Auktion: 550 / Evening Sale am 07.06.2024 in München Lot 124000236

 

124000236
Georg Baselitz
Fingermalerei - Birke, 1972.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 800.000 - 1.200.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Fingermalerei - Birke. 1972.
Öl auf Leinwand.
Links unten signiert und datiert. Verso datiert sowie betitelt "Fingermalerei-Birke". Auf der umgeschlagenen Leinwand signiert, datiert und betitelt. 162 x 130 cm (63,7 x 51,1 in). [JS].

• Eines der frühen Gemälde mit der charakteristischen, "auf dem Kopf" stehenden Motivik.
• Der Wald gehört in den 1960er und 1970er Jahren zu den wichtigsten Motiven des Künstlers – mit „Der Wald auf dem Kopf“ (1969, Museum Ludwig, Köln) dreht Baselitz erstmals die Darstellung um 180 Grad.
• Im Entstehungsjahr 1972 ist Baselitz mit einer Arbeit aus dieser bedeutenden Werkfolge auf der documenta 5 vertreten.
• Werke dieser wegweisenden Schaffensphase in Fingermalerei sind von großer Seltenheit.
• Seit 40 Jahren Teil einer bedeutenden deutschen Privatsammlung.
• Vergleichbare Arbeiten befinden sich u. a. in der Pinakothek der Moderne/Museum Brandhorst, München, im Museum of Modern Art, New York, im Museum Folkwang, Essen, sowie im San Francisco Museum of Modern Art
.

PROVENIENZ: Galerie Neuendorf, Hamburg (direkt vom Künstler).
Jürgen Hollstein Antiquariat, Pöcking.
Privatsammlung Nordrhein-Westfalen.
Privatsammlung Norddeutschland (2013 durch Erbschaft vom Vorgenannten).


Eine bewegte deutsche Biografie

Georg Baselitz gilt als einer der wichtigsten Künstler der deutschen Gegenwartskunst. Einer gestisch expressiven, figurativen Malerei verhaftet, zeugen seine Arbeiten mit ihren unterschiedlichen Ansätzen und Motiven von großer Varianz. In seinem Werk gelingt es ihm, kunsthistorische Traditionen zu zitieren und diese gleichzeitig vollkommen hinter sich zu lassen wie auch fortzuschreiben. Georg Baselitz wird im Jahr vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geboren und wächst im Schatten der schrecklichen Ereignisse des Krieges auf. Sein Malerei-Studium beginnt er zunächst in Ost-Berlin, 1957–1962 setzt Baselitz seine Ausbildung an der Hochschule für bildende Künste in Berlin-Charlottenburg fort. Einer seiner Lehrer wird Hann Trier. Er wird 1958 Staatsbürger der BRD und durch den Mauerbau 1961 bleibt ihm die alte Heimat verwehrt. Eine bewegte deutsche Biografie.

Das Motiv. Der Wald

Im Jahr 1971 siedelt der Künstler nach Forst an der Weinstraße um, bevor es ihn 1975 dann nach Derneburg zieht. Baselitz experimentiert weiter und sucht nach Möglichkeiten, seine inzwischen charakteristischen Motive in Form, Farbe und Fläche mit verschiedenen Techniken zu gestalten, die bei der Entstehung von Kunst weder dem Thema noch der Malweise im Wege stehen. Hier in seinem neuen Atelier, umgeben von der Natur, entstehen die ersten Fingermalereien. Die Distanzierung vom Motiv geht einher mit einer körperlichen Annäherung an die Malerei. Seine Hände taucht Baselitz in die Farbe und bringt das Bild mithilfe seiner Finger direkt auf die Leinwand. Nichts soll zwischen ihm und der Malerei stehen, nicht einmal der Pinsel. In den kommenden Jahren entstehen mit diesem Effekt herausragende Werke mit beispiellosem Charakter wie "Fingermalerei I – Adler" (1971/72), "Akt Elke" (1974) und der furios gemalte "Waldweg", ein anschauliches, gleichwohl fragmentarisches Motiv ohne konkrete Erzählung und Inhalt.

Angriff auf die Illusion der Malerei

Die auf dem Kopf stehenden Bilder von Baselitz zeigen eine radikale Abkehr von der Mimesis der abendländischen Malerei, von den Konventionen der Malerei, welche auf die in der Renaissance entwickelten Regeln der Perspektive zurückgehen. Die Illusion, der Betrachter eines Gemäldes sieht ein genaues Abbild der Welt, wird bis in das spätere 19. Jahrhundert aufrechterhalten, bis die Fotografie die gemalte Magie durch ein überzeugenderes Abbild der realen Welt ersetzt. Seit dieser Zeit illusionieren die Maler das Gesehene auf andere Weise, entwickeln Malstile wie den Impressionismus, verlieren sich in der Theorie des Pointillismus und entfalten sich im Expressionismus sowie der Neuen Sachlichkeit, versuchen sich schließlich im weiten Feld des Gegenstandslosen. Und dennoch, wie viele Maler des 20. Jahrhunderts auch, sucht Baselitz einen Weg, mit der Tradition zu brechen, Bilder zu malen, ohne den Anschein der Wirklichkeit zu opfern. Und Baselitz fordert hierbei seine Betrachter überzeugend dazu auf, seine auf den Kopf gestellte Welt als neue Bildkonvention zu akzeptieren. Das "auf dem Kopf" gemalte Bild ist begleitet von dem Effekt, die Bedeutung der Figur aufzuheben, das Motiv von einer gewissen Schwerkraft zu befreien. Nach dieser "Wende" im Jahr 1969 malt Baselitz eine Serie von auf dem Kopf stehenden Porträts, es folgen Bilder im Bild, in denen ein Bild – in der Regel eine Landschaft – von einem anderen umrahmt wird und so den Bruch mit der konventionellen Malerei fortsetzt.

Die Umkehrung des Gewohnten

Als Georg Baselitz im Jahr 1969 mit "Der Wald auf dem Kopf" ein Bildmotiv erstmals auf der Leinwand um 180 Grad dreht, da wird dies von vielen als künstlerische Provokation verstanden. (Abb.) Fraglos will er den Akt des Malens selbst, aber auch tradierte Sehgewohnheiten radikal in Frage stellen, doch eine Provokation zum Selbstzweck liegt dem Künstler fern. Zu ernst nimmt er die Malerei, ihre lange Geschichte und das enorme Potenzial, das sie in sich trägt. Baselitz sagt später, dass er damals einen Punkt erreicht habe, an dem er die Richtung seiner Malerei ändern wollte. Schon 1964 experimentiert er damit, Motive umzudrehen, zu entdecken etwa in dem Gemälde "Das Kreuz": Baselitz stellt hier in einer kleinen Szene die Reihe von Häusern auf den Kopf. Und 1968 bindet er einen Waldarbeiter in dem gleichnamigen Gemälde kopfüber an einen Baum, sicherlich eine Reminiszenz an das Martyrium des Apostels Petrus und die christliche Motivwelt der Renaissance. Im folgenden Jahr malt er mit "Der Wald auf dem Kopf" wie schon erwähnt die erste Komposition, bei der das Motiv vollständig auf dem Kopf steht. Inspiriert hat den Künstler wohl das Gemälde "Wermsdorfer Wald" von Ferdinand von Rayski (1806–1890) aus dem Jahr 1859 in der Dresdner Gemäldegalerie Neue Meister. (Abb.) Und mit dieser Umkehrung im Bild verbindet Baselitz kunsthistorisch wie malerisch letztlich eine zutiefst nordische Romantik mit der Impulsivität des deutschen Expressionismus. Einerseits repräsentieren Rayskis Wälder eine bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende naturalistische Maltradition, andererseits kristallisierten sich in Rayskis sächsischen Landschaften Orte der Kindheit heraus, die für Baselitz nach seiner Übersiedlung nach West-Berlin und durch den Bau der Berliner Mauer 1961 unzugänglich wurden. Caspar David Friedrichs Malerei ist für Baselitz eine weitere, wichtige Orientierung. Friedrich konstruiert Landschaften und idealisiert die tatsächlichen Gegebenheiten: "Eine Landschaft ist ein Seelenzustand. Der Mensch soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht". Dieses radikale Umdenken ist für Baselitz, dem es um die Landschaft in seiner Erinnerung geht, von entscheidender Bedeutung und Grund für eine lebenslange Auseinandersetzung. Vor allem dem nordischen Menschen wird eine tiefe Verbundenheit mit dem Wald nachgesagt. Der Wald wird besungen, bedichtet und malerisch festgehalten, als Sehnsuchtsort, als Ort der Stille, des Rückzugs und der Kraft. In höherem Maße hat die Romantik diese Verbundenheit besonders der deutschen Identität mit dem Wald geprägt. In seinem Werk hat sich Georg Baselitz nicht nur intensiv mit der deutschen Geschichte, der Frage der Identität und seiner eigenen Biografie auseinandergesetzt, sondern das Erbe der Kunstgeschichte darüber hinaus stets in sein Bilddenken eingebunden. [MvL]



124000236
Georg Baselitz
Fingermalerei - Birke, 1972.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 800.000 - 1.200.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.