Auktion: 530 / Evening Sale / Sammlung Hermann Gerlinger am 10.06.2022 in München Lot 74


74
Sean Scully
Line Deep Red, 2005.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 100.000
Ergebnis:
€ 162.500

(inklusive Aufgeld)
Line Deep Red. 2005.
Öl auf Leinwand.
Verso auf der Rahmenrückwand signiert, datiert, betitelt und mit einem Richtungspfeil bezeichnet. Auf dem "Inset" verso ebenfalls mit einem Richtungspfeil bezeichnet. 48,3 x 38,1 cm (19 x 15 in).

• Scullys Beweis für große Wirkung in kleinem Format.
• "Insets", in die Leinwand eingesetzte kleinere Leinwand-Fenster, verwendet der Künstler seit den 1970er Jahren, sie gelten als eines der bedeutendsten Stilmittel seines gesamten Œuvres.
• Vergleichbare Arbeiten mit separaten, eingesetzten Leinwänden befinden sich u. a. im Museum of Modern Art, New York, in der Tate Gallery, London, und im Modern Art Museum of Fort Worth, Texas.
• Im Entstehungsjahr zeigen die Philips Collection in Washington, D. C., das Metropolitan Museum of Art in New York u. a. die groß angelegte Einzelausstellung "Sena Scully. Wall of Light".
• Zuletzt sind die Arbeiten u. a. in der umfassenden Retrospektive "Sean Scully. Passenger" in der Ungarischen Nationalgalerie in Budapest ausgestellt
.

PROVENIENZ:
Galerie Lelong, New York.
Privatsammlung Norddeutschland (2005 vom Vorgenannten erworben).

Sean Scully, 5.3.2006, zit. nach: Kelly Grovier, Kirsten Voigt (Hrsg.), Inner. Gesammelte Schriften von Sean Scully, Berlin 2018, S. 192.

Die Welt ist rechteckig: Scullys besonderer Sinn für Struktur und Gliederung
Im mittlerweile mehr als 50 Jahre umfassenden, faszinierenden Œuvre Sean Scullys dominieren verschiedenfarbige, vertikal und horizontal verlaufende, unterschiedlich breite und lange Streifenkompositionen sowie rechteckige Farbflächen, mit denen der Künstler seine wiederum in Rechtecke aufgeteilten Bildflächen füllt. Obwohl seine Malerei einer steten Entwicklung und Veränderung unterworfen ist, hat sich seine Kunstauffassung über die Jahre hinweg nicht grundlegend geändert. Sein alltägliches Umfeld versorgt ihn seit jeher mit immer neuen Anregungen und inspirierenden visuellen Eindrücken: die Streifenmuster der traditionellen Stoffe auf einer Reise nach Marokko, die orthogonalen Straßenzüge Manhattans, geometrische Verkleidungen von Fassaden, zu Würfeln geschnürte, übereinandergeschichtete Strohballen oder die jahrtausendealten Steinmauern auf den Aran Islands in Scullys Heimatland. "Ich habe mich schon immer sehr stark zu einem Sinn für Struktur hingezogen gefühlt", erklärt der Künstler (Interview mit Kevin Power, zit. nach: Inner. Gesammelte Schriften, S. 102). In dieser nahezu obsessiven Beschäftigung mit geometrischen Gliederungen und Anordnungen rechteckiger Formen entstehen nicht nur Gemälde, Aquarelle, Druckgrafiken und Fotografien, sondern auch Skulpturen, Installationen und sogar Buntglasfenster.

Vorbilder und Weiterentwicklungen
Während die frühen Arbeiten des Künstlers eher geometrischen Netzen aus sich überkreuzenden farbigen Linien ähneln, enthält sein Œuvre nach seiner Immigration ausschließlich Arbeiten, in denen sich die Farbfelder und -streifen eben nicht mehr überkreuzen. Auf seinem Weg zu seiner eigenständigen, charakteristischen Bildsprache beeinflussen ihn damals u. a. die akkurate Geradlinigkeit Piet Mondrians, aber auch die vibrierenden Farbfelder Mark Rothkos - Künstler, die ebenso wie Scully vom Rhythmus und einer gewissen Geometrie besessen sind. Doch Scully entwickelt eine ganz eigene, sehr emotionale abstrakte Malerei, in der Licht, die Materialität der Farben und die Haptik der Oberflächenbeschaffenheit eine große Rolle spielen. Ab den 1980er Jahren entstehen neben den mehrteiligen bzw. aus einzelnen Bildträgern zusammengesetzten Werken nun auch die sogenannten Insets: fensterähnliche, in die eigentliche Leinwand eingesetzte kleinere, bemalte Leinwände, mit denen der Künstler eine reizvolle Unterbrechung, eine Irritation hervorruft. Wie auch in unserem Gemälde schneidet Scully dafür einen Teil aus der Leinwand heraus und füllt das entstandene "Fenster" mit einer farblich wie strukturell divergierenden Leinwand, einem "Inset", das nicht nur einen buchstäblichen, sondern durch die nun entstandene, stabilisierende Vertikale auch einen visuellen Bruch mit der gegebenen, horizontalen Streifenformation mit sich bringt.

Feuer und Himmel, Landschaft und Meer
Obwohl sich Scully einer völlig abstrakten Malerei ohne figurative Anklänge verschrieben hat, enthalten die Arbeiten aufgrund ihrer Farbtonalitäten und der waagerecht oder senkrecht verlaufenden, ausdrucksstarken Streifenformationen eine Fülle von Assoziationsmöglichkeiten, welche oftmals durch deskriptive Bildtitel verstärkt werden. "Fire" (1984) erstrahlt in kräftigem Orange, "Land Sea Sky" (2000) zeigt die schönsten Nuancen kräftiger Blautöne. Die Arbeiten erinnern an die Elemente, an Horizontlinien und Küstenlandschaften verweisen so auf einen den Bildern innewohnenden Funken einer vom Künstler erlebten Wirklichkeit, aus der sie erwachsen sind. So könnte man bei der Betrachtung des hier angebotenen Werkes "Line Deep Red" mit seinen dunklen, schwarzen Linien, dem hellen Grau und dazu kontrastierendem, besonders warmtonigen Gelb- und Rot womöglich an mit wohligem Kaminfeuer bekämpfte neblige Regentage und dunkel verhangene Novemberhimmel denken.

Eine unverwechselbare, zeitlose Kunst
Mit seinem so malerischen Farbauftrag, den starken visuellen, förmlich spürbaren Kalt-Warm- und deutlichen Hell-Dunkel-Kontrasten und mit der Gleichzeitigkeit von streng voneinander abgegrenzten und dann wieder so weich konturierten, vibrierenden Farbfeldern im Inneren verleiht der Künstler seinem Werk die ganz typische sinnliche Ausdrucksstärke und räumliche Präsenz, die Scully zu einem der bedeutendsten abstrakten Maler seiner Generation gemacht hat. Seine unverwechselbare, zeitlose Kunst wird seit den 1980er Jahren und insbesondere in den vergangenen Jahren weltweit in zahlreichen Einzelausstellungen gezeigt. 2014/15 ehrt man ihn als ersten westlichen Künstler überhaupt mit einer umfassenden retrospektiven Überblicksschau in China, allein 2019 finden weltweit acht Einzelausstellungen seiner Arbeiten statt, u. a. in der National Gallery in London und in der Albertina in Wien. Im vergangenen Jahr zeigt die Ungarische Nationalgalerie eine viel beachtete Retrospektive seiner Arbeiten der vergangenen Jahrzehnte und in diesem Jahr bespielt Scully sowohl die Langen Foundation in Neuss als auch das Philadelphia Museum of Art mit groß angelegten Einzelausstellungen. [CH]



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Sean Scully
Line Deep Red, 2005.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 100.000
Ergebnis:
€ 162.500

(inklusive Aufgeld)