Auktion: 514 / Evening Sale am 11.12.2020 in München Lot 266

 
266
Max Liebermann
Jahrmarkt in Noordwijk, 1912.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 90.000 - 120.000
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Objektbeschreibung
Jahrmarkt in Noordwijk. 1912.
Öl auf Leinwand.
Eberle 1912/33. Links unten signiert und datiert. 55 x 72 cm (21,6 x 28,3 in).

• Von 1905 bis 1913 ist Noordwijk Liebermanns Hauptwohnsitz in den Niederlanden.
• Das Motiv ist vergleichbar mit dem der "Judengasse" aus den Jahren 1905-1908.
• Die unbeschwerte Geselligkeit an der frischen Luft fasst Liebermann summarisch als lebendigen Natureindruck zusammen.
• Trotzdem er dem Gegenstand verhaftet bleibt, liegt der Fokus weniger auf einer naturgetreuen Wiedergabe als auf dem Festhalten einer Stimmung
.

PROVENIENZ: Carl Steinbart, Lichterfelde (verkauft am 24.5.1916 an Paul Cassirer).
Paul Cassirer, Berlin (1916, PC Nr. 14717).
Moderne Galerie Heinrich Thannhauser, München (erworben am 24.5.1916 bei Paul Cassirer, mindestens bis 1918).
Sammlung Carl Meinhard, Berlin (bis 1931).
Galerie Grosshennig, Düsseldorf (1975).
Galerie Alexander Gebhardt, München (1975).
Privatsammlung Süddeutschland.

AUSSTELLUNG: Moderne Galerie Thannhauser; Nachtragswerk III zur großen Katalogausgabe 1916, München 1918, Abb. S. 103.
Frühjahrsausstellung, Gemälde, Aquarelle Deutscher und Franz. Meister, Galerie Grosshennig, Düsseldorf, 15.3.-31.5.1975, Abb. S. 19.
Die alte und die neue Zeit, Galerie Gebhardt, München, 1975/76, S. 23.

LITERATUR: Harry David, Mit Max Liebermann in Noordwijk aan Zee, in: Berliner Tageblatt, 21.12.1912.
Kunstauktionshaus Rudolf Schreiber, Versteigerung - Wohnungseinrichtung und Gemäldesammlung aus dem Besitz des Theaterdirektors Carl Meinhard am 24. Nov. 1931, Los-Nr. 241 mit Abb. Tfl. 1.

Aufrufzeit: 11.12.2020 - ca. 18.53 h +/- 20 Min.

Essay
Bereits von Paris aus beginnt Max Liebermann Holland regelmäßig zu besuchen. Das Land wird für Max Liebermann wie eine zweite Heimat, von 1905 bis 1913 ist Noordwijk sein Hauptwohnsitz in den Niederlanden. Insgesamt zeigen über 127 seiner Ölgemälde Orte in Noordwijk und Umgebung. Bekannte machen Liebermann auf das kleine Städtchen aufmerksam, als er seinen Urlaub im benachbarten Leiden verbringt. Er ist begeistert von dem ruhigen, kleinen Badeort am Meer. Die Vorliebe von Max Liebermann für die einfachen, ländlichen Motive, vor allem in der Zeit seiner Aufenthalte in den Niederlanden, ist bekannt. Sie hat ihm viel Kritik vom deutschen Bildungsbürgertum eingetragen. Geblieben ist jedoch ein malerischer Ertrag, der seinesgleichen sucht. Liebermanns große Gabe ist es, Szenen schnell festhalten zu können. Aus der Natur heraus entwickelt er die Vorstellung einer Bildidee. Stilistisch steht er zwischen Realismus und Impressionismus. Liebermann sucht immer wieder Motive mit einer vielfigurigen Szenerie. Sind es Ende des 19. Jahrhunderts meist Themen aus dem Alltag der arbeitenden Bevölkerung, treten um 1900 an die Stelle der körperlichen Arbeit Szenen des modernen Freizeitlebens. Die Gemeinschaft der Menschen wird nun nicht mehr von der Arbeit, sondern durch Freizeit gestiftet. Als Bildpersonal treten nun Tennispieler, Badegäste, Reiter und Spaziergänger in freier Natur auf. Die vorliegende Arbeit zeigt einen Jahrmarkt in Noordwijk. Zwischen hohen Bäumen sind kleine Buden aufgestellt, an denen die Besucher vorbeischlendern. Es ist weniger was, sondern mehr wie Liebermann die alltägliche Szene schildert. Der besondere Reiz liegt in der fast skizzenartigen Anlage, die jene Besonderheit der Kunst Liebermanns zeigt, das Skizzenhafte so zu formulieren, dass es endgültig in seiner Aussage bleibt. Eine schnelle, spontane Arbeitsweise, die er sich im Sinne der französischen Impressionisten angeeignet hatte, erfasst den unmittelbar erlebten Moment. Das Bild entsteht sehr wahrscheinlich vor der Natur. Ein Journalist, der Liebermann durch Noordwijk begleitet, notiert: "Denn seine wirkliche Arbeitsstätte bleibt die freie Natur [..] selbst mitten im Trubel einer holländischen Kirmes. Auch in solchem Getriebe genügt er sich keineswegs immer mit schnellen Skizzen und kleinen Vorstudien, oft genug taucht in der Menge sein Panamahut vor einer Leinwand von ganz respektabler Größe auf. In einer knappen Stunde wird dann hier eine bunte Menschenmasse in ihren Bewegungsakzenten gefaßt und zusammengehalten, wie es in allmählicher Arbeit durch einige Skizzen nie erreicht werden könnte" (Harry David: Mit Max Liebermann in Noordwijk aan Zee, in: Berliner Tageblatt, 21.12.1912). In raschem Farbauftrag und breiten schnellen Pinselstrichen wird die Szenerie des fröhlichen Durcheinanders erfasst, dabei interessiert nicht das einzelne Individuum, sondern die menschliche Gruppe als Ausdrucksform des Gemeindschaftsgeistes. Das Gewimmel, die unbeschwerte Geselligkeit an der frischen Luft fasst Liebermann summarisch als lebendigen Natureindruck zusammen. Dieser wird von einer dezenten Palette unterstützt, deren erdige Töne dem Geschehen Intimität und Wärme verleihen. Die lockere Gruppierung der agierenden Figuren lässt an Zufälligkeit denken, und doch ist sie in ihrer Staffelung einer Raumtiefe geschuldet, die durch die Anordung der Baumreihen verstärkt wird. Liebermann edelt das Sujet in einem eher unpathetischen Sinne, indem er sein malerisches Können einsetzt und so zu einer ihm ganz eigenen Aussage kommt. Im Jahr der Entstehung unseres Gemäldes, Liebermanns 65. Geburtstage, wird der Künstler mit zahlreichen internationalen Ehrungen überhäuft, unter anderem verleiht ihm die niederländische Königin den Orden von Oranje-Nassau für besondere Verdienste für die Niederlanden. [SM]
 


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