Auktion: 467 / Kunst nach 1945 II am 08.06.2018 in München Lot 526

 
526
Alfred Hrdlicka
Haarmann, 1968.
Marmor
Schätzung:
€ 10.000
Ergebnis:
€ 17.500

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Haarmann. 1968.
Rötlicher Untersberger Marmor.
Lewin 97. Auf der Standfläche mit dem Künstlernamen und der Datierung. 21,5 x 40 x 16,5 cm (8,4 x 15,7 x 6,4 in).

Mit einer Fotobestätigung von Alfred Hrdlicka und Horst Gerersdorfer vom 31.10.1978.

PROVENIENZ: Galerie Gerersdorfer, Wien.
Privatsammlung Süddeutschland (1978 vom Vorgenannten erworben).
Privatsammlung Norddeutschland (durch Erbschaft vom Vorgenannten).

Essay
Ab 1965 beginnt Hrdlicka, sich skulptural mit der Persönlichkeit Haarmanns auseinanderzusetzen. Haarmann tötete seine jungen Opfer durch einen Biss in den Hals und zerstückelte sie auf grausamste Weise, soll die menschlichen Überreste dann im Flussbett der Leine versenkt haben. Vor allem das Operettenlied von Walter Kollo "Warte, warte nur ein Weilchen / Dann kommt auch das Glück zu dir" (1923), das im Volksmund bald auf folgenden Text umgedichtet wurde: "Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Schabefleisch aus dir", hat zu einem breiten nachträglichen Interesse an dem "Fall Haarmann" geführt. Dieses wurde zudem durch nachträgliche Gehirnuntersuchungen am Schädel des Hingerichteten, die hirnografische Schäden aufgrund früherer Krankheiten und damit eine nachträgliche Schuldunfähigkeit des Serienmörders nachgewiesen haben, bis zur Einäscherung des Schädels im Jahr 2014 wachgehalten. Für Alfred Hrdlicka ist der Massenmörder Haarmann der Prototyp des Präfaschisten. Der Gerichtsprozess, der 1924/25 mit Verurteilung und Hinrichtung endete, gilt als eines der wohl größten Medienereignisse der Weimarer Republik. Ein in Kalkstein ausgeführter, sogenannter "Haarmann-Fries" von Hrdlicka befindet sich heute in der Sammlung des Sprengel-Museums in Hannover. Unsere Skulptur des kauernden Haarmann betont die kraftvoll-grobe Physiognomie des Serientäters und führt uns den triebhaften Menschen als zwiespältige Kreatur vor Augen, die niedergeschlagen und bedrohlich zugleich erscheint. Ab Ende der 1960er Jahre beherrscht die Welt psychisch Kranker, die durch Bedrohung, Angst, Schmerz, Leid und psychische Grenzsituationen gefährdete menschliche Figur, Alfred Hrdlickas beeindruckendes bildhauerisches Werk.
526
Alfred Hrdlicka
Haarmann, 1968.
Marmor
Schätzung:
€ 10.000
Ergebnis:
€ 17.500

(inkl. 25% Käuferaufgeld)