Auktion: 522 / Klassische Moderne Teil II am 10.12.2021 in München Lot 121001313

 
121001313
Karl Hofer
Mädchen am Fenster, 1943.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 100.000 - 150.000
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Objektbeschreibung
Mädchen am Fenster. 1943.
Öl auf Leinwand.
Links unten monogrammiert (in Ligatur) und datiert (in die nasse Farbschicht geritzt). Verso auf dem Keilrahmen handschriftlich betitelt. 77 x 61 cm (30,3 x 24 in).

• Geschlossene Provenienz.
• Einnehmende Visualisierung der angestrebten Stimmungshaltung: einer besonders ausdrucksstarken Melancholie.
• Mit der Simplizität des Motivs, der reduzierten Farbpalette und den kühn gestzten Kompositionslinien der die Figur einrahmenden Architektur gelingt dem Künstler hier eine besonders anziehende, zeitlose Darstellung
.

Die vorliegende Arbeit ist im Karl-Hofer-Archiv, Köln, unter der Nr. "N 20" registriert.

PROVENIENZ: Sammlung Virginia Madison Armstead MacLaren (1909-1985), New York (als Geschenk vom Künstler erhalten).
Sammlung Madison MacLaren, USA (durch Erbschaft).
Vom heutigen Eigentümer von der Vorgenannten erworben (Brunk Auctions, Asheville (NC), USA, 15.9.2018, Los 863).

Essay
Karl Hofers außerordentliche malerische Fähigkeiten in Bezug auf das Figurenbildnis zeigen sich auch in der hier vorliegenden, anmutig-melancholischen Arbeit, mit der Hofer ein Werk schafft, das wie so häufig in seinem Œuvre mit einem sparsamen Einsatz von Gegenständen und Staffage, dem typischen Verzicht auf einen bestimmbaren, erzählerischen Umraum und einer nur angedeuteten Erotik auskommt, und trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - eine Bildwirkung von würdevoller, seltsam zeitloser Zurückhaltung und zugleich starker Anziehungskraft vermittelt. Geschickt verortet Hofer seine weibliche Protagonistin in einem nahezu leeren Bildraum. Spärliche Ansätze von Architektur rahmen die junge Frau mithilfe klarer Linien und geometrisch zueinander angegeordneten Flächen ein. Lediglich eine leichte Schräge der schief zusammengefalteten Jalousie durchbricht diese Geradlinigkeit ihres unmittelbaren Umfelds. Durch die reduzierte, gar minimalistische Darstellung und der ungewöhnlichen Verbindung solch unterschiedlicher Grüntöne rückt die Figur selbst in den Mittelpunkt, nur sie ist hier von Bedeutung.

Mit dem hier dargestellten Motiv eines nachdenklich am Fenster verweilenden Mädchens befasst sich der Künstler in typischer Hofer-Manier bereits 1932 und 1934 in zwei weiteren Versionen. Diese über mehrere Jahre und Jahrzehnte gestreckte Wiederholung und Variation eines bestimmten Bildmotivs gilt als charakteristisches Prinzip der bildnerischen Gestaltung im Œuvre des Künstlers. In einem langwierigen Prozess verändert, verdichtet, klärt und präzisiert Hofer die jeweilige erwählte Bildidee und erzielt mit dieser besonderen motivischen Konzentration eine sonderbare Steigerung von Form und Ausdruck seiner Werke. Eine erste Version der Darstellung aus den frühen 1930er Jahren zeigt die weibliche Figur noch mit auffälliger Frisur und deutlich ernsterem Blick.

Der von Natur aus empfindsame, von Zeit zu Zeit zu Melancholie neigende Maler baut sich in seinen ruhigen, unaufgeregten Bildern einen Gegensatz zu der ihn umgebenden, in Trümmern liegenden Welt und entflieht damit ein Stück weit der damaligen, so tragischen Realität. Er "überlebt die menschen- und kunstfeindliche Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft nur mit Hilfe seiner Malerei" (Henrike Holsing, 'Er malt die Stille'. Lesende und Sinnende im Werk Karl Hofers, in: Ausst.-Kat. Karl Hofer. Von Lebensspuk und stiller Schönheit, Kunsthalle Emden, 11.2.-17.6.2012, S. 128). Das hier angebotene Werk entsteht in einem der härtesten Schicksalsjahre des Künstlers. Bereits in den 1930er Jahren wird er von den Nationalsozialisten geächtet, über 300 seiner Werke werden aus öffentlichen deutschen Sammlungen entfernt, jegliche malerische oder grafische Tätigkeit wird ihm von der Reichskulturkammer untersagt und von seinem Dienst als Hochschullehrer wird er suspendiert. Trotzdem kehrt Hofer nach längeren Aufenthalten in der Schweiz zu Kriegsbeginn nach Deutschland zurück, wohnt ab 1941 wieder in Berlin. 1943 - im Entstehungsjahr unserer Arbeit - vernichtet bei dem ersten großen Bombenangriff auf Berlin am 1. März ein Feuer sein Atelier, der Großteil seiner dort gelagerten Werke verbrennen. "Eine Hiobsbotschaft - Bei dem furchtbaren Angriff auf Berlin ist mein Atelier in Flammen aufgegangen, mein ganzes Werk zerstört. Ich habe es brennen sehen . Es ist das furchtbarste, was je einem Künstler passiert ist, aber ich bin nicht leicht zu brechen und will versuchen [.] meine Arbeit wieder aufzunehmen." (Karl Hofer in einem Brief vom März 1943 aus Berlin an Konrad Hager, zit. nach: Ausst.-Kat. Karl Hofer, Schloss Cappenberg, 1991, S. 167). Seine Sehnsucht nach Stille, Harmonie und Abkehr von der realen Welt wird kaum jemals größer gewesen sein als in ebendieser Zeit. In den darauffolgenden Monaten macht sich Hofer u. a. daran, einige der zerstörten und im Krieg verschollen geglaubten Arbeiten erneut zu malen oder greift Themen und Motive auf, die ihn während seiner künstlerischen Karriere intensiv beschäftigt haben und innerhalb seines Œuvres einen besonders hohen Stellenwert besitzen. [CH]
 


Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu Karl Hofer "Mädchen am Fenster"
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