nach 1945 / Contemporary Art

Auktion: 540 / Evening Sale am 09.06.2023 in München Lot 51


51
Ernst Wilhelm Nay
Motion, 1962.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 400.000
Ergebnis:
€ 1.621.000

(inklusive Aufgeld)
Motion. 1962.
Öl auf Leinwand.
Scheibler 1028. Rechts unten signiert und datiert. Verso auf dem Keilrahmen signiert, datiert und betitelt sowie mit einem Richtungspfeil versehen. 150 x 200 cm (59 x 78,7 in).

• Monumentales, besonders dynamisches Gemälde aus der bedeutenden Werkphase der "Scheibenbilder" (1954–1962).
• Kontrastreiches Farbspektakel der sich energetisch bewegenden und zugleich auflösenden Formen.
• Aus der Privatsammlung seines wichtigen Förderers – des namhaften Galeristen Günther Franke (1900–1976).
• Arbeiten aus der Werkreihe der "Scheibenbilder" befinden sich u. a. im Solomon R. Guggenheim Museum, New York (1961), der Nationalgalerie Berlin (1957) und dem Städel Museum, Frankfurt a. Main (1962)
.

PROVENIENZ: Sammlung Günther Franke, München.
Privatsammlung Hessen.
Privatsammlung Nordrhein-Westfalen (seit 1998).

AUSSTELLUNG: E. W. Nay. Sechzehn große Bilder, Galerie Günther Franke, München, 2.6.- Mitte Juli 1962, Kat.-Nr. 14.
Ernst Wilhelm Nay. Gemälde 1955-1964, Kunstverein Hamburg / Badischer Kunstverein, Karlsruhe / Kunstverein Steinernes Haus, Frankfurt a. Main, 26.9.1964-14.2.1965, Kat.-Nr. 35 (Farbtafel 15, verso auf dem Keilrahmen mit dem Etikett).
50 Jahre Galerie Günther Franke. Nay - Bilder, Aquarelle, Gouachen, Zeichnungen aus der Sammlung und Galerie Günther Franke, München, 20.10.-22.12.1973, Kat.-Nr. 11.
Ernst Wilhelm Nay. Arbeiten aus Privatbesitz, Neues Rathaus, Weiden (Oberpfalz), 1.10.-5.11.1995.
Abstrakte Kunst, Neues Museum, Nürnberg, 19.5.-9.7.2000, S. 75 (m. Abb. S. 149).
Rupprecht Matthies, Peter Zimmermann, Ernst Wilhelm Nay, Malerei, Adolf Luther, Plastiken, und Werke weiterer Künstler, Produzentengalerie Hamburg, 31.1.-15.3.2003.

LITERATUR: Süddeutsche Zeitung, München, 25.9.1963 (m. Abb.).
50 Jahre Galerie Günther Franke. Nay - Bilder, Aquarelle, Gouachen, Zeichnungen aus der Sammlung und Galerie Günther Franke, München 1973, S. 88 (m. Abb. S. 89).
Werner Haftmann, E. W. Nay, Köln 1991, S. 240.

Rhythmus und Dynamik – die "Scheibenbilder"
Es ist immer wieder faszinierend, wie es Ernst Wilhelm Nay gelingt, seinen ausgeprägt empathischen Sinn für die Ordnung von Farbe und Form zum Ausdruck zu bringen: Dominante Blautöne im Kontrast zu Ocker- und Gelbtönen, wenig Schwarz und verhalten gesetztes Rot geben dem Farbenmeer Richtung und Substanz. Wichtigstes Charakteristikum für Nays Gemälde ist die rhythmische Gestaltung der Bildfläche allein durch die Farbe. Die Farbe wird auf die Leinwand gesetzt und formt sich zwangsläufig mit den kreisenden Bewegungen des Pinsels zu Scheiben. Mit dieser bewussten, malerischen Erweiterung der Formen eröffnet Nay ab 1954 seine berühmteste Werkphase der sogenannten "Scheibenbilder". In unserem Gemälde "Motion" aus dem Jahr 1962 entwickelt der Künstler das Thema weiter und stellt die mit großzügigen Pinselschwüngen aufgetragenen Scheiben als gebündelte Energiefelder gegenüber. "Aus dunkleren, tieferen Tiefen brechen die hellen Farben jetzt heißer hervor. Und da die unangefochtene Heiterkeit der frühen Scheibenbilder in der Wiederholung ins Kandide zu verflachen drohte, entfesselt Nay jetzt dunklere, chaotischere Kräfte und beheimatet seine Bilder gleichsam zwischen Elysium und Acheron. Damit sind sie lebenswirklicher und wahrhaft auch zeitwirklicher geworden. [..] Und weiterhin ist Nay, im grauen Alltag der jüngeren Generation, ein großer Meister der Farbe", charakterisiert der schweizerische Kunsthistoriker Georg Schmidt und ehedem Direktor des Kunstmuseums Basel 1962 diese Entwicklung (Georg Schmidt, zit. nach: E. W. Nay – 60 Jahre, Museum Folkwang, Essen 1962, S. 29).

Die Kraft der Farben
Nay nutzt die Wirkkraft der Primärfarben Gelb, Rot und Blau und schafft damit sowohl einen Hell-Dunkel- als auch einen Warm-Kalt-Kontrast, der das gesamte Bildgefüge formt. Dabei wird die Farbe nicht von kunsthistorischen Vorbildern, formalen Regeln oder künstlerischen Schemata in eine gestalterische Form gezwängt: In frei gesetzten Kreisen, Halbkreisen, gestischen Linien und freien Flächen in variierenden Größen darf die Farbe ganz für sich sprechen. So setzt Nay die Dunkelheit des Schwarz in dieser innerhalb seines Schaffens besonders bewegten Komposition gekonnt vor einen gelben Ballen und erzeugt damit eine 'Gelbfinsternis'. Aus dieser Gestaltung ergibt sich ein zentrierender Effekt, der den übrigen Farbfeldern zusätzliche Vielschichtigkeit und Kraft verleiht. Mutig übermalt Nay mit schnell gesetztem Gelb und Rot pastos das Blau. Helles, strahlendes Blau, tiefes Rot und sonniges Gelb werden durch energische, gestische Pinselspuren überlagert. In jeder Ecke des Gemäldes wird auf diese Weise die leidenschaftliche, dynamische Arbeit des Künstlers erfahrbar: Die Bemühung um die intensive, von heftigem Temperament aufgeladene Umhalsung der Bildkörper vollzieht er mit dem Ziel, eine Lücke freizulegen, um einen Ausblick auf ein neues Feld zu gewinnen und damit die energiegeladene Erschütterung des Bildgefüges emotional zu beherrschen.

Fläche und Scheibe in voranschreitender Abstraktion
"Um der Fläche wegen und um Figuration zu vermeiden, wird die Scheibe zuweilen in die Fläche stark aufgelöst und im Malen Gefundenes – das ist meine Definition des Automatischen – geltend gemacht – um der vorn zu haltenden Fläche sowie des Wechsels der Strukturen wegen. Die Scheibe bleibt aber ganz und gar das wesentliche Flächenmittel weiterhin", schreibt Ernst Wilhelm Nay am 12. Mai 1960 an seinen Freund, den damaligen künstlerischen Leiter der documenta Werner Haftmann, und resümiert: "Die Scheibe ist Ganzheit, Stilmittel dadurch, das ist ihr Geheimnis, das nicht ausgesagt werden darf. So aber können Heil und Unheil miteinander toben. Hier lüfte ich mit diesen Worten etwas den Vorhang vor dem, was über meine Malerei hinausgeht." (Zit. nach: E. W. Nay. Lesebuch, Selbstzeugnisse und Schriften 1931–1968, Köln 2002, S. 196).
Das Gelingen dieser neuen, von Nay jetzt mehr denn je auch mit farbtheoretischen und methodischen Erkenntnissen reflektierten Ausrichtung seiner Kunst dokumentiert eine große Souveränität im Umgang mit den künstlerischen Mitteln. Nay steht damals fast symbolisch für die Auseinandersetzung zwischen Figuration und Abstraktion und auch der zeitgleich einsetzende Erfolg des Malers mag dazu beigetragen haben, dass die zentrale Werkperiode der "Scheibenbilder" die mit Abstand längste innerhalb des Nay‘schen Œuvres werden sollte.

Aus der Sammlung Günther Franke
Eine zentrale Figur, die zu dem Erfolg Ernst Wilhelm Nays beiträgt, ist der Münchner Kunsthändler Günther Franke, den Nay in den 1930er Jahren kennenlernt und der in den folgenden Jahrzehnten als herausragender Förderer seiner Kunst in Erscheinung tritt. Vielmehr noch als das belegt der Briefwechsel der beiden, wie freundschaftlich, eng und persönlich sich ihr Austausch gestaltet. Unser Gemälde "Motion" gehört einst zur bedeutenden Sammlung des Kunsthändlers, wie aus dem 1973 erschienenen Katalog zum 50-jährigen Jubiläum der Galerie Günther Franke – der ausschließlich der Kunst von Nay gewidmet ist – ersichtlich wird: Hier wird zwischen den Arbeiten der Galerie und der persönlichen Sammlung Günther Frankes unterschieden. Es ist leicht zu erraten, dass Franke gerade zu diesem Bild eine besondere Beziehung entwickelt haben muss.
Der Titel "Motion" kündigt es schon an: Die Scheiben sind hier mehr in Bewegung denn je und scheinen sich zugleich langsam aufzulösen. Die apokalyptische 'Gelbfinsternis' verstärkt den Eindruck, dass Nay hier die Scheibenbilder an ihre Grenze und damit zu ihrem Höhepunkt führt. Eine neue Phase der Gestaltung – die der "Augenbilder" – kündigt sich an. Die herausragende Stellung von "Motion" als krönender Abschluss der "Scheibenbilder" und Antizipation einer neuen Ausdrucksweise ist Franke ganz offensichtlich nicht entgangen. [MvL]



51
Ernst Wilhelm Nay
Motion, 1962.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 400.000
Ergebnis:
€ 1.621.000

(inklusive Aufgeld)