Auktion: 500 / Evening Sale am 17.07.2020 in München Lot 239

 
239
Ernst Ludwig Kirchner
Zwei liegende Akte, Um 1908.
Farbige Kreidezeichnung
Schätzpreis: € 140.000 - 180.000
+
Objektbeschreibung
Zwei liegende Akte. Um 1908.
Farbige Kreidezeichnung.
Verso mit dem Nachlassstempel des Kunstmuseums Basel (Lugt 1570b) und der handschriftlichen Registriernummer "Fs Dre/Bg 64". Auf bräunlichem Zeichenpapier. 34,2 x 44,2 cm (13,4 x 17,4 in), blattgroß. [SM].

• Frühe, kraftvoll farbige Kreidezeichnung von malerischer Fülle.
• Kirchner charakterisiert seine Modelle in ihrer persönlichen
Selbstverständlichkeit.
• Kirchners Hommage an seine Geliebte Doris Große
.

Die vorliegende Arbeit ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern, dokumentiert.

PROVENIENZ: Nachlass des Künstlers.
Galerie Kornfeld, Bern.
Ernst & Gustel Pfänder, Nürtingen (seit den 1960er Jahren, vom Vorgenannten erworben)
Privatsammlung (durch Erbschaft vom Vorgenannten)
Privatsammlung Nordrhein-Westfalen.

Aufrufzeit: 17.07.2020 - ca. 18.08 h +/- 20 Min.

Essay
Dass die bei Kees van Dongen gesehene direkte Buntheit, die bemerkten feinen Silhouetten eines Gustav Klimt auf Kirchner seit deren Dresdener Präsentationen in Ausstellungen 1908 auf ihn Einfluss nehmen, beschreibt schon Karlheinz Gabler, Kunsthistoriker, Sammler und Kirchner-Kenner, in seinem Beitrag zu den Aquarellen und Zeichnungen im Düsseldorfer Ausstellungskatalog 1960 anlässlich Kirchners 80. Geburtstages: "Kirchner verwandelt diese Anregungen bis zur Unendlichkeit. Aus ihnen hat er bis zum Sommer 1910 ein ganz persönliches, variantenreiches, zeichnerisches Werk geschaffen. [..] Kirchners Zeichnungen und Pastelle des 'weichen Stils' (1908-1910) sind von einer prallen, problemlosen Sinnlichkeit erfüllt [..]." (Karlheinz Gabler, Ernst Ludwig Kirchner, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf 1960). So erscheinen auch diese beiden auf einer polstergleichen Kissenlandschaft liegenden, drallen Frauen, die Kirchner mit souveränem Strich drapiert, ganz in der bewundernswerten Rasanz, die er mit seinen "Brücke"-Freunden mit den "Viertelstunden-Akten" im Atelier von Fritz Bleyl eingeübt hatte. Die kraftvoll farbige Kreidezeichnung lebt von ihrer schnellen Ausführung. Wieder sind es zwei Akte, die in Kirchners Atelier nebeneinander liegend kauern und mit geöffneten Augen den Künstler bei seinem Tun beobachten. Während sich das linke Modell, bis auf das Gesicht mit roten Wanden, nahezu vollständig in eine Decke verhüllt, liegt das rechte Modell mit angezogenen Beinen in entspannter Nacktheit seitlich aufgestützt. Kirchner genügen wenige kräftige Konturen mit Farbkreide, um die Szene zu erfassen und den Raum zwischen den Körpern anschließend mit wenigen Schraffuren zu füllen. Der Hintergrund, die Beschaffung einer Atelierwand bleibt ungeklärt, der Farbton des Papiers dominiert hier die Komposition. Ist die Zeit des Stillhaltens für die Farbkreidezeichnung als kurzweilig anzunehmen, so müssen die beiden selben Modelle für ein zeitgleich entstehendes Gemälde "Stehende nackte Mädchen am Ofen" länger die gewünschte Pose einnehmen. Wer sind die beiden Frauen mit den hochgesteckten Haaren? Kirchner charakterisiert seine Modelle in ihrer persönlichen Selbstverständlichkeit und distanziert sich nicht nur, wie auch die anderen Künstlerfreunde, deutlich von der akademisch geübten Sicht, sondern findet auch einen Weg für die Darstellung von Ursprünglichkeit und nicht zuletzt erotisch aufgeladener Weiblichkeit. Kirchners mit wenigen Konturen umschreibende Körperdarstellungen sind lebendig und erweisen sich als eine große Verehrung an die Körperschönheit der Frau, hier eine Hommage an seine Geliebte Dodo. Doris Große, die Kirchner wohl seit 1903 bekannt ist, aber erst 1909 seine Geliebte wird? Das andere Modell ist möglicherweise Dodos Schwester Armgart? Kirchner beginnt diese rasante Erzählweise von Atelierszenen mit zwei Modellen schon 1906 mit Kohle, wechselt zu klaren Umrisszeichnungen mit Buntstiften, um im nächsten Schritt die weiche Seite der Pastellkreide in den Vordergrund zu stellen und damit auch wie hier eine malerische Fülle zu erreichen, der Szene mit schnellen, weichen Schraffuren den gewünschten Tiefenraum gegenüber dem Farbton des Papiers zu verleihen. Kirchner konzipiert eine eigene Welt der Farbigkeit mit Komplementärakzenten und erzeugt in den sich bisweilen im selben Strich begegnenden Farben spannungsvolle Kontraste. [MvL]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Ernst Ludwig Kirchner "Zwei liegende Akte"
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