Auktion: 545 / Evening Sale am 08.12.2023 in München Lot 15


15
Lovis Corinth
Walchensee, aufgehender Mond, 1922.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 500.000
Ergebnis:
€ 914.400

(inklusive Aufgeld)
Walchensee, aufgehender Mond. 1922.
Öl auf Leinwand.
Unten mittig signiert und datiert. 80 x 100 cm (31,4 x 39,3 in).
[AR].

• In Farbe und Form entfesseltes Meisterwerk: Walchensee-Landschaften bilden den Höhepunkt in Lovis Corinths Œuvre.
• Ein Nachtbild, der im Mondlicht liegende See inspiriert Corinth zu rauschender Farbigkeit.
• Herausragendes und zugleich ungewöhnlich großes Format.
• Walchensee-Landschaften gehören zu den gefragtesten Werken des Künstlers und bilden das große Finale eines intensiv bewegten, künstlerischen Lebens.
• Bereits 1923 in der Einzelausstellung des Künstlers in der Nationalgalerie in Berlin ausgestellt.
• Weitere Walchensee-Landschaften befinden sich im Städel Museum in Frankfurt am Main, der Neuen Nationalgalerie Berlin und in der Pinakothek der Moderne in München
.

PROVENIENZ: Dr. Arthur Rosin, Berlin/New York (in den 1920er Jahren direkt vom Künstler erworben).
Karen Gutmann, geb. Rosin, New York (wohl durch Erbschaft vom Vorgenannten erhalten).
The Leo and Karen Gutmann Foundation, New York.
Privatsammlung Europa (2002 vom Vorgenannten erworben, Sotheby’s, London, 9.10.2002, Los 7).
Privatsammlung Schweiz (2010 vom Vorgenannten erworben, Sotheby’s, London, 22.6.2010, Los 31).
Privatsammlung Schweiz (vom Vorgenannten erworben).

AUSSTELLUNG: Corinth- Ausstellung, Einhundertsiebenzig Bilder aus Privatbesitz ausgestellt im ehemaligen Kronprinzenpalais, Nationalgalerie, Berlin 1923, Kat.-Nr. 95.
Lovis Corinth, Ausstellung von Gemälden und Aquarellen zu seinem Gedächtnis, Nationalgalerie Berlin, 1926, Kat.-Nr. 343.
Curt Valentin Gallery, New York, 1953, Kat.-Nr. 12 (hier unter dem Titel "Moon Landscape").
European Masters of Our Time, Museum of Fine Arts, Boston, 1957, Kat.-Nr. 28 (m. Abb. Tafel 90, verso m. Ausstellungsetikett).
Lovis Corinth: Die Bilder vom Walchensee. Vision und Realität, Ostdeutsche Galerie, Regensburg, Apr.-Juni 1986; Kunsthalle Bremen, Juni-Aug. 1986, Kat.-Nr. 47 (m. Farbabb.).

LITERATUR: Charlotte Berend-Corinth, Lovis Corinth. Gemälde. Werkverzeichnis, München 1992, WVZ-Nr. 874 (m. SW-Abb. S. 812).

Howard Devree, Boston Challenge. Two Shows Expound Modern Movement, in: The New York Times, New York, 20.10.1957 (m. Abb.).

ARCHIVALIEN:
Schriftwechsel zur Sonderausstellung zum 65. Geburtstag des Künstlers 1923, SMB-ZA, I/NG 603, fol. 225f, 258.

Lovis Corinth reist mit seiner Familie 1918 zum ersten Mal nach Urfeld, um seinen 60. Geburtstag zu feiern; sie wohnen im "Hotel Fischer am See". Im Jahr darauf erwirbt Charlotte Berend-Corinth begeistert von der Gebirgslandschaft ein Grundstück, auf dem sie ein Holzhaus mit Blick auf den Walchensee errichten lässt. Sie erinnert sich, wie sehr die Aussicht ihren Mann beeindruckt hat: "Lovis war sogleich von der Schönheit der Landschaft – vom Zauber des Walchensees, der Bergkulisse, des Lichts und der Luft gepackt." (Charlotte Behrendt-Corinth, Mein Leben mit Lovis Corinth, München 1958, S. 25f.)

Das ungewöhnlich großformatige Gemälde ist eine jener virtuosen Ansichten, die der Künstler von der Terrasse aus, von dem erhöhten Standort des Feriendomizils auf das Panorama, wiedergibt. Ein Nachtbild, ein vom Mond mystisch beleuchteter See, was die Aussicht zu einem emotionalen Erlebnis werden lässt und den Künstler zu einer der großartigen Walchensee-Landschaften voll rauschender Farbigkeit inspiriert. Im Vordergrund schildert Corinth die steil abfallende Wiese, die zum See führt, auf dessen Oberfläche sich das nächtliche Licht des Mondes spiegelt, das Gehöft wie im Tageslicht erscheinen lässt. Im Hintergrund verläuft die Bergkette, deren Gipfel sich im bewegten Himmel verlieren. Rechts am Hang steht eine kolossale Lärche, ein Akzent, den der Maler auch in anderen Werken virtuos zur perspektivischen Gliederung einsetzt. Mit impulsivem Pinselduktus legt er die Farbschichten übereinander: Dunkle Farbflächen kontrastieren mit kräftigen Blau-, Grün- und Violetttönen. Die Landschaftsdarstellungen des Walchensees, von unterschiedlichen Blickpunkten und zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten aufgenommen, bilden einen Höhepunkt im Schaffen Corinths. Insgesamt 16-mal hält sich der Berliner Secessionist bis kurz vor seinem Tode im Juli 1925 hier auf, meist wochenlang und zu allen Jahreszeiten, vorwiegend im Sommer.

"In dieser Zeit schlugen die Bilder vom Walchensee eminent ein", erinnert sich der Künstler selbst. "Ich arbeitete an diesen Motiven unentwegt weiter, so sehr auch die Friedensstimmung unserer Kunst hinderlich war. Endlich war doch meine Kunst wichtiger für mich als all die politischen Handlungen, zumal wir unsere Lage nicht verbessern konnten. Die Zeit des Krieges und die Zeit des von siegreichen Feinden diktierten Friedens war eigentlich eine Reihe von Tatsachen, welche überraschend anders eintrafen, als wir uns gedacht hatten. Es wurde niemals mehr verkauft als grade nach dem Zusammenbruch. Es wurden einem förmlich die Bilder von der Staffelei gerissen, und niemals blühten die Ausstellungen im ganzen Deutschland mehr denn jetzt. Daß unsere Bilder gegen das schlechte Geld als wertvollere Sachwerte angesehen wurden, blieb demnach als Tatsache bestehen. Aber auch im idealen Sinne machte meine Kunst einen großen Fortschritt. Meine Produktionskraft war größer denn je. Gerade beim Niedergang des Krieges errang ich durch die Motive des Walchensees über den Maßen große Erfolge, im finanziellen Sinne und im idealen. Jeder Berliner wollte ein Bild aus jener bayrischen Gebirgsecke besitzen, und so kam es, daß ich nebst dem Stilleben ein Spezialist für diesen schönen Winkel vom Walchensee wurde. Auch die Galerien wollten durchaus diese Bilder haben." (Lovis Corinth, Selbstbiographie, Leipzig 1993. S. 204f.)

Auf intensivste Weise verbinden sich seine körperlichen und seelischen Befindlichkeiten mit den Bildern, die einem Tagebucheintrag gleich sein Leben und eine Summe des Sehens schildern. Diese betont subjektive Wahrnehmung reicht über die impressionistische Manier der Wiedergabe wechselnder atmosphärischer Erscheinungen hinaus und gelangt durch einen impulsiven, zuweilen abstrakten Pinselduktus zu expressiv freien Ausdrucksformen. Sie spiegeln die technische und motivische Entwicklung seiner Malerei wider. Curt Glaser, Kunsthistoriker und passionierter Sammler – er besitzt ein Aquarell mit Walchenseemotiv –, schreibt zu diesen Werken: "Er malt nicht die Schönheit des Walchensees, malt nicht ein Stück Natur, […] sondern er gibt seiner Vision von der Wirklichkeit Gestalt in Formen und Farben […]. Es gibt innerhalb dieser Bilder nicht Himmel und Wasser, nicht Berge und Wiesen, nicht Bäume und Häuser, es gibt nur eine überall einheitliche farbige Materie, ein lückenloses Gewebe aus anschwellenden Farben und wieder verklingenden Tönen." (Curt Glaser, Lovis Corinth, in: Kunst und Künstler, Nr. 20, 1922, S. 232, zit. nach: Ausst.-Kat. Lovis Corinth. Die Bilder vom Walchensee. Vision und Realität, Ostdeutsche Galerie Regensburg / Kunsthalle Bremen, Regensburg 1986, S. 96).

Der Walchensee ist der größte und mit 192 Metern tiefste Gebirgssee Deutschlands. Sein Wasser ist zu allen Jahreszeiten kalt und klar in seinem schwarzgrünen Colorit, also kein See, der zum Baden einlädt. Eingebettet zwischen Jochberg, Herzogstand und Heimgarten im Norden und den schroffen Felsenrücken des Karwendel im Süden liegt der höchste der Seen des bayerischen Oberlands. Es wachsen noch kräftige Buchen in der Nähe des Wassers, darüber erstrecken sich Bergwälder aus Fichten und Tannen bis an die Felsen, wo alles endet. "Der See wechselt in rätselhaften Farben und Stimmungen", schreibt Corinth im März 1921: "Bald blitzt er wie ein Smaragd, bald wird er blau wie ein Saphir und dann glitzern Amethyste im Ring mit der gewaltigen Einfassung von alten, schwarzen Tannen, die sich noch schwärzer in dem klaren Wasser spiegeln." (zit. nach Ausst.-Kat. Lovis Corinth. Die Bilder vom Walchensee, S. 21) Mit den Jahren wird Corinth zum Chronisten, der den See immer und immer wieder porträtiert, sein Wechselspiel notiert, meistens ohne Menschen, häufig mit einer Lärche im Vordergrund oder wie hier den Bauernhof am Rande des Wassers, emotional aufgewühlt und doch spontan mit seiner ganzen Könnerschaft 'hingeworfen'.

Lovis Corinths Walchensee-Bilder bilden aber auch das 'große Finale' eines bewegten künstlerischen Lebens. Für Corinth ist der Walchensee Erholung, ein Wechselbad von Gefühlen mitten in der Natur, die Erfahrung einer rauen Natur. Und Corinth malt den undramatisch bezwingenden, deutlichen Kontrast zur Hässlichkeit seiner Stadt Berlin, die seit 1901 sein Lebensmittelpunkt ist. Corinth setzt sich den Wetterstimmungen und den Rätseln des Sees lustvoll aus, lässt sich gleichsam einnehmen von der zerzausten Natur. Nur so entstehen diese metaphysischen Landschaften, kraftvolle Visionen, in denen Corinth Impression und Expression zu verschmelzen vermag wie kaum ein zweiter Künstler.

Bereits die zeitgenössische Kritik überschlug sich in den Lobeshymnen auf diese Werke, etwa der Kunstkritiker und Schriftsteller Paul Fechter, der 1926 schreibt: "Corinth löst die Dinge und die Luft, in der sie stehen, je länger desto mehr in eine Farbe auf, die ihm ebenfalls, je länger desto mehr, nicht nur Farbe, sondern reines Gefühl wird. Corinth gelingt, ohne daß er selbst ahnt, was er tut, das eigentlich expressionistische Wunder, die Transsubstantiation des Materials; die Farbe wird unter seinen Händen nicht nur Träger des Gefühls, sondern wird beinahe selbst Gefühl. Man rührt hier an Dinge, die sich schwer begrifflich fassen lassen, zumal sie in einer so begriffsfernen, antibegrifflichen Seele wie der Corinths vor sich gegangen sind. Die Welt wurde dem Alternden ein seltsam schwebendes Spiel von glanzvoll traurigen Farben und Tönen, in denen und hinter denen das sehnsüchtige Fühlen des Menschen in die Welt hinein, die Farben durchleuchtend, mitschwang – und in den Aquarellen aus der späten Zeit löste er eigentlich auch die Farben noch auf, ließ sie wie sein Gefühl ducheinanderschwimmen und -fließen, zu Gebilden von fast eigener Gesetzlichkeit, und ließ aus diesem seltsamen Chaos der erfüllten Fläche über dem dahinter strahlenden Gefühl doch den ganzen Kosmos des Draußen wieder erstehen." (Paul Fechter, Der Landschafter Corinth, in: Cicerone, XVIII, Jg. 1926, Heft 19, S. 626-628, zit. nach: Ausst.-Kat. Lovis Corinth. Die Bilder vom Walchensee, S. 99).

Corinths späte Bilder, und dazu gehören auch jene überbordenden Blumensträuße und einfühlsam tiefblickenden Porträts, sind alles andere als das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen: festliche Farbsymphonien. Nach den Erfahrungen des Weltkrieges erscheint die Zeit seit 1914 nicht mehr als die Zeit der stilistischen Kompromisse, seit 1918 nicht mehr die Zeit der künstlerischen Illusionen, zumal für den gesundheitlich und seelisch erkrankten Corinth. Der Walchensee aber in seinen wechselnden Perspektiven gibt sich somit auch zu erkennen als eine überzeitliche, von großer psychologischer Empathie erfüllte Traumlandschaft.

Mit dem "Selbstporträt am Walchensee" von 1922, wo Wasser, Berge und Himmel im Hintergrund zu einer bewegten Fläche verschmelzen, zur selben Zeit wie auch diese Landschaft mit dem aufgehenden Mond entsteht, scheint sich nicht nur die intensive Selbstbefragung zu verdichten, sondern auch Corinths Malerei sich an die Schwelle zur Abstraktion hinzubewegen. So wird der späte Corinth zum Wegbereiter einer reinen, freien Malerei, und damit zählt er auch zu den Pionieren der Moderne. Spät von Arnold Bode und Werner Haftmann realisiert, ist Corinth mit 14 Gemälden auf der documenta III im Jahr 1964 präsent. Den Schwerpunkt bilden sieben Porträts, darunter das letzte Selbstporträt von 1925 und drei Gemälde mit dem Walchensee-Motiv, darunter "Walchensee. Landschaft mit Kuh".

Und noch einmal sei Paul Fechter, damals Cicerone zeitgenössischer Malerei, zitiert: "Der Bau dieser Bilder widerstrebt der gewohnten Analyse; die farbige Ordnung vom Bild aus, von seiner Gesetzmäßigkeit ist nur mühsam festzustellen und zu umschreiben. In dem Moment aber, in dem man das Bild sieht, erlebt man ihn ohne weiteres, und zwar als etwas lebendig Gebliebenes. Es ist, als ob diese Landschaften keine feste Struktur haben wie die früheren, sondern eine innere Bewegtheit, als ob Corinth nicht, wie es der Impressionismus versuchte, die Bewegung, sondern die große innere, geheimnisvolle Bewegtheit der ganzen Natur gemalt hat." (Paul Fechter, zit. nach: Ausst.-Kat. Lovis Corinth. Die Bilder vom Walchensee, S. 100).

"Wunderschön ist der Walchensee, wenn der Himmel schön ist, aber unheimlich, wenn die Naturgewalten toben", schwärmt Corinth im März 1921 über die Wetter am See: "Wenn die Steinlawinen von den Bergspitzen herunterrollen und die stärksten Bäume wie Streichhölzer knicken, kennzeichnen sie die Spur ihres Unheils in grauenvoller Verwüstung bis in den See hinein." (Zit. nach: Ausst.-Kat. Lovis Corinth. Die Bilder vom Walchensee, S. 24). Die mit Pinselhieben in dynamischem Duktus aufgetragenen Farben dieser Bilder, ihre flirrende, ins Unendliche weisende Tiefe, in denen sich die Konturen der Berge, des Himmels und der Bäume beinahe auflösen, ineinander übergehen, geben die wechselnden Stimmungen der Landschaft ebenso wieder wie die des Malers. [MvL]



15
Lovis Corinth
Walchensee, aufgehender Mond, 1922.
Öl auf Leinwand
Schätzung:
€ 500.000
Ergebnis:
€ 914.400

(inklusive Aufgeld)