Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 63

 

63
August Macke
Mädchen mit blauen Vögeln (Kind mit blauen Vögeln), 1914.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 2.000.000 - 3.000.000
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Mädchen mit blauen Vögeln (Kind mit blauen Vögeln). 1914.
Öl auf Leinwand.
Heiderich 586. Verso signiert und datiert. 60 x 82,3 cm (23,6 x 32,4 in). [CH].

• Nach der Tunisreise im April 1914 entstehen Arbeiten, die zu den wichtigsten im Werk des Künstlers zählen (3 der 4 bisher höchsten Zuschläge erfolgten für Gemälde aus ebendiesem Jahr).
• Vergleichbare Werke befinden sich heute im Museum of Modern Art in New York, im Saint Louis Art Museum, im Museum Ludwig in Köln und im Kunstmuseum Bonn.
• "Mädchen mit blauen Vögeln" wird von Mackes Zeitgenossen als Höhepunkt seines Œuvres bezeichnet.
• Es gehört zu den letzten fünf überlieferten Gemälden des Künstlers, die im Juli 1914 kurz vor der Mobilmachung entstehen.
• Nur zwei Monate später fällt August Macke am 16. September 1914 in der Champagne.
• Entdeckung: Die blass übertünchte Rückseite verdeckt "Drei Frauen am Tisch" aus dem Jahr 1912.
• Seit fast 100 Jahren in Familienbesitz.
• Nur ein vergleichbares Werk wurde in den vergangenen 20 Jahren auf dem internationalen Auktionsmarkt angeboten
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PROVENIENZ: Nachlass des Künstlers / Elisabeth Erdmann-Macke (bis 1928).
Sammlung Dr. Erich Raemisch, Krefeld / Berlin / Freiburg i. B. (1928 durch Vermittlung von Ferdinand Möller von der Vorgenannten erworben -1958).
Sammlung Ellen Raemisch, Freiburg i. B. (1958 durch Erbschaft vom Vorgenannten).
Seither in Familienbesitz.

AUSSTELLUNG: Das junge Rheinland, Kölnischer Kunstverein, Köln 1918.
August Macke – Heinrich Nauen. Gemälde, Graphik, Kestner-Gesellschaft, Hannover, 10.4.-12.5.1918, Kat.-Nr. 31 (m. d. Titel "Kind mit blauen Vögeln" und d. Hinweis "unverkäuflich").
August Macke, Gesellschaft für Literatur und Kunst (Dramatischer Verein), Städtisches Museum Villa Obernier, Bonn 1918.
Neue Rheinische Maler, Kunstmuseum Bonn, Dezember 1920.
August Macke, Kaiser-Wilhelm-Museum, Krefeld, Juli bis August 1924; Westfälischer Kunstverein, Münster 1924/1925; Magdeburg 1924/1925; Gesellschaft der Freunde junger Kunst, Braunschweig 1925.
August Macke – Gedächtnisausstellung (Werke aus dem Nachlass des Künstlers). Gemälde, Aquarelle, Graphik, Kunstverein Jena, 18.10.-25.11.1925.
Frühjahrsausstellung 1928, Galerie Ferdinand Moeller, Berlin 1928, Kat.-Nr. 33 (mit dem Titel "Kind mit blauen Vögeln").
Deutsche Kunst unserer Zeit, Städtisches Museum, Überlingen, 20.10.-11.11.1945, Kat.-Nr. 89.
August Macke. Gedächtnisausstellung, Museen der Stadt Köln in der Alten Universität, Köln, Juni bis Juli 1947, Kat.-Nr. 53.
August Macke, Gemeentemuseum, Den Haag, 4.12.1953-1.2.1954, Kat.-Nr. 76.
Zeugnisse europäischer Gemeinsamkeit. Meisterwerke der Malerei und Plastik aus europäischen Museen und Privatsammlungen, Städtische Kunsthalle Recklinghausen, Ruhrfestspiele, 18.6.-30.7.1954, Kat.-Nr. 138.
August Macke 1887-1914, Kunsthaus Zürich, 24.4.-30.5.1954, Kat.-Nr. 69.
Hundred Years of German Painting 1850-1950, Tate Gallery, London, 25.4.-10.6.1956, Kat.-Nr. 132.
August Macke. Gedenkausstellung zum 70. Geburtstag, Westfälischer Kunstverein, Westfälische Wilhelms-Universität, Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster, 27.1.-24.3.1957, Kat.-Nr. 109.
August Macke, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München, 6.7.-16.9.1962, Kat.-Nr. 164.
August Macke und die frühe Moderne in Europa, Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Münster, 18.11.2001-17.2.2002; Kunstmuseum Bonn, 14.3.-2.6.2002, Kat.-Nr. 173, S. 95 (m. Abb., Nr. 5, S. 96 u. m. Farbabb., S. 99 u. 329).

LITERATUR: Walter Cohen, Rezension zur Ausstellung "Neue Rheinische Maler" in Bonn, in: Kunstchronik und Kunstmarkt: Wochenschrift für Kenner und Sammler, Heft 11, 11.12.1920, S. 210.
Walter Cohen, Eine August Macke-Ausstellung in Crefeld, in: Der Cicerone. Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers, 16.1924, S. 728f.
Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers, 17.1925, S. 381.
Albrecht Kranoldt, Kunstverein Jena, Gedächtnisausstellung für August Macke, in: Das Volk, 3.11.1925.
Korrespondenz von Elisabeth Erdmann-Macke mit Ferdinand Möller (Galerie Ferdinand Möller) bezüglich des künstlerischen Nachlasses ihres Ehemanns August Macke, Berlin-Neu-Tempelhof, 1928, Nachlass Ferdinand Möller, Berlinische Galerie, BG-GFM-C, III, 1, 1166, Bl. 3.
Édition Cahiers d'art, 13e année, Paris 1938, S. 17 (m. Abb.).
Schreiben von Ferdinand Möller an Erich Raemisch, 20.6.1947, Nachlass Ferdinand Möller, Berlinische Galerie, BG-GFM-C,II 2,667.
Gustav Vriesen, Der Maler August Macke, in: Westfalen, Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde, Bd. 30, H. 1, Münster 1952 (m. Farbabb., Nr. 30).
Gustav Vriesen, August Macke, Stuttgart 1953, Kat.-Nr. 498, S. 162 (m. ganzs. Farbabb., S. 167).
Elisabeth Erdmann-Macke, Erinnerung an August Macke, Stuttgart 1962, S. 245.
Janice Mary McCullagh, August Macke and the Vision of Paradise: An Iconographic Analysis (Diss.), Austin (Texas) 1980, S. 141f. (m. Abb., Tafel 115, S. 258).
Ursula Heiderich, August Macke. Zeichnungen aus den Skizzenbüchern, Stuttgart 1986, S. 42 (m. Abb., Nr. 38, S. 41).
Ursula Heiderich, August Macke. Die Skizzenbücher, Stuttgart 1987, S. 57f. (m. Abb., Nr. 45, S. 58).
Wolfgang Stadler, August Macke. Er gab der Farbe den hellsten Klang (24 Gemälde), Freiburg [u.a.] 1987, S. 37 (m. Farbabb., Nr. 18, S. 39).
Hans-Dieter Mück (Hrsg.), Rückkehr der Moderne. Die erste Nachkriegs-Ausstellung verfemter deutscher Kunst 1945-1995, Überlingen 1995, S. 46, 52, 291 (m. Abb., S. 48).
Erich Franz, "Die Bewegung, die im Beschauer erregt wird". Bild und Wahrnehmung bei August Macke, in: Ursula Heiderich und Erich Franz (Hrsg.), Ausst.-Kat. August Macke und die frühe Moderne in Europa, Ostfildern 2001, S. 11.
Ursula Heiderich, August Macke und die frühe Moderne in Europa, in: Ursula Heiderich und Erich Franz (Hrsg.), Ausst.-Kat. August Macke und die frühe Moderne in Europa, Ostfildern 2001, S. 95f. (m. Abb.).
Eva Moser, Überlingen 1945 – deutsche Kunst unserer Zeit. Die erste Nachkriegs-Ausstellung verfemter Kunst im deutschen Südwesten, in: Landesstelle für Museumsbetreuung Baden-Württemberg (Hrsg.), Neuordnungen, Tübingen 2002, S. 67 (m. Abb., Nr. 7).
Erik Stephan (Hrsg.), August Macke, Cuno Amiet. Begleitbuch zur Ausstellung in den Städtischen Museen Jena, Jena 2007, S. 278.
Christoph Bauer (Hrsg.), Walter Kaesbach. Mentor der Moderne, Lengwil am Bodensee 2008, S. 51.
Ursula Heiderich, August Macke. Gemälde (Werkverzeichnis), Ostfildern 2008, Kat.-Nr. 586, S. 532f. (m. Abb., S. 279).
Ursula Heiderich, August Macke. Der hellste und reinste Klang der Farbe, Ostfildern 2008, S. 131, 136 (m. Abb., S. 135).
Margarethe Jochimsen und Hildegard Reinhardt (Hrsg.), Elisabeth Erdmann-Macke. Tagebücher Mai 1905-März 1948, Bielefeld 2021, S. 151, 532.
Ursula Heiderich, in: August Macke. Der hellste und reinste Klang der Farbe. Ostfildern 2008, S. 136.

Aufrufzeit: 10.06.2022 - ca. 19.04 h +/- 20 Min.

August Mackes "Kind mit blauen Vögeln" – ein tiefgründiges Meisterwerk:

Nach seiner Rückkehr von der ihn so sehr beglückenden Tunisreise mit Paul Klee und Louis Moilliet Ende April 1914, nach ein paar Tagen Aufenthalt in Hilterfingen am Tuner See sowie in Kandern im Schwarzwald malt August Macke zurück in Bonn in den kommenden letzten Tagen bis zur Mobilmachung am 1. August eine Reihe von Gemälden, die etwas Magisches haben. Es entstehen Bilder, deren Farbklang sich in der Lichtinszenierung von den bisherigen Werken des Künstlers deutlich unterscheidet, in denen Macke mit einer vielleicht sogar reduzierten Palette diese offensichtliche und geheimnisvolle Transzendenz erreicht. Es sind beispielsweise die Bilder "Mädchen unter Bäumen", "Rotes Haus mit sonnendurchflutetem Park", "Lesender Mann im Park" und eben dieses Gemälde "Kind mit blauen Vögeln". Dieses Kind, das wie in einem traumhaften, paradiesischen "Märchenwald" wandelt und dort blau gefiederten, fantastischen Vögeln begegnet, scheint wie in träumerischer Zeitlupe in eine andere Welt enthoben.

Magische Harmonien
Der hier anklingende Farbkontrast beschäftigt Macke wohl seit geraumer Zeit. Am 12. Februar 1914 schreibt er darüber aus Hilterfingen an den Maler Hans Thuar, seinen Freund seit Kindertagen: "Was ich an Neuem in der Malerei gefunden habe, ist folgendes. Es gibt Farbzusammenklänge, meinethalben ein gewisses Rot und Grün, die beim Ansehen sich bewegen, flimmern. Wenn Du nun einen Baum vor einer Landschaft siehst, so kannst Du entweder den Baum ansehen oder die Landschaft; beides geht nicht wegen der Stereoskopwirkung. Wenn Du nun etwas Räumliches malst, so ist der farbige Klang, der flimmert, räumliche Farbwirkung, und wenn Du eine Landschaft malst, und das grüne Laub flimmert ein wenig mit dem durchscheinenden blauen Himmel, so kommt das daher, weil das Grün auch in der Natur auf einer anderen Ebene liegt als der Himmel. Diese raumbildenden Energien der Farbe zu finden, statt sich mit einem toten Helldunkel zufrieden zu geben, das ist unser schönstes Ziel" (zit. nach: August Macke, Briefe an Elisabeth und die Freunde, München 1987, S. 319).
Und genau so setzt Macke in unserem Gemälde das kräftige Gelb, das wie hell leuchtendes Licht aus Deckenstrahlern den mit langem Gras bedeckten Boden erhellt und zurück auf das Grün des Laubes spiegelt. Magisch, wie auf einer Theaterbühne inszeniert, lässt der Künstler die Stämme der Bäume in violettes Licht eintauchen. Diese klar umrissenen Bäume übrigens, das hat Ursula Heiderich festgestellt, bezeugen Mackes intensive Beschäftigung mit Leonardo da Vinci, dessen Formfindungen sich der junge Maler in seinen Skizzenbüchern nähert (Ursula Heiderich, August Macke. Zeichnungen aus den Skizzenbüchern, Stuttgart 1986, S. 41f.).
Der hochverdiente Kunsthistoriker Erich Franz beschreibt treffend das geheimnisvoll-harmonische Zusammenspiel der Formen und Farben in "Kind mit blauen Vögeln" in Kontrastsetzung zu Mackes Gemälde "Modegeschäft" aus dem Jahr 1913: "Im Bild ‚Modegeschäft' waren alle Farben deutlich voneinander abgegrenzt und die Flächen klar eingeteilt. Dagegen zeigt das Gemälde ‚Mädchen mit blauen Vögeln' [...] einen weitgehend anderen ‚Stil'. Die Farben gehen weich ineinander über, die Formen sind meist gerundet. Die Farben wirken eher verhalten; es fehlt ein leuchtendes Rot. Macke würde sagen, das Bild entstand aus einer anderen ‚Empfindlichkeit'. Auch hier ist alles Gruppierung und Zuordnung. Doch nichts wirkt als Einteilung, sondern die braun-violetten Bäume mit ihren weit ausgreifenden Ästen, das sanft aufleuchtende Gelb und seine weichen Übergänge zum Grün, die harmonische Verteilung von Hell und Dunkel, das Gegenüber von Mädchen und Vögeln – all das verbindet sich in allmählicher Zu-Neigung und Zusammenführung. Selbst das fremdartige und kühle Blau der exotischen Vögel kommt als Anteil im Grün wieder vor, das sich in wolkiger Verschmelzung vom hellen Gelb aus entwickelt. Bei aller weichen Ungreifbarkeit ergibt sich dennoch eine räumliche Tiefenandeutung, vor allem durch die Überschneidung der Bäume links und der Vögel rechts. Aus diesem farbigen Raum dringen das lichthafte Gelb, die sich verfestigenden Baumformen, das gläserne Blau der Vögel und die Helligkeit des Mädchens als sanftes Schimmern hervor" (Erich Franz, in: Ausst.-Kat. August Macke und die frühe Moderne in Europa, Ostfildern 2001, S. 11).

Die Suche nach dem verlorenen Paradies
Schon rein stilistisch – in Harmonie, Rundung, Zusammenklang – offenbart sich damit der Kerngedanke von "Kind mit blauen Vögeln": das Paradies. In diesem Garten Eden herrscht Einheit, nicht Widerstreit, ein sanftes, gleichsam urtümliches Zusammenspiel von Mensch und Natur wird wahrnehmbar. Und auch die Motivwelt entlehnt Macke der Paradies-Ikonografie: Bereits seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert wird der biblische Garten Eden in der Malerei der nordalpinen Regionen oft in dichtwaldige Gefilde verlegt und mit einer üppigen Tierwelt bevölkert. Insbesondere Vögel, die in der christlichen Kunst mit starker Symbolik belegt sind, spielen in diesen "Paradieswäldern" traditionsgemäß eine wichtige Rolle. Ikonische Darstellungen des Themas wie etwa Jan Brueghels d. J. Paradiesbild, eine Version des bekannten Motivs ist auch in den Staatlichen Museen zu Berlin zu sehen, sind August Macke mit Sicherheit bekannt.
Die Idee des Paradieses ist das wesentliche Leitmotiv im Schaffen August Mackes, insbesondere in seinen letzten Lebensjahren (vgl. hierzu etwa den Katalog zur Ausstellung "Das (verlorene) Paradies. Expressionistische Visionen zwischen Tradition und Moderne" 2014/15 im Bonner August Macke Haus sowie das Begleitbuch zur Ausstellung "August Macke. Paradies! Paradies?" 2020/21 im Museum Wiesbaden).
Schon früh, anfänglich noch nah an der christlichen Überlieferung, beschäftigt Macke sich mit der Darstellung des Paradieses. "Jetzt habe ich lange überlegt, die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies auszudrücken. Ich glaube, das wird mir einigermaßen gelungen sein", schreibt Macke im Juni 1905 an Elisabeth Gerhardt, seine spätere Frau (August Macke, Briefe an Elisabeth und die Freunde, München 1987, S. 52). Den handschriftlichen Brief illustriert der junge Maler mit einer Skizze, die das innig vereinte Urelternpaar beim Auszug aus dem Paradies zeigt.
Von diesem frühen Zeitpunkt an lässt sich der Paradiesgedanke bis in seine letzten Gemälde verfolgen. Ganz konkret manifestiert sich die Idee in seiner Beschäftigung mit der Thematik Adam und Eva in renaissancehafter Klarheit im Jahr 1910, oder, in besonderer Eindringlichkeit, in dem vier Meter hohen Bild "Das Paradies", das Macke 1912 gemeinsam mit seinem Herzensfreund Franz Marc auf eine Wand seines Ateliers malt. Diese Werke belegen, wie intensiv sich Macke mit den Bildtraditionen und der Ideenwelt des Paradieses auseinandergesetzt hat.

Geträumte Alltagsparadiese
Nicht selten lässt August Macke seinen ganz persönlichen Garten Eden jedoch – und das ist charakteristisch für sein Schaffen – in (scheinbaren) Alltagsszenen aufgehen. Oft sind es die Spaziergänger in sonnigen Parks oder Zoologischen Gärten, wandelnd in einer diesseitigen Welt von Muße, Schönheit und entspannter Betrachtung, mit denen er seine Paradiesversion formuliert. Die hier vorgenommene Ausgrenzung des Problematischen, des gleichwohl Alltäglichen – von Arbeit, Mühe, Schmerz und Leid, von dramatischer Begebenheit und sozialer Realität kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges – lässt dies deutlich werden. Es ist eine ruhige, umgrenzte Welt, in der Macke seine Familie etwa im gepflegten Bonner Garten malt, fernab aller Alltäglichkeit jenseits der Mauer zur lauten, stark befahrenen Bornheimer Straße. Es ist eine idealisierte Welt, wie im "Blaue Reiter"-Bild "Indianer auf Pferden" aus dem Jahr 1911, das sein tiefes Gefühl für ein Versinken in die Rhythmen der Natur zeigt. Und so ersetzen die Zoologischen Gärten den Garten Eden auf Erden, den Macke in ein modernes, innerstädtisches Paradies versetzt.
In vielen Bildern träumt Macke den Traum von einer vollendeten, sich paradiesisch erfüllenden Welt, wird die Macht des Traumes zum Schlüssel zu seinem Werk. Von seinen Träumen berichten immer wieder Mackes Briefe und Zeichnungen. Der stets wiederkehrende Traum ist der von der paradiesischen Einheit mit der Natur, von der Vereinigung zwischen Außenwelt und innerer Natur des Einzelnen. Deshalb sind die Stimmungen in Mackes Bildern oft geprägt von etwas Träumerischem, herrscht in vielen Werken Bewegungslosigkeit vor und die Figuren erscheinen wie im Zustand der innerlichen Versenkung. Sie sind ebenfalls Betrachter, haben oftmals den Kopf geneigt und die Augen geschlossen, vermitteln so den Eindruck eines meditativen Zustands. 1905 liest der junge, theateraffine Macke "Die Welt als Wille und Vorstellung" von Arthur Schopenhauer. "Er spricht sehr interessant über Träume", berichtet Macke am 9. September 1905 an Elisabeth Gerhardt aus Kandern (August Macke, Briefe an Elisabeth und die Freunde, München 1987, S. 70).

Eine arkadische Allegorie
Das Träumerische spielt auch in "Kind mit blauen Vögeln" eine herausragende Rolle. Motivisch aber ist es ganz anders als Mackes frühere Paradiesvisionen. Hier malt der Künstler weder eine "christliche" Paradiesszene noch das "Alltagsparadies" eines Parks oder Tiergartens, durch den Flaneure in modischer Kleidung ziehen. Die Gegenüberstellung von "Kind mit blauen Vögeln" mit dem kompositorisch durchaus vergleichbaren Triptychon zum Zoologischen Garten führt den ganz anderen, frisch gedachten Zugriff auf die Idee des Paradieses unmittelbar vor Augen. In "Kind mit blauen Vögeln" beschreitet August Macke einen neuen Pfad zu seiner persönlichen Paradiesvision.
Das Geheimnisvolle, ja Magische ist der prägende Eindruck, den Mackes "Kind mit blauen Vögeln" hinterlässt. Denn: Was ist das überhaupt für eine Szene? Das Mädchen kommt offenbar aus einem kleinen weißen Haus, das am oberen Bildrand exakt in der Mitte zu sehen ist, die Natur aber weder stört noch bedrängt. Es ist aus dem Gebäude heraus in einen wahren Märchenwald eingetreten. Magisches Licht fällt flirrend durch das dichte Laub der Bäume, deren violette Stämme das Bild auf eine gleichsam abstrahierende Weise durchgliedern. Zwei seltsam blaue Vogeltiere bevölkern diesen Wald, und das Mädchen tritt mit einem der Tiere in sanfte Interaktion: Es hält dem Vogel die hohle Hand hin, senkt den Blick auf deren Inhalt, und der Vogel tut es dem Kind gleich. Bewusst lässt Macke es durch die gezielte Überschneidung der Szene vom unteren Bildrand offen, ob das Kind den Vogel tatsächlich füttert oder ob es vielmehr etwas Magisches ist, das hier die Aufmerksamkeit von Mensch und Tier bindet. Ergreifend jedenfalls ist dieses stille Zwiegespräch zwischen Kind und Tier, ein stummes, traumhaftes Verstehen.
Es ist die Verbindung von zwei eigentlich widerstreitenden Welten, die August Macke hier, einen verbreiteten philosophischen Gedankengang aufgreifend, zum Thema macht: Kultur und Natur. Das Kind und das Haus, beide im selben Farbklang aus Orange, Weiß und Rosa gehalten, sind Vertreter der Kultur. Dem Kind jedoch – und nur dem Kind – kann es gelingen, eine paradiesische Verbindung mit der Natur aufzunehmen, in unschuldiger Ursprünglichkeit ein Teil von ihr zu werden. Mit dem schützenden Herzbogen, mit dem der große Baum seinen Ast über Kind und Vögel spannt, besiegelt auch die Flora diese innige Verbindung.
Was sich in "Kind mit blauen Vögeln" widerspiegelt, ist der Gedanke der Kindheit als paradiesischer Urzustand, in dem der Mensch noch rein, urtümlich und unverbildet ist. Ein "Kindheitsparadies" – so nennt auch die Witwe des Künstlers dieses Bild.
Vor diesem Hintergrund ist der historische Titel des Gemäldes, "Kind mit blauen Vögeln", unbedingt dem im Werkverzeichnis verwendeten Titel "Mädchen mit blauen Vögeln" (der sich vor 1945 zudem nur ausnahmsweise belegen lässt) vorzuziehen.

Mackes romantisches Bekenntnisbild
In Briefen erwähnt August Macke bisweilen Literatur um 1900 aus dem Bereich von Symbolismus, Jugendstil und Neuromantik, die er gelesen hat und die ihn bewegt, weil sie von der gesellschaftlichen Wirklichkeit absieht, die soziale Realität weitgehend außer Acht lässt und politische und moralische Implikationen meidet, um stattdessen die literarische Form zu betonen, historische, religiöse Stoffe aufzugreifen und sich der Gestaltung von Märchen und Träumen zuzuwenden. In der Macke-Forschung ist der Einfluss dieser Bewegungen auf das Schaffen des Künstlers bekannt – selten aber tritt die innere Nähe insbesondere zum Jugendstil mit solcher Tiefe und Intensität hervor wie bei dem Werk "Kind mit blauen Vögeln". Mehr noch als durch die arkadischen Visionen eines Ludwig von Hoffmann scheint Macke dabei von der mystischen Melancholie in den märchenhaften Bildwelten Heinrich Vogelers berührt worden zu sein.

Ein modernes Märchen
Aber nicht nur die moderne Neoromantik des Jugendstils, sondern auch die "Ur-Romantik" des 19. Jahrhunderts nimmt Macke hier ganz offenbar zum Bezugspunkt. So ist bereits rein stimmungshaft ein deutlicher Anklang an die romantische Märchenillustration eines Ludwig Richter wahrzunehmen. Ganz konkret ist es dessen (blondes) "Schneewittchen", das in der Waldeseinsamkeit, von sanfter Melancholie und Innerlichkeit umweht, die scheuen Rehe aus seiner Schürze fressen lässt. Die so deutliche motivische und bildkompositorische Nähe von Richters "Schneewittchen" zu Mackes "Kind mit blauen Vögeln" mag auf den ersten Blick überraschen, auf den zweiten ist sie jedoch durchaus naheliegend. Denn Richters Motiv ist überaus populär und etwa durch Kunstpostkarten so weit verbreitet, dass es zum kollektiven Bildgedächtnis von Generationen gehört. Das zugehörige Aquarell von 1869 wird in der Kunstliteratur der Zeit abgebildet (etwa Die Kunst für alle, Bd. 18, 1902–1903, S. 582) und auch mehrmals farbig reproduziert. Die Zeitschrift "Der Kunstwart" etwa gibt ab 1900 mehrere "Richter-Mappen" heraus, und 1906 erscheint hier auch das "Schneewittchen" als farbiger Vorzugsdruck, angekündigt als "eine Reproduktion des berühmten Aquarells der Berliner Nationalgalerie". Im Jahr 1913, als "Der Kunstwart" mit einer Auflage von 22.000 Heften die weiteste Verbreitung hat, wird das Blatt ebenda explizit als Geschenk für Kinder empfohlen (Der Kunstwart, 19,2.1906, S. 326, und 27,1.1913, S. 359).
Mit Sicherheit ist Richters in diesen Jahren so populäres Bild "Schneewittchen" auch August Macke bekannt, als Künstler ebenso wie als liebevollem Familienvater. Und so erscheint es auf den zweiten Blick dann doch nicht mehr überraschend, dass der Expressionist sein ganz eigenes Motiv einer magisch-märchenhaften "Waldtierfütterung" in "Kind mit blauen Vögeln" offenbar von Richters romantischem "Schneewittchen" aus entwickelt hat. Diese durch und durch bemerkenswerte Verbindung führt einmal mehr vor Augen, wie August Macke mit großer geistiger Offenheit vielfältigste Anregungen, selbst aus der "Populärkultur", aufgenommen und zu etwas ganz Eigenem verwandelt hat.
Erwähnt sei in diesem Kontext nicht zuletzt, dass sogar im Kerngedanken eine Nähe von Mackes "Kind mit blauen Vögeln" zu Richters berühmter Bilderfindung besteht. Denn der Romantiker bildet eine ganz bestimmte Szene des Märchens ab: Schneewittchens Freundschaft mit den Tieren des Waldes. Das mit dem Tod bedrohte Mädchen findet Rettung im paradiesischen Aufgehen in der Natur. Es fällt nicht schwer, diesen tröstlichen Gedanken auf Mackes persönliche Situation im Schicksalsjahr 1914 zu übertragen.

Die blauen Vögel
Mackes Mädchen aber füttert keine Rehe oder andere realistisch anmutenden Waldbewohner, sondern exotisch-fantastische, blaue Vögel. Diese Wesen kennzeichnen das Paradies. Vögel sind ohnehin klassische Paradiesbewohner, und mit dem blauen Gefieder wird die Unendlichkeit suggeriert, eine Farbsymbolik, die sich exemplarisch schon in der romantischen "blauen Blume" manifestiert.
Reine Fantasiewesen sind diese blauen Vögel gleichwohl nicht. So gibt es die Art des "Blauen Kranichs", die in Südafrika vorkommt – und es ist doch bezeichnend, dass eben diese blauen Kraniche "Paradieskraniche" genannt werden. Macke, dem Tierparkgast und Afrikareisenden, mag diese Tiergattung bekannt gewesen sein. Der Kranich hat als Symbol in Paradiesdarstellungen seinen angestammten Platz. Klugheit und Wachsamkeit – vigilantia – verkörpert das Tier, Tugenden, die am Vorabend des Weltkriegs wichtiger erscheinen denn je.
Wesentlicher wird jedoch für August Macke ein anderer Bezug. Denn der Kranich ist ein typisch japanisches Motiv, weit verbreitet in der japanischen Holzschnittkunst. August Macke verehrt "die Japaner". (Vgl. Die Maler des "Blauen Reiter" und Japan: "... diese zärtlichen, geistvollen Phantasien ...", Murnau 2011, bes. S. 75–79, 96–98, und Ursula Heiderich in: Ausst.-Kat. August Macke und die frühe Moderne in Europa, Ostfildern 2001, S. 54–61)
Der junge Expressionist fühlt sich, wie viele seiner Zeitgenossen, hingezogen zur japanischen Kunst und Kultur. Intensiv befasst er sich seit 1907 mit der japanischen Überlieferung, hört Vorträge, besucht Ausstellungen, bildet sich mit Publikationen und Gesprächen über das Fremde und doch als seelenverwandt Empfundene. Und Macke besitzt 18 Bände originaler Holzschnitte von Hokusai, darunter dessen Vorlageblätter, die berühmten "Manga", in 15 Bänden – ein Geschenk seines Förderers Bernhard Koehler, des Onkels seiner Braut. Auch Kranich-Blätter sind in diesem Konvolut natürlich enthalten.
Das Motiv des japanischen Kranichs beschäftigt Macke immer wieder. In seinem "Skizzenbuch nach Hokusai" versucht er, den Kranich in Anlehnung an Hokusai mit nur einem einzigen Strich des Tuschpinsels zu zeichnen; und 1913/14 beginnt er die Arbeiten für ein Plakat für den Jenaer Kunstverein – er wählt den Kranich, den er von einem japanischen Porzellandekor aus entwickelt.
Sicher weiß Macke, der so tief in die japanische Kultur eingetaucht ist, auch um die weit verbreitete Bedeutung, die der Kranich in Japan hat. Er ist das Sinnbild für ein langes, glückliches Leben. Davon berichtet im Westen etwa Carl Munzinger in seinem 1906 schon in dritter Auflage erschienenen Band "Japan und die Japaner": Unter den Tieren Japans, denen als "Zaubertiere" große Macht zugesprochen werde, gebe es auch einige, "welche eine gute symbolische Erscheinung haben; so bedeuten Schildkröte und Kranich langes Leben" (Ausgabe Stuttgart 1906, S. 91). So mag sich auch erklären, warum Mackes Wahl in "Kind mit blauen Vögeln" auf den blauen Paradieskranich fällt. Denn was mehr als ein langes, glückliches Leben mag sich der Maler am Vorabend des Krieges gewünscht haben?

Ein historisches Gemälde

"Der lesende Mann im Park [...], Die Spaziergänger, Das Mädchen mit blauen Vögeln sind Höhepunkte nicht nur von Mackes, sondern von deutscher Kunst des historischen Jahres 1914."
Walter Cohen, "Eine August Macke-Ausstellung in Crefeld", in: Der Cicerone 16.1924, S. 729.
Immer wieder führt die Betrachtung des Bildes "Kind mit blauen Vögeln" zurück auf das Entstehungsjahr 1914, auf den Vorabend des Ersten Weltkrieges. Als August Macke dieses Bild malt, ahnt er, gerade 27 Jahre alt, dass er aus diesem Krieg nicht zurückkehren wird, dass er sein Kunstschaffen nicht wird fortsetzen können. Er stürzt sich rauschhaft in seine Arbeit, legt gleichsam seine ganze Seele in seine letzten Bilder, die er wohl auch selbst als sein Vermächtnis empfand.
"Er hatte sich nach der Rückkehr [von der Reise nach Tunis] mit Feuereifer in seine Arbeit gestürzt. Im Atelier standen gleichzeitig einige der wichtigsten Bilder seines Werks. In Hilterfingen waren siebzehn Ölbilder entstanden (außer Aquarellen und Zeichnungen). Zwei davon hat er noch in Bonn fertig gemacht. Und dann entstanden in den kurzen Wochen sechsunddreißig Bilder, viele darunter ganz verschieden voneinander; es ist fast unvorstellbar, wie eine so große Zahl bester Bilder entstehen konnte. Es war als arbeite er in einem Rausch, einem Fieber, um noch möglichst viel von dem zu gestalten, was er sich als Ziel gesetzt hatte. Um nur einige zu nennen: Da waren die beiden Stilleben mit Gladiolenstrauß, ‚Begonien mit Apfel und Birne', zwei Fassungen der ‚Kinder am Hafen', der ‚Duisburger Hafen', das große rote ‚Haus im Park', ‚Spaziergang zu Dreien', ‚Frauen im Zoologischen', ‚Landschaft mit Kühen und Kamel', ‚Kind mit blauen Vögeln', ‚Lesender Mann im Park' und die großen ‚Mädchen unter Bäumen', was zuletzt auf der Staffelei stand", so Elisabeth Erdmann-Macke in "Erinnerung an August Macke" (Frankfurt a. M. 1987, S. 318).
Eine ungeahnte Tiefe, Melancholie und Emotionsstärke ist diesen letzten Gemälden zu eigen, die August Macke, das heitere Sonnenkind, in der Ahnung seines eigenen Untergangs schafft. Dies äußert sich in "Kind mit blauen Vögeln", das den tief empfundenen Wunsch nach einem langen Leben in paradiesisch-unschuldigem Frieden ausdrückt, ebenso wie auf andere Weise in der zutiefst religiösen "Landschaft mit Kühen und Kamel".
Mit den letzten Gemälden scheint sich der Künstler auch von ihm liebgewonnenen Einflüssen zu befreien, von den Ideen eines Robert Delaunay etwa, den er sehr schätzt, mit dem er persönlich engen Umgang pflegt, und natürlich von Franz Marc, seinem Alter Ego über die vier Jahre seit 1910 in intensiver Freundschaft. In den letzten, hier benannten Bildern zeigt August Macke sein koloristisches Können, seine wie selbstverständlich gegebene Fähigkeit, geheimnisvolle Bildräume zu erfinden.
Am 26. September 1914 fällt August Macke in Perthes-lès-Hurlus in der Champagne.

1914 bis 1928
Bis 1928 bleibt "Kind mit blauen Vögeln" im Nachlass Mackes. Die Witwe Elisabeth übernimmt sein Vermächtnis. Sie zeichnet ihre Erinnerungen auf, pflegt den Nachlass und beschickt immer wieder Ausstellungen mit den hinterlassenen Werken. Elisabeth trägt viel dazu bei, dass August Mackes Schaffen weit über seinen Tod hinaus lebendig und wirksam bleibt. Bewundernd schreibt etwa kein geringerer als Eberhard Grisebach im "Jenaer Volksblatt" vom 23. Oktober 1925 anlässlich der Gedächtnis-Ausstellung von 1925 in Jena, auf der auch "Kind mit blauen Vögeln" zu sehen ist: "Wenn man langsam die Ausstellung durchwandert und sie als Ganzes auf sich wirken lässt, so gewinnt man den Eindruck einer Geschlossenheit und glaubt einen Künstler zu erfassen, der systematisch, still und bescheiden mit einer inneren Lebensfreude am Schaffen gewesen ist; es tritt ein Mensch hervor, der schlicht und vornehm seinen geraden Weg gegangen ist" (zit. nach: Erik Stephan (Hrsg.), August Macke, Cuno Amiet, Begleitbuch zur Ausstellung in den Städtischen Museen Jena, Jena 2007, S. 279).
"Kind mit blauen Vögeln" wird in Rezensionen seiner historischen Ausstellungen immer wieder besonders hervorgehoben. "Dann folgen noch einige Bilder aus dem Jahre 1914, als er auf dem Höhepunkte seines Schaffens war. Unter ihnen fallen besonders auf die "Dame mit grüner Jacke" und das "Mädchen mit blauen Vögeln"", schreibt etwa der renommierte "Cicerone" anlässlich der Gedächtnis-Ausstellung 1924/25 in Braunschweig (Der Cicerone 17.1925, S. 381).
Die erste Ausstellung von "Kind mit blauen Vögeln" erfolgt aber bereits einige Jahre zuvor: Anfang 1918 in Köln, der Erste Weltkrieg ist noch nicht vorbei. Elisabeth notiert in ihr Tagebuch: "Hab heut nachmittag […] die 36 Bilder nach Coeln expediert" – und weiter, nach dem Auspacken aller Bilder gemeinsam mit ihrer Künstlerfreundin Louise Koppel: "Wir sahen uns das ‚Kind mit den blauen Vögeln' an" (22. Januar 1918, zit. nach: Elisabeth Erdmann-Macke, Tagebücher Mai 1905–März 1948, Bielefeld 2021, S. 151). Keines der anderen 35 Bilder erwähnt sie namentlich, nur eines: "Kind mit blauen Vögeln".
Es verwundert nicht, dass die Folgeausstellung im Frühjahr 1918 in der Kestnergesellschaft in Hannover bei diesem Bild den Vermerk "unverkäuflich" im Katalog trägt. 1920 folgt eine dem Werkverzeichnis unbekannt gebliebene Ausstellung in Bonn, die von der "Gesellschaft für Literatur und Kunst" realisiert wurde. Walter Cohen verfasst eine Rezension in der "Kunstchronik" – und einmal mehr wird hier "Kind mit blauen Vögeln" hervorgehoben: "[...] Der ‚Lesende Mann' August Macke’s, auch das ‚Kind mit blauen Vögeln' und der farbig wahrhaft hinreißende ‚Blumenteppich' gehören zu denjenigen Bildern des Künstlers, dem jüngst die Frankfurter Gedächtnisausstellung den längst verdienten posthumen Erfolg bescherte, die man am liebsten in deutschen Museen sähe." (Kunstchronik und Kunstmarkt, Heft 11, 11.12.1920, S. 210)
Mackes "Kind mit blauen Vögeln" findet jedoch den Weg in eine Privatsammlung. Es ist das Jahr 1928, eine Ausstellung in der Berliner Galerie Ferdinand Möller wird geplant. Noch immer will Elisabeth Macke, die 1916 Mackes langjährigen Freund Lothar Erdmann geheiratet hat, sich nicht von "Kind mit blauen Vögeln" trennen. Auch in die Galerie Ferdinand Möller schickt sie das Bild daher mit dem Vermerk, dass es unverkäuflich sei. Dann aber doch der Eigentümerwechsel – in allerbeste Hände: das Bild geht in die Sammlung Raemisch ein.

Die Sammlung Erich Raemisch
Im selben Jahr 1928, in dem der bedeutende Krefelder Jurist, Unternehmer, Verbandsfunktionär und, nicht zuletzt, Kunstsammler Erich Raemisch "Kind mit blauen Vögeln" erwirbt, schreibt der "Cicerone" zu einer mit reichen Leihgaben aus Privatbesitz bestückten Ausstellung bei Alfred Flechtheim: "Es ist erstaunlich und erfreulich zu sehen, mit welcher Begeisterung und Liebe und mit wie viel künstlerischem Verständnis im Rheinland moderne Kunst gesammelt wird. Düsseldorf, Köln, Elberfeld und Krefeld sind die Hauptzentren. Die Sammler Generaldirektor Nothmann, Josef Gottschalk und Alfred Wolff in Düsseldorf, Generaldirektor Alfred Tietz in Köln, die Freiherren von der Heydt und Claus Gebhard in Elberfeld, Rudolf Ibach in Barmen und die Krefelder Hermann Lange und Dr. Erich Raemisch, die die größten Sammler französischer Kubisten, vor allem Legers in Deutschland sind, stellten eine Reihe ihrer interessantesten Werke zur Verfügung" (Der Cicerone, 20.1928, S. 674).
Erich Raemisch ist damals gerade 32 Jahre alt, hat aber bereits eine sehr beachtliche Sammlung progressiver Kunst zusammengetragen. Geboren wird Raemisch am 22. Oktober 1896 im brandenburgischen Prenzlau als Sohn eines Steinmetzmeisters. 1922 heiratet er die junge Witwe Helene Freifrau Teuffel von Birkensee, genannt Ellen, die drei Kinder mit in die Ehe bringt. Vor allem über Ellen, eine geborene Arnthal, kommt er mit der Kunstszene in Kontakt: Ihr Bruder ist der Maler Eduard Arnthal, der auch bei Alfred Flechtheim ausstellt; verwandtschaftliche Beziehungen bestehen zu dem berühmten Sammler und Mäzen Eduard Arnhold.
Ab den 1920er Jahren baut Raemisch, als Jurist und Unternehmer höchst erfolgreich in der Seidenindustrie, der er viele progressive Impulse weit über seinen Wirtschaftszweig hinaus gibt, seine bedeutende Sammlung moderner Kunst auf. Als Stammkunde unter anderem bei Alfred Flechtheim fällt ihm die Auswahl außergewöhnlicher Werke der Moderne nicht schwer.
Die Sammlung Raemisch spiegelt die offene, moderne, ganz und gar der Gegenwart verbundene Persönlichkeit dieses Sammlers wider: Künstler wie Karl Hofer, Fernand Léger, Max Beckmann, Wilhelm Lehmbruck, Georges Braque, August Macke und Paul Klee bezeugen den progressiven Charakter dieser Kollektion. Auch Raemischs hervorragende Vernetzung in der Kunstszene lässt sich daran ablesen – in Krefeld, Düsseldorf und dem Rheinland sowie in Berlin, wo er ab 1931 lebt und die "Internationale Kunstseideverkaufsbüro GmbH" leitet.
Engen Austausch pflegt Raemisch in Berlin mit den Größen von "Bauhaus" und "Werkbund", etwa mit Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich. 1927 realisieren die beiden für Raemisch die Installation "Café Samt und Seide" in der Messe "Die Mode der Dame" in Berlin sowie 1929 die "Deutsche Seide" auf der epochalen Weltausstellung in Barcelona. Im selben Jahr 1929 wird Raemisch Vorsitzender der "Vereinigung für Junge Kunst" in Düsseldorf, in der er gemeinsam mit dem Kunsthistoriker und Macke-Kenner Walter Cohen und mit Walter Kaesbach, dem Direktor der Kunstakademie Düsseldorf, aktiv ist. Auch im "Werkbund" ist er engagiert, im Herbst 1931 stellt er hier sogar den zweiten Vorsitzenden neben Ludwig Mies van der Rohe. Freundschaft verbindet Raemisch zudem mit dem älteren Hermann Lange, gleichfalls Seidenfabrikant und neben Raemisch der zweite große Krefelder Sammler progressiver Kunst.
Und auch mit Elisabeth Erdmann-Macke ist Erich Raemisch persönlich bekannt. Denn eine Freundschaft verbindet das Ehepaar Raemisch mit Elisabeths Schwägerin Käthe Brie, der Schwester ihres zweiten Ehemanns Lothar Erdmann. Am 28. August 1945 notiert Elisabeth rückblickend in ihr Tagebuch: "Bei Raemisch’s (Kaetes Freunden) in Uhldingen waren wir damals auch eine Nacht und fühlten uns sehr wohl" (Elisabeth Erdmann-Macke, Tagebücher Mai 1905–März 1948, Bielefeld 2021, S. 530).
Nach Unteruhldingen am Bodensee ziehen sich die Raemischs während des Krieges zurück – die Zeiten sind hart. Ellens Bruder Eduard muss vor den Nationalsozialisten fliehen, und nur durch das Eintreten von Arno Breker sind wohl Erich Raemisch, "Vierteljude" nach der nationalsozialistischen Rassenlehre, und seine Frau Ellen, die jüdischer Herkunft ist, dem KZ entkommen (National Archives and Records Administration, Ardelia Hall Collection, Breker, Arno (Sculptor) – Investigation And Denazification, S. 85). Seine Kunstsammlung kann Erich Raemisch nur teilweise über diese dunklen Jahre hinweg erhalten: "Wir haben leider nur einen Teil unseres Besitzes retten können, aber immerhin eine Reihe schöner Sachen. Der Rest blieb in unserem Haus in Zehlendorf und er dürfte inzwischen untergegangen sein", schreibt er am 23. Juli 1947 an Ferdinand Möller (Nachlass Ferdinand Möller, Berlinische Galerie, BG-GFM-C,II 2,668).
Trotz der gravierenden Einschnitte kann Raemisch nach dem Krieg durchaus an vergangene Erfolge anknüpfen. Er lebt nun in Bad Soden sowie in seiner "Studentenstadt" Freiburg im Breisgau und entfaltet als Ministerialdirektor seine Wirkung – immer noch mit dem Finger am Puls der Zeit, setzt er sich hier für Designfragen und Reformmöbel ein. Raemisch zählt zu den Gründungsmitgliedern des "Rats für Formgebung". Die Universität Freiburg erhebt ihn 1957 in den Rang eines Ehrensenators. Am Silvestertag des Jahres 1958 verstirbt Erich Raemisch, gerade einmal 62 Jahre alt. (Zu Erich Raemisch vgl. Christiane Lange (Hrsg.), Bauhaus und Textilindustrie. Architektur, Design, Lehre, München u.a. 2019, S. 47f., 367f.)

"Raemisch’s wollen das schöne ‚Kind mit blauen Vögeln' von August dazu herleihen" – die epochale Ausstellung in Überlingen 1945
(Elisabeth Erdmann-Macke am 3. September 1945, zit. nach: Elisabeth Erdmann-Macke, Tagebücher Mai 1905–März 1948, Bielefeld 2021, S. 532)


Nach dem Krieg hat "Kind mit blauen Vögeln" 1945 einen ersten fulminanten Auftritt in der Schau "Deutsche Kunst unserer Zeit".
Der bereits erwähnte Walter Kaesbach, der große Förderer des Expressionismus, der während der NS-Diktatur seiner Ämter enthoben ist und sich in die innere Emigration zurückziehen muss, plant 1945 nichts weniger als die Rückkehr der Moderne in das deutsche Kulturleben durch eine große Ausstellung mit dem selbstbewussten Titel "Deutsche Kunst unserer Zeit". Im Herbst 1945 findet die Schau im Städtischen Museum Überlingen statt, Kaesbachs Freund Erich Heckel schenkt als Katalogtitel einen hoffnungsvoll den Neubeginn symbolisierenden Holzschnitt. Mehr als 150 hochkarätige Werke der bis 1945 verfemten Moderne sind hier versammelt. Auch wenn die Außenwirkung der Schau aufgrund der 1945 noch gültigen Reisebeschränkungen zwischen den Besatzungszonen eingeschränkt ist, so ist die Ausstellung "Deutsche Kunst unserer Zeit" in ihrer Bedeutung für die Kunstgeschichte kaum überzubewerten (vgl. etwa Hans-Dieter Mück (Hrsg.), Rückkehr der Moderne. Die erste Nachkriegs-Ausstellung verfemter deutscher Kunst 1945–1995, Überlingen 1995).
Für den großen Walter Kaesbach, man kennt sich aus den 1920er Jahren, öffnet Erich Raemisch seine Sammlung. Neben seinem Beckmann-Gemälde stellt er auch "Kind mit blauen Vögeln" für die Ausstellung zur Verfügung. Auch Elisabeth Erdmann-Macke, die zwischen 1945 und 1948 in Meersburg lebt, kommt zur Eröffnung. In ihr Tagebuch schreibt sie: "Gestern, am Sonntag, Fahrt nach Überlingen mit dem Extraschiff zur Eröffnung der Ausstellung […] Viel Interessantes in der Ausstellung, Papas ‚Kind mit blauen Vögeln' allein an einer Wand, ein Ruhepunkt, von dem ein Leuchten u. Glanz ausging. Welch eine Traumwelt, einem Kindheitsparadies gleich, dem unsere immerwährende Sehnsucht gilt nach der jahrelangen Dunkelheit, dem wilden Chaos u. der ewigen Bedrohung u. Gefahr" (unveröffentlichtes Tagebuch von Elisabeth Erdmann-Macke, 2. Oktober 1945, Archiv des August Macke Hauses, Bonn, zit. nach: Christoph Bauer (Hrsg.), Walter Kaesbach – Mentor der Moderne, Lengwil am Bodensee 2008, S. 51). Diese persönlichen, ja intimen Worte führen noch einmal ganz unmittelbar vor Augen, wie viel gerade dieses Bild, "Kind mit blauen Vögeln", der Witwe des Künstlers bedeutet hat. Möge es dem neuen Eigentümer ebenso bedeutsam werden.

Rückseitig: August Macke, Frauen am Tisch, 1912
"Es war als arbeite er in einem Rausch, einem Fieber, um noch möglichst viel von dem zu gestalten", so noch einmal Elisabeth Macke in ihren Erinnerungen an ihren Mann. In diesem "Rausch" schien der Künstler auch auf schon bemalte Leinwände zurückzugreifen wie hier, indem er das Motiv mit Grundierung in wenigen kräftigen Pinselhieben unkenntlich macht und die jetzt so übermalte Rückseite mit der Signatur für die Vorderseite klar als "verworfen" markiert. Dennoch lässt sich die Szene in einem Zimmer noch erahnen, die August Macke wohl 1912 im Wohn- und Atelierhaus an der Bornheimer Straße festhält: Um einen Tisch sitzen drei weibliche Figuren, vergleichbar mit den wohl zur gleichen Zeit entstehenden "Drei Frauen am Tisch bei der Lampe, 1912, die sich mit Handarbeit beschäftigen. An diese Sitzungen erinnert sich Elisabeth Macke: "Wir Frauen, d. h. meine Großmutter, Mutter und ich [Katharina Koehler, Sofie Gerhardt, geb. Koehler], waren damals viel mit Sticken beschäftigt, nach Augusts Entwürfen, die er uns direkt auf den Stoff aufzeichnete, so daß es von manchen gar keine Skizzen gibt. So hatte ich im Sommer einen großen Wandbehang in Arbeit mit den beiden badenden Mädchen und den orientalischen Jünglingen (jetzt im Besitz meines Sohnes Wolfgang). Wir waren alle begeistert an der Arbeit, vor allem meine Großmutter saß Abend für Abend bis spät beim Sticken und wunderte sich dann am anderen Morgen, wenn sie Rückenschmerzen hatte, sie war ja schon fast 80 Jahre alt! Sie stickte so akkurat und fein, ebenso wie meine Mutter, die noch Jahre später sich immer wieder Sachen auf Stoff übertrug." (Frankfurt a. M. 1987, S. 256) [MvL/AT]



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsabgabe zu August Macke "Mädchen mit blauen Vögeln (Kind mit blauen Vögeln)"
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Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

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Für Werke von Künstlern die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
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Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.