Auktion: 535 / Evening Sale mit Sammlung Hermann Gerlinger am 09.12.2022 in München Lot 15

 

15
Keith Haring
Subway Drawing, Ca. 1982/1984.
Kreidezeichnung
Schätzpreis: € 300.000 - 400.000
+
Subway Drawing. Ca. 1982/1984.
Kreidezeichnung.
Auf zwei zusammengefügten schwarzen Papierbögen, auf Karton aufgelegt und im originalen Rahmen der New Yorker Subway aus glasfaserverstärktem Kunststoff. 114,8 x 152 cm (45,1 x 59,8 in), Blattgröße. Rahmenmaß: 124,5 x 172 cm (49 x 67,7 in).

• Mit den Subway Drawings beginnt in den frühen 1980er Jahren die kometenhafte Karriere Keith Harings.
Subway Drawings in den originalen Rahmen der New Yorker Subway sind auf dem internationalen Auktionsmarkt von allergrößter Seltenheit.
• In den vergangen Jahren wurde nur ein einziges Subway Drawing im originalen Rahmen der New Yorker U-Bahn auf einer internationalen Auktion verkauft und erzielte einen Rekordpreis.
• Diese Werke etablieren ihn als einen der bis heute bedeutendsten amerikanischen Künstler des späten 20. Jahrhunderts.
Subway Drawings in den originalen Rahmen sind Teil der Sammlung Brandhorst, München, und zahlreichen weiteren Museumssammlungen weltweit
.

PROVENIENZ: Kunsthandel London (bis 1999).
Galerie Fetzer, Sontheim an der Brenz (1999 vom Vorgenannten erworben, Lempertz, Köln, 12.11.1999, Los 254).
Privatsammlung Süddeutschland (2011 vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Keith Haring. Subway Drawings, Galerie Nikolaus Sonne, Berlin, 9.11.1990-12.1.1991; Achenbach Kunsthandel, Frankfurt am Main, 29.11.1990-31.1.1991, S. 54 (m. Abb.).

LITERATUR: Kunsthaus Lempertz, Köln, 778. Auktion, 12.11.1999, Los 254 (m. Abb.).


"I have been drawing in the subway for three years now, and although my career above ground has skyrocketed, the subway is still my favorite place to draw."

Keith Haring, in: Art in Transit. Subway Drawings by Keith Haring, New York 1984.

„Wer Keith Haring einmal zeichnen sah, kam aus dem Staunen nicht heraus.“
Kunsttheoretiker Wolfgang Max Faust (1944–1993), in: Ausst.-Kat. Keith Haring, Galerie Nikolaus Sonne, Berlin 1990, S. 14.

"The only reason it’s in the street is because that was the way it would get to the people."
Keith Haring in einem Interview with Barry Blinderman, Juli 1981, veröffentlicht als „Keith Haring’s Subterranean Signatures,” Arts Magazine, September 1981.

"Art is nothing if you don’t reach every segment of the people."
Keith Haring, zit. nach: L. A. Times (Online-Archiv), 17.2.1990, Keith Haring: Subway Pop Graffiti Artist.

"I think it is more important to make a lot of different things and keep coming up with new images and things that were never made before than to do one thing and do it well. They come out fast but, I mean .. it’s a fast world."
Keith Haring über seine Subway Drawings in einem Interview mit Charles Osgood, 1982.

Aufrufzeit: 09.12.2022 - ca. 17.28 h +/- 20 Min.


„Das Bedeutendste, was ich je gemacht habe“

Mehr als vierzig Jahre sind vergangen, seitdem der damals 22-jährige Keith Haring seine ersten Kreidezeichnungen auf dem mattschwarzen Papier angefertigt hat, mit dem damals die veralteten Plakate auf den Werbetafeln an den New Yorker U-Bahn-Stationen überklebt werden. Diese Zeichnungen, die sogenannten Subway Drawings, entstehen häufig zur Hauptverkehrszeit direkt vor den Augen verblüffter Pendler. Die Arbeiten stellen in Dauer und Umfang ein heroisches öffentliches Kunstprojekt dar, wie es New York noch nie zuvor gesehen hatte und wohl auch nie wieder erleben wird. Von den schätzungsweise fünf- bis sechstausend Subway Drawings, die zwischen Januar 1981 und 1985 entstehen – zuzüglich einiger sporadischer erneuter Streifzüge in den späten 1980er Jahren –, sind heute nur noch sehr wenige Arbeiten erhalten geblieben. Haring hatte nie die Absicht, die Subway Drawings einmal oberirdisch auszustellen, aber er bezeichnete dieses umfangreiche Werk "[..] in seiner rein philosophischen Aussage definitiv [als] das Bedeutendste, was ich je gemacht habe" (Interview mit Jason Rubell, Januar 1990, veröffentlicht als "Keith Haring: The Last Interview", Arts Magazine, Sept. 1990).

Präzise, anschauliche und nachvollziehbare Botschaften
Haring betrachtet seine Arbeit mit einfacher Kreide als "sauber, sparsam, schnell" (in einem Interview mit Barry Blinderman im Juli 1981, veröffentlicht als "Keith Haring's Subterranean Signatures", Arts Magazine, Sept. 1981). Das Zeichnen mit der Kreide ermöglicht es ihm, an seinen bevorzugten Haltestellen entlang seines kilometerlangen unterirdischen Ateliers in der New Yorker U-Bahn ganz spontan und ohne Aufwand ein- und auszusteigen und seine Arbeit zu beginnen. Um nicht von den Mitarbeitern der New Yorker Metropolitan Transportation Authority oder sogar der Polizei aufgegriffen zu werden, arbeitet Haring zügig und präzise. Seine Zeichnungen reduziert er auf das Wesentliche, mit dem es ihm trotzdem gelingt, vielschichtige, für jeden nachvollziehbare Botschaften von großer Präzision und Anschaulichkeit zu erschaffen. Auf den schwarz überklebten Plakattafeln der New Yorker Subway entwickelt Haring mit der Kreide – ganz wie auf einer Schiefertafel – immer neue Symbole für seine Kompositionen sowie Weiterentwicklungen früherer Ideen, die er zu zahlreichen, variierenden Bildern zu ganz unterschiedlichen Themenkomplexen zusammenfügt. Mit der fließenden, akkuraten Linienführung (ohne Unterbrechungen) verleiht er seinem Repertoire an Figuren, Pyramiden, Tieren, fliegenden Untertassen und mythischen Mischwesen eine dynamische, unbändige Energie und eine sehr besondere, geheimnisvolle Aura.



Der zeitliche Ursprung der Zeichnung
Harings Figuren mit Uhrenköpfen tauchen erstmals 1982 auf, ein Jahr nachdem er seine ersten Subway Drawings angefertigt hatte. Bis 1983 sind sie auffälliger Bestandteil ihrer Bildsprache. Zwei 1984 publizierte Fotografien Tseng Kwong Chis (in: Keith Haring, Art in Transit) stützen diese Datierung, geben aber keineswegs Aufschluss darüber, wann andere ähnliche Zeichnungen entstanden sein könnten. Eine der Fotografieren zeigt bspw. eine von Plakaten für die Broadway-Musicals „Dreamgirls“ und „Cats“ flankierte Zeichnung eines Uhrenkopfes, der auf einem Finger eine sich drehende Erdkugel balanciert. "Cats" wurde am 7. Oktober 1982 am Broadway uraufgeführt, sodass die Zeichnung frühestens auf das Jahr 1982 datiert werden kann. Auf einem weiteren Foto Tseng Kwong Chis ist links neben der Werbung für die Musicals "A Chorus Line" und "Evita" eine zweiteilige Zeichnung eines geflügelten Uhrenkopfes über einem rennenden Uhrenkopf mit bellendem Hund zu erkennen (Abb.). "Evita" wurde am 26. Juni 1983 am Broadway abgesetzt, weshalb diese Zeichnung nicht später als 1983 entstanden sein dürfte. In der 1983 erschienenen Publikation von Lucio Amelio sind außerdem zwei Tuschezeichnungen von Uhrenköpfen Harings abgebildet, die der Künstler 1983 anlässlich seiner Ausstellung in Neapel anfertigt (Abb.). Das hier angebotene Subway Drawing "Untitled" ist deshalb vermutlich zwischen 1982 und 1983 entstanden.

Ein zeitgenössisches Memento mori
Obwohl die Kunstgeschichte Darstellungen von Uhren bereits seit dem 17. Jahrhundert kennt, insbesondere in der holländischen Genremalerei oder bspw. in Dalís "Die Beständigkeit der Erinnerung", war Haring wohl der erste Künstler, der eine chimärische Figur mit einer Uhr als Kopf schuf. Seine hybride Figur ist auch Laurie Simmons "Walking Pocket Watch" aus den frühen 1990er Jahren um etwa sieben Jahre voraus: einer Fotomontage einer überdimensionalen Uhr, die auf der unteren Hälfte einer Frauenfigur ruht (Abb.). Rückblickend erscheint der Entwicklungsprozess der sich ständig verändernden und auf immer neue Weise miteinander kombinierten Symbole hin zu einer Uhr auf Beinen mehr als plausibel, gar unvermeidlich – insbesondere im Kontext, in dem diese Figuren entstehen: Tausende von Menschen in Eile, auf schnellstem Wege zu ihren Zügen oder zum Ausgang hastend. Der Sinn für Stillstand ist dem Künstler ohnehin fremd, sowohl in seinem Leben als auch in seiner Kunst. Haring ist groß gewachsen und verfügt über die Fokussierung und den drahtigen Körperbau eines Sprinters. In seiner aufgrund seines tragischen Todes viel zu kurzen Karriere ist der Schaffensprozess seiner zahlreichen Kunstwerke von einer Dringlichkeit bestimmt, die nicht nur Ausdruck seines rastlosen Ideenreichtums, sondern auch seiner Vorahnung eines frühen Todes ist. In einem Tagebucheintrag vom 20. März 1987 schreibt er: "Ich wusste schon immer, schon als ich noch jünger war, dass ich jung sterben würde .. Ich lebe jeden Tag so, als wäre es der letzte" (Keith Haring, Journals, New York 1996, S. 75-76). Der berühmte Slogan der Firma Timex "It takes a licking and keeps on ticking“ (übersetzt in etwa "sie steckt so einiges ein und tickt trotzdem weiter") trifft besonders auf unser Werk "Untitled (Twin Clock-headed Figures)" zu, auf dem beide Uhren das Timex-Logo der bekannten Firma tragen. (Nachdem sich Haring in einigen Zeichnungen seiner "Clock-Head-Figuren" den Markennamen der bekannten Armbanduhr "Timex" aneignet, überlässt er ein paar Jahre später dem Uhrenhersteller "Swatch" sein urheberrechtlich geschütztes Bild einer geflügelten, zweibeinigen Uhr für das Zifferblatt der "Blanc Sur Noir"-Armbanduhr, Abb.). In der Tat hat Harings Werk in den drei Jahrzehnten nach seinem Tod stetig "weitergetickt", während sich seine Absicht, den Menschen zeitlose Kunst mit großer Anziehungskraft zu hinterlassen, bewahrheitete.
Die "Clock-Head-Figuren" fungieren außerdem – wie das obige Zitat des Künstlers suggeriert – als eine Art zeitgenössisches Memento mori, das uns an unsere Vergänglichkeit, an die Kürze unserer Existenz erinnert. Trotz der Allgemeingültigkeit des hier angebotenen Subway Drawings offenbaren sich die frenetisch rennenden Figuren als Selbstporträts eines Künstlers, der schon einige Jahre vor seiner HIV-Diagnose seinen Wettlauf gegen die Zeit erkannt hatte.

Barry Blinderman

Barry Blinderman ist Kurator, Autor und Pädagoge. Er studierte Kunstgeschichte an der Boston University und erlangte seinen Masterabschluss an der University of Pennsylvania. Von 1980 bis 1987 leitet er die Semaphore Gallery und das Semaphore EAST in New York City und fördert die Arbeiten von Keith Haring, Tseng Kwong Chi, Martin Wong, Robert Colescott und anderen zu dieser Zeit aufstrebenden Künstlern.

1981 veröffentlicht Blinderman "Keith Haring's Subterranean Signatures" im Arts Magazine, den ersten Artikel und das erste Interview des Künstlers mit einer Kunstzeitschrift. Im Oktober 1984 präsentiert Blinderman in der Ausstellung "Art in Transit" auf den schwarzen Wänden der Semaphore East Gallery in New York ein raumfüllendes Kreidewandbild Keith Harings sowie einige Fotografien Tseng Kwong Chis von Harings U-Bahn-Arbeiten. Im Jahr 1990 kuratiert Blinderman außerdem "Keith Haring: Future Primeval", die erste Wanderausstellung des Künstlers in den USA.

Zwischen 1987 und 2018 kuratiert er als Direktor des Universitätsmuseums der Illinois State University in Normal, Illinois, zahlreiche monografische Museumsausstellungen zu Keith Haring und zu vielen weiteren Künstlern. Seine Artikel über Künstler wie Andy Warhol oder Robert Longo sind in internationalen Museumskatalogen, Anthologien und Kunstmagazinen veröffentlicht worden. Blinderman lebt in Los Angeles, wo er an seinen Memoiren mit dem Titel "The Curator's Tale" arbeitet.



 

Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung zu Keith Haring "Subway Drawing"
Dieses Objekt wird regel- oder differenzbesteuert angeboten, Folgerechtsvergütung fällt an.

Berechnung bei Differenzbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 32 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 27 % berechnet und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 25 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

Wir bitten um schriftliche Mitteilung vor Rechnungsstellung, sollten Sie Regelbesteuerung wünschen.

Berechnung der Folgerechtsvergütung:
Für Werke lebender Künstler oder von Künstlern, die vor weniger als 70 Jahren verstorben sind, fällt gemäß § 26 UrhG eine Folgerechtsvergütung in folgender Höhe an:
4% des Zuschlags ab 400,00 Euro bis zu 50.000 Euro,
weitere 3 % Prozent für den Teil des Zuschlags von 50.000,01 bis 200.000 Euro,
weitere 1 % für den Teil des Zuschlags von 200.000,01 bis 350.000 Euro,
weitere 0,5 Prozent für den Teil des Zuschlags von 350.000,01 bis 500.000 Euro und
weitere 0,25 Prozent für den Teil Zuschlags über 500.000 Euro.
Der Gesamtbetrag der Folgerechtsvergütung aus einer Weiterveräußerung beträgt höchstens 12.500 Euro.

Die Folgerechtsvergütung ist umsatzsteuerfrei.