Auktion: 409 / Klassische Moderne und Seitenwege der dt.Avantgard am 06.12.2013 in München Lot 357

 
357
Franz Radziwill
Stillleben mit rotem Krug und Weckuhr, 1949.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 18.000
Ergebnis:
€ 61.000

(inkl. 22% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Stillleben mit rotem Krug und Weckuhr. 1949.
Öl auf Leinwand, original auf Holz kaschiert.
Firmenich/Schulze 609. Links unten signiert. Verso mit handschriftlicher Widmung und mit der Werknummer "405" bezeichnet. Auf dem Rahmen recto handschriftlich nochmals mit der Werknummer "405" bezeichnet sowie verso handschriftlich bezeichnet "Grünes Stilleben". 62,3 x 32,7 cm (24,5 x 12,8 in).
Im Original-Künstlerrahmen.

Wir danken Herrn Wilfried Seeba, Bremen, für die freundliche Unterstützung.

PROVENIENZ: Roman Norbert Ketterer, Campione, 1978 (mit handschriftlichem Vermerk auf der Abdeckpappe).
Privatsammlung Nordrhein-Westfalen.

AUSSTELLUNG: Franz Radziwill, 35 Gemälde, 17 Aquarelle, 6 Zeichnungen, Museum Herford 1956, ohne Nr.
Franz Radziwill 65 Jahre, Stadtmuseum Oldenburg, Februar 1960 und Museum Goslar, Juni/Juli 1960, ohne Nr.
Franz Radziwill, Völkerkundemuseum, Hamburg, 15.4.-15.5.1961, ohne Nr.
Städtische Kunstsammlung Gelsenkirchen, 30.7.-1.10.1961, Kat.Nr. 30.
Kunsthalle Kiel, 15.4.-20.5.1962, Nr. 20.
Franz Radiziwill, Städtische Galerie Schloß Oberhausen, 16.6.-15.7.1962, Kat.Nr. 22.

Am 6. Februar 1895 wird Franz Radziwill als erstes von sieben Kindern in Strohausen bei Rodenkirchen an der Unterweser geboren. 1913 schließt er eine 1909 begonnene Lehre als Maurer ab, bevor er sich der Kunst zuwendet. Bis 1915 studiert Radziwill an der Höheren Technischen Staatslehranstalt in Bremen Architektur und belegt parallel dazu Abendkurse in figürlichem Zeichnen an der Kunstgewerbeschule. Durch seinen Lehrer Karl Schwally entsteht der Kontakt zu den Künstlerkreisen in Fischerhude und Worpswede, wo er Bernhard Hoetger, Otto Modersohn, Heinrich Vogeler und Clara Rilke-Westhoff kennenlernt. Besonders intensiv studiert Franz Radziwill außerdem die Werke von van Gogh, Cézanne und Chagall. Nach seiner Rückkehr aus der englischen Kriegsgefangenschaft 1919 lässt Radziwill sich für einige Jahre in Berlin nieder, wo er Mitglied der "Freien Secession" und der "Novembergruppe" wird. 1923 zieht der Künstler nach Dangast an der Nordsee. Zwei Jahre später, 1925, findet die erste Einzelausstellung in Oldenburg statt. Im gleichen Jahr jedoch distanziert Radziwill sich zunehmend von seinem expressionistischen Frühwerk. Durch die in diesem Jahr entstehende Freundschaft mit Otto Dix gerät er in die Künstlerkreise der "Neuen Sachlichkeit" und arbeitet bis 1928 im Dresdner Atelier von Dix. 1929 nimmt Radziwill an der Ausstellung "Neue Sachlichkeit" im Stedelijk Museum in Amsterdam teil. Große Anerkennung erntet er 1933 mit der Übernahme des Lehrstuhls von Paul Klee an der Düsseldorfer Kunstakademie. Doch bereits zwei Jahre später wird er von den Nationalsozialisten dieses Amtes enthoben und erhält zugleich Berufsverbot. Nach erneutem Kriegsdienst, in den Jahren 1939 bis 1945, kehrt Radziwill in sein Haus nach Dangast zurück.

Der magische Realismus in den Bildern von Franz Radziwill teilt sich in den Stillleben auf besondere Weise mit, scheint doch jedes Objekt seinen Platz für sich zu behaupten und damit seine eigene narrative Rolle zu spielen. Stichwortgeber für das hier vorliegende farbstarke Gemälde sind zweifelsohne die Memento-Mori-Stillleben, die dem Betrachter die Endlichkeit des Lebens vor Augen führen. In unserem Beispiel sind die Weckuhr und die erloschene Kerze Sinnbilder der Vergänglichkeit ebenso wie der Riss, der in der Kommode klafft. Über den inhaltlichen Anspruch hinaus gelingen Radziwill malerische Finessen insbesondere mit dem artifiziell definierten Rauch, der geheimnisvoll erstarrt im Raum schwebt und der in bizarrer Figuration lebendig zu werden scheint. Auch dem über die Kommode herabhängenden Tuch verleiht der Künstler durch das raffinierte Kolorit eine beinahe haptische Präsenz.

Anlässlich seines sechzigsten Geburtstages veranstaltet der Oldenburger Kunstverein eine Jubiläumsausstellung, die anschließend in sechzehn deutschen Städten gezeigt wird. 1963 wird der Künstler mit dem Villa-Massimo Preis geehrt und hält sich längere Zeit in Rom auf. Ab Mitte der sechziger Jahre beginnt Radziwill frühere Bilder durch Übermalungen zu verändern. Die beiden wichtigsten Ausstellungen seines letzten Lebensjahrzehnts sind die Jubiläumsausstellung zum achtzigsten Geburtstag im Landesmuseum Oldenburg (1975) und die mit vierhundert Exponaten größte Retrospektive in der Staatlichen Kunsthalle Berlin (1981). In jüngster Zeit sind seine Werke 1995 in der Kunsthalle Emden sowie in der Ausstellung "Der Geist der Romantik in der deutschen Kunst" im Münchner Haus der Kunst gezeigt worden. [KP].

357
Franz Radziwill
Stillleben mit rotem Krug und Weckuhr, 1949.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 18.000
Ergebnis:
€ 61.000

(inkl. 22% Käuferaufgeld)