Auktion: 514 / Evening Sale am 11.12.2020 in München Lot 120002668

 
120002668
Karl Hofer
Sibylle, 1935.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 100.000 - 150.000
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Objektbeschreibung
Sibylle. 1935.
Öl auf Leinwand.
Wohlert 1118. Rechts unten monogrammiert (in Ligatur) und datiert. 106 x 79 cm (41,7 x 31,1 in).

• Bis in das Jahr 1936 zurückreichende Ausstellungshistorie.
• Einnehmende Visualisierung der angestrebten Stimmungshaltung: einer besonders ausdrucksstarken Melancholie.
• Fast 30 Jahre als Leihgabe im Museum of Modern Art in San Francisco ausgestellt (1957-1984)
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PROVENIENZ: Nierendorf Galleries, New York.
Sammlung Albert M. Bender, San Francisco.
Museum of Modern Art, San Francisco (1957-1984, ehem. Inv.-Nr. 37.2994).
Privatsammlung Großbritannien (ab Mitte der 1980er Jahre).
Privatsammlung (durch Erbschaft vom Vorgenannten erhalten).

AUSSTELLUNG: Werner Zeppenfeld: Plastik, Max Beckmann: Graphik, Karl Hofer: Ölgemälde, Kunstverein in Hamburg, 5.4.-3.5.1936, Kat.-Nr. 28.
Karl Hofer. A Retrospective View, Milwaukee Art Institute, 5.10.-25.10.1936; Museum of Modern Art, San Francisco, 5.5.-5.8.1937, Kat.-Nr. 15.
Karl Hofer. A Retrospective View, Schaeffer Galleries, New York, 4.1.-23.1.1937, Kat.-Nr. 14.
Loan Exhibition of International Art, Art Association, Los Angeles, Oktober bis Dezember 1937, Kat.-Nr. 177.
In Memoriam, American Federation of Arts (New York), San Francisco, November 1957, Kat.-Nr. 41.

LITERATUR: Magazine of Art, San Francisco Museum of Art Edition, 1949 (Januar), S. XXXXVII (mit Abb.).
Alfred Frankenstein, Letters of a German Artist. Carl Hofer, in: San Francisco Chronicle, This World, 11.1.1948, S. 24 (mit Abb.).
Christie's, New York, 17.5.1984, S. 114, Los-Nr. 397 (mit Abb.).
Kunstpreis Jahrbuch, 39.1984, 1, S. 202.

"Ihre stille, aber intensive Ausstrahlung beruht zu einem wesentlichen Teil auf dem strengen Bildbau und einer Formensprache verhaltener Expressivität, die den Gegenstand bewahrt, ihn aber nicht bloß abbildet, deren Geheimnis wohl das kaum merkliche, aber unlösbare Ineinander von Farben und Form ist [..]."
Karl Hofer, zit. nach: Ausst.-Kat. Karl Hofer. Von Lebensspuk und stiller Schönheit, Hamburg 2012, S. 126.

Essay
"Die große Leistung Karl Hofers liegt zweifelsohne im Figurenbild", schreibt Dr. Frank Schmidt, damaliger Direktor der Hamburger Kunsthalle, 2012 im Katalog zur Ausstellung "Karl Hofer. Von Lebensspuk und stiller Schönheit" (S. 92). Diese Fähigkeit des Künstlers zu einer intensiven Ausstrahlung zeigt sich auch in der hier vorliegenden Arbeit, mit der Hofer ein Figurenbildnis schafft, das wie so häufig in seinem Œuvre mit einem sparsamen Einsatz von Gegenständen und Staffage, dem typischen Verzicht auf einen bestimmbaren, erzählerischen Umraum und einer nur angedeuteten Nacktheit auskommt, und trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - eine Bildwirkung von würdevoller, seltsam zeitloser Zurückhaltung und zugleich starker Anziehungskraft vermittelt. Geschickt verortet Hofer seine weibliche Protagonistin in einem leeren, sie neblig-umwabernden Flächenraum, so als habe er ihre Aura vergegenwärtigen wollen. Durch die reduzierte, gar minimalistische Darstellung rückt die Figur selbst in den Mittelpunkt, nur sie ist hier von Bedeutung.
Auch bei der nur im Ansatz gezeigten Nacktheit handelt es sich um einen raffinierten Kunstgriff. Das die Figur umschlingende weiße Tuch lässt eine intime Atmosphäre entstehen, baut ein subtiles Spannungsfeld zwischen Enthüllung und Verhüllen auf und eröffnet ein Spiel mit den Erwartungen des Betrachters. Hofer wagt hier den Rückgriff auf ein tradiertes kunsthistorisches Sujet, das bereits in Darstellungen aus der Antike und der Renaissance vertreten ist. Nicht nur die partielle Nacktheit der Dargestellten und ihr vom Betrachter abgewandter Blick, sondern auch ihre zu einem womöglich anzüglich gemeinten "V" gespreizten Finger und das altmeisterlich drapierte Tuch wecken Erinnerungen an weibliche Figurendarstellungen der italienischen Renaissance, bspw. Tizians "Flora". Tatsächlich beschäftigt sich Hofer während eines mehrjährigen Aufenthalts in Rom ab 1903 intensiv mit den Werken der Antike, des Quattrocento und der Renaissance sowie mit den Arbeiten von Arnold Böcklin, die er Zeit seines Lebens sehr verehrt. So ist wohl auch das statuesk-skulpturale Innehalten und die scheinbare geistige Entrücktheit der Figuren auf Inspirationen aus der Kunstgeschichte zurückzuführen, etwa auf Marienbildnisse oder auf die Stifterfigur der "Uta" im Naumburger Dom, die Hofer in seinen Ausführungen über allgemeingültige Formensprache explizit erwähnt (Über die Selektion, in: D. Kupper (Hrsg.), Schriften, 1995, S. 114). Die statuenhafte Regungslosigkeit bildet dabei einen starken Kontrast zu der subtil-erotischen Sinnlichkeit der fast entblößten Dargestellten, doch eigentlich geht es Hofer mit dieser formalen Reduzierung vielmehr um eine künstlerische Verallgemeinerung und Allgemeingültigkeit der Form sowie um die malerische Visualisierung einer Stimmungshaltung: der ihm selbst so vertrauten Melancholie dieser Jahre. Sein Bestreben bestätigt Hofer zum einen als hochgradig modernen Maler, zum anderen zeigt sich darin womöglich auch seine Wertschätzung für die Arbeiten Pablo Picassos, der mithilfe ebendieser Suche nach Allgemeingültigkeit von Schönheit und Form den Weg in die Abstraktion beschritt.
Die unser Bild vorbereitende Ölskizze mit der Widmung "Gehört meiner lieben Frau Lisb. Hofer" (Wohlert 1117) befindet sich bis zu deren Tod im Besitz Elisabeth Hofers. Dieses Detail wie auch die zeitliche Verortung unseres Werks in Bezug auf Hofers damaliges Leben geben einen Hinweis darauf, welch hohen Stellenwert das Kunstwerk für ihn gehabt haben muss. Wenige Jahre vor Entstehung unserer Arbeit befindet sich der Künstler noch auf dem Höhepunkt seiner Karriere. In den 1920er Jahren wird er Hochschullehrer an der Akademie der Bildenden Künste in Berlin, Vorstand der Berliner Secession, Mitglied des Senats der Preußischen Akademie der Künste und ist im erweiterten Vorstand des Deutschen Künstlerbundes tätig. In insgesamt 27 Museen zeigt man seine Werke, auch sein internationaler Erfolg wächst. 1933 findet all das ein jähes Ende. Hofer wird suspendiert, über 300 Werke werden als "entartete Kunst" aus öffentlichen Sammlungen entfernt, er erhält Arbeits- und Ausstellungsverbot. Er widersetzt sich jedoch und malt stoisch weiter. Kurz vor Entstehung der vorliegenden Arbeit schreibt er in einem Brief an den Philosophen L. Ziegler: "Ich fühle eine unbändige Energie zum Schaffen in mir, habe nie so viel und so gut gearbeitet. Wäre das nicht, so hätte ich meinem Leben ein Ende machen müssen." (zit. nach: Ausst.-Kat. Karl Hofer, Hamburg 2012, S. 128). "Der empfindsame, von Natur aus zu Melancholie und Bitterkeit neigende Maler, überlebte die menschen- und kunstfeindliche Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft nur mit Hilfe seiner Malerei, in der er ein Ventil fand für sein Entsetzen, in der er mahnend Partei ergreifen konnte; die es ihm aber auch ermöglichte, der Realität zu entfliehen, die Räume der Stille und Harmonie aufzusuchen, nach denen er sich sehnte." (H. Holsing, in: ebd., S. 128). [CH]
 


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