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Auktion: 411 / Wertvolle Bücher am 18.11.2013 in Hamburg Lot 83

 
Objektbeschreibung
Rilke, Rainer Maria, Dichter, 1875-1926. Eigh. Brief m. U. Schloß Haseldorf (Holstein), 6. VII. 1902. 9 1/2 S. auf 3 Oktavdoppelbögen.

Schöner, ausführlicher und inhaltsreicher Brief aus einer Zeit großer persönlicher Veränderungen. Verfaßt auf Schloß Haseldorf in Holstein, wo sich Rilke im Sommer 1902 auf Einladung von Prinz Emil von Schönaich-Carolath für einen Monat befand, um die Arbeit am Buch der Bilder abzuschließen; an seinen Bekannten, den Dichter und Schriftsteller Friedrich Huch (1873-1913; ein Cousin von Ricarda Huch). Rilke beglückwünscht Huch zu seiner neuen Stellung als Erzieher in Lodz, jedoch ausdrücklich, ohne ihn darum zu beneiden, ".. denn wenn ich auch ganz Ihr Wissen und Fühlen theile, daß der jungen Jugend die Welt gehört, die Welt in ihrer Weite und Wirklichkeit, so ist doch eine immerwährende Befangenheit zwischen mir und jedem jungen Wesen, die eine gegenseitige Beeinflussung und Beziehung nicht aufkommen läßt. Ich leide unter diesem Bann, der meine große Einsamkeit (die ich sonst seit erster Knabenzeit so gerne und dankbar trage) manchmal wund macht an ihren Rändern ..".
Ausführlicher berichtet Rilke über die finanziellen Nöte für sich und seine junge Familie, und die sich ihm gleichzeitig als unüberwindlich darstellende Schwierigkeit, die Routine eines Brotberufs mit seinem dichterischen Schaffen in Einklang zu bringen. "Ich bin so wenig dazu gemacht, um Geld zu schreiben und sonst bleibt mir nichts übrig, als in Prag einen kleinen obscuren Beamtenposten zu nehmen, mit seiner tötenden Eintönigkeit. Was denn wirklich der Tod wäre für mich. Ich glaube nicht, daß ich dann noch daran denken dürfte, etwas zu schreiben, obwohl das Ungesagte weinend um mich steht .. Zu meinen Versen, zu der Gesundheit der Seele aus der sie sich erheben, gehört das Land, weite Wege, Barfußgehen im weichen Gras, auf harten Wegen oder im reinen Schnee, tiefes Atemholen, Horchen, Stille und die Andacht weiter Abende. Ohne das, in eine Schreibstube mit anderen Menschen und alter Luft eingeschlossen, und zu einer sinnlosen Händearbeit, die aus Gedankenlosigkeit und Gewohnheit besteht, verdammt, würde ich es gar niemehr wagen, ein Wort aufzuschreiben, mißtrauisch gegen die verstellte Stimme des trägen, mißbrauchten Blutes, taub gegen die liebsten Worte meiner Seele, deren Wahrheit ich nicht mehr fühlen und leben dürfte. Ich wehre mich, lieber Friedrich Huch, gegen dieses Schicksal, gegen diesen Tod ohne Sterbestunde .."
Rilke und die Bildhauerin und Malerin Clara Westhoff hatten im Frühjahr 1901 geheiratet, im Dezember war ihre Tochter Ruth zur Welt gekommen, und ein Haus in Westerwede wurde bezogen; bereits im folgenden Jahr entschloß sich jedoch das zunehmend mittellose Künstlerpaar, in seinen Bemühungen um eine bürgerliche Existenz gescheitert, den gemeinsamen Haushalt wieder aufzulösen. Im August 1902 ging Rilke nach Paris, um dort an einer Monographie über Rodin zu arbeiten, während Clara mit Ruth zuerst in Westerwede blieb, um sich ihrer Malerei widmen zu können. ".. Wir erreichen damit, daß jeder besser seiner Arbeit leben kann, denn unsere Ehe war gemacht, daß einer dem anderen besser zu sich und seinem Werke hülfe. Hoffentlich ist es uns möglich, nicht zu weit voneinander uns einzurichten. Aber Clara Westhoff (von deren Kunst ich das Größte erwarte!) muß außer an sich und ihre Entwicklung nur noch an Ruth denken, .. und darf nicht unter den Nebenerscheinungen einer Ehe in Armuth irgendwie leiden. Danach also soll der nächste Winter irgendwie eingerichtet werden .."
Ferner erwähnt Rilke Briefe von Rodin (den er wenig zuvor wegen der geplanten Monographie erstmals brieflich kontaktiert hatte) und von Franziska Reventlow, "meine liebe Freundin aus münchner Zeiten .. mit ihrem Rolf geht im August auch nach Russland (Russisch-Polen, auf ein Gut, schreibt Sie) vielleicht sehen Sie sie einmal dort irgendwo wieder. Ich habe sie lange, lange nicht gesehen, aber sie ist der einzige Mensch, der mir aus meiner münchner zeit geblieben ist und immer bleiben wird .."
Rilkes Parisaufenthalt schlossen sich in den darauffolgenden Jahren zahlreiche Reisen an, so nach Rom, Kopenhagen, Schweden, Belgien, Capri, Berlin, Provence, Nordafrika und wiederholt Paris (u. a. 1905-06 als Rodins Privatsekretär). In dieser Zeit arbeitete Rilke schriftstellerisch hauptsächlich an den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910 abgeschlossen). Clara folgte, im Bemühen um eine gemeinsame Zukunft, im Herbst 1902 ihrem Mann nach Paris, begab sich dann aber bald ebenfalls auf Reisen; trotz der letztendlichen Trennung blieben sie sich jedoch zeitlebens freundschaftlich verbunden. - In der charakteristischen Schönschrift des Dichters in schwarzgrauer Tinte geschrieben. Gering fleckig und 1 kl. Falzriß. - Abgedruckt in der Briefausgabe von R. Sieber-Rilke und C. Sieber (Lpz. 1939), Bd. I, S. 229ff.

Letter, 9 and a half pages on 3 octavo double sheets, by the poet Rainer Maria Rilke, in which he complains about his dire straits and the conflict of artistic freedom and providing for a family. - Written in black-gray ink in the artist's characteristic beauty. Slightly stained and 1 small folding split.

83
Rainer Maria Rilke
Autograph, Haseldorf 1902.
Schätzung:
€ 8.000
Ergebnis:
€ 12.000

(inkl. 20% Käuferaufgeld)
 


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