Auktion: 380 / Moderne Kunst am 04.06.2011 in München Lot 66

 
Otto Dix - Alte Birnbäume in Hemmenhofen

66
Otto Dix
Alte Birnbäume in Hemmenhofen, 1940.
Öl auf Holz
Schätzung:
€ 60.000
Ergebnis:
€ 274.500

(inkl. 22% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Mischtechnik mit Öl auf Holz
Löffler 1940/15. Links unten monogrammiert und datiert. 75 x 100,5 cm (29,5 x 39,5 in)
Die Holztafel hinten verstrebt.

PROVENIENZ: Privatsammlung Nordrhein-Westfalen.

Der am 2. Dezember 1891 geborene Otto Dix wächst mit drei jüngeren Geschwistern in einer sozialdemokratisch gesinnten Familie am Rande der Residenzstadt Gera auf. Nach einer Lehre als Dekorationsmaler und dem anschließenden Besuch der Kunstgewerbeschule in Dresden wird Dix' Ausbildung durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen. Vier Jahre lang ist Dix als Soldat in Frankreich, Flandern und Russland. Nach Kriegsende beginnt er ein Studium an der Dresdner Kunstakademie und wird zum Mitbegründer und Mittelpunkt der "Dresdner Sezession - Gruppe 1919". Im Herbst 1922 siedelt Otto Dix nach Düsseldorf über und wird an der Kunstakademie Meisterschüler von Heinrich Nauen und Wilhem Herberholz. Die Kriegserlebnisse werden Auslöser für seine beißend-kritischen Bilder wie u.a. "Der Schützengraben"(1923), welches neben zwei weiteren Gemälden einen Kunstskandal auslöst. Im selben Jahr beginnt Dix als Höhepunkt und Abschluss seines frühen grafischen ¼uvres den Radierzyklus "Der Krieg". Nach expressionistischen und dadaistischen Anfängen wendet sich Otto Dix ab 1922 der Neuen Sachlichkeit zu, siedelt im November 1925 nach Berlin über und avanciert zum profiliertesten Porträtmaler der Berliner Bohème sowie der intellektuellen Gesellschaft der Weimarer Republik. 1927 erhält er eine Professur an der Dresdner Akademie, aus der er 1933 entlassen wird und als "unerwünschter Künstler" schließlich Ausstellungsverbot erhält. Dix siedelt daraufhin nach Randegg bei Singen, drei Jahre später nach Hemmenhofen am Bodensee um.

Mit der "inneren" Emigration von Otto Dix in der Zeit des Nationalsozialismus, zuerst in Randegg und später in Hemmenhofen, beginnt ein neues Kapitel im malerischen Werk des Künstlers. Der Großstadt entzogen, die ihm die Themen zu seinen hintergründigen Menschengestaltungen liefert, sucht Otto Dix nun, auch unter dem Zwang der politischen Vorgaben, in der Landschaft eine Welt zu entdecken, die für ihn bislang nur marginal interessant war. Die Landschaftsbilder der späten dreißer und der vierziger Jahre zeigen einen scheinbar gewandelten Künstler, der nun in fast altmeisterlicher Manier, beeinflusst von der Donauschule des 16. Jahrhunderts, seine Motive sucht. Doch die nur vordergründig harmlosen Landschaften haben ihre eigene Dynamik. Da ist auf der einen Seite die sichtbar malerische Perfektion, mit der Otto Dix seine Landschaften ausstattet, und zum anderen eine geheime, fast mystische Botschaft, die über allen diesen Landschaften zu schweben scheint und deren Entschlüsselung dem Betrachter Rätsel aufgibt. Trotz ihrer scheinbaren Naturnähe sind diese Landschaften auf der Basis von Naturbeobachtungen komponiert und entstehen im Atelier. Die Gruppe von alten Birnbäumen in unserem Bild dominieren in ihrer sperrigen Monumentalität die Komposition, hinter der die übrige Landschaft zurücktritt. Doch ein Vogelschwarm lenkt den Blick in die Tiefe und lässt eine Weite, eine Freiheit ahnen, die von der mächtigen Baumgruppe verdeckt wird. Man könnte in dieser Anordnung der Dinge eine Metapher auf die Zeitläufe sehen, in denen das Werk entstanden ist.

1945 wird der Künstler zum "Volkssturm" eingezogen und gerät in Colmar in französische Gefangenschaft. Nach dem Krieg führen jährliche Arbeitsaufenthalte in Dresden und die Mitgliedschaft an den Akademien der Künste in Berlin-Dahlem und Ostberlin zu einem steten Pendeln über eine Staatsgrenze und zwei Staatskünste hinweg. Dix' Reisen nach Südfrankreich, Italien und Griechenland werden 1962 um einen Studienaufenthalt an der Villa Massimo in Rom und zwei Jahre später um die Ehrenmitgliedschaft an der Florentiner Accademia delle Arti del Disegno bereichert. Seit 1950 kommt es innerhalb seines Spätwerkes zu einer thematisch-stilistischen Wende, die von der urbanen Kultur zum Bukolischen, vom Polemisch-Realistischen ins Heiter-Expressive führt. Dix' Interesse gilt weiterhin dem Porträt, daneben spielen religiöse Themen und die Landschaftsmalerei eine dominierende Rolle. Otto Dix gehört zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Sein Werk spiegelt in seiner vitalen Wandlungsfähigkeit die Zäsuren des Jahrhunderts wider, allerdings ohne je die Abstraktion mitzumachen, die Otto Dix bis ins hohe Alter abgelehnt und kritisiert hat. [KD].

66
Otto Dix
Alte Birnbäume in Hemmenhofen, 1940.
Öl auf Holz
Schätzung:
€ 60.000
Ergebnis:
€ 274.500

(inkl. 22% Käuferaufgeld)