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Auktion: 489 / Evening Sale am 07.06.2019 in München Lot 90

 
Objektbeschreibung
Allegro. 1929.
Bronze mit schwarz-grüner Patina.
Auf dem Sockel mit dem Monogramm, dem Gießerstempel "H.Noack Berlin Friedenau" und der Bezeichnung "I". Einer von 8 Lebzeitgüssen aus dem Jahr 1929. (Nach erhaltenen Gussrechnungen wurde 1967 und 1974 noch je ein Guss hergestellt.). Höhe: 71,3 cm (28 in).
Gegossen von der Kunstgießerei Hermann Noack, Berlin. Laut Dr. Ursel Berger wurden generell nur Güsse für den Export in die USA nummeriert und zwar mit "1" und "2", da für die ersten beiden Güsse niedrigere Einfuhrzölle erhoben wurden; die Nummerierung sagt jedoch in der Regel nichts über die zeitliche Reihenfolge der Güsse aus und ist aus Gründen der Steuerersparnis vereinzelt auch doppelt vergeben worden.
Für die vorliegende Bronze stand Kolbe die Tänzerin Eva Rechlin Modell. Rechlin, die Kolbes Werk sehr bewunderte und mit ihm auch nach ihrer Emigration nach Moskau in brieflichem Kontakt stand, hat dem Künstler für mehrere Figuren Modell gestanden.
- Lebzeitguss.
- Einer der ersten Güsse dieser Figur.
- Modell stand die Tänzerin Eva Rechlin.
- "Allegro" zählt zu den sehr bewegten weiblichen Aktdarstellungen aus den späten 1920er Jahren-
- Ein weiterer Guss befindet sich u.a. im berühmten Kemper Art Museum in St. Louis, USA-
- Als Motiv der Weihnachtskarte von 1930 der Galerie Weyhe
.
Mit einem Gutachten von Dr. Ursel Berger, Berlin, vom 1. Februar 2019.

PROVENIENZ: Sammlung Erhard Weyhe, New York (wohl 1929 oder 1930 mindestens zwei Exemplare direkt vom Künstler erworben, 1930 auf der Weihnachtskarte der Galerie Weyhe gezeigt. Weyhe war ein deutschstämmiger Buch- und Kunsthändler, der in der zweiten Hälfte der 1920er und den frühen 1930er Jahren vorrangig französische und deutsche Bildhauerei auf dem amerikanischen Markt etablierte und mit Kolbe in freundschaftlichem persönlichen Kontakt stand).
Privatsammlung USA (vom Vorgenannten durch Erbschaft erhalten).

LITERATUR: Carry Ross, Deutsche Kunst in den Sammlungen New Yorks, in: Museum der Gegenwart 1931/32, S. 11.
Ivo Beucker, Georg Kolbe, Auf Wegen der Kunst, Schriften-Skizzen-Plastiken, Berlin 1949, S. 130 mit Abb. (anderes Exemplar), vgl. für die Skizze auch Abb. S. 60.
Reba White Williams, Greetings from the house of Weyhe, in: Print Quarterly X4 (Dez. 1993), S. 412 und Abb. 260 (Abbildung der Figur auf einer Weihnachtskarte der Galerie Weyhe von 1930).
Ursel Berger, Georg Kolbe und der Tanz, Ausst.-Kat. Georg Kolbe-Museum Berlin und Edwin Scharff Museum, Neu-Ulm, Berlin 2003, S. 81 mit Abb. (anderes Exemplar).
"Who is the greatest German painter? One might give a hundred different answers. Who is the greatest German sculptor? There is only one possible answer to this question. Georg Kolbe."
Carl Georg Heise, Artikel über Georg Kolbe aus Anlass seines 50. Geburtstages, in: Art in America, 1927 (zit. nach: Berger, S. 87)
“Hier war endlich wieder ein menschlicher Körper, der sich aus innerer Musikalität frei entfaltete. Das im Rhythmus selig wiegende […] und in jeder Fiber wache Mädchen tanzte alle Riesen und Heroen heiter zu Boden."
Adolf Behne über Georg Kolbes Werk, 1947, zit. n.: Ursel Berger: Georg Kolbe. Leben und Werk, Berlin 1990, S. 43.

Essay
Die sich durch ihren exzentrisch-raumgreifenden Bewegungsgestus auszeichnende Skulptur "Allegro" hat Georg Kolbe zwei Jahre nach seinem "Schicksalsjahr" 1927 geschaffen, in welchem Kolbe nicht nur zum bekanntesten und erfolgreichsten Bildhauer Deutschlands aufstieg, sondern zugleich seine größte und fortan lebensbeherrschende private Tragödie erlitt: Benjamine Kolbe, die Frau des Künstlers, hatte sich im Februar 1927, wenige Tage vor dem 25. Hochzeitstag, im Alter von 46 Jahren von Melancholie und Depression gezeichnet das Leben genommen. Der Künstler hat rückblickend festgehalten: "Das Jahr 1927 sollte mein Schicksalsjahr werden. Ich verlor meine Lebensgefährtin! Sie ist unersetzlich und mein Glück ist vernichtet." (zit. nach: Berger, S. 88). Auch Kolbes bildhauerisches Schaffen erlebt daraufhin einen entscheidenden Wandel, großen Raum nehmen nun in sich gekehrte, trauernde Frauenfiguren wie die "Niedersinkende" (vgl. Berger 111), die "Niedergebeugte" (vgl. Berger 138) oder die "Pietà" (vgl. Berger 120) ein. In "Allegro" (ital. rasch, munter, heiter) scheint Kolbe erstmals wieder gegen die In-sich-Gekehrtheit der vorausgegangenen Arbeiten ankämpfen zu wollen. Das gewählte Motiv des "heiteren" Tanzes in Kombination mit der raumgreifenden Geste belegt dies, jedoch rufen die weit ausgebreiteten Arme zugleich Assoziationen an den christlichen Segensgestus wach und die musische Motivik liefert erneut Bezüge zu Benjamine, deren eigentliches Element die Musik gewesen war. Als Gesangsstudentin in Bayreuth hatte sie Kolbe kennengelernt, sie hatte leidenschaftlich gerne Opernaufführungen besucht und das gemeinsame Zuhause musikalisch geprägt. Kolbe scheint mit dem exzentrischen Gestus und dem Titel, der musikalischen Charakterbezeichnung "Allegro", geradezu an seine Lebensfreude und die Musikalität seiner zu Lebzeiten Benjamines entstandenen Plastiken anknüpfen zu wollen: Und so kann die Bronzefigur "Allegro", die zu Lebzeiten Kolbes nur in acht Exemplaren gegossen wurde, als ein herausragendes Zeugnis von Kolbes künstlerischer Vergangenheitsbewältigung gelten. [JS]
90
Georg Kolbe
Allegro, 1929.
Bronze
Schätzung:
€ 80.000
Ergebnis:
€ 79.651

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
 


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Georg Kolbe - Allegro - Rückseite
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