Auktion: 496 / Evening Sale am 06.12.2019 in München Lot 120

 
120
Egon Schiele
Männlicher Unterleibstorso, 1910.
Kohlezeichnung
Schätzung:
€ 200.000
Ergebnis:
€ 250.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Männlicher Unterleibstorso. 1910.
Aquarellierte Kohlezeichnung.
Rechts unten monogrammiert "S" und datiert. Auf bräunlichem Velin. 45,2 x 31 cm (17,7 x 12,2 in).
[SM].
• Provozierende Geste.
• Schonungsloser Blick auf sich selbst.
• Schönheit der Darstellung im Detail.
• Erstmals auf dem internationalen Auktionsmarkt angeboten.
.
Die vorliegende Zeichnung ist im Archiv von Frau Jane Kallir, New York, unter der Nummer "D. 668a" registriert und wird in den unpublizierten Nachtrag zum Werkverzeichnis aufgenommen.

PROVENIENZ: Serge Sabarsky, New York.
Privatsammlung Süddeutschland (seit den späten 1970er Jahren).

Essay
Ein extrem auffallendes, in den Bann ziehendes Aquarell, das Egon Schieles Körper hüftabwärts zeigt, mit feinen, aber bestimmten Linien umrissartig konturiert und mit zart gehaltenen, überwiegend blutroten Aquarellfarben an Fersen, Fußsohle, Knien und Oberschenkel koloriert. Eine provozierende Geste, mit der der Künstler seinen Körper hinab unterhalb der Rippen erforscht, etwa den Blick auf sein Genital deutlich hervorhebt und seine Beine in stark angewinkelter Form gespreizt niederlegt. Schiele verschweigt uns die Befindlichkeit seines Oberkörpers, seiner Arme, Hals und Kopf, wie er dies mit dem berühmten, im Leopold Museum in Wien hängenden Gemälde "Sitzender Männerakt", ebenfalls von 1910, tut, einem Akt, dem dafür aber wie schockierend die Füße fehlen. Die künstlerische Entwicklung Egon Schieles findet im Jahr 1910 ihren sehr eigenen Stil, eine expressive Steigerung des Ausdrucks, eine dem Künstler fortan immanente Anschauung von Körper und Haltung, Überdehnung der Pose. In dieser provozierenden, bisweilen schockierenden Beobachtung von Körperlichkeit gelingt es Schiele, das physische wie auch das psychische Befinden der Porträtierten, des Porträtierten abzufragen und entsprechend in Zeichnungen, in Aquarellen umzusetzen und mit gesteigerten Farbkontrasten weiter anzufachen, letztlich die Phänomenologie des Körpers einer enormen wie exstatischen Übertreibung zu überführen. Die sexuelle Befreiung, nicht nur befeuert von Sigmund Freuds Psychoanalyse, verbreitet sich in der Welt der Literaten, Musiker und bildenden Künstler. Gustav Klimt gelingt es, Damen der Gesellschaft als Modelle zu gewinnen und deren leidenschaftliche Erregungen in Zeichnungen festzuhalten, freilich noch etwas versteckt. Für den jungen Oskar Kokoschka und mehr noch für Schiele öffnet sich mit ihrer Leidenschaft für erotische Fantasien ein großes Feld der direkten wie freizügigen Betrachtung. Schiele gelingt es, sein sexuelles Begehren und den Blick darauf zu sublimieren und in eine feine Ästhetik zeichnerisch umzusetzen, ohne pornografisch zu wirken. Meist weibliche Modelle, nahe Bekannte oder Geliebte, kann der Künstler zu bisweilen äußerst intimen Haltungen überreden. Für ekstatische, männliche Figurenkompositionen stellt sich der Künstler selbst in den Fokus und schafft einen ebenso außergewöhnlichen wie auch provokativen Ausdruck, so auch mit dem hier vorzustellenden Aquarell mit einem männlichen Unterleibstorso. Schieles Schonungslosigkeit gegenüber seinen ausgemergelt wirkenden Extremitäten ist evident, hingegen ist die Schönheit der Darstellung offensichtlich in seinen Details und möchte eigentlich weniger provozieren, sondern die unterschiedlichen Möglichkeiten, Mensch zu sein, ausloten und dabei Auskunft nicht nur über seinen eigenen Körper erhalten. Sicherlich mag Schieles Selbstdarstellung auch mit den Rollen, die er theatralisch und übersteigert auf der Bühne seines Werkes selbst einnimmt, in Zusammenhang stehen. Fest zu stehen scheint auch, dass ihm die freie, ungezwungene und nuancierte Zeichnung von extremem Körperausdruck ein hohes Gut ist, für das der Künstler, der Freigeist, sogar Untersuchungshaft wegen Unsittlichkeit im April 1912 über sich ergehen lässt. [MvL]
120
Egon Schiele
Männlicher Unterleibstorso, 1910.
Kohlezeichnung
Schätzung:
€ 200.000
Ergebnis:
€ 250.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)