Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 79


79
Joannis Avramidis
Torso, 1954.
Bronze
Schätzung:
€ 80.000
Ergebnis:
€ 90.000

(inklusive Aufgeld)
Torso. 1954.
Bronze.
Auf dem Sockel mit dem Namenszug des Künstlers und der Nummerierung sowie dem Gießerstempel. Eines von 3 Exemplaren. Höhe: 158 cm (62,2 in). Sockel: 38 x 38 cm (14,9 x 14,9 in).
Gegossen von der Fonderia d' Arte de Andreis, Milano.
• Eines von nur drei Exemplaren, wovon eines erstmals auf dem internationalen Auktionsmarkt angeboten wird.
• Eines der seltenen Frühwerke, das noch stilistische Bezüge an seinen Lehrer Fritz Wotruba zeigt.
• Joannis Avramidis gehört zu den wichtigsten österreichischen Bildhauern des 20. Jahrhunderts und nimmt an der documenta 3 und 6 sowie der Biennale in Venedig teil
.

Wir danken dem Atelier Avramidis, Wien für die freundliche Auskunft.

PROVENIENZ:
Galerie Brusberg, Hannover.
Firmensammlung BEB Erdgas und Erdöl GmbH & Co. KG, Hannover (vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG:
Joannis Avramidis. Skulpturen und Handzeichnungen, Kunsthalle Bremen, 18.11.1979-6.1.1980; Städtische Kunsthalle, Mannheim, 11.1.-10.2.1980, Kat.-Nr. 3 (wohl ein anderes Exemplar).

LITERATUR:
Werner Hofmann, Avramidis. Der Rhythmus der Strenge, 2011, Abb. 16, S. 22.

„Ich habe das Wunschbild, dass meine Arbeit so wenig wie möglich zeitabhängig ist. Meine Idealvorstellung ist, dass ich meine Arbeit auch in einer anderen Zeit hätte machen können, etwa in der Frührenaissance oder in der antiken Archaik.“
Joannis Avramidis, zit. nach: Ausst.-Kat. Joannis Avramidis, Leopold Museum, Wien, Köln 2017, S. 215.

Fritz Wotruba ist die überragende Gestalt der österreichischen Plastik nach 1945 und Joannis Avramidis sein bedeutendster Schüler. Sein Werk bis 1957 ist stark auf seinen Lehrer bezogen, dabei vor allem die Torsi, wie auch der hier angebotene "Torso" von 1954. Diese Arbeiten haben eine gewisse architektonische Strenge. Die Werke beider Künstler sind frei von Bewegung und Dynamik, sie stehen unerschütterlich und ruhen in sich selbst. Sie grenzen sich ab von einer bewegten, hektischen Welt, sind in ihrer puren Ästhetik von kontemplativer Schönheit. Der "Torso" von 1954 entsteht aus dem in der Nähe zu Wotruba gewonnenen Entschluss, eine neue Form des Torsos zu erproben. Im klassischen Sinn ist der Torso immer noch als Zweibeiner zu erkennen. Avramidis hingegen gestaltet seinen Torso als einen Vertikalkörper, gleich einer tektonisch geschichteten Säule, heftet diesem als Begleitform aber eine Art Beinstumpf an und findet so wieder eine größere Ähnlichkeit mit einer zweibeinigen Figur. Trotzdem der Figur in Teilen die Bodenhaftung fehlt, strotzt sie vor Stärke und Standhaftigkeit. Das Weglassen der Gliedmaßen, was sich beim Modellieren eines Torsos quasi von selbst ergibt, behält er auch bei seinen späteren Werken bei. Er verzichtet auf die Ausbildung von Kopf (außer es handelt sich um eine Kopfskulptur), Armen und Füßen. Avramidis erfasst das Volumen eines Körpers in seiner räumlichen Disposition unter Herausarbeitung der Kontur. Die Suche nach der Urform und das Weglassen von unwesentlichen Details bestimmen fortan das Werk von Avramidis, dabei bewegt er sich immer weiter fort von der Formensprache Wotrubas. Seine Formensprache wird in gewisser Weise zarter, wobei die Figuren nichts von ihrer Stärke einbüßen. Der Ausgangspunkt seines bildhauerischen Schaffens bleibt ein Künstlerleben lang die menschliche Figur. Seine Stelen, Torsi, Säulen und Köpfe lassen immer die menschliche Figur als Maß und Verpflichtung erkennen und sind gleichzeitig weitgehende Abstraktion davon. Auf der Suche nach einer Formel für ein allgemeingültiges Modell der menschlichen Figur arbeitet er ähnlich wie Oskar Schlemmer und Constantin Brancusi mit mathematischen Proportionsstudien und steht mit seinem künstlerischen Ansatz in der Tradition eines Leonardo da Vinci oder Albrecht Dürer. Die Suche nach der dauerhaften absoluten Form ist zugleich ein Streben nach Zeitlosigkeit. "Das Zeitlose hat immer seine Berechtigung und ist auch immer aktuell […] Was aber seine Berechtigung nur in der Aktualität sucht, erschöpft sich darin und bleibt wertlos." (Zit. nach Wieland Schmied, Joannis Avramidis, Hannover 1966, S. 5) [SM]



79
Joannis Avramidis
Torso, 1954.
Bronze
Schätzung:
€ 80.000
Ergebnis:
€ 90.000

(inklusive Aufgeld)