Auktion: 520 / Evening Sale am 18.06.2021 in München Lot 317


317
Willi Baumeister
Relation, 1950.
Öl mit Kunstharz auf Hartfaserplatte
Schätzung:
€ 60.000
Ergebnis:
€ 112.500

(inkl. Käuferaufgeld)
Relation. 1950.
Öl mit Kunstharz auf Hartfaserplatte.
Beye/Baumeister 1709. Links unten signiert. Verso signiert, datiert "1950 (1944)", betitelt und bezeichnet sowie mit dem Atelierstempel des Künstlers. 65 x 81 cm (25,5 x 31,8 in).
Auf 1942 datierbaren Zeichnungen der "Afrika"-Serie basierend, vgl. Ponert, Nr. 797 und Nr. 798. Auch die verso in Klammern angeführte Jahreszahl "1944" muss als Hinweis des Künstlers auf grundlegende frühere Formfindungen zu verstehen sein. Auch wenn die Arbeit in ihrer reduzierten Farbgebung von der Mehrfarbigkeit der späteren "Mogador"-Bilder abweicht, nimmt das Gemälde in der flächenfüllenden Häufung der Formen bereits Gestaltungselemente dieser Arbeiten vorweg, weshalb das den Afrika-Bildern zuzuordnende Werk von Grohmann und von Beye/Baumeister zugleich als Ausgangswerk der "Mogador"-Folge gelistet wird.
• Eine vergleichbare, jedoch deutlich kleinere Arbeit aus dem Werkkomplex der "Afrika"-Bilder befindet sich in der Sammlung des Museum of Modern Art, New York (Beye/Baumeister 979).
• Ausgestellt auf der legendären ersten Ausstellung der Künstlergruppe "ZEN 49", die als Ausgangspunkt zentraler Positionen der abstrakten Nachkriegsmoderne gilt.
• Die klar konturierten Gemälde der 1950er Jahre gelten auf dem internationalen Auktionsmarkt als Baumeisters gefragtesten Schöpfungen
.

PROVENIENZ: Aus dem Nachlass des Künstlers.
Privatbesitz Stuttgart.
Galerie Gunzenhauser, München (1984).
Sammlung Deutsche Bank (vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: ZEN 49, Erste Ausstellung, Central Art Collecting Point, München 1950, S. 7, Kat.-Nr. 6.
Deutsche gegenstandslose Malerei und Plastik der Gegenwart, Kunstverein Freiburg, Freiburg i. Br. 1950, S. 7, Kat.-Nr. 23.
Stationen der Moderne, Berlinische Galerie, Berlin 1988/89, S. 386, Kat.-Nr. 13/2 (Abb. versehentlich unter Kat.-Nr. 13/4).
Ersehnte Freiheit. Abstraktion in den 1950er Jahren, Museum Giersch, Frankfurt a. M., 19.3.-9.7.2017.

LITERATUR: Will Grohmann, Willi Baumeister – Leben und Werk, Köln 1963, S. 124, Kat.-Nr. 1271, mit Abb. S. 322.
Aus den Beständen der Galerie, Galerie Gunzenhauser, München 1983/84, S. 96, mit Abb. S. 97.
"Ich male jetzt schwarz auf fast purem weißen Grund [..] mit rahem, ausgefransten Strich [..]"
Willi Baumeister, 1943.
"Das Gemeinsame der genannten [Afrika-]Bilder ist der heiße Klang dumpfer, verwandter Farben auf weißem oder sandgelbem Grund und die heftige Gestik der hieroglyphenhaften dunklen Gestalten. [..]. Und in vielen Fällen sind aus den Figuren Zeichen geworden [..]."
Will Grohmann, Willi Baumeister - Leben und Werk, Köln 1963, S. 98-100.

Baumeisters Abstraktionen sind das Ergebnis intensiver Denk- und Entwicklungsprozesse. Geschult an Vorbildern wie Cézanne und beeinflusst von Zeitgenossen wie Schlemmer, hat Baumeister schließlich in der künstlerischen Auseinandersetzung mit prähistorischen und außereuropäischen Bildwelten seinen ganz eigenen Weg in die Abstraktion gefunden. Baumeisters expressives Formenrepertoire hat dabei jedoch immer seine Wurzeln im Figürlichen.
Willi Baumeister variiert und entwickelt seine Bildmotive in Bildserien. Dabei arbeitet er stets parallel an verschiedenen Bildzyklen. Die Entwicklung der afrikanischen Bilder, denen auch das vorliegende leuchtende Gemälde zuzuordnen ist, beginnt während des Zweiten Weltkrieges. Sie gehören zu den Hauptserien dieser Zeit. Im Januar 1942 berichtet Baumeister in seinem Tagebuch das erste Mal über ein kleines Bild mit Afrika-Ornamentik, im Februar 1942 spricht der Künstler bereits von einer Afrika-Epoche. Ab Anfang der 1930er Jahre interessiert sich Baumeister für Felsenbilder, intensiviert wird dieses Interesse Anfang der 1940er Jahre durch die Beziehung zum Frobenius-Institut. Damit treten die afrikanischen Felsenbilder in den Vordergrund. Es gibt in der Baumeister’schen Ornamentik sicherlich Parallelen zu afrikanischen Vorlagen, letztendlich aber ist die Bildsprache der individuellen Vorstellung Baumeisters von Afrika geschuldet; es ist das Afrika des Malers, das wir in seinen einzigartigen Kompositionen vor uns sehen: Will Grohmann nannte es "Imago" - das innere Bild. Gemeinsam sind den Arbeiten der berühmten "Afrika"-Serie die dunklen, scharf konturierten Bildzeichen, die sich deutlich von dem hellen, in Spachteltechnik aufgetragenen Bildgrund abheben. Die spezielle Behandlung des Untergrundes erzeugt eine gewollte Unruhe, die deutliche Parallelen zu prähistorischer Felsenmalerei zeigt und die Basis für Baumeisters von ihrer Inspirationsquelle weitestgehend emanzipierte Bildsprache liefert. In den 1950er Jahren findet Baumeister ausgehend vom Formenmaterial der bedeutenden "Afrika"-Bilder zu einer stärkeren Kontrastierung der Formen, die sich zunehmend deutlich in ihrer Größe und Gewichtung zu unterscheiden und sich auch geheimnisvoll zu überlagern beginnen. Dieser für Baumeisters Spätwerk entscheidende Schritt findet sich bereits in der vorliegenden Arbeit angekündigt. Baumeister experimentiert mit der sich scheinbar von unten über die Komposition schiebenden gräulichen Überlagerung und die summarisch aufgefasste schwarze Struktur rechts oben bekommt eine hervorgehobene Gewichtung. Dies wird schließlich in den zwischen 1953 und 1955 entstehenden "Montaru"-Gemälden, in denen sich ein flächig schwarzes Formgebilde zunehmend über die Leinwand ausbreitet, zum kompositionsbestimmenden Moment. [JS]



317
Willi Baumeister
Relation, 1950.
Öl mit Kunstharz auf Hartfaserplatte
Schätzung:
€ 60.000
Ergebnis:
€ 112.500

(inkl. Käuferaufgeld)