Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 99

 

99
Pierre Soulages
Peinture 45 x 57 cm, 7 janvier 2000, 2000.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 220.000 - 320.000
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Peinture 45 x 57 cm, 7 janvier 2000. 2000.
Öl auf Leinwand.
Encrevé 1204. Verso signiert und datiert. 45,2 x 57,5 cm (17,7 x 22,6 in).

• In seinen Arbeiten nach 1999 widmet sich Soulages nach vielen Jahren erneut dem kontrastreichen Zusammenspiel von Schwarz und Weiß.
• Vergleichbare Werke aus den frühen 2000er Jahren befinden sich u.a. in der Fondation Louis Vuitton und im Centre Pompidou, Paris, in der Sammlung Essl, Klosterneuburg, und im Musée Soulages, Rodez.
• Die groß angelegte Werkschau "Soulages" (2010) ist seit Dalís Retrospektive 1979 die meistbesuchte Ausstellung eines lebenden Künstlers im Centre Pompidou, Paris.
• Anlässlich seines 100. Geburtstags widmet der Pariser Louvre Soulages 2019 eine große Ausstellung im Salon Carré, eine Ehre, die nur wenigen Künstler:innen vorbehalten ist
.

Mit eine Fotoexpertise des Künstlers vom 12. August 2017.

PROVENIENZ: Privatsammlung Süddeutschland (direkt vom Künstler erworben).

LITERATUR: Pierre Encrevé u. Alfred Pacquement (Hrsg.), Soulages, Bd. IV 1997-2013, Paris 2015, Kat.-Nr. 1204, S. 40 u. 71 (m. Farbabb.).

"Meine Malerei, sehen Sie sie sich an, ist gar nicht schwarz. Schwarz ist eine Farbe des Lichts. Mit ihrer Absorption und Reflexion stellt sie Kontraste her."
Pierre Soulages im Gespräch mit Christoph Paul Klapproth, in: Cicero Online, 17.12.2008, www.cicero.de/kultur/schwarz-ist-die-farbe-des-lichtes/41169

Aufrufzeit: 10.06.2022 - ca. 20.16 h +/- 20 Min.

Jenseits von Schwarz
Bereits seit den 1970er Jahren hat sich Pierre Soulages der Farbe Schwarz verschrieben. Zunächst weisen seine Werke noch deutliche, gestisch-informelle Züge auf, bevor 1979 sein erstes monochrom-schwarze Gemälde entsteht. Soulages bezeichnet dieses als "outrenoir" [Überschwarz], ein Begriff, mit dem man nun auch die Gemälde der darauffolgenden Jahre und im Allgemeinen auch das seine Arbeiten charakterisierende tiefe Schwarz bezeichnet. "Outrenoir" beschreibt ein Schwarz, das über das gewöhnliche Schwarz hinausgeht, das ein vom Schwarz reflektiertes und verwandeltes Licht ausstrahlt und sowohl im Künstler als auch im Betrachtenden Gefühle evoziert: "I found that the light reflected by the black surface elicits certain emotions in me. These aren’t monochromes. The fact that light can come from a color which is supposedly the absence of light is already quite moving, and it is interesting to see how this happens." (Pierre Soulages im Gespräch mit Z. Stillpass, in: Interview Magazine, Mai 2014). Für den Maler ist die Farbe Schwarz deshalb niemals einfach schwarz. Soulages Farbauftrag erzeugt jeweils variierende Oberflächenstrukturen, mal reliefartig, mit tiefen Einkerbungen, dann wieder glatt, geschmeidig und glänzend, manchmal strukturiert, bewegt und voller Spannung. Die jeweilige Oberfläche nimmt das Licht auf oder reflektiert es und verleiht dadurch der tiefschwarzen reinen Fläche changierende, facettenreiche Zwischentöne. Auch in der hier angebotenen Arbeit wird die schwarze Fläche von mal kürzeren, mal etwas längeren schmalen weißen Aussparungen unterbrochen. Unser Blick wird durch die von links nach rechts angelegten Querstreifen in Leserichtung über die Bildfläche geführt, kann jedoch aufgrund der lebendigen Strukturen, des die Bewegungen des Malers und den Schaffensprozess visualisierenden Farbauftrags nicht auf einem bestimmten Bereich des Bildes verweilen.

Malen mit Licht
"I do not tell stories. I do not depict things. I paint and I present", erklärt Pierre Soulages (zit. nach: www.lesoeuvres.pinaultcollection.com/en/artist/pierre-soulages). Seine Malerei vermeidet jegliche Wiedergabe oder Nachahmung von Gesehenem, weckt keine Assoziationen zu der realen Welt und entwirft keine der Fantasie des Künstlers entsprungenen Bildräume. Stattdessen malt Pierre Soulages mit dem Licht, mit Reflektionen, Transparenz, Pastosität und Textur, wechselt zwischen Trübung und Glanz, erzeugt trotz der Monochromie Kontraste und Tonalitäten innerhalb des tiefsten Schwarz und stellt somit eben nicht die reale Welt, sondern die Malerei selbst dar. Die Bildtitel sind auch deshalb nach einem strengen, immer gleichen Prinzip aufgebaut. Sie enthalten ausschließlich den Hinweis auf die Bildgattung "Peinture", die Maßangaben und die Datierung, sodass die Betrachter:innen abseits ihrer visuellen Eindrücke von den abstrakten Farbflächen und der das Licht reflektierenden, sinnlich glänzenden Oberfläche nicht beeinflusst werden. Ungestört entsteht eine Erfahrung einer ganz andere Art der 'räumlichen Malerei': Soulages spielt mit der Beziehung zwischen Werk, Betrachter:in, Licht und Raum. Während der gezeigte Bildraum in der klassischen, perspektivischen Malerei sozusagen hinter der Leinwand liegt und unseren Blick in die Tiefe des Bildes lenkt, liegt der Bildraum bei Soulages Malerei vor der Leinwand: Das auf die Bildfläche treffende Licht wird reflektiert und zum Betrachtenden zurückgeworfen, lässt im Grunde interaktiv eine unsichtbare Verbindung zwischen den beiden Parteien entstehen und bezieht den Betrachtenden somit in die Malerei ein.


Schwarz und Weiß. Die Gemälde nach 1999

In seinen Arbeiten ab 1999 widmet sich Soulages nach vielen Jahren der intensiven Auseinandersetzung mit der rein schwarzen Malerei – nur ab und an von Ausflügen in rötlich-braune oder blaue Farbwelten unterbrochen – erstmals wieder der kontrastreichen Verbindung von Schwarz und Weiß. "Schwarz hat mich zunächst im Hinblick auf sein Verhältnis zu anderen Farben interessiert, es bildet einen Kontrast. Neben ihm belebt sich sogar eine dunkle Farbe. Auch Weiß kann intensiver zur Wirkung gebracht werden." (Pierre Soulages, in: Ausst.-Kat. Martin-Gropius-Bau, Berlin 2010/2011).
Auch in der hier angebotenen Arbeit bleiben zwischen den horizontal verlaufenden, mit breitem Pinsel unvollkommen aufgetragenen schwarzen Farbbahnen schmale Streifen der grundierten Leinwand sichtbar. Schwarz und Weiß treffen aufeinander und das Licht prallt auf tiefdunkle und extrem helle Farbflächen, wird von der einen zur anderen weitergeleitet, zurückgeworfen und von den erhabeneren Bereichen der Farbbahnen aufgehalten. Die nur unscharf voneinander abgegrenzten Flächen erzeugen in Verbindung mit ihrer besonderen Materialität und der je nach Lichteinfall und Position der Betrachter:innen subtil glänzenden oder matt changierenden Farboberfläche, sowie den besonders malerischen Spuren des breiten Pinsels eine lebendige, sinnlich-reizvolle räumliche Präsenz.

"Outrenoir" auf allen Kontinenten

Seit 1960 widmen ihm die renommiertesten Museen und Institutionen umfassende Einzelausstellungen, darunter das Musée du Louvre, das Centre Pompidou und das Musée National d'Art Moderne in Paris, das Carnegie Museum of Art in Pittsburgh, das National Museum of Contemporary Art in Séoul, die Eremitage in Sankt Petersburg, das Museum für moderne Kunst Stiftung Ludwig in Wien, das Kunstmuseum Bern, das Museum Ordrupgaard in Charlottenlund, der Martin-Gropius-Bau in Berlin und das Museum Folkwang in Essen. Seine Arbeiten befinden sich in Museen in über dreißig Ländern auf sechs Kontinenten. Soulages gilt heute als der bedeutendste lebende Künstler Frankreichs und einer der innovativsten, progressivsten Maler des 20. Jahrhunderts. [CH]



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Pierre Soulages "Peinture 45 x 57 cm, 7 janvier 2000"
Dieses Objekt wird regelbesteuert angeboten.

Berechnung der Regelbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 25 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

Berechnung der Folgerechtsvergütung:
Für Werke von Künstlern die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.