Auktion: 535 / Evening Sale mit Sammlung Hermann Gerlinger am 09.12.2022 in München Lot 14

 

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David Wojnarowicz
He Kept Following Me, 1990.
Mischtechnik. Acryl, Serigrafie und fünf mit ro...
Schätzpreis: € 350.000 - 450.000
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He Kept Following Me. 1990.
Mischtechnik. Acryl, Serigrafie und fünf mit rotem Faden befestigte Schwarz-Weiß-Fotografien auf Hartfaserplatte.
Verso auf dem Galerieetikett mit dem Künstlernamen, der Datierung, Betitelung und Nummerierung „#2509“ sowie den Technik- und Maßangaben typografisch bezeichnet. 122 x 152,5 cm (48 x 60 in).
Auch David Wojnarowiczs fotografisches Werk „Weight of the Earth, II“ (1988/89) wird in unserem Evening Sale am 9. Dezember angeboten (siehe Los 16).

• Wie Jean-Michel Basquiat, Keith Haring und Kiki Smith gilt David Wojnarowicz heute als New Yorker Ikone aus der Subkultur-Szene des East-Village der 1980er Jahre.
• Viel zu früh stirbt der Künstler 1992 an den Folgen seiner Aids-Erkrankung.
• Die Gemälde aus der kleinen Werkserie der erotisch aufgeladenen Blumenbilder (1990) gehören zu Wojnarowiczs allerletzten Arbeiten.
• Mit seinen konzeptuellen, provokativen, sozialkritischen und stilistisch so vielfältigen Werken thematisiert Wojnarowicz die Homophobie der Gesellschaft sowie die Gleichgültigkeit und Untätigkeit der politischen Entscheidungsträger in Bezug auf die damals wütende HIV- und Aids-Epidemie.
• In charakteristischer Weise vereint "He Kept Following Me" das literarische, malerische und fotografische Schaffen des Künstlers und Aktivisten, in dessen Gesamtwerk sowohl Gemälde, Fotografien, Filme, Collagen, Zeichnungen, Druckgrafiken und Installationen als auch Musikstücke, Aufsätze und Gedichte zu finden sind.
• 2018 Teil der groß angelegten Retrospektive im New Yorker Whitney Museum of American Art.
• Die Werke des Künstlers sind Teil der weltweit bedeutendsten musealen Sammlungen, vergleichbare Gemälde befinden sich bspw. im Museum of Modern Art und im Metropolitan Museum in New York, im San Francisco Museum of Art und im Art Institute of Chicago
.

PROVENIENZ: P.P.O.W Gallery, New York (verso mit dem Galerieetikett).
Privatsammlung Süddeutschland (1991 vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: In the Garden, P.P.O.W. Gallery, New York, 3.11.-1.12.1990.
Fever: The Art of David Wojnarowicz, New Museum, New York, 21.1.-20.6.1999, S. 36 (m. Abb.).
Jardin infini. De Giverny à l’Amazonie, Centre Pompidou-Metz, Metz, 18.3.-28.8.2017, S. 189 u. 251 (m. Abb., S. 191).
David Wojnarowicz. History Keeps Me Awake at Night (Retrospektive), Whitney Museum of American Art, New York, 13.7.-30.9.2018, S. 369 (m. Abb., Tafel 141, S. 279).

LITERATUR: Aperture, New York (Hrsg.) und Melissa Harris, David Wojnarowicz. Brush Fires in the Social Landscape, New York 2015, S. 190f. (m. doppels. Abb.).

Nan Goldin: "What would you like your work to do?"
David Wojnarowicz: "I want to make somebody feel less alienated–that’s the most meaningful thing to me. I think part of what informs the book is the pain of having grown up for years and years believing I was from some other planet."
Zit. nach: www.aperture.org/editorial/david-wojnarowicz-and-nan-goldin.

"To make the private into something public is an action that has terrific ramifications."
David Wojnarowicz, zit. nach: www.whitney.org/exhibitions/david-wojnarowicz.

Aufrufzeit: 09.12.2022 - ca. 17.26 h +/- 20 Min.

David Wojnarowicz gilt als begnadeter Künstler, Schriftsteller, und Experimentalfilmer des späten 20. Jahrhunderts. Außerdem engagierte er sich als Aids-Aktivist. Er nutzte alle ihm zur Verfügung stehenden Kommunikationsmittel und rang in einer, wie er es bezeichnete, "vorgefertigten Welt", einer versteinerten Gesellschaft, in der die Vorstellungskraft "einer der letzten Orte ist, an denen radikale Gesten noch möglich sind", um Sichtbarkeit. Als autodidaktischer Künstler und Schriftsteller entwickelte er eine ergreifende und präzise Klang- und Bildsprache, wobei ihm visionäre rebellische Geister wie Jean Genet, Artur Rimbaud und William Burroughs als Inspirationsquelle dienten. In einem erweiterten Sinne des Begriffs war er vor allem ein Collagist, der es verstand, die geheimnisvolle Verschmelzung, wie sie sich aus dem Aufeinandertreffen zweier oder mehrerer bildsprachlicher Elemente ergibt, zu durchdringen und zu kultivieren.

"In meinem Kopf spielen sich lange Filme auf zahlreichen Projektoren ab." (David Wojnarowicz, "In the Shadow of Forward Motion", 1989)
1982 tauchten an den Mauern Manhattans Wojnarowiczs anonyme und mit Schablonen aufgesprühte Symbole brennender Häuser, fallender Figuren und getarnter Soldaten auf. Häufig waren sie auf Werbeplakaten für die Auftritte der Band des Künstlers, "3 Teens Kill 4-No Motive", zu sehen. Mit der Weiterentwicklung der gesprühten Symbole zu Gemälden auf Holztafeln begann Wojnarowicz seine Werke in den Galerien des East Village auszustellen.
Von diesem Moment an war seine rastlose Herangehensweise an Kunst und Literatur durch ein durchlässiges Wechselspiel der Bilder geprägt, ob als Film, Malerei, Skulptur, Performance oder Text. Im Laufe seiner kurzen Karriere entwickelte er eine einzigartige Sprache aus Gedankenbildern in stets neuen Kombinationen. Für ihn war die Collagetechnik keine zufällige, dadaistische Vorgehensweise – vielmehr eröffnete sie ihm ein Instrumentarium, mit dem er seine gezielten, messerscharfen aber auch halluzinatorischen Angriffe auf die umkämpften soziopolitischen Strukturen der 1980er und frühen 1990er gestalten konnte.
"Das Queere im Normalen" (Titel in der Wochenzeitung "The Village Voice" in der 13. Februar-Ausgabe)
Im Januar 1990 eröffnete Wojnarowiczs erste Retrospektive "Tongues of Flame" an der Illinois State University in Normal, Illinois, mit der Förderung der unter Beschuss geratenen "National Endowment for the Arts". Kurz darauf wurden kleine Details des Ausstellungskataloges kopiert – eine der Abbildungen zeigte Jesus mit einer Spritze in seinem Arm – und als Massenpostwurfsendungen von der rechtsorientierten American Family Association unerlaubterweise in Umlauf gebracht. Es folgte eine landesweite Kontroverse, die in einen historischen Gerichtsprozess mündete, aus dem schließlich der Künstler als Sieger hervorging. Neben Robert Mapplethorpe, Holly Hughes und Andres Serrano feierte man Wojnarowicz weithin als Verfechter künstlerischer Ausdrucksfreiheit.
Im September 1990 kehrte Wojnarowicz nach Bloomington-Normal zurück, um seine Ausstellung "In the Garden" in New York vorzubereiten. Es sollte die letzte Einzelausstellung seiner Werke vor seinem Tod sein. Er hatte in der Innenstadt ein Atelier mit hohen Decken angemietet und begann mit der Arbeit an vier Gemälden mit überdimensional großen exotischen Blumen. Unter Mithilfe von Patrick MacDonald hatte er dafür Fotos, die er im U.S. Botanic Garden in Washington D.C. aufgenommen hatte, auf 1,20 x 1,50 Meter große Holztafeln projiziert und dann die Blumen mit Acrylfarbe aufgemalt. Mit einer Ausnahme sollten dies seine letzten Gemälde sein. Auch auf seiner Reise machte Wojnarowicz einige Fotos, darunter eine Aufnahme einer Begräbnisstätte der amerikanischen Ureinwohner. Die dort ausgehobenen Skelette bildeten die Grundlage für eine seiner meistgeschätzten Foto-Text-Arbeiten, "When I Put My Hands on Your Body".
"Ich füge mich nicht den zeitlichen Komponenten von Geschichte oder Raum und Entfernung oder was auch immer; ich füge sie alle zusammen." (Interview mit Barry Blinderman, 1989)
"He Kept Following Me", eines der vier Blumengemälde, ist sowohl grafisch als auch konzeptuell ausnehmend vielschichtig. Anstatt wie noch bei seinen früheren Gemälden vorab bedruckte Materialien wie Landkarten, Zeitungen und Plakate von Lebensmittelgeschäften zu übermalen, platziert er hier im Siebdruckverfahren drei kolorierte Textblöcke über einem Paar opulent gemalter scharlachroter Flamingoblumen. Zusätzlich fügte er eine Reihe von fünf Vignetten von Schwarzweißfotografien im oberen Bereich des Gemäldes ein, die jeweils mit Nähten aus roter Schnur an Holztafeln befestigt sind. Auf ihnen sind, wie aus der Perspektive einer Überwachungskamera betrachtet, von links nach rechts der Mond, dann das von einem Krankenwagen überlagerte Detail eines Gesichts und eine Uhr mit römischen Ziffern sowie ein nackter, masturbierender Mann und Blutzellen zu sehen. Drei der Fotos wurden im Negativ gedruckt, was ihre Unheimlichkeit noch unterstreicht. Sie eröffnen Einblicke in die existenziellen Sphären von Sex, Zeit, Raum, Krankheit und Tod.
"Ich finde es interessant, die Distanz zwischen Menschen und der Natur aufzubrechen." (Interview mit Barry Blinderman, 1989)
"He Kept Following Me", ein präzise ausgeführtes Blumengemälde, überrascht auf den ersten Blick, wenn man bedenkt, dass es von einem Künstler stammt, der dafür bekannt war, Korruption und Homophobie in der von ihm so verachteten Mehrheitsgesellschaft der Weißen aufzudecken. In Anbetracht von Zehntausenden von Aids-Toten in den USA zu jener Zeit erscheint der verführerische Reiz der überdimensionierten Flamingoblumen durch düstere Konnotationen doch etwas gedämpft. Blumen haben eine vieldeutige Symbolik, auf der einen Seite spielen sie bei Feierlichkeiten und Hochzeiten eine wichtige Rolle, aber eben auch bei Beerdigungen und in Krankenhäusern. Drei der vier abgebildeten tropischen Blumen in diesem Gemäldequartett – Flamingoblume, Fackel-Ingwer und Calla – sind häufig auf Denkmälern zu finden. Die Blumenbilder boten Wojnarowicz einen Zufluchtsort vor dem Chaos in seinem Leben. Er war naturwissenschaftlich bewandert und wusste vermutlich, dass die wachsartigen, fleischigen Blütenblätter der Flamingoblume leicht giftig sind, wenn sie gekaut werden. Sie können Verbrennungen und Blasen im Mundraum verursachen. Die Paradoxie der giftigen Blume erinnert an Rimbauds Darstellung des Poeten, "der alles Giftige in sich vereint, um daraus eine Art Kondensat zu erschaffen".
Wojnarowicz erzählte einer Freundin, der Künstlerin Marguerite Van Cook, dass ihn zudem die Poesie der Dekadenz des 19. Jahrhunderts inspirierte – insbesondere der einst verbotene Gedichtband Charles Baudelaires, "Les Fleurs de Mal (Die Blumen des Bösen)", und Joris-Karl Huysmans berüchtigtes Werk "À Rebours (Gegen den Strich)".
"Rieche an den Blumen, solange du kannst." (Anmerkung des Verfassers, "Close to the Knives: A Memoir of Disintegration", 1991).
Die drei Siebdrucke der Texte von "He Kept Following Me" wirken in ihrem Format wie stark vergrößerte Buchseiten. Ihre Farbgebung ist auf die gemalten Passagen darunter abgestimmt, so dass manche der Worte nicht zu erkennen und schwer lesbar sind. Wojnarowicz veranlasst den Betrachter/Leser auf raffinierte Weise dazu, näher zu kommen, genauer hinzuschauen und den Geruch der Blumen wahrzunehmen, solange man dazu imstande ist ("smell the flowers while you can").
Der blaue Text auf der linken Seite des Gemäldes ist ein Auszug aus Wojnarowiczs Essay "Losing Form in the Darkness", den er 1978/79 verfasst hat. Beschrieben wird eine anonyme sexuelle Begegnung in einem verlassenen Lagerhaus am Ufer des Hudson Rivers. Er endet mit diesen herzzerreißend zarten Zeilen: "Während wir uns liebten, sah ich wie großartige Häuser errichtet wurden, die schon bald in die wartenden und mitreißenden Meere abgleiten würden. Ich sah ihn, wie er mich aus der Stille des Innenlebens befreite."
Der rechte blaue Text ist ein Traumfragment aus "The Suicide of a Guy Who Once Built an Elaborate Shrine over a Mouse Hole", in dem Wojnarowicz in einem Gebäude erwacht, das von Landstreichern behaust wird. Einer von ihnen "… bewegt sich lautlos in diesem seltsam walzerartigen Tanz.. sich langsam in die Lichtstrahlen drehend".
"Er folgte mir weiter", der einleitende Satz des grünen Textabschnittes begründet den Titel des Gemäldes. Die Textstelle schildert ein heimliches Treffen mit dem Fahrer eines geparkten Autos draußen vor dem Haus in Bloomington, in dem Wojnarowicz wohnte (während er an den Blumengemälden im Stadtzentrum arbeitete). Einige Minuten später ging er in sein Zimmer im zweiten Stockwerk hinauf, wo "… das Kind der Familie im Flur auf dem Boden vor seinem Zimmer schlief und so aussah, als sei es von einem Schlitten gefallen."
"He Kept Following Me" ist das bedeutende Spätwerk eines Künstlers auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Fähigkeiten und seines Schaffens. In seiner sowohl bildlich als auch konzeptuell beeindruckenden Wirkung ist es mit einer Bandbreite an Gefühlen aufgeladen, die vielen Betrachtern die Tränen in die Augen treibt.

Barry Blinderman (aus dem Englischen übersetzt von)

Barry Blinderman hat als Leiter der Universitätsgalerien der Illinois State University in Normal, Illinois, von 1987 bis 2018 zahlreiche monografische Museumsausstellungen kuratiert, einschließlich Wojnarowiczs erster Retrospektive. Seine Artikel zu Martin Wong, Keith Haring, Andy Warhol und anderen Künstlern sind in internationalen Museumskatalogen, Anthologien und Kunstzeitschriften veröffentlicht worden. Er ist zudem in Chris McKims jüngstem Dokumentarfilm "Wojnarowicz" zu sehen. Blinderman wohnt in Los Angeles. Dort arbeitet er an seinen Memoiren mit dem Titel "The Curator’s Tale".



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung zu David Wojnarowicz "He Kept Following Me"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten, Folgerechtsvergütung fällt an.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 32 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 27 % berechnet und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 25 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

Wir bitten um schriftliche Mitteilung vor Rechnungsstellung, sollten Sie Regelbesteuerung wünschen.

Berechnung der Folgerechtsvergütung:
Für Werke lebender Künstler oder von Künstlern, die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.