Auktion: 409 / Klassische Moderne & Seitenwege der dt.Avantgarde am 06.12.2013 in München Lot 366

 
366
Georg Kolbe
Junges Weib, 1937.
Bronze
Schätzung:
€ 60.000
Ergebnis:
€ 140.300

(inkl. 22% Käuferaufgeld)
Objektbeschreibung
Junges Weib. 1937/38.
Bronze mit brauner Patina.
Auf der Plinthe mit dem ligierten Monogramm. Rückseitig an der Standfläche mit dem Gießerstempel "H. Noack Berlin Friedenau". 94 x 25,5 x 20,5 cm (37 x 10 x 8 in).
Die Figur des "Jungen Weibes" entwickelt Georg Kolbe für den "Ring der Statuen", eine Statuengruppe, an welcher der Künstler bis zu seinem Tod arbeitet und die schließlich posthum fertiggestellt, im Jahr 1954, im Rothschildpark in Frankfurt a. M. als Großplastik errichtet wird. Da Kolbe am 18. Januar 1938 der Bildgießerei Noack den Auftrag zur Vergrößerung auf 220 cm erteilt, dürfte die kleine Fassung des "Jungen Weibes" bereits 1937 begonnen worden sein. Kolbe benennt das Werk "Frauenfolge I", es war also die erste Figur für den "Ring der Statuen", der ursprünglich nur Frauenfiguren enthalten sollte. Im Februar 1938 wird laut einer im Georg-Kolbe-Archiv befindlichen Gießerrechnung eine Bronze des "Entwurfs" ausgeführt. Es spricht alles dafür, dass es sich bei der vorliegenden Arbeit um diesen Guss und damit um den einzigen bekannten Lebzeitguss des "Jungen Weibes" handelt.

Mit einem Gutachten von Frau Dr. Ursel Berger, Berlin, vom 2. Oktober 2013. Wir danken für die freundliche Beratung.

PROVENIENZ:
Privatsammlung Norddeutschland


LITERATUR: (zum "Ring der Statuen" vgl.)
Georg Kolbe. 42 Bildtafeln mit einem Geleitwort von Richard Scheibe. Schwarz-Bildbücherei. Großschlattengrün/Opf. o. J. (wohl 1952), unpag. ganzseitige Abbildung.

Georg Kolbe, einer der erfolgreichsten Bildhauer seiner Zeit, studiert anfänglich Malerei in Dresden und München. Unter dem Eindruck der Plastik von Rodin, die er während eines halbjährigen Parisaufenthaltes 1897 ausgiebig studiert, und von Louis Tuaillon kommt Kolbe zur Bildhauerei. Mit Tuaillon, dem Hauptvertreter der neoklassizistischen Plastik, beschäftigt sich Kolbe, als er 1898 nach Rom übersiedelt. Unter seiner Anleitung entstehen erste Porträtplastiken. Nach sechs Jahren, während derer er zahlreiche Reisen durch Italien, Frankreich, Belgien und Holland unternimmt, entschließt sich Kolbe, wieder nach Deutschland zurückzukehren und zieht nach Berlin. Auch von dort aus macht er sich in den folgenden Jahren immer wieder auf, um in anderen Ländern neue Impulse und Eindrücke zu gewinnen. Im Jahr 1913 wechselt der Bildhauer von der Berliner Sezession, in die er 1905 aufgenommen worden war, zur Freien Sezession. Das Kriegsgeschehen bringt ihn ab 1914 als Freiwilligen nach Ostpreußen und Polen, 1918 wird er als Infanteriesoldat im Schwarzwald eingesetzt. Noch im selben Jahr erhält er den Professorentitel vom Preußischen Kultusministerium. Während Kolbe in seinem plastischen Schaffen mit einfachen, harmonischen, von Rodin und Maillol beeinflussten Aktfiguren beginnt und im Ausdruck dabei um einen Gleichklang von Körper und Seele bemüht ist, verstärkt sich seine Neigung zu einer heroisierenden Monumentalität in den dreißiger Jahren.

Erste zeichnerische Entwürfe gehen auf das Jahr 1933 zurück. Der "Ring der Statuen" von Georg Kolbe blieb bei dessen Tod unvollendet und wurde von Richard Scheibe im Sinne Kolbes ergänzt. Folgende Plastiken in Überlebensgröße sind im Ring der Statuen vereint: Junges Weib, Hüterin, Auserwählte, Amazone, Herabschreitender, Stehender Jüngling, Sinnender. Auf Sockel montiert bilden sie, jeweils von Stelen in dunklem Marmor flankiert, einen begehbaren Kreis über einer abgestuft vertieften Treppenanlage. Georg Kolbe, der sich in seinem plastischen Schaffen nahezu immer von idealen Körperformen leiten lässt, ist auch in der Bronzeplastik "Junges Weib" seiner einmal gefundenen Leitlinie treu geblieben. Die leicht gestreckten Körperformen werden durch das erhobene Haupt in ihrer Wirkung bestärkt, und so der Statue in ihrer Gesamtheit eine Idealisierung verliehen, wie sie besonders Kolbes Spätwerk auszeichnet. Reduziert auf das Wesentliche in der Aussage ist auch diese Plastik ein Beispiel für die Orientierung Kolbes an klassischen Idealvorstellungen menschlicher Proportionen.

Gegen Ende des Krieges werden Haus und Atelier des Bildhauers beschädigt, so dass er bis Anfang 1945 nach Hiershagen in Schlesien übersiedelt. Zurück in Berlin bricht schließlich ein altes Krebsleiden wieder aus, dem Kolbe am 20. November 1947 erliegt. Neben einem beachtlichen Porträtschaffen konzentriert sich Kolbes Werk weitgehend auf die Aktplastik, womit er prägend für seine und die folgende Bildhauergeneration wird. [KD/JS].

366
Georg Kolbe
Junges Weib, 1937.
Bronze
Schätzung:
€ 60.000
Ergebnis:
€ 140.300

(inkl. 22% Käuferaufgeld)