Auktion: 535 / Evening Sale mit Sammlung Hermann Gerlinger am 09.12.2022 in München Lot 21

 

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Paul Gauguin
Les misères humaines, 1889.
Zinkdruck, Tusche, Aquarell, handkoloriert
Schätzpreis: € 200.000 - 300.000
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Les misères humaines. 1889.
Zinkdruck, Tusche, Aquarell, handkoloriert.
Mongan/Kornfeld/Joachim 11 Aa (von B). Rechts unten in der Platte signiert und datiert, darüber mit Tusche signiert. Einziger handkolorierter Erstabzug. Auf gelbem Velin. 28,2 x 23 cm (11,1 x 9 in). Papier: 35,4 x 29,5 cm (13,9 x 11,6 in).
Motiv 10 der Folge: "Suite Volpini, 10 Zincographies", Erstausgabe herausgegeben vom Künstler im Mai 1889. Gedruckt von Edouard Ancourt, Paris. [KT].
• Einziger von Gauguin handkolorierter Erstabzug dieses Motivs auf dem seltenen gelben Papier der Erstausgabe.
• Blatt aus der "Suite Volpini", Gauguins erstem künstlerischem Manifest in grafischer Form, mit dem er sich 1889 bei der grundlegenden Ausstellung im Pariser Café Volpini präsentiert.
• Verweis auf Gauguins eindrucksvolles, im Vorjahr entstandenes Gemälde "Misères humaines – Vendanges à Arles" von 1888, heute Sammlung Ordrupgaard, Kopenhagen.
• Einst in der Sammlung von Gustave Fayet, bedeutender Mäzen Gauguins und Förderer der Symbolisten
.

PROVENIENZ: Sammlung Gustave Fayet (1865-1925), Abbaye de Fontfroide.
Sammlung Samuel Josefowitz (1921-2015), Lausanne.
Privatsammlung Europa (2002 erworben: Christie's 4.2.2002).

AUSSTELLUNG: Collector's Gallery, McNay Art Institute, San Antonio, Texas, Nov./Dez. 1976, Nr. W2.
Gauguin and the School of Pont-Aven, Prints and Paintings, Royal Academy of Arts, London, 9.9.-19.11.1989; National Gallery of Scotland, Edinburgh, 4.12.1989-4.2.1990, Nr. G8 (m. Abb. S. 56).
Gauguin and the School of Pont-Aven, Indianapolis Museum of Art; The Walters Art Gallery, Baltimore; Montreal Museum of Fine Arts; The Dixon Gallery and Garden, Memphis; San Diego Museum of Art; Portland Art Museum; Museum of Fine Arts, Boston, Sept. 1994-Sept. 1996, Nr. 7a (m. Abb.).

LITERATUR: Vgl. Marcel Guérin, L'Œuvre gravé de Gauguin, Bd. I, Paris 1927, Nr. 5 (m. Abb.).
Christie's, London, Impressionist and Modern Art (Evening Sale), Auktion 4.2.2002, Los 25 (m. Abb.).

Aufrufzeit: 09.12.2022 - ca. 17.40 h +/- 20 Min.

"Les misères humaines" ist das einzige Werk aus der "Suite Volpini", das Gauguin nicht in Schwarz drucken lässt, sondern für das er die Zinkplatte in einer Rötel- beziehungsweise rosttonigen Farbe einfärben lässt, um damit eine gewisse erdige Anschauung zu erreichen. Zudem verdichtet Gauguin das Motiv mit seiner nachträglichen Kolorierung, was dem Druck an sich eine Einmaligkeit verleiht: Mit dem behutsamen Einsatz von zarten Aquarelltönen, bisweilen mit Gouache gehöht, verwandelt Gauguin die geheimnisvolle Szene in eine fein ausgewogene, lavierte Federzeichnung.
Vom 20. Oktober bis Weihnachten 1888 besucht Gauguin Vincent van Gogh nach dessen häufigeren Aufforderung endlich im südfranzösischen Arles und sie malen dort gemeinsam ähnliche Motive, zelebrieren die Schönheit des Verschiedenen, das zugleich von Vergangenheit und Gegenwart inspiriert ist. Gauguin ist dabei interessiert, die neuen Motive mit Erinnerungen an bereits bestehende Werke zu verbinden, die er in sich trägt. So malt er in dem zur Zinkografie verwandten Gemälde "Weinlese in Arles. Menschliches Elend" Frauen in Kostümen aus der Bretagne – wo er sich zuvor aufgehalten hatte – und versetzt die Szene in einen Weinberg bei Arles (Abb.).
In der Zinkografie "Les misères humaines" (Menschliches Leid) reduziert Gauguin die Vorlage deutlich und stellt eine seiner Lieblingsfiguren im Zentrum der Szene heraus: eine verzweifelt, vielleicht auch trotzig dreinblickende junge Frau, die ihren Kopf auf ihre Fäuste stützt. Eine Pose, die an Albrecht Dürers Darstellung der "Melencolia I" aus dem Jahr 1514 denken lässt (Abb.). Das Motiv taucht häufig in Gauguins Gemälden, Zeichnungen und Grafiken auf, sowohl auf denen, die in Arles entstehen, als auch später in Werken, die Gauguin sich etwa in Tahiti ausdenken wird: anstatt von Frauen umgeben zu sein, die roten Seetang an der bretonischen Küste sammeln, wie zu sehen im Gemälde, sitzt das Mädchen ostensiv, wohl in tiefsinniger Träumerei versunken vor einem freundlich dreinblickenden jugendlichen Knaben. Ein Baum, dessen geschwungene Form von einem japanischen Holzschnitt inspiriert sein könnte, markiert den Raum einer Landschaft, ein Loch in der Baumkrone gibt den Blick frei auf den Kopf einer schwarz gekleideten Gestalt, die hinter der Steinmauer im Hintergrund vorbeizuschleichen scheint. Die Bildsprache ist symbolisch und introspektiv zugleich: Sie verschließt den Horizont und rückt das buchstäbliche und geistige Gewicht der jungen Frau in den Vordergrund. Wie der Titel andeutet, thematisiert Gauguin eine von Traurigkeit oder Nachdenklichkeit geprägte Gemütsstimmung, die er vielfach seinem zukünftigen Werk zugrunde legen wird. [MvL]

Weitere Werke aus dieser Privatsammlung werden ebenfalls in unserem Modern Art Day Sale angeboten (Samstag, 10. Dezember 2022, Los 455, 489, 527).



 

Aufgeld und Steuern zu Paul Gauguin "Les misères humaines"
Dieses Objekt wird differenzbesteuert, zuzüglich einer Einfuhrumsatzabgabe in Höhe von 7 % (Ersparnis von etwa 5 % im Vergleich zur Regelbesteuerung) oder regelbesteuert angeboten.

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Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 32 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 27 % berechnet und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Das Aufgeld enthält die Umsatzsteuer, diese wird jedoch nicht ausgewiesen.

Berechnung bei Regelbesteuerung:
Zuschlagspreis bis 500.000 Euro: hieraus Aufgeld 25 %.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 20 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf den Teil des Zuschlagspreises, der 2.500.000 Euro übersteigt, wird ein Aufgeld von 15 % erhoben und zu dem Aufgeld, das bis zu dem Teil des Zuschlagspreises bis 2.500.000 Euro anfällt, hinzuaddiert.
Auf die Summe von Zuschlag und Aufgeld wird die gesetzliche Umsatzsteuer, derzeit 19 %, erhoben. Als Ausnahme hiervon wird bei gedruckten Büchern der ermäßigte Umsatzsteuersatz von derzeit 7 % hinzugerechnet.

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