Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 29

 

29
Karl Schmidt-Rottluff
Uhranhänger, Um 1913.
Silber, geschnitten, ziseliert, zwei Bernsteine...
Schätzung:
€ 6.000
Ergebnis:
€ 15.000

(inklusive Aufgeld)
Uhranhänger. Um 1913.
Silber, geschnitten, ziseliert, zwei Bernsteine, naturbelassen. An Kordel befestigt.
Wietek 393. 8,4 x 3,7 cm (3,3 x 1,4 in). Kordel: 27,5 cm (10,8 in).
[KT].

• Von den "Brücke"-Künstlern hat sich Karl Schmidt-Rottluff am intensivsten mit der Herstellung von Schmuck beschäftigt.
• Erste Broschen entstehen 1910 in Dangast für die Malerin Emmy Ritter und für die Hamburger Mäzenin Rosa Schapire.
• Schmidt-Rottluff fertigt die Schmuckstücke selbst und macht den Mangel an technischem Können zu seiner eigentlichen Aussage
.

PROVENIENZ:
Aus dem Nachlass des Künstlers (1976).
Privatbesitz.
Sammlung Hermann Gerlinger, Würzburg (mit dem Sammlerstempel).

AUSSTELLUNG:
Karl Schmidt-Rottluff-Gemälde: Aquarelle, Grafik, Bernstein, Kunstsammlungen der Stadt Königsberg/Kunstverein Königsberg, Königsberg 1928, Kat.-Nr. 73.
Karl Schmidt-Rottluff: Das nachgelassene Werk seit den 20er Jahren. Malerei, Plastik, Kunsthandwerk, Brücke-Museum, Berlin, 20.8.1977-15.1.1978, Kat.-Nr. 151.
Karl Schmidt-Rottluff: Aquarelle, Farbstiftzeichnungen, Schmuck, Kunstverein Paderborn 1982, Kat.-Nr. 11.
Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum Schloss Gottorf, Schleswig (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 1995-2001).
Die Maler der Brücke. Sammlung Hermann Gerlinger, Stuttgart 1995, S. 230, SHG-Nr. 324 (m. Abb.).
Kunstmuseum Moritzburg, Halle an der Saale (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2001-2017).
Nur für ihre Frauen. Schmuck von Karl Schmidt-Rottluff, Emil Nolde, Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner, Stiftung Moritzburg, Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt, Halle (Saale), 26.10.2003-11.1.2004, Kat.-Nr. 17 (m. Abb.).
Schmidt-Rottluff. Form, Farbe, Ausdruck, Buchheim Museum, Bernried am Starnberger See, 29.9.2018-3.2.2019, S. 183 (m. Abb.).
Buchheim Museum, Bernried (Dauerleihgabe aus der Sammlung Hermann Gerlinger, 2017-2022).

LITERATUR:
Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte, hrsg. vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte München, Bd. II, München 1973, S. 299.
Max von Boehn, Das Beiwerk der Mode, München 1928.
Leopold Schmid, Geschichte und Technik des Bernsteins, in: Abhandlungen und Berichte des Deutschen Museums, Jg. 13, Heft 3, Berlin 1941.
Gerhard Wietek, Karl Schmidt-Rottluff: Bilder aus Nidden, Stuttgart 1963.
Gisela Reineking von Bock, Bernstein, München 1981.
Heinz Spielmann (Hrsg.), Die Maler der Brücke. Sammlung Hermann Gerlinger, Stuttgart 1995, S. 230-31, SHG-Nr. 324 (m. Abb.).
Hermann Gerlinger, Katja Schneider (Hrsg.), Die Maler der Brücke. Bestandskatalog Sammlung Hermann Gerlinger, Halle (Saale) 2005, S. 61, SHG-Nr. 108 (m. Abb.).

Im Sommer 1913 hält sich Schmidt-Rottluff in Nidden auf der Kurischen Nehrung auf. Der damals in Ostpreußen, heute in Litauen liegende kleine Fischerort war bereits von Studenten der nahegelegenen Königsberger Kunstakademie sowie Künstlerkollegen wie Lovis Corinth und Max Pechstein besucht worden, der Schmidt-Rottluff zu einem ersten Aufenthalt veranlasst. Bei den Spaziergängen am Ostseestrand macht Schmidt-Rottluff einige Bernstein-Funde von beachtlicher Größe, die ihm als inspirierendes Material für eine Reihe von Schmuckstücken dienen und mit denen er die Metall- und Silberarbeiten der Zeit aus Dangast erweitert. Die Bernsteinfunde aus Nidden belässt Schmidt-Rottluff in ihrem natürlichen Zustand. Der Uhrenanhänger mit den zwei in Form, Größe und Farbe so unterschiedlichen Steinen weist darauf hin, dass es sich womöglich um zwei zusammengehörige Fundstücke handelt. Er verarbeitet den Bernstein meist zu Anhängern mit silberner Befestigung, oftmals mit der Bestimmung als Uhranhänger, die als Geschenke an männliche Freunde, den jüngeren Bruder Kurt Schmidt oder passive Mitglieder der "Brücke" wie Ernst Beyersdorff in Oldenburg gedacht sind. Erste Schmuckstücke entstehen bereits 1910 in Dangast, was Schmidt-Rottluff zu einem der ersten "Brücke"-Künstler macht, der sich diesem Kunsthandwerk zuwendet. Er verehrt diese ersten Stücke beispielsweise an die befreundete Malerin Emma Ritter oder die Kunsthistorikerin Rosa Schapire. Weitere Stücke entstehen für die Gattinnen der Sammler. So faszinierend an dieser eigenständigen und dennoch ins Gesamtwerk einzugliedernden Werkgruppe ist ihre Ambivalenz zwischen Kunstwerk, Sammlerobjekt und Ausstellungsstück auf der einen Seite und Gebrauchsgegenstand und Zierrat auf der anderen. Damit folgt Schmidt-Rottluff einer Ästhetik der Moderne, in der der künstlerische Ausdruck sich auf alle Lebensbereiche, Gattungen und Materialien erstreckt. Bei der Herstellung folgt Schmidt-Rottluff keinen technischen handwerklichen Ansprüchen, da er selbst nicht als Goldschmied ausgebildet war. Vielmehr steht hinter den Stücken ein unbändiges Interesse an der Gestaltung unterschiedlichster Materialien, auch schwer bearbeitbarer, widerständiger, rauer und ursprünglicher wie Holz, Stein und Metall. Plastische und zeichnerisch-grafische Fähigkeiten in der Gestaltung der Formen und Oberflächen fließen mit ein. Im Gegensatz zum industriell gefertigten Modeschmuck der Zeit ist hier die direkte Beziehung zwischen Künstler und Material in der absichtsvoll rohen Bearbeitung erkennbar. 1925 findet im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eine erste Sonderausstellung plastischer und kunsthandwerklicher Arbeiten Schmidt-Rottluffs statt. Nach wie vor besitzt das Museum heute eine einzigartige Kollektion, teils als Geschenke des Künstlers erhalten, teils als Ankäufe erworben. Unser Uhranhänger wird 1928 im Königsberger Museum präsentiert, das Alfred Rohde (1892-1945), ehemaliger Mitarbeiter des Hamburger Museums und renommierter Bernsteinkenner, seit Oktober 1927 leitet. Von gewisser Rarität und persönlicherer Anmutung sind in dieser Werkgruppe die wenigen Bernsteinanhänger, in denen Schmidt-Rottluff seine Strandfunde von 1913 verarbeitet. [KT]



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Karl Schmidt-Rottluff
Uhranhänger, Um 1913.
Silber, geschnitten, ziseliert, zwei Bernsteine...
Schätzung:
€ 6.000
Ergebnis:
€ 15.000

(inklusive Aufgeld)