Auktion: 518 / Kunst des 19. Jahrhunderts am 17.06.2021 in München Lot 42

 
42
Hans Thoma
Herbstfeuer, Um 1880.
Öl über Tusche auf Karton
Schätzung:
€ 7.000
Ergebnis:
€ 10.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Herbstfeuer. Um 1880.
Öl über Tusche auf Karton.
Rechts unten monogrammiert. Verso mit alten, teilweise fragmentierten Etiketten sowie handschriftlich bezeichnet "No 24 2 [unleserlich] Karlsruhe". 37 x 48 cm (14,5 x 18,8 in).

• Bedeutende Provenienz: von Karoline Oetker (1867-1945), Mäzenin, Philanthropin und Gattin des Firmengründers Dr. August Oetker, als Geschenk an den Prokuristen der Firma ausgewählt
• Erstmals auf dem Auktionsmarkt angeboten
• Charakteristische Schwarzwaldlandschaft mit außergewöhnlichem Fokus auf den sich auftürmenden Wolken
.

PROVENIENZ: Philipp Rühmer, München (bis 8.10.1937).
Galerie Heinemann, München (8.10.1937 durch Ankauf von Vorgenanntem -10.6.1938, Heinemann.-Nr. 19590).
Otto Fischer, Bielefeld (am 10.6.1938 von Vorgenanntem erworben).
Sammlung Karoline Oetker, Bielefeld (1867-1945) (1938, wohl von Vorgenanntem erworben).
Hermann Kandler, Bielefeld (Prokurist der Firma Dr. Oetker; 1938 von Vorgenannter als Geschenk erhalten, verso mit dem Etikett).
Privatsammlung Norddeutschland.
Gütliche Einigung mit den Erben der Galerie Heinemann (2021).

Das Werk ist frei von Restitutionsansprüchen. Das Angebot erfolgt in freundlichem Einvernehmen mit den Erben nach Franziska Heinemann auf Grundlage einer fairen und gerechten Lösung.

AUSSTELLUNG: Hans Thoma-Ausstellung, Frankfurter Kunstverein, 1.8.-23.9.1906, Kat.-Nr. 49.

LITERATUR: Galerie Heinemann, München, Karteikarten zu Heinemann-Nr. 19590 (Typoskript, Galerienachlass Heinemann - Deutsches Kunstarchiv Nürnberg, Kartei verkaufte Bilder und Lagerbücher, KV-T-177 und KL-2146, Dokument-ID: 11399, 15122).

Essay
Vor seiner Hinwendung zu einer überwiegend von mythologischen Gestalten geprägten Malerei ab den 1880er Jahren existieren von Hans Thoma zahlreiche Landschaften, die er bei seinen Aufenthalten in unterschiedlichen Regionen Deutschlands und Italiens anfertigt. In Bernau im Schwarzwald geboren, studiert Thoma im rheinabwärts gelegenen Karlsruhe u. a. bei Johann Wilhelm Schirmer und verbringt immer wieder die Sommermonate im heimischen Schwarzwald. Anschließend führen ihn Reisen und Aufenthalte kürzerer und längerer Dauer nach Basel, Düsseldorf und 1868 nach Paris, wo die Malerei Gustave Courbets und der Schule von Barbizon einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nach der ersten Italienreise 1874 kehrt er immer öfter nach Frankfurt zurück, bis er sich dort schließlich 1877 nach seiner Heirat mit der Malerin Bonicella "Cella" Berteneder niederlässt. 1899 siedelt die Familie wieder nach Karlsruhe um, wo Thoma das Amt als Direktor der Großherzoglichen Kunsthalle übernimmt und als Professor für Landschaftsmalerei an der Kunstschule unterrichtet. Die Landschaft nimmt in allen seinen Werken eine bedeutungsvolle Stellung ein und ist wesentlich mehr als nur Hintergrundfolie. Viele seiner mythologischen Werke faszinieren durch das permanente Oszillieren zwischen in der Realität zu verortenden Ansichten und ihrer Übertragung in eine Welt der Imagination, in der sie von Gestalten der Mythologie bevölkert werden. Eng verwoben ist für Thoma die Idee der Landschaft und Natur als "irdisches Paradies", als ein Ort der heimatlichen Geborgenheit, in der der Mensch mit den Jahreszeiten, Sommer und Herbst, Morgen und Abend in einen Zyklus idyllischen Lebens mit der Natur eingebunden ist. Besonders die sanfte, hügelige Landschaft des heimatlichen Tals bei Bernau ist ein immer wiederkehrendes Motiv, belebt durch heimkehrende Reiter oder Hirten mit ihren Tieren. Die dem Bild zugrunde liegende bewegte, geschwungene Linienführung, unter der lasierend aufgetragenen Farbe erkennbar, steigert sich über der sanften Anhöhe in den sich plastisch auftürmenden Wolken. Vor der Weite des Himmels wärmen sich die Hirten am Feuer. In der Gedämpftheit der dunklen grünen, erdigen Farbigkeit, farblich kaum zu unterscheiden von Bäumen und Ziegen, werden sie so eingebettet in die harmonische Gesamtheit der Landschaft.
„Herbstfeuer“ ist auch eine Wiederentdeckung. Der Literatur über Hans Thoma ist das Bild unbekannt. Nachdem es 1906 im Frankfurter Kunstverein ausgestellt war, hatte sich seine Spur verloren. Umso beredter ist der Blick auf die Bildrückseite: Eine handschriftliche Notiz der „Frau Kommerzienrat Dr. Oetker“ vom 13.6.1938 bezeugt, dass die Witwe des bekannten August Oetker (1862-1918) das Bild Hermann Kandler geschenkt hatte, einem Kopf aus der Führungsriege von „Dr. Oetker“. Und noch ein wenig mehr von der Vorgeschichte lässt sich recherchieren: Nur drei Tage vor der Schenkung war das Werk durch die Münchner Galerie Heinemann an den Bielefelder Kunstsalon Otto Fischer verkauft worden. Die Galerie Heinemann ihrerseits hatte das Werk 1937 von Philipp Rühmer erworben. Weiter kann der Weg nicht zurückverfolgt werden - und doch weit genug. Denn das Jahr 1938 war das Schicksalsjahr für Franziska Heinemann und ihre Familie. Die jüdische Galerie, seit 1935 nur noch mit Ausnahmegenehmigung betrieben, wurde im Verlauf dieses Jahres vollständig „arisiert“. Die Firmenanteile des im Mai 1938 geflohenen Sohnes Fritz hatte Friedrich Zinckgraf bereits zum Januar 1938 übernommen; mit den Novemberpogromen war dann das endgültige Ende der einst so glänzenden Kunsthandlung erreicht. Inmitten dieser dramatischen Vorgänge wechselte „Herbstfeuer“ den Besitzer. Heute kann das Werk in bester Übereinstimmung mit den Erben der Galerie Heinemann angeboten werden. [KT/AT]
42
Hans Thoma
Herbstfeuer, Um 1880.
Öl über Tusche auf Karton
Schätzung:
€ 7.000
Ergebnis:
€ 10.000

(inkl. 25% Käuferaufgeld)