Auktion: 509 / Wertvolle Bücher am 30.11.2020 in Hamburg Lot 5

 
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Biblia latina
Biblia latina. Handschrift auf Pergament, 12. Jahrhundert
Schätzpreis: € 20.000
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Objektbeschreibung
Die Bibel vor fast 900 Jahren

Biblia latina vulgata
Lateinische Handschrift auf Pergament. Vermutlich Südfrankreich, 12. Jahrhundert.

- Lateinische Teilbibel des 12. Jahrhunderts, von größter Seltenheit
- Dekorative Handschrift mit fein ausgeführten romanischen Initialen
- Schönes Zeugnis des Übergangs von der romanischen zur gotischen Schrift
- Bedeutendes Dokument aus der Entstehungszeit des Zisterzienserordens
- Mit der sogenannten Zisterzienser-Interpunktion
- Bibel in einem ungewöhnlichen Handformat, ein seltener Vorläufer der Pariser Taschenbibeln


Umfangreiche und elegant geschriebene Teilbibel von mehreren Händen, überwiegend in karolingischer Minuskel, teils auch in karolingisch-gotischer Mischschrift und in gotischer Minuskel. Der Text ist wohl noch im 12. Jahrhundert an mehreren Stellen korrigiert oder ergänzt worden, vielfach stehen die Korrekturen auf ausradierten Textstellen. Der Korrektor hat zudem über weite Teile spezielle Interpunktionszeichen eingefügt, welche Pausen unterschiedlicher Länge beim Vorlesen kennzeichnen. Diese Zeichen, die etwa seit Ende des 11. Jahrhunderts in Westfrankreich zu beobachten sind, wurden von den im 12. Jahrhundert sich ausbreitenden Zisterzienserklöstern systematisiert und auf die für die Tischlesung herangezogene Literatur angewendet. Daraus läßt sich schließen, daß die Handschrift im 12. Jahrhundert in einem Zisterzienserklosters als Vorlesebuch benutzt wurde.
Das Wachstum und die Ausbreitung des Zisterzienserordens im 12. Jahrhundert ist eines der auffälligsten Phänomene des Hochmittelalters. Der Orden wurde derartig populär und neue Klöster in so rascher Folge gegründet, daß sich am Ende des 13. Jahrhunderts bereits mehr als 500 Klöster vom Mutterkloster in Cîteaux bis in die entferntesten Gebiete Europas ausgebreitet hatten. Jedes neue Kloster benötigte einen eigenen Bestand an Büchern. Neben den liturgischen Texten stand natürlich die Bibel im Vordergrund: Bibelstellen wurden der Gemeinschaft vorgelesen, und man bevorzugte großformatige Bände mit großer Schrift, nicht nur für die Lesbarkeit, sondern auch als greifbares Symbol für die Stärke und Beständigkeit der jeweiligen Kirche. Neben diesen sogenannten Riesenbibeln wird es handlichere Formate gegeben haben, die in größeren Klöstern bei unterschiedlichen Gelegenheiten als Vorlesebuch zum Einsatz kamen. So liegt hier ein seltenes Beispiel für eine kleinere, handlichere Bibelausgabe vor, die eine klosterspezifische Auswahl von Texten enthält. Das Taschenformat bildet damit eine Art Übergangsform zu den bekannten Pariser Taschenbibeln, die wenige Jahrzehnte später durch eine ökonomisierte, arbeitsteilige Produktion in vergleichsweise hohen Stückzahlen angefertigt wurden.
Für eine Lokalisierung nach Frankreich spricht neben der Provenienz (Zisterzienserabtei Boulbonne, s. u.) insbesondere der schöne und sehr fein ausgeführte Palmettenstil der Initialen. Vgl. etwa den Initialschmuck der Handschrift Cod. Bodmer 89 der Sammlung Martin Bodmer in Cologny.
Inhalt:
Bl. 1r-82v: Weisheitsbücher Salomos mit Prologen (Proverbia, Ecclesiastes, Canticum Canticorum, Sapientia, Ecclesiasticus).
Bl. 83r-153v: Paulusbriefe (Römer, Korinther, Laodizeer, Thimotheus, Hebräer) mit Prologen und Argumenten von Hieronymus, Pelagius und Marcion, ferner teils mit Verzeichnissen der alttestamentlichen Zitate und der zeitgenössischen Personen.
Bl. 155r-166v: Katholische Briefe (Jakobus, Petrus, Johannis, Judas).
Bl. 167r-187v: Auszüge aus dem Lukas- und Johannesevangelium. Am Anfang unvollständig, der Text beginnt mit Luk 1, 28 (fehlt vermutlich 1 Blatt).
Bl. 187v-209r: Apostelgeschichte.
Bl. 209v-221r: Apokalypse.
Bl. 222rv: Teil einer Augustinus-Predigt: "Audistis, fratres mei, cum epistola ad Hebreos legeretur.."
Bl. 223rv: Teil einer Schrift Gregors des Großen: "O quam dura sunt mihi ista quae loquor.."
Die Prologe und Argumente gehören weitgehend zum Bestand mittelalterlicher Bibelhandschriften. Bemerkenswert sind das seltene Argument zum Römerbrief (Stegmüller Nr. 679) und die Tatsache, daß das Argument zum II. Timotheusbrief (Nr. 772) von anderer Hand durch den pelagionischen Prolog (Nr. 770) erweitert wurde. Die Kapitelverzeichnisse geben nicht die heute übliche Kapiteleinteilung wieder (diese wurde erst Anfang des 13. Jhs. von Stephen Langton eingeführt). Besondere Beachtung verdienen die dem Römerbrief und dem I. Korintherbrief beigegebenen Verzeichnisse der alttestamentlichen Zitate und der zeitgenössischen Personen.
Mit einem Gutachten und ausführlicher Inhaltsangabe des Kölner Historikers und Archivars Dr. Joachim Vennebusch vom Februar 1978.

EINBAND: Flexibler Pergamentband des 16./17. Jahrhunderts mit erneuerten Schließbändern. 17,5 : 11,5 cm. - ILLUSTRATION: Mit 5 zehnzeiligen Initialen in Rot mit Blattornamentik im Buchstabenkörper (Initiale auf Bl. 31r ferner mit zwei Schlangen, die eine Taube verschlingen), jeweils gefolgt von ornamentalen Zierbuchstaben, sowie 2 sechs- bzw. siebenzeiligen roten Initialen im gleichen Stil wie die größeren. Weiterhin mit zahlreichen zwei- oder einzeiligen Initialen in Rot, vereinzelt auch in Grün. - KOLLATION: 223 Bll. (vorwiegend Quaternionen). Blattgröße 17 : 10,5 cm. Schriftraum ca. 14 : 8 cm. 32 Zeilen. Braune und schwarzbraune Tinte. Bis Bl. 166 rubriziert (rote Überschriften, Initialen, Anfangsbuchstaben, Zeilenfüller). Von mehreren Händen in karolingischer und gotischer Minuskel, teils in karolingisch-gotischer Mischschrift. Seitentitel von späterer Hand (meist beschnitten). - ZUSTAND: Es fehlt inhaltlich Luk 1,1 bis 1,27 am Anfang des Lukasevangeliums, also vermutlich 1 Blatt. Vennebusch vermutet den Verlust dieses Blattes noch während der Entstehung der Handschrift (Näheres in der Expertise). Daß die Apostelgeschichte (Bl. 209v-221r) unvollständig sei, wie Vennebusch schreibt, können wir nicht bestätigen, da die betreffenden Blattübergänge keine Textlücken aufweisen. - Stellenw. gering fingerfleckig, 3 Bll. mit Wasserrand, letzte Seite verwischt. Buchblock etw. verzogen, VDeckel mit kl. Schnittspuren. Guterhaltene Handschrift. - PROVENIENZ: Wenige Bll. mit Eintragungen und Federproben einer späteren französischen Hand. - Vorderspiegel mit Besitzvermerk der südfranzösischen Zisterzienserabtei Boulbonne in Okzitanien: "Ex monasterio Bolbonae" (17./18. Jh.). Boulbonne wurde 1129 als Benediktinerabtei gegründet und 1150 in eine Zisterzienserabtei umgewandelt. - Sammlung Eckhard Günther (Exlibris und hs. Kaufvermerk dat. 1977).

Latin Part-Bible. Manuscript on vellum. South France (?), 12th century. 223 leaves. Very rare and fine manuscript in handsome romanesque, romanesque-gothic and gothic bookhands, with 5 10-line initials in red with floral devices inside (1 initial with two dragons devouring a pigeon) followed by ornamental lettering, as well as 2 larger initials in similar style, further numerous 2- or 1-line initials in red, few in green. The script makes use of the punctus flexus typical of Cistercian scribes. Contains the Sapiental Books, Pauline epistles, Catholic epistles, extracts from the Gospels Luke and John, Acts of the Apostles, Apocalypse, at the end the part of an Augustine sermon and part of a text by Pope Gregor I. Enclosed an expertise and detailed summary of the contents by the Cologne historian and archivist Dr. Joachim Vennebusch from February 1978. - 16th/17th cent. flexible vellum with new leather ties. 17,5 : 11,5 cm. Writing area 14 : 8 cm. 32 lines, with head title by later hand (partly trimmed). - Lacks probably 1 leaf at the beginning of the Gospel of Luke with missing Luk 1,1 to 1,27. Vennebusch suspects that this leaf was lost while the manuscript was manufactured (more details in the expertise). We cannot confirm that the Book of Acts (fol. 209v-221r) is incomplete, as Vennebusch writes, because there are no text gaps between the relevant leaves. - Partly minor fingerstaining, 3 leaves with waterstain, last page blurred (text mostly illegible). Front boards with some traces of cutting. All in all well-preserved manuscript. - Provenance: Few leaves with inscriptions and ink scribbling of a later French hand. Front pastedown with ownership note of the southern French Cistercian abbey Boulbonne in Occitania: "Ex monasterio Bolbonae" (17th/18th century). Boulbonne was founded in 1129 as a Benedictine abbey and converted into a Cistercian abbey in 1150. - Collection Eckhard Günther (ex-libris and purchase note dated 1977).

 


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