Auktion: 550 / Evening Sale am 07.06.2024 in München Lot 124000206

 

124000206
Hans Uhlmann
Draht-Plastik, 1949.
Eisen, auf Holzsockel montiert
Schätzpreis: € 80.000 - 120.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Draht-Plastik. 1949.
Eisen, auf Holzsockel montiert.
Auf der Unterseite des Sockels auf einem Etikett signiert und bezeichnet "Berlin-Steglitz / Birkbuschstr. 84 / Draht-Plastik / (1949) / Eisen". 73 x 41,5 x 32 cm (28,7 x 16,3 x 12,5 in). Sockel: 14,7 x 6 cm (5,7 x 2,3 in).


• Schwerelosigkeit, Bewegung und Dynamik in Reinform von dem "Ingenieur der plastischen Form".
• Aus der Zeit des künstlerischen Durchbruchs.
• Eine von nur wenigen geschwungenen Drahtskultpuren der kurzen Werkphase 1948-1950.
• Uhlmanns wegweisende Arbeiten werden 1954 auf der Biennale von Venedig, 1957 auf der Weltausstellung in Brüssel, bei den bedeutenden Ausstellungen "The New Decade" 1955 und "German Art of the 20th Century" 1957 im Museum of Modern Art, New York, auf den ersten drei documenta-Ausstellungen 1955, 1959 und 1964 sowie postum 1977 präsentiert.
• Skulpturen Uhlmanns befinden sich in der Nationalgalerie, Berlin, der Hamburger Kunsthalle sowie den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.
• Weitere 17 zwischen 1954 und 1977 beauftragte Skulpturen prägen zentrale Plätze des öffentlichen Raums v. a. in der deutschen Hauptstadt.
• Der Künstler erfährt seit einigen Jahren eine Neubewertung und wird aktuell mit der Ausstellung "Hans Uhlmann. Experimentelles Formen" in der Berlinischen Galerie geehrt (bis 13.5.2024)
.

Mit einer schriftlichen Expertise von Hans-Joachim Uhlmann, Sohn des Künstlers, Berlin, vom 14. April 2016.

PROVENIENZ: Privatsammlung.
Eberhard Seel (1900-1978), Berlin.
Privatsammlung Berlin (1978 vom Vorgenannten aus dessen Nachlass erworben).
Privatsammlung Nordeutschland (2016 erworben).


"Der Sinn des Konstruierens und Gestaltens – der Akt der Schöpfung – diese besondere Art zu Leben – ist für mich die größtmögliche Freiheit. […] Die Art von Skulptur, die ich machen möchte, hat zur Verwendung von völlig immateriellen Formen geführt. Es geht mir um eine Skulptur, die alle Sinne anspricht und nicht nur taktile Befriedigung bietet."

Zit. nach: The New Decade: 22 European Painters and Sculptors, Ausst.-Kat. Museum of Modern Art, New York 1955, S. 45f.

"Arabesken im Raum" – so bezeichnet der bedeutende Kunsthistoriker Werner Haftmann (1912–1999), zusammen mit Arnold Bode künstlerischer Leiter der ersten drei Ausgaben der documenta und erster Direktor der Berliner Neuen Nationalgalerie, die Drahtskulpturen Hans Uhlmanns. Scheinbar spontane Aufzeichnungen innerer Bewegung, wie sie sich auch in der gestischen Malerei des abstrakten Expressionismus und des Informel widerspiegeln, markieren in den späten 1940er Jahren die radikale Abkehr von tradierten Kunstformen des Figürlichen und Gegenständlichen. Die Dynamik der oszillierenden Linien, die steigenden und fallenden Energien der sich aufschwingenden Wirbel verewigen im Paradox des im Metall geronnenen Moments in Uhlmanns Gebilden diese Bewegung als ursprünglichstes Prinzip von Lebendigkeit. In der Betrachtung folgen wir mit Auge und Geist der Spur der Zeichnung und der den Raum durchziehenden Linienbewegung. Seine Raumgebilde schaffen eine Neudefinition des plastischen Gestaltens, die sich nicht mehr den begrenzten und statischen Volumina widmet, sondern in der die Linie in ihrer Bewegung zum Selbstzweck wird und Autonomie beansprucht. Die filigranen Gebilde in ihrer Allansichtigkeit eröffnen immer neue Blickpunkte in den Raum und wecken Assoziationen zu Rhythmik, Tanz und Musik.
Uhlmann hatte zunächst eine Laufbahn als Ingenieur eingeschlagen und ist in den 1930er Jahre in der Industrie tätig, jedoch beschäftigt er sich parallel mit kubistischen und konstruktivistischen Formfindungsprozessen in Zeichnung und Skulptur. Besonders metallene Form-Gerüste wecken früh seine Faszination. In den aus Draht und Blech gebogenen und gelöteten Gebilden, die bereits den leeren Zwischenraum als Teil der Skulptur miteinbeziehen, zeigt sich sein avantgardistisches Selbstverständnis. Im Laufe der 1950er Jahre erfährt er mit diesen Positionen nationale und internationale Beachtung. 1950 wird er an die Hochschule für bildende Künste Berlin berufen, zunächst für die Grundklasse, 1952 übernimmt er schließlich die Bildhauerklasse und trägt auch hier zu dem in dieser Zeit stattfindenden Generationen- und Paradigmenwechsel bei. Ihm steht anschließend eine neue Werkstatt mit Assistenten und technischer Ausrüstung zur Verfügung, die neue Konstruktionen der Metallskulpturen ermöglichen. Größere Dimensionen, geschweißte Flächen und aneinandergefügte geometrische Elemente gewinnen ab da an Bedeutung und werden in zahlreichen großen Skulpturen im öffentlichen Raum realisiert.
Die Relevanz seines künstlerischen Standpunktes zeigt sich auch mit der Teilnahme an den ersten drei documenta-Ausstellungen 1955, 1959 und 1964 unter der Co-Regie Werner Haftmanns, ebenso wird er vom Kurator Andrew C. Ritchie in den wegweisenden Nachkriegsausstellungen im New Yorker Museum of Modern Art "The New Decade: 22 European Painters and Sculptors" 1955 und "German Art of the 20th century" 1957 positioniert. Ernst Wilhelm Nay, den Uhlmann Ende der 1940er Jahre in Berlin kennenlernt, hatte den prägendsten Kunsthistoriker der Nachkriegszeit auf dessen erste größere Ausstellung 1950 in der Münchner Galerie Günther Franke aufmerksam gemacht. Im Katalog von 1957 stellt auch Alfred Hentzen, Direktor der Hamburger Kunsthalle, seine Bedeutung heraus als "the only German sculptor of his generation who has worked continuously and with consistent logic in purely non-objective forms" (zit. nach: Ausst.-Kat. German Art of the 20th century, New York 1957, S. 176), als einen in seiner Generation einzigartigen Pionier, der mit seinem Werk neue Wege eröffnet.
Der Generationenwechsel der Nachkriegszeit, eng verbunden mit der endgültigen Anerkennung der Abstraktion als eigenständiges Ausdrucksmittel, vollzieht sich neben dem abstrakten Expressionismus und dem Informel in der Malerei nicht zuletzt auch in der Plastik. Norbert Kricke setzt in den 1950er Jahren im Dialog mit Uhlmann die Kunst der Linie fort (ebenfalls aufgerufen in unserem Evening Sale: Norbert Kricke, Raumplastik Rot, Stahl auf Sockel, 1950er Jahre). In der Fotografie experimentieren bedeutende Künstler wie Otto Steinert mit als abstrakt verstandenen Formen und grafischen Strukturen, die mit der international vielbeachteten Ausstellung "subjektive fotografie" ihren Standpunkt erfolgreich vertritt (Otto Steinert, Titelbild für den Ausstellungskatalog "subjektive fotografie", Silbergelatingeabzug, 1951, aufgerufen in unserem Post War Day Sale).
Trotz Uhlmanns künstlerischer Bedeutung steht eine Würdigung durch ein breiteres Publikum zur heutigen Zeit noch aus; eine Lücke, die mit der großen Retrospektive über sein künstlerisches Schaffen von den 1930er bis 1970er Jahren in der Ausstellung "Hans Uhlmann – Experimentelles Formen" der Berlinischen Galerie 2024 geschlossen wird. [KT]



124000206
Hans Uhlmann
Draht-Plastik, 1949.
Eisen, auf Holzsockel montiert
Schätzpreis: € 80.000 - 120.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.