Auktion: 508 / Kunst des 19. Jahrhunderts am 12.12.2020 in München Lot 315

 
315
Karl Philipp Fohr
Ruine Frankenstein, Winter 1813/14.
Aquarell, über Bleistift und Feder
Schätzpreis: € 25.000 - 35.000
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Objektbeschreibung
Ruine Frankenstein. Winter 1813/14.
Aquarell, über Bleistift und Feder.
Märker Z 285. Beschriftet in der Mitte unterhalb der Darstellung mit Feder in Braun „Ruine Frankenstein“; rechts oben außerhalb der Darstellung mit alter Nummerierung in Bleistift sowie Tusche „30“. Verso mit einem Etikett, das die Authentizität des Blattes bescheinigt, unterzeichnet von Dr. Otto Weigmann, Direktor der Königlichen Graphischen Sammlung München (1918-1937). Auf Velin von Franz Heinrich Fauth/Schnabelsmühle (mit dem Wasserzeichen). 19,3 x 27,3 cm (7,5 x 10,7 in), Blattgröße.
Blatt 30 aus dem "Skizzenbuch der Neckargegend".
• Einzigartiges Blatt aus dem bedeutenden Frühwerk "Skizzenbuch der Neckargegend"
• Als Geschenk im Werben um die Gönnerschaft der Erbprinzessin Wilhelmine von Baden entstanden
• Faszinierender Ausdrucksreichtum und virtuose Beherrschung der Aquarell-Technik
• Lückenlose Provenienz
.

PROVENIENZ: Erbprinzessin Wilhelmine von Hessen-Darmstadt (1814 vom Künstler als Geschenk erhalten).
Baronin von Bassus, München (durch Erbgang von Vorgenannter erhalten).
Ludwigsgalerie Otto H. Nathan, München (1927 von Vorgenannter erworben)
Privatsammlung Norddeutschland (1928 vom Vorgenannten erworben).
Privatbesitz Dänemark (durch Erbgang aus vorgenannter Sammlung erhalten).

LITERATUR: Carl Fohr und die Maler um ihn, Ausst.-Kat. Kurpfälzisches Museum Heidelberg, bearb. von Karl Lohmeyer, Heidelberg 1925, S. 36, Kat.-Nr. 30.
Carl Philipp Fohr (1795-1818) nebst einigen Arbeiten von anderen Künstlern seiner Zeit, Ludwigsgalerie Otto H. Nathan, München 1927, Kat.-Nr. 30.
Jens Christian Jensen, Carl Philipp Fohr, 1795-1818. Skizzenbuch der Neckargegend. Badisches Skizzenbuch. Ergänzt durch die Werke des Künstlers im Besitz des Kurpfälzischen Museums, Heidelberg 1986, Kat.-Nr. 30 (Abb. 26).
„Er erschien im drauffolgenden Frühjahre (1814) zu Darmstadt mit einem ziemlich dicken Hefte voll der herrlichen illuminirten Zeichnungen, womit er der Frau Erbprinzessin ein Geschenk machte, welches dieselbe auch, wie dasselbe es verdiente, sehr gnädig aufnahm und nicht unerwidert ließ, was die Folgezeit offenbaren wird! [..] Fohr hatte durch dieses fleißig gearbeitete Heft mehr erlangt, als er ahnden konnte.“
Zit. nach: Johann Philipp Dieffenbach, Das Leben des Malers Karl Fohr, zunächst für dessen Freunde und Bekannte geschrieben, Darmstadt 1823, S. 31-33.

Aufrufzeit: 12.12.2020 - ca. 15.45 h +/- 20 Min.

Essay
Mit dem kleinen, technisch meisterhaft ausgeführten Aquarell begegnet uns ein Werk Karl Philipp Fohrs aus seinem frühen Schaffen als junger Künstler, der am Anfang seiner kurzen Karriere dabei ist, sich als Landschaftsmaler einen Namen zu machen. Nach anfänglichem kurzem Unterricht bei dem Universitätszeichenlehrer Friedrich Rottmann (dem Vater des berühmten Landschaftsmalers Carl Rottmann) in seiner Geburtsstadt Heidelberg, bei dem er dessen Veduten kopiert und nach der Natur zeichnet, lernt er den Darmstädter Hofrat Georg Wilhelm Issel beim Zeichnen im Stift Neuburg kennen. Dieser lädt den gerade 15-jährigen, vielversprechenden Künstler 1811 nach Darmstadt ein und fördert ihn mit Unterricht in Literatur und Geschichte. Am Hof der Erbprinzessin Wilhelmine Luise von Baden, Großherzogin von Hessen und bei Rhein, fertigt er anschließend Zeichnungen und Landschaftsansichten der näheren Umgebung für die Großherzogliche Sammlung an. Über Issel lernt er ebenfalls den Prinzenerzieher Johann Philipp Dieffenbach kennen, der ihn für altdeutsche Sagen, Architektur und Kunst begeistert und ihn der Erbprinzessin persönlich empfiehlt. Am Beginn seiner Künstlerkarriere sehr um eine Gönnerin bemüht, entstehen so zwei Hauptwerke seines Frühwerks, zunächst das „Skizzenbuch der Neckargegend“, aus dem das vorliegende Blatt stammt und das er der Erbprinzessin Wilhelmine im Frühjahr 1814 zum Geschenk macht. In den Wintermonaten 1813/14 hatte Fohr die zahlreichen Skizzen und Zeichnungen seiner sommerlichen Wanderungen in Aquarellen ausgearbeitet. Die Betitelung als „Skizzenbuch“ dient dabei lediglich der Betonung des intimen persönlichen Charakters, handelt es sich doch bei den 30 Blättern, darunter 24 Landschaften und sechs lose eingestreute historische oder sagenhafte Begebenheiten, um eine gebundene Folge von bildmäßig ausgeführten Aquarellen. Die darin vorgestellten Orte tragen meist auch einen persönlichen Bezug zum Leben der Erbprinzessin, wie beispielsweise das erste Blatt mit einer Ansicht von Schloss Rohrbach bei Heidelberg, auf dem Fohr die Mutter Wilhelmines, die Markgräfin Amalie, mit ihren Enkeln in die Szene einfügt. Fohr entwickelt die vedutistische Präzision seiner Anfänge weiter zu einer romantischen Verbindung der Landschaft mit der ihr inhärenten Poesie und Geschichte, in der Natur und Kultur sich durchdringen und sich Detailrealismus mit idealisierender Interpretation abwechselt. Nachvollziehbar wird dies auch in der Entstehung unseres Blattes, dem eine akribische Naturstudie von 1813 vorausgeht, die in weiteren Ausführungen mit unterschiedlicher Staffage versehen wird. In unserer Bildanlage erhält die Szenerie im Vordergrund schließlich größeres Gewicht, die ursprüngliche kleine Birke als Repoussoirbaum wird zur knorrigen Eiche und die Landschaft bekommt durch große Felsbrocken mehr Dramatik verliehen. Die Wanderer, Jäger und reisigsammelnden Bauern werden durch die Gruppe historischer Figuren, vermutlich des 18. Jahrhunderts, ersetzt, wobei der junge Mann, die alte Frau, unter deren Mantel sich ängstlich ein kleiner Junge versteckt, sowie die junge Frau in ihrer Bedeutung vermutlich über reine Staffage hinausgehen. Ein Bezug zur in Vergessenheit geratenen Sagenwelt um die Ruine Frankenstein im Hintergrund scheint möglich, gewiss aber ist ein erzählerischer und emotionaler Gehalt durch das bedrohliche Gewitter, den dunklen Vogel auf dem Ast sowie die ängstlich zum Betgestus gefalteten Hände der schutzsuchenden Figuren intendiert. Die virtuose Beherrschung der Technik in der Kombination von Federzeichnung und Aquarell, die minutiöse Durcharbeitung der Details sowie der fein modellierten Kompositionen bringen Fohr eine Einladung Wilhelmines nach Baden-Baden ein, wo in der Folge das „Badische Skizzenbuch“ entsteht. Vollends von seinem Talent überzeugt, wird ihm ein Jahresgehalt von 400 Gulden zugesprochen, was ihm den Besuch der Münchner Akademie ermöglicht. Die Bedenken Issels, Fohr würde mit seiner „ganz eigenen leichten und genialen Zeichenart sich nur schwer unter den taktmässigen Schulgang eines strengen Direktors fügen mögen“, oder schlimmer noch seine Originalität, die sich vor allem in den kleinformatigen intimen Ansichten der Skizzenbücher Bahn bricht, verlieren, bewahrheiten sich. So bricht Fohr aufgrund von Schwierigkeiten an der Akademie mit der Erlaubnis Wilhelmines Ende Oktober 1816 zu Fuß nach Rom auf, wo sich kurz zuvor die Nazarener niedergelassen hatten. Dort sorgt sein früher Tod bei einem Bad im Tiber kurze Zeit später am 19. Juni 1818 für große Trauer in der Künstlergemeinde, die den Verlust des begabten jungen Kollegen kaum fassen mag. [KT]
 


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