Auktion: 502 / Klassische Moderne II am 18.07.2020 in München Lot 325

 
325
Ernst Ludwig Kirchner
Der Sämann (Säender Bauer), 1905/06.
Schwarze Kreidezeichnung
Schätzpreis: € 20.000 - 30.000
+
Objektbeschreibung
Der Sämann (Säender Bauer). 1905/06.
Schwarze Kreidezeichnung.
Verso mit dem Nachlassstempel des Kunstmuseums Basel (Lugt 1570 b) und der handschriftlichen Registriernummer "K Dre/Bc 1". Verso zudem wohl von fremder Hand bezeichnet "K 8727". Auch chamoisfarbenem Velin. 52,6 x 42,9 cm (20,7 x 16,8 in), blattgroß. [CH].

• 2019/2020 Teil des groß angelegten Ausstellungs- und Forschungsprojekts "Making Van Gogh" im Frankfurter Städel Museum.
• Eine der großformatigeren Kohlezeichnungen des Künstlers.
• Kirchners Variation des ikonischen Motivs des Sämanns, im Pinselduktus von van Gogh
.
Das vorliegende Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern, dokumentiert.

PROVENIENZ: Aus dem Nachlass des Künstlers.
Privatsammlung Baden-Württemberg.
Galerie Krümmer Fine Art, Hamburg.
Privatsammlung Süddeutschland (vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Making Van Gogh. Geschichte einer deutschen Liebe, Städel Museum, Frankfurt am Main, 23.10.2019-16.2.2020, Kat.-Nr. 38 (mit ganzseitiger Abb.).

Aufrufzeit: 18.07.2020 - ca. 14.25 h +/- 20 Min.

Essay
Es besteht kein Zweifel: Kirchner wiederholt in unserer Kreidezeichnung das berühmte Motiv des Sämanns von Vincent van Gogh (Kröller-Müller Museum, Otterlo), welches dieser 1889 wiederum nach dem Motiv von Jean-François Millet aus dem Jahr 1850 für sich entdeckt (heute Museum of Fine Arts, Boston). Während van Gogh seiner Vorlage doch nahezu getreu folgt, etwa das Pfluggespann mit den Ochsen im Hintergrund übernimmt, scheint Kirchner sich größere Freiheit in der Wiedergabe des Motivs einzuräumen - einmal abgesehen von der dynamischen, leichten Rückenlage, um den Schwung für das in der Vorwärtsbewegung hinausschleudernde Saatgut aufzubauen. Nicht nur spiegelt Kirchner das von Millet und van Gogh energisch vorgetragene archaische Motiv, sondern er komponiert den mit wenigen Strichen angedeuteten Acker mit dem säenden Bauern vor einem Hintergrund mit Häusern, vielleicht Bauernhäusern, und einer Allee von Büschen oder Weiden. Ist dies eine Ergänzung gegenüber dem Vorbild, die Kirchner sich aus freien Stücken ausdenkt? Oder komponiert Kirchner zwei Motive in einer Zeichnung? Und wenn dem so ist, wann und wo hat Kirchner das eine für seine Zeichnung zentrale und ein weiteres Gemälde van Goghs gesehen? In Dresden gibt es für ihn zweimal die Möglichkeit, Werke van Goghs zu studieren: im November 1905 zeigt die Galerie Arnold rund 50 Arbeiten. Eine Ausstellung, die von dem Berliner "van Gogh-Händler" Paul Cassirer mit Johanna van Gogh-Bonger, der Witwe des Bruders des Künstlers, Theo van Gogh, zusammengestellt wird und zunächst in Hamburg, anschließend auch in Dresden zu sehen ist. Einen eigenen Katalog gibt es wohl nicht, es gilt die Hamburger Publikation. Das Gemälde "Sämann" ist jedoch weder in Hamburg noch in Dresden ausgestellt. Abgesehen davon wird diese erste Präsentation des Niederländers in Dresden nicht nur für Kirchner, sondern auch für die jungen Mitglieder der "Brücke" stilprägend in den ersten Jahren ihrer Karriere. Gut zwei Jahre später, von April bis Mai 1908, zeigt die Dresdner Galerie Emil Richter eine weitere umfangreiche Ausstellung mit Werken von van Gogh, dieses Mal zusammen mit Gemälden Paul Cézannes. Darunter auch besagter "Sämann", der 1909 zu den ersten Erwerbungen des Sammler-Ehepaars Kröller-Müller zählt. Sollte Kirchner also erst 1908 diese Ikone für seine Zeichnung zugrunde legen, so kann wohl die Datierung 1905/06 nicht mehr aufrechterhalten werden. Außer Kirchner hat dieses denkwürdige Motiv in Zeitschriften oder Büchern entdeckt, wie etwa in den Veröffentlichungen von Julius Meier-Graefe. Bliebe noch die bukolische Staffage zu klären, die Kirchner sich für den Hintergrund einfallen lässt. Es gibt noch jene sonnendurchflutete Landschaft mit einem Sämann und einem Gehöft im weiten Hintergrund, die van Gogh 1888, und somit vor dem "Sämann", in Nahsicht malt und damit eine Serie dieser ikonischen Motive beginnt. An dieses Gehöft mit den blauen Wänden und signalrotem Dach jedenfalls scheint Kirchner sich zu erinnern. Wo und wann Kirchner dieses Gemälde gesehen haben mag, bleibt offen, obwohl die Forschung der Präsentationen van Goghs in Deutschland seit der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert dicht rekonstruiert erscheint. Kirchner jedenfalls entwickelt ein warmes Gefühl für den großen Meister, dessen freie und dennoch geordnete Pinselsetzung nicht nur in dieser Zeichnung und verstärkt ab 1905/06 zur Basis für seine Gemälde wird. Das Zitat mit dem Gehöft und den Büschen im Hintergrund der Zeichnung zeugt jedenfalls von einer intimen Kenntnis und Hochachtung für das übergroße Genie. Diese Verehrung würdigte das Städel Museum in Frankfurt in der Sonderausstellung "Making van Gogh" vom 23. Oktober 2019 bis 16. Februar 2020. Es freut uns besonders, dass die vorliegende Kreidezeichnung von Kirchner ebendort ausgestellt wurde. [MvL]
 


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