Auktion: 520 / Evening Sale am 18.06.2021 in München Lot 361

 
361
Oskar Schlemmer
Jünglingsfigur romantisch, 1932.
Aquarell über Bleistift
Schätzung:
€ 140.000
Ergebnis:
€ 250.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Jünglingsfigur romantisch. 1932.
Aquarell über Bleistift.
Von Maur A 514. Auf Maschinenbütten. 49,2 x 22,2 cm (19,3 x 8,7 in), blattgroß.

• Meisterlich gearbeitetes, exemplarisches Beispiel für Schlemmers Suche nach der idealen Symbiose von Figur und Raum.
• Im selben Jahr entsteht Schlemmers wohl berühmtestes Werk "Bauhaustreppe" (Museum of Modern Art, New York).
• Charakteristischer, spannungsreicher und äußerst pointierter Hell-Dunkel-Kontrast.
• Evokation einer "metaphysischen" Raumstimmung durch die virtuose Komposition teils kräftiger, teils zart lasierender Aquarellfarbe und frei gelassenem, hellem Papiergrund.
• Seit über 50 Jahren in süddeutschem Familienbesitz.
• Der menschliche Kopf im Profil ist für Oskar Schlemmers Bildsprache besonders kennzeichnend - so schmückt er ab 1922 u. a. auch das von Schlemmer entworfene Bauhaus-Signet
.

PROVENIENZ: Sammlung Karl Gutbrod, Stuttgart (1952).
Privatsammlung Stuttgart.
Dr. Fritz C. Valentien, Stuttgart (vor 1968).
Privatsammlung Süddeutschland.

AUSSTELLUNG: Malerei und Graphik der Bauhaus-Künstler, Galerie Valentien, Stuttgart, Mai bis Juni 1968, Kat.-Nr. 70.
Oskar Schlemmer,13. Städtische Kunstausstellung, Schwenningen am Neckar, 22.11.-7.12.1969, Kat.-Nr. 37.

LITERATUR: Hans Hildebrandt, Oskar Schlemmer, München 1952, Kat.-Nr. 739.
"Man wendet oft ein, daß meine 'Menschen' keine 'Gesichter' haben, höchstens 'Puppengesichter'. Man versteht leider nicht, daß dies Absicht ist, daß dies nicht anders möglich ist. Ehe wir das 'Antlitz' malen können, malen dürfen, müssen wir den Typus erkennen, das Unpersönliche." (zit. nach: Ausst.-Kat. Oskar Schlemmer, Folkwang Museum, Essen 1970/71, S. 20)

Essay
"Eine einzigartige Rolle in der Gemeinschaft des Bauhauses". Oskar Schlemmers Wirken in Weimar und Dessau
Oskar Schlemmer gilt als einer der einflussreichsten und vielseitigsten Künstler des Bauhauses. Noch 1960 urteilt Walter Gropius über Oskar Schlemmer rückblickend: "Schlemmer spielte eine einzigartige Rolle in der Gemeinschaft des Bauhauses." (zit. nach: Karin v. Maur, Oskar Schlemmer. Monographie, München 1982, S. 187). Während seiner Zeit in Weimar (1921-1925) und Dessau (1925-1929) ist Schlemmer nicht nur als Maler und Grafiker, sondern auch als Bildhauer, Bühnenbildner, Raumgestalter und Choreograf tätig. Er leitet zunächst die Werkstatt für Wandmalerei, dann die Metallwerkstatt und die Werkstatt für Holz- und Steinbildhauerei. Mit dem Umzug nach Dessau übernimmt Schlemmer auch die Leitung der Bauhaus-Bühne und unterrichtet ab 1928 das Fach "Der Mensch". In den Bestrebungen für eine ganzheitlich gebildete Gesellschaft und der gattungsübergreifenden Verbindung von Handwerk und künstlerischer Schaffenskraft vereint sein beeindruckendes Œuvre ganz und gar den Geist und die Ideale des Bauhauses, das für die Formgestaltung und die gesamte künstlerische Entwicklung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägend sein sollte.

Mensch und Raum. Ideal und Utopie
Aufgrund seiner Bestrebungen nach einer stärkeren Vereinigung von Kunst und Architektur verlagern sich Schlemmers künstlerische Projekte nach seiner Berufung an das Weimarer Bauhaus in den 1920er Jahren zunehmend in den Raum, es entstehen nun u. a. auch Plastiken, Skulpturen und Wandreliefs. Schlemmers äußerst vielseitiges Schaffen kreist nun fast ausschließlich um die Darstellung des menschlichen Kopfes und Körpers. In seinen Gemälden, Papierarbeiten, Wandmalereien, Skulpturen, Kostümentwürfen, Choreografien und Bühnenstücken erhebt er den Menschen zum Kern seiner experimentellen Arbeiten und zum "Maß aller Dinge". In ihnen begibt sich der Künstler auf die Suche nach einem ganz eigenen künstlerischen Idealtypus menschlicher Physiognomie; eine Suche, die sicherlich auch von der Sportbegeisterung und dem Körperkult der 1920er Jahre geprägt ist. Sein experimenteller Geist gipfelt in seinen Kostümentwürfen und Inszenierungen für das "Triadische Ballett" (1922 uraufgeführt), das heute als Meilenstein des Tanztheaters gilt. Die hier auf die Bühne gebrachte idealisierte Symbolfigur entwickelt sich bald zum festen Bestandteil seiner Ikonografie.
1928 erhält Schlemmer den Auftrag zur Ausgestaltung eines Rundraumes im Folkwang Museum in Essen. Bis 1931 beschäftigt er sich vielleicht auch deshalb besonders intensiv mit der Darstellung des männlichen Körpers und dessen Bewegungsabläufen. Unter Verzicht auf individuelle Eigenschaften erarbeitet Schlemmer in diesen und den darauffolgenden Jahren stark stilisierte, harmonisch komponierte Figurenstudien mit streng ausgerichteten vertikalen und horizontalen Achsen, die auf einer geometrisierten Körpersprache und Formgebung basieren. Die als Symbiose aus Kegeln, Zylindern und Kugeln erdachten Figurinen integriert der Künstler mit wenigen Ausnahmen in eine surreale Umgebung oder undefinierte, abstrakte Raumarchitekturen, in denen das Interieur wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle spielt. Der Künstler selbst erklärt: "Auf einer Fläche als Entsprechung des kosmischen Raumes kann ich dann die Gestalten so einordnen, dass sie als sichtbare Funktionskräfte des kosmischen Lebens erscheinen [..]. Man wendet oft ein, dass meine 'Menschen' keine 'Gesichter' haben, höchstens 'Puppengesichter'. Man versteht leider nicht, dass dies Absicht ist, dass dies nicht anders möglich ist." (zit. nach: Ausst.-Kat. Oskar Schlemmer, Folkwang Museum, Essen 1970/71, S. 20). 1933 wird der Folkwang-Zyklus im Zuge der Diffamierung Oskar Schlemmers von den Wänden des Essener Museums entfernt - die Bildtafeln gelten heute als verschollen. Was bleibt, sind die Entwürfe und die in diesem Zusammenhang entstandenen, vorbereitenden Zeichnungen und Aquarelle.

Der Künstler auf dem Höhepunkt seiner Karriere
Zum Entstehungszeitpunkt unserer Arbeit befindet sich Oskar Schlemmer auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere. 1930 sind seine Arbeiten Teil der XVII. Biennale in Venedig. 1931 widmet ihm die Galerie Flechtheim in Berlin eine Einzelausstellung, die später auch in Zürich und in Krefeld gezeigt wird. Im selben Jahr präsentiert man seine Kunst in der groß angelegten Überblicksausstellung "Modern German Painting and Sculpture" im Museum of Modern Art in New York der internationalen Öffentlichkeit. Zur gleichen Zeit nähert sich die gesamtpolitische Lage Deutschlands und Europas jedoch bereits einer Krise - einer bis dato unvorstellbaren Tragödie. In kleinen, aber deutlichen Schritten werden die Auswirkungen der allmählichen Machtübernahme und Einflussnahme durch die Nationalsozialisten auch für den Künstler merklich spürbar.

Weimar - Dessau - Breslau - Berlin. Schlemmers Wirkungsstätten zu Beginn der 1930er Jahre
Nach dem Rücktritt von Walter Gropius verlässt Schlemmer das Bauhaus und nimmt 1929 eine Lehrtätigkeit an der Breslauer Akademie für Kunst- und Kunstgewerbe an. Dort leitet er u. a. die Bühnenkunstklasse, unterrichtet zum Thema "Mensch und Raum" und ist in der Bühnengestaltung für Theater und Oper tätig. Aufgrund strikter Sparmaßnahmen infolge der Weltwirtschaftskrise wird die Breslauer Akademie 1932 jedoch geschlossen und Schlemmer erhält eine Professur an den Vereinigten Staatsschulen für Angewandte Kunst in Berlin, welche ihm jedoch bereits 1933 von den mittlerweile regierenden Nationalsozialisten fristlos entzogen wird. Der Künstler sieht sich einer immer weiter fortschreitenden Diffamierung ausgesetzt, seine Werke gelten nun als "entartet" und werden aus Museen und Ausstellungen, bspw. 1933 aus der Retrospektive im Stuttgarter Kunstverein, entfernt. Mit ihrer geometrischen, auf mathematischen Regeln basierenden Formensprache spiegeln Schlemmers Arbeiten dieser Jahre sicherlich auch eine allgemeine gesellschaftliche und nicht zuletzt auch persönliche Grundstimmung wider, die möglicherweise auch eine Sehnsucht nach Ordnung, nach Einheit und Gemeinschaft beinhaltet.
"Ich will Menschen-Typen schaffen und keine Porträts, und ich will das Wesen des Raumes und keine Interieurs", erläutert der Künstler in Bezug auf seine so unnahbaren Figuren in der wie in der vorliegenden Arbeit gänzlich abstrakten, eben nur schemenhaft angedeuteten räumlichen Umgebung (zit. nach: Ausst.-Kat. Oskar Schlemmer, Staatsgalerie Stuttgart / Württembergischer Kunstverein, Stuttgart 1977, S. 9). Mit der hier meisterlich herausgearbeiteten, fast plastischen Körperlichkeit der Jünglingsfigur, der so charakteristischen, strengen Darstellung im Profil und der aufgrund des starken Hell-Dunkel-Kontrasts evozierten atmosphärischen Lichtwirkung kann das hier angebotene, im so bedeutenden Schaffensjahr 1932 entstandene Aquarell als absolut leitmotivisches Werk im Œuvre Oskar Schlemmers gelten. Auf dem Höhepunkt seines malerischen Schaffens entsteht mit "Jünglingsfigur romantisch" somit ein Werk, das die Essenz seiner am Bauhaus entwickelten, nahezu geometrischen Formensprache und damit sein Streben nach maßgebender Ordnung widerspiegelt und mit dem sich der Künstler den Abgründen und dem Chaos seiner Zeit, der politischen Radikalisierung und den gesellschaftlichen Nöten malerisch entgegenstellen kann: "Wir brauchen Zahl, Maß und Gesetz als Wappnung und Rüstzeug, um nicht vom Chaos verschlungen zu werden" (Oskar Schlemmer, zit. nach: ebd., S. 11). In ihrer Gleichzeitigkeit von Figuration und Abstraktion, von Innehalten und Bewegung, von Exaktheit der Zeichnung und nahezu mystisch-nebulöser Lichtwirkung, von Schematisierung und freier, dynamischer Schöpfung ist das Aquarell nicht nur ein charakteristisches Zeugnis des singulären Schaffens Oskar Schlemmers, sondern auch der damals richtungsweisenden deutschen Kunst um 1930. [CH]
361
Oskar Schlemmer
Jünglingsfigur romantisch, 1932.
Aquarell über Bleistift
Schätzung:
€ 140.000
Ergebnis:
€ 250.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)