Auktion: 489 / Evening Sale am 07.06.2019 in München Lot 102

 
102
Gotthard Graubner
Ohne Titel (Farbraumkörper, rot), 1987.
Mischtechnik
Schätzung:
€ 60.000
Ergebnis:
€ 150.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Ohne Titel (Farbraumkörper, rot). 1987.
Mischtechnik . Acryl auf Leinwand, über Watte auf Keilrahmen.
Verso signiert, datiert und mit Richtungspfeil. 57 x 39 x 12 cm (22,4 x 15,3 x 4,7 in).

• Imposante tiefenräumliche Präsenz.
• Typischer Farbraumkörper in grandioser Farbigkeit.
• Außergewöhnlich guter Erhaltungszustand
.

PROVENIENZ: Galerie Sander, Darmstadt.
Privatsammlung Baden-Württemberg (vom Vorgenannten erworben).

"Die Farbe entfaltet sich als Farborganismus; ich beobachte ihr Eigenleben, ich respektiere ihre Eigengesetzlichkeit. So konnte sich die zweidimensionale Ausbreitung zum Leib verdichten, der Leib sich in körperloser Verdichtung im Raum als Nebel lösen. Der Nebelraum als wohl totalste Äußerung meiner Malerei beansprucht alle Sinne [..]."
Gotthard Graubner, in: Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Ausgabe 16, München 1991, S. 15.

Essay
Ein Jahr nach Entstehung der vorliegenden Arbeit hat Gotthard Graubner die beiden riesigen Wandbilder der "Begegnungen" für den Amtssitz des Bundespräsidenten im Berliner Schloss Bellevue geschaffen, die, in Violett und Gelb gehalten, bis heute die beiden Stirnseiten des Großen Saales schmücken und mit ihrem gewaltigen Farbklang in den Raum ausgreifen. Während Graubner seine frühen Kissenbilder zunächst noch mit feinen Nylongeweben bespannt, verwendet er für seine späteren, großformatigeren "Farbraumkörper" wie auch in unserer leuchtenden Arbeit zunehmend feste Leinwandgewebe, die er mit Polsterwatte hinterfüttert. Der eine wolkige Farbtiefe erzeugende Farbauftrag erfolgt meist mit verschiedensten, besenartigen Pinseln auf den am Boden liegenden Bildträger. Um die Vielschichtigkeit und Tiefe der einzelnen Farbwerte - wie in unserer herausragenden Arbeit ein leuchtend-tiefes Magenta - zu einem Farbraumkörper von oszillierender Wirkung und einzigartiger ästhetischer Präsenz zu steigern, erfordert es zahlreiche Trocknungsprozesse sowie eine besondere kompositionelle Sensibilität, die Graubners malerisches Schaffen in entscheidender Weise auszeichnet. Zunächst in Aquarellen, dann auch auf der Leinwand erprobt Graubner Formen des Farbauftrags, die den vielfach verdichteten Farbschichten eine Priorität gegenüber der begrenzenden Form der Bildränder sichern. Um die räumliche Wirkung der Farbflächen zu verstärken, verlegt sich Graubner Anfang der 1960er Jahre darauf, bildgroße Farbkissen mit Perlongewebe zu überspannen. Durch das vorherige Tränken und Bemalen der Stoffkissen mittels mehrerer Lagen verdünnter Acrylfarben schafft Graubner eine fluktuierende, atmende Verdichtung gleich einem auf den Betrachter zugreifenden Farbraum. Und so ersetzt Graubner schließlich 1970 die älteren Werkbezeichnungen "Farbleib" bzw. "Kissenbild" durch die Bezeichnung "Farbraumkörper". In diesen beeindruckenden malerischen Schöpfungen, die zuerst vom bedeutenden Düsseldorfer Galeristen Alfred Schmela ausgestellt werden und Graubner schließlich 1965 einen Lehrauftrag und ab 1969 eine Professur an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg einbringen, hat Graubner schließlich eine Entgrenzung der Farbwirkung vom Bildträger erreicht, indem er diesen in die dritte Dimension weitet und den Farbauftrag auf diese Weise in den Raum ausgreifen lässt. Beispielhaft wird dies an dem vorliegenden Werk deutlich, das Graubners Einsatz von Farbe als absolut wichtigstes Gestaltungsmittel in besonderer Weise erfahrbar werden lässt. Die außergewöhnlich grobe Leinwand unterstützt in ihrer Struktur die effektvolle Wirkung der Farbe. Sie tritt nicht plan auf, sondern skulptural, kann sich entfalten und eine verborgene, ganz leicht angedeutete Plastik einlösen. Aufgrund der innovativen Ästhetik dieser dreidimensionalen Malerei, mit der Graubner zudem auch 1968 zum ersten Mal auf der Documenta in Kassel vertreten ist, gelten Graubners "Farbraumkörper" als der zentrale Werkkomplex im Œuvre des Künstlers. [JS]
102
Gotthard Graubner
Ohne Titel (Farbraumkörper, rot), 1987.
Mischtechnik
Schätzung:
€ 60.000
Ergebnis:
€ 150.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)