Auktion: 494 / Klassische Moderne am 07.12.2019 in München Lot 418

 
418
Gabriele Münter
Landschaft bei Stockholm (Naturstudie aus Dänemark), 1916.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 50.000 - 70.000
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Objektbeschreibung
Landschaft bei Stockholm (Naturstudie aus Dänemark). 1916.
Öl auf Leinwand.
Rechts unten signiert und datiert. Auf dem Keilrahmen mit der gestrichenen Bezeichnung von fremder Hand "G. Münter Stocksund Villa" sowie mit den Resten von zwei Etiketten. Zudem mit dem Adressstempel eines Rahmenmachers "Forager House Studio" in Washington Crossing, Pennsylvania. 58,5 x 46,2 cm (23 x 18,1 in).

• Herbstliche Landschaftsschilderung aus dem Jahr der Trennung von Wassily Kandinsky.
• Vor Kriegsende von Münter aus dem dänischen Exil an ihren Onkel in Texas gesandt
.
Mit einer schriftlichen Bestätigung der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung vom 18. Oktober 2011 (in Kopie). Das Gemälde wird in das Werkverzeichnis der Gemälde von Gabriele Münter aufgenommen.
Eine Originalfotografie des Gemäldes mit handschriftlichem Vermerk der Künstlerin "G. Münter / Naturstudie aus Dänemark / aus der Bildersendung gegen 1918 an Joe Donohoo, Pleinview Texas/ nun bei Minnie Moore, Littele Rock, Arkansas / Jan. 1957" befindet sich im Archiv der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München.

PROVENIENZ: Joe Donohoo, Plainview, Texas (Onkel der Künstlerin, gegen 1918).
Minnie Moore, Little Rock, Arkansas (1957).
Sammlung Dr. Albert Rosenthal, New Jersey (1972).
Privatbesitz Süddeutschland.
Privatsammlung Hessen.

AUSSTELLUNG: Festival 72: Exhibition of Decorative and Fine Arts from New Jersey Private Collections, New Jersey State Museum, 30.6.-6.8.1972, mit sw-Abb. (hier unter dem Titel "Stocksund Villa").
Klinger to Kollwitz. German Art of Expressionism, Princeton University Art Museum, Januar bis Juni 2002, Kat.-Nr. 35.

"Münter ist am Besten, wenn sie in ein paar Farben ein Erlebnis einfängt und es einfach und naiv zusammenbringt und die Einzelheiten fallen läßt. Dann fängt sie das ein, was uns anderen entgeht und was zu still ist, um gesagt zu werden."
Gregor Paulsson, Gabriele Münter, in: Stockholms Dagblad, 20. Oktober 1916.

Aufrufzeit: 07.12.2019 - ca. 16.48 h +/- 20 Min.

Essay
Für Gabriele Münter und Wassily Kandinsky bedeutet der Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine grundlegende Zäsur, da der Russe Kandinsky als Angehöriger einer "Feindesmacht" ausreisen muss. Beide verlassen ihre süddeutsche Heimat zunächst gemeinsam in die Schweiz, von wo aus sich ihre Wege - abgesehen von einer nur kurzen gemeinsamen Zeit Anfang 1916 in Skandinavien - dauerhaft trennen sollten. Kandinsky kehrt Ende 1914 nach Russland zurück, wo er schließlich 1917 Nina Andrejewskaja heiratet, und Münter reist im Sommer 1915 über München nach Skandinavien, wo sie fast fünf Jahre, anfänglich wartend auf Kandinsky, verbringen sollte. Im Juli 1915 kommt die Künstlerin in Stockholm an und mietet sich in einer Pension am Stureplan im Herzen der Stadt ein, von wo aus sie Ausflüge in die Umgebung unternimmt. Münter macht sich schnell mit dem künstlerischen Milieu vertraut und versucht für sich und Kandinsky - der ihr bald nachfolgen wollte - Ausstellungsmöglichkeiten zu finden. Als Kandinsky nach mehreren Aufschüben endlich einen Tag vor Weihnachten 1915 in Stockholm eintrifft, hat Münter sich bereits als Vertreterin der internationalen Avantgarde etabliert und die schwedische Kunstszene gut auf Kandinskys Kommen vorbereitet. Bereits im Februar und März 1916 zeigt Gummesons Kunsthandel in Stockholm zunächst eine Kandinsky- und in direktem Anschluss eine Münter-Ausstellung, die mit einer gemeinsamen Broschüre beworben wird und ein großer Publikumserfolg ist. Zwei Tage nach dem Ende der Ausstellung reist Kandinsky jedoch bereits wieder nach Moskau. Beim Abschied am Stockholmer Bahnhof am 16. März 1916 ahnt wohl keiner von beiden, dass es kein Wiedersehen für sie geben würde. Im Sommer reist Münter von Stockholm bis nach Navik in Norwegen und kehrt schließlich über Oslo und Göteborg wieder in die Nähe von Stockholm zurück, wo sie sich im September 1916 für ein paar Wochen in einer Pension in der nördlichen Vorstadt Stocksund einmietet. Durch kriegsbedingte Handelsbeschränkungen und Missernten wird auch das Leben in Schweden immer schwerer für Münter, die fortan versucht, sich mit Porträts der wohlhabenden Bewohner Stocksunds über Wasser zu halten. Kandinsky, der versprochen hatte, spätestens im Herbst 1916 wieder bei Münter zu sein, hatte mit seinem Brief vom 28. September schließlich seine Meinung geändert und schrieb, dass er den Winter über in Moskau bleiben wolle, um erst im Frühjahr nach Schweden zu fahren und im Sommer Studien nach der Natur zu malen. Dazu sollte es bekanntlich nicht kommen, und so ist die vorliegende, 1916 datierte Herbstlandschaft, die vermutlich in der Nähe von Stocksund entstanden sein mag, von Münter jedoch nachträglich in ihren Aufzeichnungen fälschlicherweise "Naturstudie aus Dänemark" betitelt wird, eines der seltenen freien malerischen Zeugnisse aus dem entbehrungsreichen Jahr der Trennung von Kandinsky. In aufgewühltem, energischem Strich hat Münter die parkähnlichen Gartenanlagen der wohlhabenden Vorstadt eingefangen. Der Farbauftrag ist unruhiger, weniger flächig als in früheren Jahren und erklärt die Natur zum alleinigen Protagonisten des souveränen herbstlichen Farbenspiels. Münter muss die vorliegende, empfindsam geschilderte Landschaft dann vor Kriegsende von Kopenhagen aus, wo sich die Künstlerin seit Spätherbst 1917 im Exil befand, ihrem Onkel, dem Viehhändler Joe Donohoo, nach Texas gesandt haben. Vermutlich wollte sie unsere schöne Landschaft und die anderen Arbeiten der Sendung auf diese Weise vor den europäischen Kriegswirren in Sicherheit wissen. [JS]
 


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