Auktion: 550 / Evening Sale am 07.06.2024 in München Lot 124000127

 

124000127
Ernst Wilhelm Nay
Oberon II, 1947.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 100.000 - 150.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Oberon II. 1947.
Öl auf Leinwand.
Links unten signiert und datiert. Verso auf der Leinwand handschriftlich bezeichnet "Nay 'Oberon II' 1947". 100 x 60 cm (39,3 x 23,6 in).
[AR].

• Nay verpflichtet sich in "Oberon II" ganz der Wirkkraft der Farbe.
• Schon 1948 schwärmt Baron Döry im Zusammenhang mit der Arbeit von den "herrlichen Farben", der leuchtenden "Farbenglut, deren es keines gleichen gibt".
• Aus der wichtigen Werkserie der "Hekate-Bilder" – Übergang von der Figuration zur Abstraktion.
• Betitelt nach dem in Liebesaffären verstrickten Elfenkönig aus Shakespeares "Sommernachtstraum".
• Eindrucksvolle Ausstellungshistorie: zu Lebzeiten sowie postum in den wichtigsten Retrospektiven des Künstlers ausgestellt
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PROVENIENZ: Galerie Dr. Werner Rusche, Köln.
Sammlung Dr. Hanns Hülsberg, Hagen.
Seitdem in Familienbesitz.

AUSSTELLUNG: Ernst Wilhelm Nay. Bilder des Jahres 1947, Galerie Dr. Werner Rusche, Köln, Feb.-März 1948, Kat.-Nr. 8 (m. Abb.).
E. W. Nay. Retrospektive, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, 9.1.-15.2.1959, Kat.-Nr. 56 (verso auf d. Rahmen m. Etikett).
E. W. Nay. Retrospektive, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart, 12.11.-25.12.1966 (verso auf d. Rahmen m. Etikett), Akademie der Künste, Berlin, 13.1.-12.2.1967, Städtische Kunsthalle, Mannheim, 4.3.-16.4.1967 (verso auf d. Keilrahmen m. Etikett), Kat.-Nr. 27.
E. W. Nay. Retrospektive, Museum des 20. Jahrhunderts, Wien, 15.4.-15.5.1967, Kat.-Nr. 26 (verso auf d. Keilrahmen m. Etikett).
E. W. Nay. Retrospektive, Wallraf-Richartz-Museum, Köln, 18.4.-18.6.1969; Neue Nationalgalerie, Berlin, 20.6.-28.7.1969; Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt a. Main, 8.8.-21.9.1969; Kunstverein Hamburg, 4.10.-16.11.1969, Kat.-Nr. 50.
Ernst Wilhelm Nay Retrospektive, Museum Ludwig in der Josef-Haubrich-Kunsthalle, Köln, 17.11.1990-20.1.1991; Kunsthalle Basel, 28.3.-20.5.1991; Scottish National Gallery of Modern Art, Edinburgh, 8.6.-21.7.1991 (verso auf d. Rahmen m. Etikett), Kat.-Nr. 36 (m. Farbabb. S. 58).
Ernst Wilhelm Nay. Die Hofheimer Jahre 1945-1951, Städtische Galerie im Städel, Frankfurt a. Main, 24.2.-23.5.1994; Museum der bildenden Künste, Leipzig, 9.6.-21.8.1994, Kat.-Nr. 29 (m. Farbabb. S. 52).
Nay - Variationen. Retrospektive zum 100. Geburtstag, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München, 27.9.-24.11.2002; Kunstmuseum Bonn, 19.12.2002-16.2.2003, Kat.-Nr. B 47 (m. Farbabb. S. 119).

LITERATUR: Aurel Scheibler, Siegfried Gohr, Ernst Wilhelm Nay. Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1922-1951, Köln 1990, WVZ-Nr. 385 (m. Farbabb.).
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Eva Maria Demisch, Die Wandlung des Ernst Wilhelm Nay. Zum Tod eines Malers, der ein Rhapsode der Farben war, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 86, 10.4.1968, S. 24.
Sabine Schultze, Nay. Nachlese. Zur Gedächtnisausstellung im Frankfurter Städel, in: Der Kunsthandel, 61. Jg., Heft 9, Heidelberg 1969, S. 25.
Werner Haftmann, E. W. Nay, Köln 1991 (erweiterte Neuausgabe), S. 133f., S. 137.
Ludwig Baron Döry, Begegnungen mit Nay, in: Klaus Gallwitz (Hrsg.), Ernst Wilhelm Nay. Die Hofheimer Jahre 1945-51, Frankfurt a. Main 1994, S. 141-157, hier S. 143f.
Elisabeth Nay-Scheibler, Die Titel der Hekate-Bilder, in: Klaus Gallwitz (Hrsg.), Ernst Wilhelm Nay. Die Hofheimer Jahre 1945-51, Frankfurt a. Main 1994, S. 69-75, hier S. 74 (m. Farbabb. S. 52).
A. Thormüller, Die Mythen sind greifbar, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 48, 26.2.1994, S. 29.
Magdalene Claesges, Das Elementare Bild. Zur Genese und Charakteristik des Spätwerks von Nay, in: Nay. Variationen. Retrospektive zum 100. Geburtstag, AK Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München; Kunstmuseum Bonn, Köln 2002, S. 23-30, hier S. 23.
Guido Reuter, Am Scheideweg der Hekate: die Hekate-Bilder Ernst Wilhelm Nays und die Diskussion um die abstrakte Malerei nach 1945 in Deutschland, in: Düsseldorfer Kunsthistorische Schriften, Düsseldorf 2002, S. 55.
Christoph Schreier, Auf der Suche nach dem Essentiellen. Gedanken zur Werkentwicklung bei Nay, in: Siegfried Gohr u.a. (Hrsg.), Nay. Variationen, Köln 2002, S. 19.
Friedrich Weltzien, E. W. Nay. Figur und Körperbild. Kunst und Kunsttheorie der vierziger Jahre, Berlin 2003, S. 107, 200, 237, 243, 326 (m. Abb. Nr. 79).
Karin Schick, Kontakt. Zur Bedeutung von Sprache bei Ernst Wilhelm Nay, in: Karin Schick, Sophia Colditz, Roman Zieglgänsberger (Hrsg.), E. W. Nay. Retrospektive, Köln 2022, S. 16-27, hier S. 18.

"Was für mich an Nay's Bildern heute das erstaunlich Neue? Die herrlichen Farben! .. jetzt leuchten sie, in einer Farbenglut, deren es keines gleichen gibt. Und zwar Oberon II, Paolo und Francesca II, Gärtnerin .."
Ludwig Baron Döry in einem Tagebucheintrag vom 9. März 1948.

"Blume mit dem Purpurschein
Die Cupidos Pfeile weihn,
Senk dich in sein Aug hinein;
Wenn er sieht sein Liebchen fein,
Daß sie glorreich ihm erschein
Wie Cyther' im Sternenreihn.
Wachst du auf, wenn sie dabei:
Bitte, daß sie hilfreich sei."

Der Elfenkönig Oberon in William Shakespeares "Sommernachtstraum", 3. Akt.

Überraschend oft lassen sich an den künstlerischen Entwicklungssprüngen Ernst Wilhelm Nays Parallelen zu seiner Biografie und historischen Ereignissen ablesen. Inspiriert von einem Aufenthalt in Norwegen und dem Licht des Nordens findet er in seinen "Lofoten-Bildern" (1937/38) schon früh seinen Weg zur reinen Ausdruckskraft der Farbe. Mit den "Rhythmischen-Bildern" (1952/53), die geprägt sind von der Aufbruchsstimmung der Kölner Nachkriegszeit, beginnt knapp zwei Jahrzehnte später hingegen sein abstraktes Schaffen.

In der Zeitspanne zwischen diesen beiden Werkgruppen entsteht "Oberon II", kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Rückkehr des Künstlers aus dem Kriegsdienst in Frankreich. Nay lebt zu dieser Zeit in Hofheim im Taunus. Die Malerin und Sammlerin Hanna Bekker vom Rath, die schon während des Kriegs einen wichtigen Beitrag zur Förderung der modernen Kunst leistet, hat ihm hier zu einer Unterkunft verholfen, nachdem sein Berliner Atelier im Krieg zerstört wurde. Bis 1951 wird Nay in dem beschaulichen Städtchen bleiben, bevor er nach Köln, in die lebendige Großstadt übersiedelt. In Hofheim entstehen die sogenannten "Hekate-Bilder", denen sich auch "Oberon II" zuordnen lässt. Sie umfassen die Jahre 1945-1948 und bilden stilistisch den so wichtigen Übergang von der Figuration zur Abstraktion. Ihren übergeordneten Namen erhalten sie erst einige Zeit später von Ernst Gosebruch, langjähriger Freund des Künstlers und Direktor des Folkwang Museums in Essen. Eher zufällig übernimmt er ihn aus dem Titel des Werks "Tochter der Hekate", als er sich nach den Bildern aus Hofheim erkundigt. Thematisch sind die Arbeiten, wie ihre Titel andeuten, eingebettet in mythologische, religiöse und literarische Erzählungen. Doch es sind keine Visualisierungen historischer Vorbilder. Vielmehr verweisen sie auf einen "tieferen Ursprung" der Arbeiten, wie es Elisabeth Nay-Scheibler beschreibt, "der sich hinter ihrer Schönheit verbirgt" (Aurel Scheibler, Siegfried Gohr, Ernst Wilhelm Nay. Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 1922-1951, Köln 1990, S. 224). Mit ihnen, so schreibt sie weiter, arbeitet Ernst Wilhelm Nay die Kriegserfahrungen auf und wagt gleichzeitig einen Ausblick in die sich ankündigende, hoffnungsvolle Nachkriegszeit.

"Oberon II" zählt in diesem Kontext zu den positiv gestimmten Arbeiten unter den "Hekate-Bildern". Die Farbpalette in leuchtenden Pastelltönen begeistert schon ein Jahr nach der Entstehung den befreundeten Kunsthistoriker Ludwig Baron Döry. In einem Tagebucheintrag vermerkte er: "Was für mich an Nay's Bildern heute das erstaunlich Neue? Die herrlichen Farben! .. jetzt leuchten sie, in einer Farbenglut, deren es keines gleichen gibt. Und zwar Oberon II, Paolo und Francesca II, Gärtnerin .." (Ludwig Baron Döry, Tagebucheintrag 9.3.1948, zur Quelle s. Literatur). Betitelt ist die Arbeit von 1947 nach Oberon, dem in Liebesaffären verstrickten Elfenkönig aus Shakespeares "Sommernachtstraum". Wie so oft bei Nay verführt der Titel dazu, in der halb figürlichen, halb abstrakten Komposition nach Anzeichen der Kömodie des englischen Dichters zu suchen. Vermeintliche Augen lassen sich erkennen, hellrosafarbene Körperteile, sonnengelbe Kreisformen, grüne und blaue Pflanzen zeichnen sich ab.

Doch sie ergeben keinen zusammenhängenden Erzählstrang, verweigern sich in ihrer nach kalten und warmen Farbwerten aufgegliederten Komposition einer eindeutigen Interpretation. Nays Weg in die reine Abstraktion, die sein Schaffen in den Folgejahren bis zu seinem Lebensende einschlagen wird, deutet sich hier ganz unverkennbar an. Sein in späteren Werkgruppen wiederkehrendes Formenvokabular von Kreis-, Spindel- und Handformen ist in den "Hekate-Bildern" bereits sichtbar eingearbeitet. Der tiefere Ursprung seiner Arbeiten und die literarisch-erzählerische Grundstimmung hält sich in "Oberon II" jedoch noch die Waage. Fein ausbalanciert fasziniert Nay uns mit seinen "Hekate-Bildern" bis heute mit dem Spiel zwischen Gegenständlichkeit, literarischen Bezügen und irrealen Formen und Farben. Nicht ohne Grund wurde "Oberon II" über Jahrzehnte hinweg sowohl zu Lebzeiten als auch postum in den wichtigsten Retrospektiven des Künstlers ausgestellt. [AR]



124000127
Ernst Wilhelm Nay
Oberon II, 1947.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 100.000 - 150.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.