Auktion: 400 / Moderne Kunst am 08.12.2012 in München Lot 29

 
29
Ernst Ludwig Kirchner
Tochter Sternheim, 1916.
Holzschnitt
Schätzung:
€ 20.000
Ergebnis:
€ 56.120

(inkl. 22% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Tochter Sternheim. 1916.
Holzschnitt.
Dube 274. Signiert und bezeichnet: "Eigendruck". Eines der seltenen Exemplare, die sich durch starke Druckunterschiede auszeichnen. Auf festem Velin mit der Prägung "Huber Freres Winterthur Silk Blotting" (Löschpapier). 40,8 x 37,5 cm (16 x 14,7 in). Papier: 57,9 x 42,3 cm (22,8 x 16,4 in).
Bisher wurden erst zwei Exemplare dieses Holzschnittes auf dem internationalen Auktionsmarkt angeboten (Quelle: www.artnet.com).

Wir danken Herrn Prof. Dr. Günther Gercken für die wissenschaftliche Beratung.

PROVENIENZ: Privatsammlung Süddeutschland.

Nach dem Abschluss eines Architekturstudiums in Dresden, während dem Ernst Ludwig Kirchner Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff kennenlernt und mit diesen bereits künstlerisch zusammenarbeitet, entscheidet sich Ernst Ludwig Kirchner gegen den Wunsch seines Vaters ganz für die Malerei. Der intensive Austausch der vier Freunde führt 1905 zur Gründung der Künstlergemeinschaft "Die Brücke" - mit dem Ziel "alle revolutionären und gärenden Kräfte an sich zu ziehen" (Schmidt-Rottluff). Die Künstler beginnen mit den "Viertelstundenakten", den Zeichnungen nach Aktmodellen im Atelier oder in der Natur. Die Gruppe orientiert sich zunächst an Künstlern des Spätimpressionismus. Die Entdeckung der Fauves, der Südsee-Kunst und van Goghs führt die Maler zum Expressionismus. Infolge der Begegnung mit der Kunst der italienischen Futuristen verändert sich der Malstil der Gruppe um 1910, er wird "härter". Ernst Ludwig Kirchner studiert die Plastik im Dresdner Völkerkundemuseum. Unter diesem Eindruck haut und schneidet Kirchner Holzplastiken. 1911 übersiedelt Ernst Ludwig Kirchner nach Berlin. Die Großstadt bietet ihm eine Fülle neuer Motive, die Kirchner in vereinfachten, scharf konturierten Formen, expressiven Zügen und grellen Farbkontrasten umsetzt. Diese Großstadtbilder werden zu Inkunabeln des Expressionismus und machen Ernst Ludwig Kirchner zu einem der bedeutendsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die folgenden Jahre bedeuten einen Wendepunkt in Kirchners Leben. Die Kriegsereignisse und der Militärdienst stürzen Kirchner in existenzielle Angst, führen letztlich zu Krankheit und langen Sanatoriumsaufenthalten. Um so bemerkenswerter ist seine künstlerische Produktion in dieser Zeit. Es entstehen Werke wie der Holzschnitt "Frauen am Potsdamer Platz", die "Bilder zu Chamissos Peter Schlemihl", die Selbstporträts und Holzschnittbildnisse aus den Sanatorien, die zu den Höhepunkten seines ¼uvres zählen.

Die große Anzahl von Eigen- und Handdrucken im graphischen Schaffen von Ernst Ludwig Kirchner geht auf sein Bestreben zurück sich allumfassend in die künstlersichen Gestaltungsprozesse einzubringen. Kirchner schneidet das Holz direkt. Der das Haar modellierende Linienschnitt steht hier im bewussten Gegensatz zu den freigeschnittenen Stellen, die ihrerseits eine ausgewogene Komposition bestimmen. Das Porträt ist fast ins Lebensgroße gesteigert und von einem ausdrucksstarken Gesicht dominiert, das viel über den Charakter der Dargestellten aussagt. Wie seine künstlerischen Mitstreiter, ist auch Kirchner einer technischen Bewältigung der Mittel verpflichtet, die sich in einfachen aber dafür um so wirksameren Formen der Aussage manifestiert.

1917 lässt sich Ernst Ludwig Kirchner in Frauenkirch bei Davos nieder. Den Großstadtbildern folgen nun Gebirgslandschaften und Darstellungen ländlichen Lebens. Um 1920 beruhigt sich seine expressive Malweise, die Bilder erhalten eine teppichhafte Flächigkeit. Daneben entsteht ein bedeutendes grafisches Werk in Form von Holzschnitten, Lithografien und Federzeichnungen. 1923 zieht Ernst Ludwig Kirchner in das "Haus auf dem Wildboden" am Eingang zum Sertigtal, wo Kirchner bis zu seinem Freitod im Jahr 1938 lebt und arbeitet. [KD].

29
Ernst Ludwig Kirchner
Tochter Sternheim, 1916.
Holzschnitt
Schätzung:
€ 20.000
Ergebnis:
€ 56.120

(inkl. 22% Käuferaufgeld)