Auktion: 400 / Moderne Kunst am 08.12.2012 in München Lot 17

 
17
Ernst Ludwig Kirchner
Badendes Paar im Atelier, 1908.
Kohlezeichnung
Schätzung:
€ 40.000
Ergebnis:
€ 61.000

(inkl. 22% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Badendes Paar im Atelier. Um 1908.
Kohlezeichnung.
Verso handschriftlich bezeichnet sowie mit dem Nachlassstempel des Kunstmuseums Basel (Lugt 1570 b) und der (schwer leserlichen) Registriernummer: K D...118. Auf festem, bräunlichem Japan. 60 x 49,4 cm (23,6 x 19,4 in), blattgroß.
Dieses Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv Wichtrach/Bern dokumentiert.

PROVENIENZ: Nachlass Ernst Ludwig Kirchner.
Graf von der Goltz, Düsseldorf.
Grace Borgenicht Gallery, New York.
Wolfgang Wittrock Kunsthandel, Düsseldorf.
Privatsammlung Norddeutschland (erworben 1983).

AUSSTELLUNG: Mostra dell' Espressionismo, Maggio Musicale, Florenz, 1964, Nr. 3.
Wolfgang Wittrock Kunsthandel, Düsseldorf 1979, Kat. 26 mit Abb.
Wolfgang Wittrock Kunsthandel, Düsseldorf 1980, Kat. 66 mit Abb.
Ernst Ludwig Kirchner. Paintings and Works on Paper, Grace Borgenicht Gallery, New York, 1983, Kat. 2 mit Abb.
Ernst Ludwig Kirchner. Zeichnungen, Aquarelle, Pastelle, Kunsthalle Nürnberg, 20.6.-29.9.1991, Kat.Nr. 11 mit Abb.
Ernst Ludwig Kirchner - Aquarelle und Zeichnungen, Museum der Bildenden Künste, Leipzig und Von der Heydt-Museum, Wuppertal, 1992-92, Nr. 3 mit Abb.
Im Zentrum, Ernst Ludwig Kirchner - Eine Hamburger Privatsammlung, Wanderausstellung, Kunsthalle Hamburg, 26.10.2001-13.1.2002, Kirchner Museum Davos, 27.1.-27.4.2002, Brücke Museum Berlin, 17.1.-02.3.2003, Kat. 29 mit Abb.S. 31 (auf der Rahmenrückwand mit dem Etikett).
Ernst Ludwig Kirchner: The Dresden and Berlin Years, National Gallery of Art, Washington: 2.03. - 1.06.2003, Kirchner: Expressionism and the City. Dresden and Berlin 1905-1918, Royal Academy of Arts, London: 28.06. - 21.09.2003, Kat. 20 Abb.(auf der Rahmenrückpappe mit dem Etikett).
True Romance. Allegorien der Liebe von der Renaissance bis heute, Kunsthalle Wien, 5.10.2007-3.2.2008, Museum Villa Stuck München, 21.2.-12.5.2008, Kunsthalle zu Kiel, 31.5.-7.9.2008, S. 120 mit Abb.
Kirchner, Hamburger Kunsthalle, 7.10.2010-16.1.2011, Nr. 140, S. 119 (mit Farbabb.).

LITERATUR: Will Grohmann, Kirchner-Zeichnungen, Arnolds graphische Bücher, Dresden 1925, 2. Folge, Bd. 6, Nr. 10 mit Abb.

Nach dem Abschluss eines Architekturstudiums in Dresden, während dem Ernst Ludwig Kirchner Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff kennenlernt und mit diesen bereits künstlerisch zusammenarbeitet, entscheidet sich Ernst Ludwig Kirchner gegen den Wunsch seines Vaters ganz für die Malerei. Der intensive Austausch der vier Freunde führt 1905 zur Gründung der Künstlergemeinschaft "Die Brücke" - mit dem Ziel "alle revolutionären und gärenden Kräfte an sich zu ziehen" (Schmidt-Rottluff). Die Künstler beginnen mit den "Viertelstundenakten", den Zeichnungen nach Aktmodellen im Atelier oder in der Natur. Die Gruppe orientiert sich zunächst an Künstlern des Spätimpressionismus. Die Entdeckung der Fauves, der Südsee-Kunst und van Goghs führt die Maler zum Expressionismus.

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine vorbereitende Zeichnung für das Gemälde "Selbstbildnis mit Modell" (Gordon 121), das sich heute in der Hamburger Kunsthalle befindet. Auf diesem Werk, welches einen Höhepunkt in Kirchners malerischem ¼uvre darstellt, porträtiert sich der Künstler mit seiner damaligen Partnerin Doris Große, genannt "Dodo". Das "Badende Paar im Atelier", für dessen Figuren Kirchner wohl ebenfalls sich und seine Geliebte zum Vorbild nimmt, ist ein wichtiges Zeugnis für den hohen Stellenwert, den die gezeichneten Atelierszenen in Kirchners Werk einnehmen. Das Blatt ist nicht nur als eine essentielle Studie für die Komposition des berühmten Ölgemäldes, sondern darüber hinaus als eigenständiges Kunstwerk anzusehen, welches in der gewählten Zeichentechnik dem Medium der Malerei in nichts nachsteht. In seinen Zeichnungen und Skizzen setzt sich Kirchner in den Jahren 1908/09 intensiv mit der Aktdarstellung auseinander. Der Künstler reduziert die Körper der Modelle auf die Umrisslinie und vermittelt dennoch den Eindruck voller Körperlichkeit. Dabei variiert er die Möglichkeiten perspektivischer Verkürzungen und schafft es ohne plastische Modellierung, eine Situation treffend wiederzugeben. In der hier angebotenen Arbeit ist eindrucksvoll umgesetzt, wie es dem Zeichner bei größter Freiheit des Duktus und der strengen Reduzierung auf die Kontur gelingt, die räumlich-plastischen Werte klar ins Format zu setzen. "[..] [Die menschliche] Gestalt ist das Centrum aller Kunst, denn für alles Empfinden ist seine Form und sein Maß Grundlage und Ausgangspunkt" (Ernst Ludwig Kirchner, Tagebucheintrag vom 26. April 1927, in: Donald E. Gordon, Ernst Ludwig Kirchner, München 1968, S. 29).

Infolge der Begegnung mit der Kunst der italienischen Futuristen verändert sich der Malstil der "Brücke"-Gruppe um 1910, er wird "härter". 1911 übersiedelt Ernst Ludwig Kirchner nach Berlin. Die Großstadt bietet ihm eine Fülle neuer Motive, die Kirchner in vereinfachten, scharf konturierten Formen, expressiven Zügen und grellen Farbkontrasten umsetzt. Diese Großstadtbilder werden zu Inkunabeln des Expressionismus und machen Ernst Ludwig Kirchner zu einem der bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die folgenden Jahre bedeuten einen Wendepunkt in Kirchners Leben. Die Kriegsereignisse und der Militärdienst stürzen Kirchner in existenzielle Angst, führen letztlich zu Krankheit und langen Sanatoriumsaufenthalten. Um so bemerkenswerter ist seine künstlerische Produktion in dieser Zeit. Es entstehen Werke wie der Holzschnitt "Frauen am Potsdamer Platz", die "Bilder zu Chamissos Peter Schlemihl", die Selbstporträts und Holzschnittbildnisse aus den Sanatorien, die zu den Höhepunkten seines ¼uvres zählen. 1917 lässt sich Ernst Ludwig Kirchner in Frauenkirch bei Davos nieder. Den Großstadtbildern folgen nun Gebirgslandschaften und Darstellungen ländlichen Lebens. Um 1920 beruhigt sich seine expressive Malweise, die Bilder erhalten eine teppichhafte Flächigkeit. Daneben entsteht ein bedeutendes grafisches Werk in Form von Holzschnitten, Lithografien und Federzeichnungen. 1923 zieht Ernst Ludwig Kirchner in das "Haus auf dem Wildboden" am Eingang zum Sertigtal, wo Kirchner bis zu seinem Freitod im Jahr 1938 lebt und arbeitet. [EH/KH].

17
Ernst Ludwig Kirchner
Badendes Paar im Atelier, 1908.
Kohlezeichnung
Schätzung:
€ 40.000
Ergebnis:
€ 61.000

(inkl. 22% Käuferaufgeld)