-72 auch als Präsident des renommierten Museums. Gemeinsam stellt das Paar eine beachtliche Sammlung an Gemälden und Papierarbeiten und betätigt sich über Jahrzehnte hinweg als wichtige Förderer der Kunstinstitutionen der Stadt. Neben "Verblühte Tulpen" befinden sich Gemälde von Vincent van Gogh, Georges Braque, Juan Gris und Pablo Picasso in ihrer Sammlung. Anfang der 1980er Jahre wird mithilfe einer großzügigen Spende das Mary and Leigh Block Museum of Art auf dem Gelände der Northwestern University in Evanston (Illinois) gegründet, das heute über eine eigene Sammlung mit dem Schwerpunkt auf Zeichnungen, Skulpturen, Druckgrafiken und Fotografien des 15. bis 21. Jahrhunderts verfügt. [CH]



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Ernst Ludwig Kirchner "Verblühte Tulpen / Porträt Simon Guttmann, sitzend"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten.

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Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

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Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

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Berechnung der Folgerechtsvergütung:
Für Werke von Künstlern die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.