Auktion: 514 / Evening Sale am 11.12.2020 in München Lot 219

 
219
Ernst Ludwig Kirchner
Frau mit Ziege, 1938.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 250.000 - 350.000
+
Objektbeschreibung
Frau mit Ziege. 1938.
Öl auf Leinwand.
Gordon 1022. Links unten signiert und datiert (in die nasse Farbe geritzt). Verso auf der Leinwand signiert und bezeichnet "Zwei Tänzerinnen" (auf das 1938 übermalte Werk verweisend). Verso zudem mit dem Nachlassstempel des Kunstmuseums Basel (Lugt 1570 b) und der handschriftlichen Registriernummer "Da/Bl 7". 60 x 70 cm (23,6 x 27,5 in).

• Wiederentdeckung eines verschollen geglaubten Gemäldes: Mit der hier angebotenen Arbeit "Frau mit Ziege" übermalt Kirchner 1938 sein 1927/1929 entstandenes Werk "Zwei Tänzerinnen".
• Eines der drei letzten Werke des großen Expressionisten (WVZ Gordon).
• Aus dem Nachlass des Künstlers.
• Seit über 45 Jahren in Privatbesitz.
• 1972 auf dem Cover des Ausstellungskatalogs der Galerie Großhennig
.

Das vorliegende Werk ist im Ernst Ludwig Kirchner Archiv, Wichtrach/Bern, dokumentiert.

PROVENIENZ: Aus dem Nachlass des Künstlers (Davos 1938, Kunstmuseum Basel 1946, verso auf der Leinwand mit dem handschriftlich nummerierten Nachlassstempel).
Stuttgarter Kunstkabinett Roman Norbert Ketterer, München (1954).
Galerie Wilhelm Grosshennig, Düsseldorf (1959).
Privatsammlung (1972 vom Vorgenannten erworben).
Seither in Familienbesitz.

AUSSTELLUNG: Ernst Ludwig Kirchner, Galerie Wilhelm Großhennig, Düsseldorf, Mai bis August 1972 (Titelbild, unter dem Titel "Mädchen mit Ziegen").

LITERATUR: Hans Delfs, Ernst Ludwig Kirchner. Der gesamte Briefwechsel "Die absolute Wahrheit, so wie ich sie fühle", Zürich 2010, Nr. 3482, 3509.

Aufrufzeit: 11.12.2020 - ca. 17.33 h +/- 20 Min.

Essay
Zuflucht in der Schweiz: Kirchner in Davos

Ab 1917 reist E. L. Kirchner aufgrund seines gesundheitlichen Zustands mehrfach nach Davos, bevor er 1923 schließlich ganz in die Schweiz übersiedelt. Von nun an lebt der Künstler mit seiner Lebensgefährtin Erna Schilling, gen. "Frau Kirchner", im "Wildbodenhaus" am Eingang des Sertigtals. In deutlicher Abgeschiedenheit baut sich das Paar ein einfaches Leben mit nur wenigen Annehmlichkeiten auf. In sein Tagebuch notiert der Künstler nach dem Umzug: "Unser neues Häuschen ist eine wahre Freude für uns. Wir werden da gut hausen und in grosser Ordnung. Dies soll wirklich ein Wendepunkt in meinem Leben werden. Alles muss in übersichtliche Ordnung gebracht werden und das Häuschen so einfach und schlicht wie nur möglich ausgestattet sein, aber schön und intim." (Davoser Tagebuch, 1923). Mit beeindruckender Schaffenskraft arbeitet Kirchner in diesen Jahren im selbst gewählten Schweizer Exil an druckgrafischen Arbeiten, Zeichnungen, Aquarellen, Gemälden und sogar Holzskulpturen und Möbeln für sein eigenes Zuhause. Von hier beobachtet er in sicherer Entfernung die beunruhigenden Geschehnisse in seiner deutschen Heimat der 1930er Jahre: Die katastrophale wirtschaftliche Lage, das politische Erstarken der Nationalsozialisten und die Machtergreifung Hitlers, die zerstörerische deutsche Kulturpolitik und die daraus resultierende Diskriminierung und Entlassung zahlreicher Künstler und Museumsdirektoren, und schließlich auch die Diffamierung seines eigenen Werks. Im Sommer 1937 wird ein Großteil der modernen Kunst, darunter auch 639 Werke E. L. Kirchners (davon über 54 Gemälde) aus deutschen Museen beschlagnahmt und als "entartete Kunst" bis 1941 in einer Wanderausstellung vorgeführt. Einige Werke werden unrechtmäßig ins Ausland verkauft oder zerstört.

Das Ideal des einfachen Lebens. Davoser Idylle

Künstlerisch zeigen die 1930er Jahre, die letzten Jahre seines Lebens, eine deutliche Hinwendung zu landschaftlichen Motiven und Darstellungen, die das einfache, idyllische, aber auch arbeitsintensive Leben in Davos thematisieren. Neben stimmungsvollen Landschaften des Alpenpanoramas finden sich u. a. auf Leinwand verewigte Schafherden, Davoser Häuser, Bauern und Bäuerinnen bei der Heuernte und beim Wasserholen, Kirchners eigene vier Wände und auch die hier angebotene intime Darstellung einer zwei Ziegen vor sich hertreibenden Davoser Bäuerin. Der Künstler tritt hier nahe an das Geschehen heran, stellt Tiere und Frauenfigur in den Mittelpunkt. Der Hintergrund übernimmt die Rolle einer Kulisse, die die Szene durch die Fließrichtung des Baches strukturiert und dynamisiert. Während sich das wie vom Mondlicht erleuchtete Wasser hell von der schon im Dunkeln liegenden Umgebung und den starken Schatten der Figuren absetzt, schafft Kirchner mit dem an die Gesteinsbrocken gepflanzten roten Klee zusätzlich noch einen Komplementär-Kontrast zu dem der Darstellung zugrunde liegenden grünen Gras.

Ein 82 Jahre verborgenes Geheimnis kommt zum Vorschein

Doch die intime, bukolische Szene, die als eines der drei letzten Gemälde unmittelbar vor Kirchners Freitod im Frühjahr oder Sommer 1938 entsteht, verbirgt ein großes Geheimnis. Die vom Künstler in großen geschwungenen Lettern auf die Rückseite der Leinwand gepinselte Betiteltung "Zwei Tänzerinnen" ließ bereits vermuten, dass Kirchner für die Darstellung der dynamisch entlangschreitenden Frau mit Ziegen ein älteres Gemälde übermalt haben könnte. Eine vor wenigen Wochen durchgeführte Röntgenuntersuchung bestätigt diese Vermutung nicht nur, sie bringt eine dynamische, kompositorisch ausgefeilte Tanzdarstellung zum Vorschein und ermöglicht eine eindeutige Zuordnung: Bei dem im Frühjahr 1938 übermalten Gemälde handelt es sich um das im Werkverzeichnis aufgeführte Werk "Zwei tanzende Frauenakte" aus den späten 1920er Jahren (Gordon 904), das 1968 noch mit dem Hinweis "Location unknown" ("Verbleib unbekannt") veröffentlicht worden war. Die Tänzerinnen müssten sich demnach mindestens 10 Jahre im Besitz des Künstlers befunden haben, bevor Kirchner sie 1938 mit dem hier angebotenen Werk übermalt. Die Abbildung im Werkverzeichnis verrät zudem, dass der Künstler eine Fotografie der Arbeit angefertigt haben muss, die in den 1960er Jahren dann für die Publikation des Werkverzeichnisses verwendet worden ist.

E. L. Kirchner und der Tanz

Die verborgene Darstellung beweist einmal mehr die in Kirchners Schaffen so wichtige Rolle des Tanzes. Während seiner Zeit in Dresden um 1909/10 findet sein Interesse und seine Faszination für den Tanz in Form von Zeichnungen, Druckgrafiken und Gemälden von Tanzpaaren, Tänzerinnen und Tänzern Eingang in sein vielschichtiges Œuvre. Der Tanz wird ihn in seinem künstlerischen Schaffen letztendlich bis zu seinem Tod beschäftigen.
In den 1920er Jahren setzt sich Kirchner mit dem Thema Bewegung jedoch besonders intensiv auseinander. Seine langjährige Lebensgefährtin Erna Schilling ist bei ihrem ersten Aufeinandertreffen Nachtclubtänzerin in einem Berliner Lokal, und auch einige berühmte Tänzer und Tänzerinnen lernt Kirchner persönlich kennen. So besucht ihn 1921 die Tänzerin Nina Hard in seinem Haus "In den Lärchen" in Davos-Frauenkirch. 1926 trifft er in Dresden auf die berühmte Ausdruckstänzerin Mary Wigman und deren ehemalige Schülerin Gret Palucca, die 1930 auch einmal in Davos gastiert. Die Bewegung als Bildmotiv nimmt in Kirchners künstlerischem Schaffen fortan eine überaus wichtige Rolle ein. Mit großer Begeisterung studiert er die verschiedensten Bewegungsabläufe, fotografiert und skizziert sie und bannt sie schließlich auf die Leinwand. 1925 erhält Kirchner zudem den Auftrag für ein nie realisiertes Wandgemälde im gerade gegründeten Folkwang Museum.
Wie auch andere Arbeiten dieser Jahre beinhaltet das hier im Ansatz wieder sichtbar gemachte Werk nicht nur in Form und Ausdruck ein enormes Maß an Modernität und mitreißende Lebensfreude der 1920er Jahre, auch die Bewegung selbst verortet das Werk zeitlich in die Roaring Twenties, in denen mit neuartigem Ausdruckstanz sowie schnellen, expressiven Tänzen wie dem Shimmy, dem Charleston oder dem Lindy Hop eine nie zuvor gesehene Evolution und Befreiung auf der Tanzfläche und infolge dessen auch in der Gesellschaft stattfindet.

Abkehr von der Welt

Ende der 1930er Jahre hat der Künstler mit all dem jedoch im Grunde abgeschlossen. Berlin mit seinen Tanzlokalen, Varietés und Theatern scheint so weit entfernt wie nie. Kirchner überlegt, die schweizerische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Mehr und mehr zieht er sich in die Davoser Abgeschiedenheit zurück, denn die sich ausbreitende Macht der Nationalsozialisten sowie die Diffamierung und das Entfernen seiner Arbeiten aus über 50 deutschen Museen machen ihm deutlich zu schaffen. Aus der Preußischen Akademie der Künste schließt man ihn aus, in der Schweiz haben seine Werke noch nicht den Erfolg verbuchen können, den er sich in seinem Heimatland über so viele Jahre hinweg erarbeitet hatte. Seine ohnehin instabile psychische Gesundheit wendet sich 1938 zum Schlechteren. Nachweislich zerstört er zu dieser Zeit einige Druckstöcke und von ihm handgefertigte Skulpturen. So verwundert es vielleicht nicht, dass Kirchner sich nun ebenso entschließt, ein Gemälde aus einer scheinbar längst vergangenen Phase seines Lebens zu übermalen. Davos ist ihm nun sehr viel näher als der lebenslustige Tanz der beiden weiblichen Akte des übermalten Bildes.

"Ich hoffe, dass meine Arbeit reifer und besser wird im Alter" (Kirchner, 1938)

In einigen Briefen erwähnt Kirchner im Dezember 1937 und im Januar 1938, dass er an kleineren Bildern arbeite: "Wir schneien nun langsam ein. Das ist immer ein so schönes Ereignis. Die Natur ist so ruhig dabei, der Schnee fällt langsam, deckt alles zu. [..] Ich male jetzt an kleinen Bildern. Es hat auch seinen Reiz." (an Carl Hagemann, 5.12.1937). Damit könnte durchaus auch die hier angebotene Arbeit gemeint sein, die sich wie einzelne weitere Werke dieser letzten Monate mit fast quadratischem Format von anderen Bildern dieser Zeit unterscheidet (vgl. Gordon 1020-1023). In seinem Kunstschaffen scheint sich Kirchner in diesen so schwierigen letzten Monaten vermehrt auf die Natur und die Menschen seiner unmittelbaren Umgebung konzentriert zu haben.
Mitte März schreibt Kirchner an den damaligen Direktor des Detroit Institute of Arts: "Man geht hier mehr und mehr auf naturalistischere Dinge zurück. [..] Ich habe für diesen Sommer eine Reihe Arbeiten aus dem Leben der Bergbauern vor. Ich will das noch einmal so intensiv wie möglich zu gestalten versuchen." (15.3.1938). Demnach ist es sehr wahrscheinlich, dass die vorliegende Arbeit erst im Frühjahr 1938 - womöglich wenige Wochen vor dem Tod Kirchners - entsteht. Die gewohnt dynamisch auf die Leinwand gebannte, geradezu idyllische Szene einer am Abend die Ziegen nach Hause treibenden Bäuerin kann als Kirchners späte Hommage an das so vertraute und geschätzte einfache Leben in Davos gelesen werden. Mit spannenden, expressiven Formen, starken Konturen, einer ausgewogenen und doch ungewöhnlichen Komposition, kontrastreichen, mutigen Farbkontrasten übermalt der wohl bedeutendste deutsche Expressionist hier im wahrsten Sinne des Wortes - und vielleicht im Sinne eines geplanten Neubeginns - seine künstlerische Vergangenheit. [CH]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Ernst Ludwig Kirchner "Frau mit Ziege"
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