Auktion: 519 / Kunst nach 1945 / Zeitg. Kunst II am 18.06.2021 in München Lot 121000507

 
121000507
Rainer Fetting
Gemeinschaftsarbeit mit Luciano Castelli (geb. 1951 Luzern). Bordell I (Diptychon), 1982.
Acryl auf Leinwand
Schätzpreis: € 40.000 - 60.000
+
Objektbeschreibung
Gemeinschaftsarbeit mit Luciano Castelli (geb. 1951 Luzern). Bordell I (Diptychon). 1982.
Acryl auf Leinwand.
Der linke Bildteil verso von Luciano Castelli signiert und datiert. Jeweils auf der umgeschlagenen Leinwand betitelt und auf dem Keilrahmen mit jeweils einem Richtungspfeil bezeichnet. Jeweils: 290 x 200 cm (114,1 x 78,7 in). Gesamtmaß: 290 x 400 cm (114,1 x 157,5 in).

• Charakteristisches, leuchtend-farbkräftiges Werk von monumentalem Format.
• Seit über 20 Jahren in rheinischem Privatbesitz.
• Gemeinschaftsarbeit der Künstlerfreunde Luciano Castelli (linker Bildteil) und Rainer Fetting (rechter Bildteil) aus der gemeinsamen Werkreihe der "Bordellbilder".
• 1982 Teil der umfassenden Werkschau der Gemeinschaftsarbeiten von Rainer Fetting, Luciano Castelli und Salomé im Musée d'Art Contemporain in Bordeaux
.

Die Authentizität der vorliegenden Arbeit wurde vom Künstler bestätigt. Wir danken für die freundliche Auskunft.

PROVENIENZ: Privatsammlung Rheinland (2000 erworben).

AUSSTELLUNG: Salomé, Luciano Castelli, Rainer Fetting (1979-1982), Musée d'art Contemporain de Bordeaux (CAPC), Bordeaux, 31.1.-5.3.1983, S. 35 (mit ganzseitiger Farbabb.).

LITERATUR: Salomé, Luciano Castelli und Rainer Fetting. Bild Erotismen, Kunstforum, Zwischenbilanz I: Gemeinschaftsbilder, Bd. 67, S. 70 ff.
Matthias Liebel, Luciano Castelli: 30 Jahre Malerei. Das malerische Œuvre des Künstlers von seinen Anfängen bis Ende der 90er Jahre (Diss.), Bamberg 2004, S. 20, 160, 165 u. 186 ff. (mit Farbabb.).
Rainer Fetting und Jan Hoet, Fetting, Köln 2009, S. 172.
"Castellis und meine Gemeinschaftsbilder umfassten auch gigantische Indianerbilder, und die Bordellbilder, in denen er die Frauen, ich die Männer malte."
Rainer Fetting über die "Bordellbilder", zit. nach: Rainer Fetting und Jan Hoet, Fetting, Köln 2009, S. 172.

Essay
1977 gründen Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé und Bernd Zimmer in der damals isolierten, subkulturellen Berliner Kunstwelt die kollektiv betriebene "Galerie am Moritzplatz". Fortan machen sich die Berliner Künstler nicht nur als "Neue" oder "Junge Wilde", sondern insbesondere als "Moritzboys" einen Namen. Wenig später stößt auch der schweizerische Künstler Luciano Castelli zu der Gruppe dazu. Das gemeinsame kreative Schaffen als Befreiung aus der zum Teil noch verfestigten Kunstauffassung, das Malen und Auftreten in Konzerten und Filmen entspricht der damaligen Haltung und dem Lebensgefühl der jungen Maler. Gemeinschaftsarbeiten wirken da wie eine logische, ganz natürliche Konsequenz. Im Œuvre Rainer Fettings und Luciano Castellis finden sie sich bereits ab den späten 1970er Jahren. Fetting schafft 1980 zusammen mit Helmut Middendorf und Bernd Zimmer einige gigantische Wandmalereien für den Musik-Club "SO36" (Mitinhaber: Martin Kippenberger), während Castelli zusammen mit Salomé u. a. an großformatigen Diptychen wie "Rote Liebe" oder "Seiltänzer" (1979) arbeitet. Im selben Jahr gründen Castelli und Salomé außerdem die Punkband "Geile Tiere", mit der sie später (mit Rainer Fetting am Schlagzeug) im Rahmen der Gemeinschaftsausstellung im Musée d'Art Contemporain in Bordeaux sogar in Frankreich einige Konzerte spielen. 1981 entsteht dann mit "Room Full of Mirrors" eine erste, jedoch filmische Kooperation Luciano Castellis und Rainer Fettings, bevor sich die Künstler für die hier angebotenen Arbeiten der monumentalen Werkserie der "Bordellbilder" 1982 auch malerisch zusammenfinden.

Die großformatigen Arbeiten weisen deutliche Einflüsse der Künstlerkollegen Karl Horst Hödicke, Bernd Koberling oder Markus Lüpertz auf, die in den 1960er Jahren eine auf große Formate ausgerichtete, gegenständliche Malerei entwickeln. Hödicke vermittelt diese formalen Eigenschaften seiner Generation wie auch das Arbeiten mit breiten Pinseln an seine Schüler, die Moritzboys Salomé und Helmut Middendorf; aber auch Rainer Fettings und Luciano Castellis Kunstschaffen zeugt von dieser Vorliebe für große Formate, was sich bspw. 1977 an Fettings "Mauerbildern" zeigt. In den hier angebotenen Arbeiten füllen die Künstler die monumentalen Leinwände mit breiten, expressiven Pinselstrichen. Jeweils als Diptychon konzipiert, bannen die Künstler in starken, unnatürlichen Farben zum Teil aus Pornoheften entnommene, erotische Szenen auf die Leinwand. Castelli malt die Frauenfiguren, Fetting die Männerakte. Während "Bordell I" motivisch den reizvollen Moment des ersten Aufeinandertreffens der drei ausschließlich in Pumps und Strümpfen gekleideten, in selbstbewusst-aufreizenden Posen verharrenden Frauenfiguren und den ihnen gegenübergestellten potenziellen Kunden, drei männlichen Akten, thematisiert, wird der Betrachter des zweiten hier angebotenen Diptychons, "Bordell III", zum Voyeur des eigentlichen Koitus. Die drei weiblichen und männlichen Akte haben sich hier zu drei Paaren zusammengefunden, die jeweils unterschiedliche sexuelle Handlungen ausführen. Die vorherige formale Ordnung von "Bordell I", die fast brave, an die klassischen Darstellungen der "Drei Grazien" erinnernde Aneinanderreihung der Akte wird hier nun über Bord geworfen: Stattdessen regiert das ungezügelte, wilde Lustspiel, das die Künstler hier durch dynamische, breite Pinselstriche in überbordenden Farben zum Ausdruck bringen.

Rainer Fetting und Luciano Castelli gelten seit den 1980er Jahren als Protagonisten der gegenständlichen deutschen Malerei. In den vergangenen Jahren sind ihre Arbeiten u. a. 2015 in der viel beachteten Ausstellung "Die 80er. Figurative Malerei in der BRD" im Städel Museum in Frankfurt am Main zu sehen. [CH]
121000507
Rainer Fetting
Gemeinschaftsarbeit mit Luciano Castelli (geb. 1951 Luzern). Bordell I (Diptychon), 1982.
Acryl auf Leinwand
Schätzpreis: € 40.000 - 60.000
+
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Rainer Fetting "Gemeinschaftsarbeit mit Luciano Castelli (geb. 1951 Luzern). Bordell I (Diptychon)"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlag bis einschließlich € 500.000: 32 % Aufgeld
Zuschläge über € 500.000: Teilbeträge bis einschließlich € 500.000 32 %, Teilbeträge über € 500.000 27 % Aufgeld
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlag bis einschließlich € 500.000: 25 % Aufgeld zuzügl. der gesetzlichen Umsatzsteuer
Zuschläge über € 500.000: Teilbeträge bis einschließlich € 500.000 25%, Teilbeträge über € 500.000 20 % Aufgeld, jeweils zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer

Wir bitten um schriftliche Mitteilung vor Rechnungsstellung, sollten Sie Regelbesteuerung wünschen.

Berechnung bei Folgerechtsabgabe:
Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 2,4 % inklusive der gesetzlichen Umsatzsteuer an.