Auktion: 500 / Evening Sale am 17.07.2020 in München Lot 120000134

 
120000134
Max Beckmann
Holzfäller, 1933.
Aquarell
Schätzpreis: € 140.000 - 180.000
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Objektbeschreibung
Holzfäller. 1933.
Aquarell über Bleistift.
Beckmann 58. Rechts unten signiert und datiert. Auf Maschinenbütten von PT Antique (mit dem Wasserzeichen). 50,2 x 64,8 cm (19,7 x 25,5 in), blattgroß. [EH].

• Aus dem für Beckmann so wichtigen Jahr 1933
• Ein Aquarell voll rätselhafter Symbolik
• Sein Galerist Günter Franke erkennt die Bedeutung des Bildes und übernimmt das Blatt unmittelbar nach seiner Entstehung.
• Beckmann Aquarelle sind auf dem Auktionsmarkt äußerst selten
.

PROVENIENZ: Galerie Günther Franke, München (spätestens 1934 direkt vom Künstler erhalten).
Hildebrand Gurlitt, Düsseldorf (seit spätestens 1953).
Wohl Roman Norbert Ketterer, Campione d'Italia.
Alice Adam Ltd., Chicago.
Fred Ebb, New York (1982-2004).
Privatsammlung Hessen.

AUSSTELLUNG: Deutsche Kunst - Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, Kunstmuseum Luzern, 1953, Kat.-Nr. 243.
Max Beckmann - Zeichnungen und Aquarelle, Max Beckmann Gesellschaft/Staatliche Graphische Sammlung, München, 1954 (o. Katalog).
Max Beckmann - Die Aquarelle und Pastelle, Schirn Kunsthalle, Frankfurt a. M.; Guggenheim Museum, Bilbao, 2006, Kat.-Nr. 58 m. Farbabb.
Max Beckmann, Galerie Jörg Maaß, Berlin, 2010, S. 34.

LITERATUR: Erhard Göpel, Der Zeichner Max Beckmann, in: Kunstchronik, 7. Jg., 1954, H. 4, S. 91-93, hier S. 91.
Doris Schmidt (Hrsg.), Briefe an Günther Franke. Porträt eines deutschen Kunsthändlers, Köln 1970, S. 44.
Galerie Kornfeld, Bern, Auktion 1980, 23.-25.6.1982, Kat.-Nr. 15, Abb. Tf. 72.
Klaus Gallwitz, Uwe M. Schneede und Stephan von Wiese (Hrsg.), Max Beckmann. Briefe, 3 Bde., München/Zürich 1993-1996, Bd. II, S. 240, Brief 623 (an Günther Franke, 3.2.1934) u. Anm. S. 436.

Essay
Was ist passiert? Ein elegant, sommerlich gekleideter Mann auf dem Boden zwischen drei glatt abgesägten Baumstümpfen. Er wirkt in sich gekehrt, die rechte Hand stützt den scheinbar schwer gewordenen Kopf, die linke umfasst das Knie. An seiner Seite ruht ein schwarz-weiß gefleckter Hund, den Kopf aufmerksam angehoben, die Augen geöffnet. Deutlich und dennoch beiläufig liegt hinter einem der Baumstümpfe eine Axt. „Holzfäller“, so der Titel, verdeutlicht die konzentriert angelegte Szene, sie erscheint somit im ersten Moment überschaubar und ist doch nicht sogleich zu entschlüsseln. Wie so oft fordert Max Beckmann den Betrachter auf, ihn in seine Welt der Symbolik zu begleiten.
Die Haltung des jugendlichen Mannes erscheint auffällig, womöglich angelehnt an Albrecht Dürers Meisterstich „Melencolia I“ aus dem Jahr 1514: Eine engelsgleiche Figur, sichtbar der Verzweiflung nahe, begleitet von einem Putto, zu Füßen ein Hund, umgeben von Werkzeugen, astronomischem Gerät, Kugel und Polyeder, dominiert die Inszenierung. Über dem Horizont verteilt Dürer in der Weite des Himmels ein aufregendes Spiel zwischen Regenbogen und hell strahlendem Stern. Beckmann weiß um die Deutung des Blattes, hat die Ausführungen der vielleicht wichtigsten Erklärungen zu der Szene von Erwin Panofsky gelesen und entdeckt vielleicht seine momentane Situation in der Allegorie Dürers gespiegelt, wonach das Licht des Planeten Saturn den Melancholiker trifft und somit auch zu dessen tragischen Thema wird, er sich als Künstlergenie in einer ähnlichen Gemütsverfassung wiederfindet wie der Engel, nämlich unfähig zu sein, etwas zu tun. Ist das so?
Also Beckmann selbst, zutiefst melancholisch zwischen drei glatt abgesägten Bäumen sitzend, unfähig zu arbeiten? Sicher, das Aquarell entsteht in einer ungewissen Zeit für den Künstler. Die Nationalsozialisten beenden 1933 sein Lehramt an der Städel-Schule. Er gibt seinen Wohnsitz in Frankfurt auf und wechselt nach dem ihm vertrauten Berlin in die Graf-Spee-Straße. Aber unfähig zu arbeiten? Entstehen in diesem Jahr 1933 nicht großartige Gemälde wie der „Der kleine Fisch“ (Göpel 373), „Selbstbildnis im großen Spiegel mit Kerze“ (Göpel 380), „Geschwister“ (Göpel 381)? Entstehen nicht parallel ebenso aussagegewaltige Aquarelle wie „Frauenkopf (Colette)“, „Der Mord“ oder „Odysseus (Odysseus und Sirene)“! Und dazwischen beschäftigt sich Beckmann mit diesem Aquarell und betitelt es mit „Holzfäller“.
Wir wissen, wie häufig Beckmann das eigene Gesicht, das eigene Wesen in vielfältiger Weise zum Gegenstand prüfender Selbstbefragung macht, Bühnen im Theater oder Zirkus für seine Auftritte wie geschaffen sind und er das gewählte Rollenspiel bisweilen als stiller Beobachter des Geschehens benutzt, um mit skeptischem Blick und entschlossener Mimik sein selbstbildnerisches Schaffen als bloße Selbstbespiegelung zu inszenieren, die durchaus Töne des Tragischen und Melancholischen anklingen lassen können. Aber ist dieser in sich gekehrte, träumende junge Mann Beckmann selbst? Doch eher ein „Schönling“ wie einst die jungen Männer am Meer? Der Hund, eine Art Schäferhund mit fantastischer Fellmaserung, den der Maler in Paris im Bois de Boulogne sieht und im Gemälde „Mädchen mit Hunden spielend“ (Göpel 382) verewigt, oder doch ein Höllenhund mit aggressivem Zickzackmuster und gefletschten Zähnen? Das monochrom braun eingefärbte Papier! Gibt dies den politischen Grundton wieder? Und schließlich kann die Axt zwar zum Baumfällen dienen, aber nicht zu diesem „glatten“ Ergebnis beitragen. Also alles nur ein „Stück“ Traum? Das Ende einer erfolgreichen Entwicklung in Frankfurt, in Paris, und er, der Künstler, ist fremdbestimmt in dieser Situation? Und schließlich sieht sich Beckmann eben nicht als der Max Beckmann von 1933, sondern eher in einer Zeitallegorie, gefangen in einer traumatischen Situation und in Gefahr: Die Bäume sind schon gefällt, die Axt ist dennoch bereit ..?
Das Aquarell mit dem Titel „Holzfäller“ lässt sich wohl nur an der Oberfläche entschlüsseln, viel tiefer in den Raum der Tiefenpsychologie reichen die seelischen Vorgänge, von denen Beckmann uns erzählen, aber nichts preisgeben möchte. An seinen Galeristen Günther Franke in München schreibt Beckmann am 3. Februar 1934 - jetzt bereits aus Berlin: „stellen sie immer wieder gelegentlich aus: .. das Aquarell Holzfäller .." (M. Beckmann an G. Franke am 3.2.1933, Briefe II, Nr. 623, S. 240). Franke kann sich das Aquarell zeitnah nach der Entstehung für sein Galerieangebot sichern. [MvL]
 


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