Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 23

 

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Karl Schmidt-Rottluff
Holzkästchen ("Steilkasten"), 1911.
Holz, bemalt in rot, weiß, braun und schwarz, e...
Schätzung:
€ 15.000
Ergebnis:
€ 18.750

(inklusive Aufgeld)
Holzkästchen ("Steilkasten"). 1911.
Holz, bemalt in rot, weiß, braun und schwarz, eingekerbte Flächenbegrenzung.
Wietek 240. Auf der Unterseite signiert. 20,3 x 12 x 9,9 cm (7,9 x 4,7 x 3,8 in). [KT].

• Mit der ersten umfangreichen Ausstellung bei Commeter in Hamburg 1911 erfahren Objektkästen von Karl Schmidt-Rottluff breite Begehrlichkeit.
• Viele Sammler wie Rosa Schapire in Hamburg oder Karl Ernst Osthaus in Hagen beauftragen den Künstler, Objektkästen und Vitrinen zu entwerfen und zu bauen.
• Mit seiner der Malerei entlehnten Farbgestaltung der Körper erzielt der Künstler eine faszinierend plastische Wirkung.
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PROVENIENZ:
Galerie Commeter, Hamburg.
Linda Melita Roosen, geb. Bohlen, Hamburg (1911 vom Vorgenannten erworben).
Galerie Claus Runkel, London.
Sammlung Hermann Gerlinger, Würzburg (mit dem Sammlerstempel, 1990 vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG:
Galerie Commeter, Hamburg, 1911.
Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum Schloss Gottorf, Schleswig (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 1995-2001).
Die Maler der Brücke. Sammlung Hermann Gerlinger, Stuttgart 1995, S. 226, SHG-Nr. 324 (m. Abb.)., Kat.-Nr. 308 (m. Farbabb.).
Kunstmuseum Moritzburg, Halle an der Saale (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2001-2017).
Schmidt-Rottluff. Form, Farbe, Ausdruck, Buchheim Museum, Bernried am Starnberger See, 29.9.2018-3.2.2019, S. 174 (m. Abb.).
Buchheim Museum, Bernried (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2017-2022).

LITERATUR:
Lexikon der Kunst, hrsg. von Harald Olbrich und Gerhard Strauß, Bd. III, Leipzig: Seemann 1991, S. 679.
Wilhelm Niemeyer, Schmidt-Rottluff: bemalte Kästen, Galerie Commeter, Hamburg, Oktober 1911, Nr. 11 [unveröffentlichtes handschriftliches Manuskript im Nachlass].
Rosa Schapire, Zu Schmidt-Rottluffs Ausstellung bei Commeter [zur Ausstellung von 15. Holzkästen], in: Der Hamburger, Jg. 1, Heft 12, 1910/11, S. 267-268.
Gerhard Wietek, Karl Schmidt-Rottluff in Hamburg und Schleswig-Holstein, Neumünster 1984, S. 11, 34, 79, 110.
Gerhard Wietek, Schmidt-Rottluff. Oldenburger Jahre 1907-1912, hrsg. von der Stiftung Kunst und Kultur der Landessparkasse zu Oldenburg, Oldenburg o. J. [1994], Nr. 267.
Heinz Spielmann (Hrsg.), Die Maler der Brücke. Sammlung Hermann Gerlinger, Stuttgart 1995, S. 226, SHG-Nr. 308 (m. Abb.).
Hermann Gerlinger, Katja Schneider (Hrsg.), Die Maler der Brücke. Bestandskatalog Sammlung Hermann Gerlinger, Halle (Saale) 2005, S. 56, SHG-Nr. 92 (m. Abb.).

Das künstlerische Schaffen Schmidt-Rottluffs ist gekennzeichnet von einer Vielzahl an Materialien und Ausdrucksformen, die den so umfassenden und entgrenzten Kunstbegriff der Moderne veranschaulichen. Neben Malerei und Grafik entstehen ab ca. 1909 erste Holzarbeiten, Kästchen, Schmuckstücke, anschließend auch bemalte Möbelstücke oder Teppiche. Deutlich wird, wie sich die Idee der Gestaltung nicht nur auf die bildende Kunst beschränkt, sondern auch auf Dekoration von Wohnräumen und Gebrauchsgegenständen ausweitet, die so in ein künstlerisches Programm aufgenommen und aufgewertet werden. So vereinen die ab 1909 entstehenden bemalten Holzkästchen Schmidt-Rottluffs mehrere Ansprüche zugleich: Sie sind vom Künstler angefertigtes Sammelobjekt, Kunstwerk, dekoratives Objekt und Gebrauchsgegenstand. Grundformen fertigt der Dangaster Tischler Wilhelm Voge (1879-1970), der auch für die Rahmen der Jahre 1907-1912 verantwortlich ist. Wilhelm Niemeyer (1874-1960), ab 1905 Dozent an der von Peter Behrens geleiteten Düsseldorfer Kunstgewerbeschule und ab 1910 an der Hamburger Kunstgewerbeschule, gehört zu den ersten Sammlern dieser Kästchen, die er beispielsweise zur Aufbewahrung von Postkarten nutzt. Seine wunderbaren Beschreibungen der kleinen Kisten zeigen, welche einfühlsame Bedeutung zu der Zeit des Jugendstils und Art décos der Dekoration, dem Objekt und dem Ornament beigemessen wird: "Ganz rein kommen die Gedanken des Künstlers zur Erscheinung in den von ihm selbst bemalten Kästen, von denen ich zwei besitze, und Truhen. Das sind für mich Kostbarkeiten" (Brief an Ernst Osthaus, 29.7.1914, Nachlass Wilhelm Niemeyer, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg).

Schmidt-Rottluffs Bearbeitung der Kästchen zeigt die Nähe zur Technik des Holzschnitts. Eingeritzte Linien umgrenzen die bunt bemalten Flächen und schaffen so ein bewegtes, reliefartiges Wechselspiel, betont noch durch die hervor- und zurücktretende Wirkung der hellen und dunklen Farben. Auch dieser Kasten wird bei der Ausstellung in der Galerie Commeter 1911 neben 14 anderen präsentiert und von Niemeyer in melodisch-dekorative Sprache gefasst: "11. Steilkasten. Braun-blau-weiß-rot. Ein Braun von unten gegen ein Braun von oben, über Blau in steigenden und fallenden Bändern, Wellen. Brauner Deckel. Sehr schön das Steile einer ständigen Bewegung, während das Ruhende als steiles Nebeneinander [..]. Stimmungsresultat: frisch, klar." (zit. nach: Gerhard Wietek, Karl Schmidt-Rottluff, Werkverzeichnis der Plastik und des Kunsthandwerks, München 2001, S. 348). Frühe Formen der Abstraktion entwickeln sich so im Dekorativen, dessen stilisierte Ornamente und Linien dennoch immer auf Referenzen verweisen, die auf dem Prinzip der Einfühlung beruhen. Zu denken ist hier an Naturformen wie wolkenverhangene Berge, sich windende Flüsse oder auch Schriftzeichen, mit deren dekorativer Wirkung sich sowohl Niemeyer als auch Schmidt-Rottluff beschäftigen. Nicht zuletzt unterstreicht die über die Unterseite verlaufende Signatur den hohen künstlerischen Anspruch, den Schmidt-Rottluff seinen Kästchen beimisst. [KT]



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Karl Schmidt-Rottluff
Holzkästchen ("Steilkasten"), 1911.
Holz, bemalt in rot, weiß, braun und schwarz, e...
Schätzung:
€ 15.000
Ergebnis:
€ 18.750

(inklusive Aufgeld)