Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 66

 

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Cindy Sherman
Untitled #282, 1993.
Farbfotografie. C-Print
Schätzpreis: € 450.000 - 550.000
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Untitled #282. 1993.
Farbfotografie. C-Print.
Verso auf der Rahmenrückwand signiert, datiert und nummeriert. Eines von nur 6 Exemplaren. 229 x 153 cm (90,1 x 60,2 in), nahezu blattgroß. [CH].

• Cindy Sherman ist eine der wichtigsten Künstlerinnen und Influencerinnen der Gegenwart.
• In den Fotografien sehen wir Frauen in wechselnden Rollen, eine ganze Enzyklopädie weiblicher Posen, Gesten und Körperbilder.
• Aus Shermans zweiter "Fashion Series" (1993) für Harper's Bazaar.
• Seit dem Entstehungsjahr Teil der Sammlung Lothar Schirmer.
• Eines von nur sechs Exemplaren, von denen sich zwei in der Sammlung des Museum of Fine Arts in Boston und des Carnegie Museum of Art in Pittsburgh befinden.
• Allein in den letzten zehn Jahren zeigen u. a. das Museum of Modern Art und das Whitney Museum of American Art in New York, die Fondation Louis Vuitton in Paris, das San Francisco Museum of Art, die National Portrait Gallery in London und das National Museum of Modern Art in Kyoto groß angelegte Einzelausstellungen der Künstlerin.
• 2013 nimmt Sherman an der 55. Biennale von Venedig teil.
• Seit 2021 wird die Künstlerin von der renommierten Galerie Hauser & Wirth vertreten
.

PROVENIENZ: Metro Pictures, New York (verso mit dem Galerieetikett).
Sammlung Lothar Schirmer, München (1993 vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Cindy Sherman. Photoarbeiten 1975-1995, Deichtorhallen, Hamburg, 25.5.-30.7.1995; Malmö Konsthall, 26.8.-22.10.1995; Kunstmuseum Luzern, 8.12.1995-11.2.1996, Kat.-Nr. 64 (m. ganzs. Abb., verso auf dem Rahmen mit zwei entsprechenden, typografisch bezeichneten Etiketten).
Sammlung Lothar Schirmer. Von Beuys bis Cindy Sherman, Kunsthalle Bremen, 16.5.-25.7.1999; Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, 7.8.-26.9.1999, S. 356, Kat.-Nr. 300 (m. Abb., S. 275).
Cindy Sherman, Jeu de Paume, Paris, 16.5.-3.9.2006; Kunsthaus Bregenz, 25.11.2006-14.1.2007; Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, 9.2.-13.5.2007; Martin-Gropius-Bau, Berlin, 15.6.-10.9.2007, S. 319 (m. ganzs. Abb., anderes Exemplar).
Cindy Sherman. Untitled Horrors, Astrup Fearnley Museet, Oslo, 4.5.-22.9.2013; Moderna Museet, Stockholm, 19.10.2013-19.1.2014; Kunsthaus Zürich, 6.6.-14.9.2014, S. 227 (m. ganzs. Abb., S. 182).

LITERATUR: Harper's Bazaar, Mai 1993, S. 146 (m. ganzs. Abb.).
Gisela Neven Du Mont, Wilfried Dickhoff (Hrsg.), Kunst heute, Sherman Nr. 14, Köln 1995, S. 48 (m. ganzs. Abb., wohl ein anderes Exemplar).
Paul Moorhouse, Cindy Sherman, New York 2014, S. 56 (m. ganzs. Abb., wohl ein anderes Exemplar).

"Bei den Harper's Bazaar Fotos geht es mehr um eine kleine merkwürdige Geschichte, die nichts mit Schönheit oder anderen Bedeutungen zu tun hat. Die Charaktere wollte ich so inszenieren, dass sie weder mit Hässlichkeit noch mit Schönheit etwas zu tun haben."

Cindy Sherman in einem Gespräch mit Wilfried Dickhoff, in: Sherman. Kunst heute, Nr. 14, Köln 1995, S. 46.

Aufrufzeit: 10.06.2022 - ca. 19.10 h +/- 20 Min.

Sie arbeitet als Regisseurin, Schauspielerin, als Bühnen- und Kostümbildnerin, sie ist verantwortlich für Maske und Licht, und im Hintergrund wirkt sie noch als Wahrnehmungspsychologin, um den Blick des Betrachters auf Details ihrer Inszenierung zu lenken. Ihr Medium ist die Kamera, das New Yorker Studio ihre Bühne. Auf den Marktplätzen der Kunst erzielt sie im Bereich der Fotografie die höchsten Preise. Das Wesen ihrer Porträtkunst umkreisend, hat ihr Münchner Sammler und Verleger Lothar Schirmer einmal von "Einpersonen- und Einbildfilmen" gesprochen. Das ist allein schon deshalb so treffend, weil es ihren Stil ins Offene verschiebt, in die Sphäre von Passagenwerken zwischen Kunst und Kino, zwischen Malerei und Fotografie, zwischen Performance und Selbstgestaltung. Und weil er damit auf das schillernde Paradox im Werk der Künstlerin verweist: Wir sehen Frauen in wechselnden Rollen, inzwischen sind es hunderte, eine ganze Enzyklopädie weiblicher Posen, Gesten und Körperbilder. Und doch ist es bei genauerem Hinsehen immer nur die eine, nämlich die Künstlerin selbst, deren Persona sich in der Vielheit dieser Frauen spiegelt. Die amerikanische Künstlerin Cindy Sherman (*1954) gleitet durch die Jahrhunderte, studiert weibliche Haltungen, Allüren und Archetypen, gleicht sie ab mit Frauenfiguren aus der Kunst-, Film- und Alltagsgeschichte der Moderne. Sie studiert den Überschlag der Beine, die Formgebung des Busens, den Blick, den Fall von Licht und Schatten, den Faltenwurf des Stoffs. Sie eignet sich ihre Auftrittsgesten an, mischt und recycelt sie vor ihrer Kamera zu fesselnden Monodramen. Dabei interessiert sie sich für das Mythische genauso wie für das Triviale, für Täterinnen und Opferfrauen, für die großen Leinwandikonen wie für die namenlosen Pin-Up-Girls.

Fotografie und Performance
Shermans frühe Serien "Untitled Film Stills" (1978/79) und "Centerfolds" (1981) gehören heute zu den Inkunabeln der Postmoderne. Keine der Fotografien zeigt ein authentisches Filmbild, die Szenen sind alle fiktiv. Trotzdem wecken sie in uns das Gefühl des Vertrauten, des Déjà-vus mit den Celebrity-Damen und Diven der Filmgeschichte. Tatsächlich komprimiert Sherman Spuren unserer visuellen Erinnerungskultur zu etwas durch und durch Künstlichem. Den dargestellten Körper gibt es nicht; und der darstellende Körper, der auf den Selbstauslöser drückt, er konfrontiert uns mit einem offensiv abgewandten oder leeren, erstarrten Blick. Die Botschaft dieser Blicke wirkt befremdlich, geradezu unbequem: Hier, in diesem Frauenkörper, ist niemand mehr zu Hause. Das Subjekt ist weg, ausgezogen, es hat sich hinter all den Versatzstücken von Ruhm, Glamour und Selbstoptimierung zum Verschwinden gebracht. Das Sujet des leeren Blicks sollte Sherman später in ihrer Serie der traurigen Clowns ins Groteske übersteigern

Körperbilder aus dem Fundus der Geschichte
Es ist immer interessant, die einzelnen szenografischen Elemente ihrer Selbstgestaltungskunst etwas näher heranzuzoomen, um herauszufinden was genau uns hier bekannt vorkommt, woher wir es zu kennen glauben und wie es von der Künstlerin in Szene gesetzt wird. Was wird gezeigt, was wird verborgen? Auf welche Quellen, auf welche Bildwelten wird hier künstlerisch zurückgegriffen?

"Untitled #282", aus dem Jahr 1993, ist Teil einer seriellen Arbeit. Die Fotografie gehört zu Shermans zweiter Fashion-Serie, in der sie im Setting eines Mode-Shootings Körperbilder aus dem Fundus der Geschichte reinszeniert. Vexierspielartig kommt hier ein ganzes Ensemble von Weiblichkeitsprojektionen zum Einsatz. Da ist zunächst das durchscheinende Kleid, das sich wie ein Netz um den fahlen, hingestreckten Unterleib schmiegt. Es ist ein Entwurf des französischen Couturiers Jean-Paul Gautier. Sein Markenzeichen ist die Durchmischung von Geschlechtern, sozialen Klassen, Kulturen und Materialien. Durch die Neuinterpretation von Korsagen und Tüllstoffen hat er dem weiblichen Körper eine veränderte, provozierende Sichtbarkeit und neue Idee von Schönheit gegeben. Bis heute lassen sich zahlreiche Stars mit exzentrischen Outfits aus seiner Maison ausstatten. Madonna, Kylie Minogue oder die Frauenfiguren von Pedro Aldomovar, sie tragen seine Kostüme. Jean-Paul Gaultier ist der Designer der Popkultur und des Showgeschäfts. Er stammt aus derselben Generation wie Cindy Sherman. Vielleicht wirken die Models mancher Modestrecken nicht ganz zufällig wie Shermans frühe Frauenfiguren. Von kühler Eleganz, sehr sexy und gelegentlich verloren vor hohen Architekturkulissen oder Interieurs des schönen Scheins.

Leichter zu identifizieren ist die stereotype Körperhaltung einer Odaliske, vielfach und meisterhaft in Szene gesetzt in ähnlich üppigen Diwan- und Kissenkompositionen, umspielt von gemusterten Paravents oder Draperien durch Künstler-Vorgänger wie Jean-Auguste-Dominique Ingres, Henri Matisse, Auguste Renoir oder Ernst Ludwig Kirchner. Selbstbewusst kapert Sherman das männlich besetzte Musenmotiv und transformiert es in ein Künstlerinnenselbstbildnis. Ebenfalls unschwer zu entschlüsseln ist Caravaggios "Haupt der Medusa" mit seinen Schlangenhaaren, die Augen weit, glühend, der Mund geöffnet zu einem Schrei des Entsetzens. Nur zur Erinnerung, schließlich kann man sich unmöglich jedes Totschlagargument der Götterwelt merken: Von Athene beim Flirt mit Poseidon überrascht, wurde die erotisch übertalentierte Medusa von der Göttin zur Strafe in ein hässliches Ungeheuer verwandelt. Ihr Anblick sollte jeden auf der Stelle zu Stein erstarren lassen. Es gab nur einen Trick, dieser aggressiven Spezialbegabung zu entkommen, nämlich über einen den Blick umleitenden Spiegel, den Athene schließlich Zeus‘ Sohn Perseus zukommen ließ, um Medusa unbeschadet enthaupten zu können – was Perseus bekanntlich gelang. In "Untitled #282" wird die Kamera zum Spiegel, der uns ermöglicht oder sogar zwingt, Medusas Antlitz zu betrachten. Cindy Sherman hat diesen Blick, der zu den berühmtesten, machtvollsten unserer Kultur- und Kunstgeschichte gehört, verweltlicht, leblos, stumpf gemacht. Seine "tödliche Leere" (Elisabeth Bronfen) ist der Mittelpunkt des Bildes, sie erwischt den voyeuristischen Betrachter auf Augenhöhe.

Virtuoses Theater der Melancholie
Und wenn man wollte, könnte man noch einen komplizenhaften Zuruf an ihre Künstler-Kollegin Joan Jonas ausmachen. In ihrer Live-Performance "Organic Honey" aus den frühen 1970er Jahren bringt die Grande Dame der feministischen Video- und Performancekunst eine ganze Reihe ihrer späteren Signature-Attribute ins Spiel, darunter Maske, Spiegel und Fächer. In einem Spiegel-Ritual inszeniert Joan Jonas vor laufender Kamera gleichzeitig sich selbst und ihr maskiertes Double. In transparentem Hippie-Schick, gefiederter Medusen-Perücke und orientalistischen Schmuckobjekten überblenden sich Maskerade und Selbstreflexion. "Organic Honey" könnte heute der Kunstname einer Drag-Queen sein, damals diente er Jonas als Alias für ihre Doppelgängerin. Cindy Shermans Freeze-Version wirkt wie ein Gruß in die experimentelle Performance-Szene der Sixties und Seventies, in der Frauen ihren Körper als Medium einzusetzen begannen. Jonas tänzerisches Spiel gefriert zwanzig Jahre später zu einem Filmstandfoto mit Fächer, auf dem eine der wichtigsten Künstlerinnen und Influencerinnen der Gegenwart ihrer großen New Yorker Nachbarin zublinzelt. Zitat oder Zufall? Wir können keine Gedanken lesen, aber wir können geradezu körperlich spüren, wie in Cindy Shermans virtuosem Theater der Melancholie alle Bildspuren ihren Raum, Respekt und tieferen Sinn finden.

Marietta Piekenbrock



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Cindy Sherman "Untitled #282"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 32 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 27 % berechnet und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 25 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

Wir bitten um schriftliche Mitteilung vor Rechnungsstellung, sollten Sie Regelbesteuerung wünschen.

Berechnung der Folgerechtsvergütung:
Für Werke von Künstlern die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.