Auktion: 500 / Evening Sale am 17.07.2020 in München Lot 209

 
209
Otto Dix
Drei Weiber, 1922.
Aquarell über Kohle
Schätzpreis: € 200.000 - 300.000
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Objektbeschreibung
Drei Weiber. 1922.
Aquarell über Kohle.
Pfäffle A 1922/61. Rechts unten signiert und datiert. Verso alt handschriftlich betitelt und bezeichnet. Auf leichtem Karton. 64 x 49 cm (25,1 x 19,2 in), blattgroß. [SM].

• Die feinen, distanziert wirkenden Kokotten Kirchners auf dem Berliner Straßenstrich wechseln bei Dix in eine unretouchierte Huren-Thematik von potenzierter Direktheit.
• Dix betont sichtlich die Wirkung einer provozierenden Anstößigkeit.
• "Desillusionierung des Eros" (Fritz Löffler).
• Großformatige Arbeit aus den gefragten 1920er Jahren.
• Seit über 60 Jahren in Familienbesitz
.

PROVENIENZ: Galerie Nierendorf, Berlin.
Privatsammlung, Deutschland (1958 bei Vorgenannten erworben, seitdem in Familienbesitz).

AUSSTELLUNG: Die Sammlung Karl Ströher: Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Hessisches Landesmuseum, Darmstadt, 1965, Kat.-Nr. 10 (mit Abb. S. 22).
Otto Dix. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Graphik. Kunstverein in Hamburg, Hamburg / Frankfurter Kunstverein, Frankfurt, 1966/1967, Kat.-Nr. 64.

LITERATUR: Birgid S. Barton, Otto Dix und die neue Sachlichkeit 1918-1925, 1981. S. 141, V B 43.

Aufrufzeit: 17.07.2020 - ca. 17.15 h +/- 20 Min.

Essay
Neben der Vielzahl bedeutender Gemälde, die Otto Dix nach dem Ersten Weltkrieg zunächst in Dresden und dann von 1922 bis 1925 in Düsseldorf malt, sind es vor allem Aquarelle und Zeichnungen, die zu den produktivsten Jahren seines Lebens beitragen. Zwei Themen faszinieren den Künstler in dieser Zeit: der Krieg und die Hure. Seine persönlichen Kriegserfahrungen, den Schrecken des Todes, die Opfer der Zivilbevölkerung und die Grausamkeiten der verrohten Soldaten bewältigt Dix in zahlreichen Bleistift-, Kreide- und Kohlezeichnungen, die er an der Front in den Gräben fertigt und die schließlich in seinem grafischen Hauptwerk, dem Zyklus "Der Krieg" (1924) mit 50 Radierungen noch brutaler, direkter und schonungsloser wiedergegeben kulminieren.
Das Todesmotiv konfrontiert Dix auch mit dem Leben der Dirne. Die Dirne verkörpert Vitalität, sie ist lebensbejahend, aber nicht romantisch oder naiv, sondern ähnlich brutal realistisch und antibürgerlich, um nicht zu sagen ‚sachlich’. Der erste Biograf des Künstlers, der Dresdner Fritz Löffler, prägte dafür die Formel von der "Desillusionierung des Eros". Dix notiert damals, was er sieht, als er 1919 am Ende der Ziegelgasse, im Bordell-Viertel der Dresdener Altstadt wohnt und sich im Milieu herumtreibt, wie einst Henri Toulouse-Lautrec im Montmartre, Heinrich Zille im Berliner Wedding oder Ernst Ludwig Kirchner am Potsdamer Platz. Dix findet seine Modelle dort in den Cafés am Altmarkt, auf der Seestraße und am Ring, spricht Frauen auf der Straße an, die ihn interessieren und macht sie zu Protagonistinnen seiner überbordenden Bordellszenen. Die feinen, distanziert wirkenden Kokotten Kirchners auf dem Berliner Straßenstrich wechseln bei Dix in eine unretouchierte Huren-Thematik von potenzierter Direktheit, ganz ohne das expressionistische Pathos eines Kirchners zu bemühen. Dix dokumentiert das Leben von "Olga", der "kessen Berta", der "süßen kleinen Elly", oder von der "Gretel", die anbiedernde Arbeit dieser Frauen schonungslos und direkt: eine Sozialkritik möchte er nicht unbedingt dabei mitschwingen lassen. Im Gegenteil: die drei Dirnen unterschiedlichen Alters und wohl auch beruflicher Erfahrung treten gemeinsam auf die Bordell-Bühne und exponieren ihre Körper. Es sind keine eleganten Tänzerinnen, keine geschmeidige Artistinnen, oder gar ephemere Figuren, sondern Frauen, die zielgerichtet entschlossen ihrem Beruf nachgehen und sich entsprechend hergerichtet haben: Überschminkt, die Haare geordnet, nackt und allenfalls bekleidet mit bunten Strümpfen, fixiert mit Bändern, in spitz zulaufenden, hochhackigen Stiefeletten. Dix betont sichtlich die Wirkung einer provozierenden Anstößigkeit, allenfalls lässt er das Groteske der Situation mitschwingen.
Dix ist kein Voyeur, er ist ein Mitleidender. Er modelliert die Frauenkörper mit der gleichen zeichnerischen Geste wie zuvor die toten Soldaten im Schützengraben. Mit dem Einsatz von roter, rot-oranger und blauer Aquarellfarbe in zarter Abstimmung überhöht Dix die schwülstige Atmosphäre dieses großformatigen Blattes. Die Komposition der "Drei Dirnen" sind von einzigartigem Rang und stehen unzweifelhaft in einer Werkreihe mit dem Gemälde "Der Salon I" aus dem selben Jahr. Dort sitzen zwei der drei noch eben sich prostituierenden Damen ordentlich am Tisch und nehmen eine weitere Dirne in ihre Mitte, fein herausgeputzt, die Nacktheit ihrer Körper kaum verdeckt von der leichten Garderobe, die Haare mit zartem Federschmuck aufwendig frisiert und warten, während sich im Vordergrund „Gretel“ ihre Oberweite zurechtrückt. Von ihr hat sich eine Vorzeichnung erhalten und es ist auch nicht abwegig, „Gretel“ mit der dominanten Hure im Zentrum des Aquarells zu identifizieren. Otto Dix aquarelliert und malt die Fratze der Prostitution, übersteigert Kontrast zwischen dem üppigen Interieur und dem Leereschrecken der Frauen, die ihren Körper zu Markte tragen. Mit ihnen ist auch die plüschig mit viel Samt eingerichtete Gute-Stube-Atmosphäre in die Jahre gekommen, zeigt die Tapete im Jugendstildekor doch deutliche Risse. [MvL]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Otto Dix "Drei Weiber"
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Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 2,4 % inklusive der gesetzlichen Umsatzsteuer an.