Auktion: 535 / Evening Sale mit Sammlung Hermann Gerlinger am 09.12.2022 in München Lot 27

 

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Richard Serra
Corner Prop No. 6 (Leena and Tuula), 1983.
Stahl (2-teilig)
Schätzpreis: € 600.000 - 800.000
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Corner Prop No. 6 (Leena and Tuula). 1983.
Stahl (2-teilig).
Unikat. Obere Platte: 195 x 150 x 5 cm (76,7 x 59 x 1,9 in). Untere Platte: 150 x 150 x 5 cm (59 x 59 x 1,9 in).
Der Untertitel „Leena and Tuula“ wurde der Arbeit als Dank des Künstlers gegenüber Leena Peltola, der damaligen Direktorin des Ateneum Art Museum, Helsinki, und einer Kollegin beigegeben, die für die erste Ausstellung des Werkes im Zuge der Ars 83 Helsinki verantwortlich waren. [JS].
• Signature Piece aus der frühen Werkgruppe der „Corner Props“, welche durch ihre fragile Balance zwischen Leichtigkeit und Schwere fasziniert.
• Bereits drei Jahre nach Entstehung der vorliegenden Arbeit würdigt das Museum of Modern Art, New York, Serra als Erneuerer der Skulptur mit der Überblicksschau „Richard Serra. Sculpture“, die 2007 in „Richard Serra Sculpture: Forty Years“ ihre Fortsetzung findet.
• Weitere Arbeiten der Werkgruppe befinden sich u. a. im Museum of Modern Art, New York, der Tate Modern, London, dem Guggenheim Museum, New York, sowie im San Francisco Museum of Modern Art und im Centre Pompidou, Paris.
• Seit 2016 wurde auf dem internationalen Auktionsmarkt kein Unikat des Bildhauers mehr angeboten
.

Mit einer Fotoexpertise des Künstlers aus dem Jahr 1983. Die Arbeit wird in das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis der Skulpturen von Heidi Colsman-Freyberger, Richard Serra Catalogue Raisonné Project, aufgenommen und ist im dortigen Archiv unter der Nummer „RS-1069“ registriert.

PROVENIENZ: Privatsammlung Nordrhein-Westfalen (direkt vom Künstler erworben).

AUSSTELLUNG: Ars 83 Helsinki, Ateneum Art Museum (Konstmuseet Ateneum), Helsinki, 14.10.-11.12.1983, Bd. 2, Kat.-Nr. 153, m. Abb., Bd. 1, S. 173 (hier fälschlicherweise unter dem Titel „Corner Prop No. 4“ aufgeführt).
De Sculptura, Messepalast Wien, 16.5.-20.7.1986, Kat.-Nr. 18, m. Abb. S. 93.
SkulpturSein, Städtische Kunsthalle, Düsseldorf, 13.12.1986-1.2.1987, Kat.-Nr. 16, m. Abb. S. 79.

When something is truly balanced, it becomes weightless.“
Richard Serra, 1983, Interview mit Peter Eisenman, zit. nach: Richard Serra. Writings/Interviews, S. 144.

„You can build a structure under compression that implies collapse and impermanence and yet in its mere existence denies this.“
Richard Serra, 1983, Interview mit Peter Eisenman, zit. nach: Richard Serra. Writings/Interviews, S. 144.

Aufrufzeit: 09.12.2022 - ca. 17.52 h +/- 20 Min.



Richard Serra – Erneuerer der Skulptur

Richard Serra, einer der bedeutendsten Vertreter der amerikanischen Minimal Art, ist gerade einmal 36 Jahre alt, als das Museum of Modern Art in New York bereits plant, seinem revolutionären skulpturalen Schaffen eine erste Einzelausstellung zu widmen. Über das heute international als epochales Werk gefeierte Schaffen hat William Rubin, der damalige Direktor der Abteilung Skulptur, festgehalten: „We felt that the pieces he had then been producing – most of them indoor and landscape-sited works – were of the highest order of creative energy and quality.“ Aus organisatorischen Gründen aber muss das Ausstellungsprojekt am MoMA mehrmals verschoben werden, bevor es schließlich 1986 in der ersten amerikanischen Retrospektive „Richard Serra. Sculpture“ seine Umsetzung findet. Gut zwanzig Jahre nach der ersten Einzelausstellung widmet das Museum of Modern Art in New York Richard Serras alle tradierten räumlichen Grenzen überwindenden skulpturalem Schaffen mit „Richard Serra Sculpture: Forty Years“ eine weitere bedeutende Retrospektive, die Serra als spektakulären Erneuerer der Skulptur feiert.

Die frühe Werkgruppe der „Corner Props" – Inszenierung der perfekten Balance
Prominenter Teil der ersten MoMA-Ausstellung ist auch die für Serras Œuvre wegweisende Werkgruppe der „Props“ („Stützen“), zu der auch unsere faszinierende Arbeit „Corner Prop No. 6“ sowie die beiden kleineren, aber sehr ähnlich konstruierten Werke „5 S Corner“ (1983, San Francisco Museum of Modern Art) sowie „Corner Prop No. 7 (For Nathalie)“ (1983, Centre Pompidou, Paris) (Abb.) zählen. Gemeinsam ist den Skulpturen dieser Werkfolge das irritierende Spiel mit Leichtigkeit und Schwere, die in zahlreichen Konstruktionszeichnungen ausgeklügelte Balance der nur lose durch Druck und Erdanziehung miteinander verbundenen Stahlteile. Dies ist eine Konstruktionsform mit der Serra deutlich über Barnett Newmans berühmten „Broken Obelisk“ hinausgeht, dessen Spitze noch durch einen innenliegenden Stahlkern fest mit dem Unterteil verbunden ist. Bei Newman ist es also nur der Anschein fragiler Balance, der bei Serra zur faszinierenden Wirklichkeit wird. Trotz der immensen Schwere des Materials verleiht dieses fein orchestrierte Spiel physikalischer Kräfte Serras mehrteiligen „Props“ einen fragilen, geradezu ephemeren Charakter. Serra hat diesen faszinierenden Moment, der den Arbeiten dieser Werkreihe innewohnt, einmal mit den folgenden Worten beschrieben: „When something is truly balanced, it becomes weightless.“ (R. S. 1983, zit. nach: Richard Serra. Writings/Interviews, S. 144). Die detailliert ausbalancierte Konstruktion lässt Serras riesige, tonnenschwere Arrangements durch die Inszenierung des Momentes der perfekten Balance auf einzigartige Weise schwerelos und zerbrechlich erscheinen. Und so überrascht es nicht, dass eine der damals im MoMA ausgestellten Arbeiten mit vier aneinander gelehnten Stahlplatten den jenes anscheinende Paradoxon pointiert thematisierenden Titel „One Ton Prop (House of Cards)“ (1969/1986, Museum of Modern Art, New York) (Abb.) trägt.

Serras Faszination gilt fortan der Erschaffung einer Ästhetik, bei der – wie bei unserer Skuptur „Corner Prop No. 6“ – immer auch der Zusammenbruch und die Vergänglichkeit mitschwingen. Serra fasst diesen impliziten Widerspruch mit den folgenden Worten zusammen: „You can build a structure under compression that implies collapse and impermanence and yet in its mere existence denies this.“ (R. S. 1983, zit. nach: Richard Serra. Writings/Interviews, S. 144). Serras Skulpturen stehen auf keinem Sockel, für sie ist die freie Interaktion mit dem Raum essenziell, und diese Entgrenztheit ist es auch, die beim Betrachter unweigerlich das Gefühl erwachsen lässt, dass sie wie ein Kartenhaus plötzlich aus dem Gleichgewicht geraten und zu Boden fallen könnten.

Serra und die Entdeckung der Ecke – „Corner Prop Nr. 6“ und Malewitschs „Schwarzes Quadrat“

Serra beginnt, ausgehend von seinen Schöpfungen der 1960er Jahre, den Begriff der Skulptur neu zu definieren, seine Arbeiten sind nicht nur allansichtig konzipiert, sondern müssen im Raum erlebt, umschritten und in den neueren, raumfüllend angelegten Stahlskulpturen sogar raumgreifend durchschritten werden. Formal ist Serras Œuvre der amerikanischen Minimal Art zuzuordnen. Stets auf dem Kontrast aus Schwarz und Weiß basierend, ist neben der formalen Reduktion auf die geometrischen Grundformen auch seine farbliche Reduktion charakteristisch. Serras Œuvre führt die Prinzipien des Konstruktivismus und Suprematismus, allen voran die Monochromie und ausgeklügelte Balance von Kasimir Malewitschs Kompositionen in die Dreidimensionalität und Monumentalität. „Corner Prop Nr. 6“ erscheint wie eine Hommage an Malewitschs berühmtes Gemälde „Schwarzes Quadrat“ (1915, erste Version), das als Schlüsselwerk der Moderne gilt. So wie Malewitsch mit dem „Schwarzen Quadrat“ die Malerei vom „Balast der Gegenständlichkeit“ zu befreien versucht, strebt Serra danach, alle räumlichen Fesseln der Skulptur niederzukämpfen. Dass Malewitsch auch für die räumliche Entgrenzung der Kunst bereits einen interessanten Ausgangspunkt liefert, überrascht, denn das „Schwarze Quadrat“ wird von Malewitsch 1915 auf der „Letzten futuristischen Ausstellung 0.10“ in Sankt Petersburg, einer christlichen Ikone entsprechend, knapp unter der Decke über Eck im Raum präsentiert. (Abb.) Auch Serras künstlerischer Befreiungsschlag der beiden über Eck gestellten und minutiös in ihrer Beziehung zueinander und zum Raum ausbalancierten Stahlplatten zeichnet sich durch eine ikonenhaft kontemplative Ästhetik aus. Zugleich geht es bei Serras skulpturaler Erkundung der Ecke um die perfekte Erschließung des Raumes, einer Vorstellung, die etwa Bruce Nauman 1999 in seinem berühmten Video „Setting a Good Corner (Allegory and Metaphor)“ weiterentwickelt hat. Das neunundfünfzigminütige Video zeigt Nauman bei der Errichtung eines Eckgatters auf seiner Farm in New Mexico. Im Einleitungstext zum Video betont der Künstler „that a good fence cannot be built or maintained without a good corner.“ (zit. nach: https://www.tate.org.uk/art/artworks/nauman-setting-a-good-corner-allegory-and-metaphor-ar00576

Serras skulpturales Schaffen – Monumentalität und Aura
Es ist keine Monumentalität, die bedrückt, sondern Geist und Sinne in einem geradezu meditativen Akt des Betrachtens und Begreifens entgrenzt und entschleunigt. Serras Skulpturen und ihre Interaktion müssen mit dem Raum in einem Akt tiefer Konzentration umgangen und begriffen werden. Geradezu rauschhaft lässt Serra uns seit den späten 1960er Jahren um überdimensionierte Stahlformationen wandern, sein meisterhaftes Spiel mit der Balance aus Leichtigkeit und Schwere erkunden sowie wechselvolle Bezüge und Spannungen im Raum entdecken, die es in einem Akt der Kontemplation zu durchschreiten und zu erleben gilt. Es überrascht nicht, dass eine der neuesten, seit 2021 in der Gagosian Gallery ausgestellten Mega-Schöpfungen den Titel „Transmitter“ (2020, Gagosian Gallery, New York) trägt. 4 Meter hoch, 17 Meter breit und 18 Meter lang ist das aus langen, sanft geschwungenen Stahlplatten konzipierte Gebilde, das labyrinthartig in den Raum ausgreift, unsere etablierten Sehgewohnheiten und die Grenzen unseres sinnlichen Wahrnehmungsvermögens herausfordert. „Transmitter“ belegt einmal mehr, wie einzigartig die Aura von Serras skulpturalem Schaffen ist, die sich jeder Reproduzierbarkeit entzieht und nur vor und mit dem Original erfahren werden kann. [JS]



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung zu Richard Serra "Corner Prop No. 6 (Leena and Tuula)"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten, Folgerechtsvergütung fällt an.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 32 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 27 % berechnet und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 25 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

Wir bitten um schriftliche Mitteilung vor Rechnungsstellung, sollten Sie Regelbesteuerung wünschen.

Berechnung der Folgerechtsvergütung:
Für Werke lebender Künstler oder von Künstlern, die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.