Auktion: 520 / Evening Sale am 18.06.2021 in München Lot 368

 
368
Ernst Ludwig Kirchner
Gruppen Badender (Sonntag in Moritzburg, Badender), 1909.
Farblithografie
Nachverkaufspreis: € 70.000
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Objektbeschreibung
Gruppen Badender (Sonntag in Moritzburg, Badender). 1909.
Farblithografie.
Gercken 307. Dube L118. Schiefler L134. Signiert und datiert "07" und bezeichnet "letzter Handdruck". Eines von 6 bekannten Exemplaren. Auf dünnem Velin. 51 x 60 cm (20 x 23,6 in). Papier: 54,5 x 64 cm (21,5 x 25,2 in).

• Farbstarkes und großformatiges Blatt von beeindruckender, malerischer Wirkung.
• Prachtvoller Druck in vier Farben aus der besten "Brücke"-Zeit.
• 3 der 5 weiteren bekannten Exemplare befinden sich in öffentlichen Sammlungen: im Sprengel Museum, Hannover, in der Hamburger Kunsthalle und im Buchheim Museum, Bernried.
• Im Zuge der Aufenthalte der "Brücke"-Künstler an den Moritzburger Seen (1909-1911) entstehen besonders innovative, ausdrucksstarke und für den Expressionismus richtungsweisende Arbeiten.
• Das Motiv der badenden Akte im Freien verwirklicht Kirchner auch in Öl, u. a. in "Badende in Moritzburg" (1909/1926, Tate Gallery, London)
.

PROVENIENZ: Sammlung Heinrich Hudtwalcker, Hamburg.
Sammlung Heinrich Neuerburg (1883-1956), Köln (mit dem Sammlerstempel, Lugt 1344a).
Privatsammlung Rheinland.

LITERATUR: Kornfeld & Klipstein, Bern, 99. Auktion, 17./18.6.1960, Los 434 (mit Abb.).

"Es gibt nichts Reizvolleres als Akte im Freien."
E. L. Kirchner in einem Brief an Gustav Schiefler, 19. Juli 1910.

"Ihren vielleicht wichtigsten Beitrag zur Kunstgeschichte haben die 'Brücke'-Künstler mit ihrer revolutionären Druckgrafik geleistet."
Prof. Günther Gercken, in: Ausst.-Kat. Brücke. Die Geburt des deutschen Expressionismus, Berlin 2005/06, S. 57.

Essay
Gemeinsam mit Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Fritz Bleyl gründet Ernst Ludwig Kirchner 1905 in Dresden die Künstlergruppe "Die Brücke", die sich schließlich zu einer der bedeutendsten Künstlergruppen des frühen 20. Jahrhunderts entwickeln sollte. In der etablierten Dresdener Kunstszene sehen die jungen Künstler für sich und ihr modernes, progressives Schaffen damals keine nennenswerten Perspektiven und versuchen nun auf diese Weise, mit ihren Arbeiten auf gemeinsamen Ausstellungen das Interesse eines größeren Publikums zu wecken. In Ablehnung eines klassischen Kunststudiums studieren die Freunde stattdessen die moderne Kunst ihrer Zeit und widmen sich dem reinen Naturstudium, ohne sich von den traditionellen formalen, technischen und ästhetischen Regeln der Akademielehren beeinflussen zu lassen. Selbstbewusst und unbeirrt suchen sie nach ihrer ganz eigenen, individuellen künstlerischen Sprache.

In diesen so bedeutenden, richtungsweisenden Jahren - der Geburtsstunde des Expressionismus - steht insbesondere die Darstellung des Menschen im Fokus der jungen Maler. Im gemeinsamen Atelier in Dresden-Friedrichstadt widmet man sich in schnellen, dynamischen Zeichnungen insbesondere dem Studium von Akten, nicht in erstarrt-akademischen, sondern in natürlichen und ungezierten Posen und Bewegungsabläufen. 1909 verbringt Kirchner mit den anderen "Brücke"-Künstlern in den Sommermonaten dann erstmals eine längere Zeit an den Moritzburger Seen, unweit von Dresden. Mit dem gleichen Schaffensdrang wie im Dresdener Atelier werden hier die sich unbekleidet am Wasser tummelnden Badenden skizziert. Ihre ungezwungene, unbefangene und entspannte Nacktheit ist Kirchner und seinen Künstlerkollegen der "Brücke" in diesen Jahren eine wichtige Quelle der Inspiration und entwickelt sich schließlich zu einem der charakteristischen Motive ihres expressionistischen Schaffens.

Nicht nur in Zeichnungen, sondern insbesondere auch in druckgrafischen Arbeiten verwirklichen Kirchner und die "Brücke"-Künstler ihre damals unkonventionelle, neuartige Kunstauffassung und hauchen dem damals wenig populären Medium der Druckgrafik wieder neues Leben ein. Das beeindruckende, umfangreiche, technisch ausgefeilte und auch vielfältige Œuvre markiert "in Qualität und Umfang [..] einen zweiten Höhepunkt in der Geschichte der grafischen Kunst nach dem 16. Jahrhundert" (Prof. Günther Gercken, in: Ausst.-Kat. Brücke. Die Geburt des deutschen Expressionismus, Berlin 2005/06, S. 57). In aufwendigen gestalterischen Prozessen erforschen die Künstler die Gestaltungsmöglichkeiten der unterschiedlichen Drucktechniken und nutzen die jeweiligen materiellen Eigenschaften für ihre kreativen Zwecke. E. L. Kirchner bringt sich besonders intensiv in die gestalterischen Prozesse ein und übernimmt oftmals nicht nur den künstlerischen Entwurf, sondern auch den tatsächlichen manuellen Druck der einzelnen Blätter. Einige von ihm als solche gekennzeichnete "Eigen-" bzw. "Handdrucke" sind erhalten, zu denen auch die hier angebotene Arbeit gehört. Die in nur kleiner Auflage gedruckten - zumeist in nur wenigen Exemplaren und einzelnen Probeabzügen - Arbeiten erhalten durch die Wertschätzung der "Brücke"-Künstler eine gänzlich eigenständige künstlerische Bedeutung. Von der hier angebotenen, großformatigen Farblithografie, geboren aus diesem ersten Sommer an den Moritzburger Teichen, sind heute nur noch fünf weitere Exemplare bekannt, drei davon befinden sich in den renommierten Sammlungen des Sprengel Museums in Hannover, der Hamburger Kunsthalle und des Buchheim Museums in Bernried.

Kirchner schafft hier mithilfe einer unbefangenen Formensprache, versetzten Überlagerungen der einzelnen kontrastreichen Farben und einer freien, ungewöhnlichen Komposition eine dynamische, vielfigurige Darstellung von beeindruckender Rhythmik und Bewegtheit, die nichts von der Spontaneität und Leichtigkeit ihrer zugrunde liegenden Zeichnung eingebüßt hat. In ihr offenbart sich Kirchners innovativer Schaffensdrang, sein immenser Gestaltungswille und sein großes handwerkliches Können, wie auch die Quintessenz der revolutionären "Brücke"-Kunst. [CH]
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Ernst Ludwig Kirchner
Gruppen Badender (Sonntag in Moritzburg, Badender), 1909.
Farblithografie
Nachverkaufspreis: € 70.000
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Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Ernst Ludwig Kirchner "Gruppen Badender (Sonntag in Moritzburg, Badender)"
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Zuschläge über € 500.000: Teilbeträge bis einschließlich € 500.000 25%, Teilbeträge über € 500.000 20 % Aufgeld, jeweils zuzüglich der gesetzlichen Umsatzsteuer

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Bei Objekten, deren Künstler nicht bereits vor mindestens 70 Jahren verstorben ist, fällt eine Folgerechtsumlage i.H. von 2,4 % inklusive der gesetzlichen Umsatzsteuer an.