Auktion: 535 / Evening Sale mit Sammlung Hermann Gerlinger am 09.12.2022 in München Lot 24

 

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Ferdinand Hodler
Kastanienallee bei Biberist, 1898.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 1.400.000 - 1.800.000
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Kastanienallee bei Biberist. 1898.
Öl auf Leinwand.
Bätschmann/Müller 266. Loosli 2352. Rechts unten signiert und datiert sowie gewidmet: "A mon Amie Monsieur Oscar Miller". 38 x 55 cm (14,9 x 21,6 in).
[SM].
• Ferdinand Hodler gilt als führender Vertreter der Schweizer Kunst und ist neben Paul Cézanne, Vincent van Gogh oder Edvard Munch eine der prägendsten Figuren der Moderne.
• Frühes Schlüsselwerk, in dem Hodler horizontale und parallele Strukturen in seine Landschaftsmalerei einführt.
• Aus namhafter Provenienz – Oscar Miller gehört zu den wichtigsten Sammlern der Schweizer Moderne.
• Herzstück der Sammlung Miller, persönlich gewidmet und über 100 Jahre in Familienbesitz bewahrt
.

PROVENIENZ: Sammlung Oscar Miller, Biberist (seit 1898, direkt vom Künstler erhalten).
Privatsammlung Schweiz (durch Erbschaft vom Vorgenannten, bis 2012: Christie’s, 24.9.2012).
Privatsammlung (2012 vom Vorgenannten erworben).

LITERATUR: Paul Müller, Parallelismus. Hodlers programmatischer Anspruch, in: outlines, Hrsg. Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Bd. IV, Zürich 2009, S. 112 (m. Abb.).
Christie’s, Zürich, Auktion 24.9.2012, Los 203.

„Es ist die Mission des Künstlers, dem Unvergänglichen der Natur Gestalt zu geben, ihre innere Schönheit zu enthüllen."

Ferdinand Hodler, in: Über die Kunst, 1897.

"Ein paar unserer Bekannten wissen, wie sehr ich schon vor unserer Hodlerzeit die Einfachheit in den Vordergrung gestellt habe. Und doch ist sie mir erst durch Hodler erschlossen worden. Durch seine Bilder und durch seine Persönlichkeit."
Oscar Miller, Wie ich zu meinen Bildern kam und was sie mir sagen, 1903.

"Doch auch als Ausdruck einer Entwicklung kann die Sammlung Miller gewertet werden. Denn sie blieb nicht starr, sondern spiegelte stets den Grad der Kunstkenntnis Millers wider. Mit einer Ehrlichkeit, die gewissen Leuten unbegreiflich, ja schade zu sein scheint, hat Miller im Laufe von dreißig Jahren seine Sammlung gemodelt: überaus wertvolle Hodler-Gemälde enfernte er (bis auf drei herrliche Stücke) wieder aus seinem Besitz [..]."
Walter Reitz, Bern, 1921.

Aufrufzeit: 09.12.2022 - ca. 17.46 h +/- 20 Min.

Das von klarer Luft beseelte, herbstliche Motiv der jungen, bald entlaubten Kastanienbäume vor hellblauem, mit weißem Nebel durchzogenem Himmel über der Kastanienallee bei Biberist ist in kräftigem Kolorit und freiem, dennoch zartem Pinselduktus festgehalten. Im Hintergrund des Gemäldes ist schmal die Jurakette in der Umgebung von Solothurn ersichtlich. Nicht nur das Motiv, sondern auch die Widmung am unteren Bildrand "A mon Ami Monsieur Oscar Miller" lässt darauf schließen, dass das Gemälde der Kastanienallee bei Biberist vermutlich im Zusammenhang mit einem Besuch des Künstlers beim Sammler in Biberist, einer Gemeinde unweit von Solothurn, entsteht.
Um 1890 lassen sich wichtige Änderungen in Hodlers Landschaftsmalerei ablesen, ein Ergebnis ausgiebiger Landschaftsstudien etwa in der Gegend um Salève. Zunächst ist es die kräftigere Farbpalette, vor allem aber ist es die Gliederung der Motive in horizontale Parallelen, die Idee, die Natur in gleichlaufende Schichtungen zu gliedern, sowie mit dem Einsatz von Spiegelungen weitere wichtige Gestaltungsmittel zu kreieren, die seinem Werk jene für den Künstler so klare Struktur verleihen. Dabei geht Hodler empirisch vor, studiert intensiv etwa die Einwirkung des Tageslichts auf die Landschaft und ihre farblichen Veränderungen in den Jahreszeiten. Eine symbolisch aufgeladene Deutung der Natur wie noch mit dem Gemälde "Herbstabend" (Abb.) tritt bei "Kastanienallee", obwohl doch recht verwandt, in den Hintergrund. Vielmehr sucht Hodler den für ihn richtigen Standpunkt im rechten Winkel zu dem, was er wie durch den Sucher einer Kamera sieht, jene parallel im Hintergrund verschwindenden, waagerechten Landschaftslinien mit Wiesen, Häuserreihen, Jurakette unter bewegtem Himmel, um dann die Senkrechten, wie hier die sechs Bäume, zu platzieren und in der Komposition symmetrisch zurechtzurücken. Der Baum, wie hier bisweilen wie ein Porträt umgesetzt, wie etwa auch jene kleine Platane inmitten einer weiten Landschaft (Abb.), spielt bei Hodler eine wesentliche Rolle: Er benutzt ihn zum einen zur Identifizierung der eigenen Existenz, zum anderen als rein formales und künstlerisches Stilmittel, als ordnende Eingriffe zwischen Natur und Zivilisation. Der Baum als symbolisches und auch formales Motiv ordnet gleichsam diese Bildkomposition. Im Unterschied zu den tonigen, weichen Farben der "paysages intimes", schlichte, einfach wiedergebende Landschaftsmalerei seiner Frühzeit, verwendet Hodler nun gegen Ende des Jahrhunderts auch eine kräftigere und klarere Farbpalette. Vorder- und Hintergrund lässt Hodler durch satte Tonwerte gleichwertig erscheinen und vernachlässigt damit auch die Luftperspektive. Mit der strengen Ordnung entdeckt der schon reifere Künstler ein zusätzliches Darstellungsmittel für sein symmetrisches Kompositionsschema, den Parallelismus zwischen nahem Vordergrund und einem ebenso flach gehaltenen Mittelgrund, über dem sich die Schleierwolken am Himmel frei verschieben.

Provenienz
Oscar Miller (1862–1934), Direktor der Papierfabrik in Biberist, beginnt Ende des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Sammlung zeitgenössischer Kunst aufzubauen mit Werken unter anderem von Amiet, Buchser, Hodler, Kirchner und Vallotton. Zudem veröffentlicht Miller zahlreiche kunstkritische Texte, in denen er sich mit seiner Kunstsammlung und der zeitgenössischen Kunst in der Schweiz auseinandersetzt. Im November 1897 erwirbt Miller sein erstes Gemälde von Ferdinand Hodler, "Anbetung" von 1894, ein Werk, das sich heute als Leihgabe der Gottfried Keller-Stiftung im Museo Cantonale d'Arte, Lugano, befindet. In einem Brief bedankt sich der Künstler für den Ankauf Oscar Millers am 11. November 1897: "Es hat mich sehr gefreut, dass Ihnen und Frau Miller das Bild die Adoration so gut gefallen hat. [..] Es freut mich namentlich auch, dass es in Ihrem Besitz ist, ein Bild bei Ihnen ist wie ein gut versorgtes Kind." Miller wird rund zwanzig Gemälde des Künstlers vornehmlich vor 1900 erwerben. "Ein paar unserer Bekannten wissen, wie sehr ich schon vor unserer Hodlerzeit die Einfachheit in den Vordergrund gestellt habe. Und doch ist sie mir erst durch Hodler erschlossen worden. Durch seine Bilder und durch seine Persönlichkeit", dies beschreibt Millers Begeisterung für die Kunst Ferdinand Hodlers (Oscar Miller, Wie ich zu meinen Bildern kam und was sie mir sagen, 1903). Über zehn Jahre später bot er der Gottfried Keller-Stiftung 14 von damals 15 in seinem Besitz befindlichen Gemälden Ferdinand Hodlers zum Kauf an. Vermutlich handelt es sich bei dem einen Werk, das Miller für sich behalten wollte, genau um "Kastanienallee bei Biberist", und dies insbesondere auch, weil es das einzige Hodler-Werk in Millers Besitz ist, welches der Künstler speziell ihm widmet. Ein großer Teil der Sammlung von Oskar Miller befindet sich heute im Kunstmuseum Solothurn. Das Gemälde "Kastanienallee bei Biberist" ist bis 2012 verborgen immer im selben Familienbesitz geblieben. [MvL]



 

Aufgeld und Steuern zu Ferdinand Hodler "Kastanienallee bei Biberist"
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