Auktion: 550 / Evening Sale am 07.06.2024 in München Lot 124000159


124000159
Ernst Ludwig Kirchner
Tanz im Varieté, 1911.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 2.000.000 - 3.000.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.
Tanz im Varieté. 1911.
Öl auf Leinwand.
121 x 148 cm (47,6 x 58,2 in).
Das Werk ist im Photoalbum I des Künstlers enthalten (Photo 171). [CH].

• Gemälde von kapitalem Format aus der besten "Brücke"-Zeit.
• Ikonisches Gemälde aus dem für Kirchners Œuvre so bedeutenden Motivkreis Tanz, Zirkus und Varieté.
• Spektakuläre Wiederentdeckung nach über 100 Jahren.
• Erstmals in Farbe: Bisher war das Werk ausschließlich als Schwarz-Weiß-Abbildung bekannt.
• Kurz nach Entstehung in der bahnbrechenden "Brücke"-Ausstellung im Berliner Kunstsalon Fritz Gurlitt (1912) präsentiert, der ersten und letztendlich einzigen Gruppenpräsentation der "Brücke"-Künstler in Berlin.
• Bereits 1920 mit Abbildung publiziert (Karl Scheffler, Zeitschrift "Kunst und Künstler").
• Eine bisher ungesehene, mitreißende Farbskala aus Rot- und Rosétönen dominiert vor Pastellgrün gehaltenem Bühnendekor einer Varieté-Kulisse
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Dieses Werk ist Gegenstand laufender Foschung. Weitere Informationen werden stetig hinzugefügt.

PROVENIENZ: Atelier des Künstlers, Davos (bis mindestens Ende 1923).
Sammlung Max Glaeser (1871-1931), Kaiserslautern-Eselsfürth (wohl zwischen 1928 und 1931 im Kunsthandel erworben).
Sammlung Anna Glaeser, geb. Opp (1864-1944), Kaiserslautern-Eselsfürth (1931 durch Erbschaft vom Vorgenannten).
Privatsammlung Baden-Württemberg (1944 aus der Erbmasse der Vorgenannten erworben, durch Vermittlung von Dr. Lilli Fischel und der Galerie Günther Franke, München).
Seitdem in Familienbesitz.

AUSSTELLUNG: Brücke, Kunstsalon Fritz Gurlitt, Berlin, 2.4.-24.4.1912.
Ernst Ludwig Kirchner. Gemälde, Kunstsalon Paul Cassirer, Berlin, ab 15.11.1923 (m. d. Titel "Stepptanz").

LITERATUR: Donald E. Gordon, Ernst Ludwig Kirchner. Mit einem kritischen Katalog sämtlicher Gemälde, München/Cambridge (Mass.) 1968, WVZ-Nr. 196 (m. d. Titel "Steptanz", m. SW-Abb., S. 302).
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Karl Scheffler, Ernst Ludwig Kirchner, in: Kunst und Künstler. Illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe, Nr. XVIII/5, Heft 5, 1920, S. 219 (m. SW-Abb., S. 219).
Johanna Brade, Die Zirkus- und Varietébilder der "Brücke (1905-1913): Zwischen Bildexperiment und Gesellschaftskritik. Zu Themenwahl und Motivgestaltung (Diss.), Berlin 1993, Kat.-Nr. 75.
Lothar Grisebach (Hrsg.), Ernst Ludwig Kirchners Davoser Tagebuch, Ostfildern 1997, S. 337 u. 339 (Fotografien, m. d. Titel "Stepptanz").
Roland Scotti (Hrsg.), Ernst Ludwig Kirchner. Das fotografische Werk, Wabern/Bern 2005, S. 117 (Fotografie).
Hans Delfs (Hrsg.), Ernst Ludwig Kirchner. Der gesamte Briefwechsel ("Die absolute Wahrheit, so wie ich sie fühle"), Zürich 2010, Nr. 1193 u. 1440 (hier falsch zugeordnet).
Thorsten Sadowsky (Hrsg.), Ausst.-Kat. Ernst Ludwig Kirchner. Der Künstler als Fotograf, Kirchner Museum Davos, 22.11.2015-1.5.2016, S. 44, 66, 76, 82 u. 150 (Fotografien).
Thorsten Sadowsky (Hrsg.), Louis de Marsalle. Visite à Davos, Heidelberg 2018 (m. d. Titel "Stepptanz", m. SW-Abb., S. 11, Nr. 2).
Thorsten Sadowsky, "Und der Bauchtanz ging den ganzen Vormittag". Ernst Ludwig Kirchners Davoser Tänze, in: KirchnerHAUS Aschaffenburg / Brigitte Schad (Hrsg.), Ausst.-Kat. Kirchners Kosmos: Der Tanz, KirchnerHAUS Aschaffenburg, München 2018, S. 41 (m. d. Titel "Stepptanz", m. SW-Abb., S. 42, Nr. 4).

ARCHIVALIEN: Künzig, Dr. Brunner, Dr. Koehler Rechtsanwälte, Mannheim (Nachlassverwaltung Glaeser): Angebot von Gemälden aus Sammlung Max Glaeser, 1931, Archiv des Kunstmuseums Basel, Signatur F 001.024.010.000: "Varietészene“.
Galerie Buck, Mannheim: Angebot Gemälde u. a. von Arnold Böcklin, Lovis Corinth, Anselm Feuerbach, Ernst Ludwig Kirchner, Hans von Marées, Edvard Munch, Heinrich von Zügel, Sammlung Max Glaeser, 1932, Archiv des Kunstmuseums Basel, Signatur F 001.025.002.000: "Variete" (sic).
Stadtarchiv Düsseldorf, Bestand: 0-1-4 Stadtverwaltung Düsseldorf von 1933-2000 (alt: Bestand IV), Angebote und Ankäufe, Sign. 3769.0000, fol. 175-177.
Nachlass Donald E. Gordon, University of Pittsburgh, Gordon Papers, Series 1, Subseries 1, Box 1, Folder 197.

Hätte Ernst Ludwig Kirchner später gelebt, hätte er womöglich auch das Tanzwunder Michael Jackson gemalt. Der Künstler, der mit großem Vergnügen in den Zirkus ging, das Varieté liebte, Gret Palucca und Mary Wigman in ihren Studios besuchte, sich von Josefine Bakers "Revue Nègre"-Gastspiel in Berlin erzählen ließ, war verrückt nach Tanz.

Das Gemälde "Tanz im Varieté" zeigt diese große Faszination, die der Tanz für Kirchner hat. Nachdem es kurz nach seiner Entstehung und nochmals in den 1920er Jahren ausgestellt und auch publiziert wird, wartet es jedoch 100 Jahre auf seinen nächsten großen Auftritt. Kirchner hat das Bild mehrfach selbst fotografiert. Die erste Aufnahme dokumentiert eine Ausstellung der "Brücke"-Maler im Frühjahr 1912 im Berliner Kunstsalon des Galeristen Fritz Gurlitt. Die Kamera leitet den Blick durch ein monumentales Holzportal, rechts und links flankiert von zwei Holzplastiken Kirchners, und steuert auf die prominent platzierte, großformatige Tanzszene auf der Rückwand des Saals zu. Eine spätere Fotografie hat Kirchner 1920 auf Wunsch des Kunstkritikers Karl Scheffler angefertigt. Die Aufnahme wird zusammen mit Schefflers Aufsatz über Kirchner in der Zeitschrift "Kunst und Künstler" veröffentlicht. Zum letzten Mal ausgestellt wird "Tanz im Varieté" Ende 1923 bei Paul Cassirer in Berlin. Danach verlieren sich seine Spuren. Das Bild verschwindet aus der Öffentlichkeit. Sein Wiederauftauchen ist eine Sensation.

Eine ganze Serie von Vorstufen, verwandte Motive und Zeichnungen ermöglichen Querverbindungen zu anderen Gemälden und geben Hinweise auf den Entstehungskontext, das Sujet und den Schauplatz. Was sehen wir? Vorn, im Scheinwerferkegel inszeniert Kirchner eine Tanzszene mit einem Schwarzen Tänzer und einer weißen Tänzerin, eingefasst von einer Gruppe weiterer Tänzer. Kirchner schildert uns den sogenannten Cakewalk, den afroamerikanischen Gesellschaftstanz, der Ende des 19. Jahrhunderts in den USA aufkommt, ab 1900 auch in den Metropolen Europas den Nerv der Zeit trifft und einen regelrechten Hype auslöst. Immer mehr afroamerikanische Künstlerinnen und Künstler finden durch ihn Zugang zu den Theaterbühnen. Sie touren durch Europa und führen in eleganter Abendgarderobe die freizügigen Ragtime-Rhythmen des Cakewalks in das modische Repertoire des bürgerlich-aristokratischen Parketts ein. Die Umrisslinien der Körper füllt Kirchner mit farbigen Flächen. Eine konzentrierte Farbskala aus Rot- und Rosétönen dominiert. Der Kontrast zwischen dunkler und heller Haut ist deutlich markiert. Im Hintergrund ist eine Varieté-Kulisse zu erkennen. Pastellgrüne Ornamente einer Balustrade und eine Palmenreihe deuten einen Wintergarten an.

Die Moderne kommt auf der Bühne und auf der Straße zur Welt. Die Kombination von Würde und Eleganz, das Raffinement der Mode und die Präzision beschleunigter, tänzerischer Bewegungen verleihen den Menschen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine Aura des Erfolgs und der Unnahbarkeit. Das Flair des Kosmopolitischen ebenso wie die mondäne Kälte hat kaum jemand so differenziert wahrgenommen wie Ernst Ludwig Kirchner. Er kann mit den unbeweglichen Akademieakten nichts anfangen und sucht in der Begegnung mit den Menschen nach Inspiration. Im Herbst 1911 verlegt er sein Atelier von Dresden nach Berlin. Auf den Straßen und Plätzen der Metropole, in den Varietés und Theatern werden neue Körperbilder, Rollen und Bewegungskulturen verhandelt. Zeichnend und malend setzt Kirchner die gesellschaftlichen und kulturellen Umwälzungen in Szene. Seine Bilder sind Gegenwartsbeschreibungen und sensibilisieren geradezu modellhaft für die soziale Schieflage seiner Figuren. Er lässt sie darstellen, wie aussichtslos die grellen Glücksversprechen einer Gesellschaft sind, in der an den Körpern schon die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns ablesbar ist.

"Tanz im Varieté" ist von raumgreifendem Charisma. Es ist eine Hommage an das goldene Zeitalter der Unterhaltungkünstler, die vor dem Ersten Weltkrieg mit ihren raffinierten Showtänzen das Publikum in Ekstase versetzen. Das Gemälde zählt zu den letzten Werken, die in Dresden zum Motivkreis von Zirkus und Varieté entstehen, bevor Ernst Ludwig Kirchner sich in Berlin dem Theater der Straße zuwendet. [MP]

Skizze - Zeichnung - Ölgemälde
Stationen auf dem Weg zur Vollendung


Diese Situation hat Ernst Ludwig Kirchner geliebt - und ein Leben lang immer wieder aufgesucht: der Mensch in Bewegung, sei es in freier Natur, am Meer, im Atelier, unter der Zirkuskuppel, im Theater, Kabarett, oder, wie hier, auf der Bühne eines Varietés, eingehüllt in das wirbelnde Staccato des Stepptanzes und die eingängigen Rhythmen des Cakewalk. Von dem, was er sah und erlebte, bis zu dem, was er in "heiligen Zeichen" (Hieroglyphen) niederschrieb, war der Weg nicht lang. So auch hier. Ein Varietébesuch - und da war er, der Augenblick, in dem alles zusammenkam, in dem sich alles entschied.
Ohne jedes Zögern zieht Kirchner sein Skizzenbuch hervor, füllt "in der Ekstase des ersten Sehens" ein erstes Blatt mit schnell und sicher hingeworfenen Linien: die Tänzerin in einem weit schwingenden Kostüm, den Schritt abgestimmt auf ihren Tanzpartner, der, in Frack und Zylinder, das wirbelnde Geschehen vorantreibt. (Abb.)
Und dann sogleich das nächste Blatt mit abgerundeten Ecken und Rotschnitt: Kirchner hat seinen Platz gewechselt, blickt zwischen einem vor ihm sitzenden Paar hindurch auf die Bühne. Die Tänzerin zeigt nun als Blickfang eine große Blume im unteren Teil ihres Kostüms. Und der Tänzer trägt, hochelegant, einen langen, bis in die Kniekehlen reichenden "Schwalbenschwanz". (Abb.)
Später am Abend, vermutlich nach Rückkehr in die Stille des Ateliers, brodelt es immer noch heftig im Künstler: Auf einem größeren Blatt (26 x 36 cm) verdichtet er die Szene. Das gesamte Ensemble mit drei weiteren Tänzerinnen und einem Tänzer tritt auf. (Abb.) Wunderbar, dass sich dann noch ein viertes Blatt mit Kirchners farbiger Erprobung des Sujets erhalten hat. (Abb.) Ein Motiv, geführt über vier Stufen. Ein solches Geschehen nachzuverfolgen, gleichsam abschreiten zu können - dieser Glücksfall war und ist eher selten! Hier aber ereignet er sich und ebnet den Weg zum Gemälde und seinen noch einmal ganz eigenen, vor allem farbigen Gestaltungsmöglichkeiten. Kirchner wird sie ergreifen - und nutzen!
Dieses Gemälde muss ihm viel bedeutet haben: Es hing 1919 - wie zur Begrüßung - im 1. Geschoss des "Lärchenhauses" (Abb.), als ihn seine Lebensgefährtin Erna Schilling, von Berlin kommend, besuchte. Und vielleicht erinnert es an ihre erste Begegnung um die Jahreswende 1911/12 - in einem Varieté der pulsierenden Großstadt Berlin.

Prof. Dr. Dr. Gerd Presler

Zur Provenienz
Als Donald E. Gordon 1968 das erste Werkverzeichnis von Ernst Ludwig Kirchners Gemälden veröffentlicht, kennt er von "Tanz im Varieté" nicht mehr als jenes oben erwähnte Schwarz-Weiß-Foto von 1920. Die beeindruckenden Maße sind ihm nicht bekannt, und auch von den Fotos, die das Werk - ein seltener Glücksfall - "in situ" in Kirchners Atelier zeigen, weiß der Forscher nichts. Und der Standort? Unbekannt. "Location unknown". Erst 2024 gelangt das Werk wieder an die Öffentlichkeit. Wo aber war es im vergangenen Jahrhundert? Das handschriftliche Sammlungsinventar des vormaligen Eigentümers bringt den entscheidenden Hinweis für die Recherchen: "erworben durch Dr. Lili [sic] Fischel aus der Sammlung Gläser [sic], Eselsfürth Kaiserslautern im Jahr 1944".

Avantgarde in Kaiserslautern: die Sammlung Max Glaeser, Eselsfürth
Die Sammlung des Kommerzienrates Dr. Max Glaeser ist bekannt. Der erfolgreiche Emailfabrikant aus dem Kaiserslauterer Stadtteil Eselsfürth trägt bereits ab 1907 eine beeindruckende Sammlung zunächst deutscher, vorranging Münchner Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zusammen. Lenbach und Stuck, Grützner und Thoma, Spitzweg und Liebermann finden sich hier, zunächst aber noch keine Expressionisten. Der erste Sammlungskatalog, 1922 vom Kunsthistoriker Hugo Kehrer verfasst, gibt eine ausführliche Würdigung (Hugo Kehrer, Sammlung Max Glaeser, Eselsfürth, München 1922). Als vier Jahre darauf eine nächste Sammlungsbeschreibung veröffentlicht wird, finden sich bereits Werke von Corinth und Kokoschka (dessen Großstadtbild "Madrid") in der Sammlung. Die Moderne hält Einzug (siehe: Edmund Hausen, Die Sammlung Glaeser, Eselsführt, in: Mitteilungsblatt des Pfälzischen Gewerbemuseums 1, 1926, S. 41-46).

1928/29 dann erbaut der Architekt Hans Herkommer im Bauhaus-Stil eine Villa für Max Glaeser in Eselsfürth, einem Ortsteil von Kaiserslautern. Das Wohnhaus für die Familie soll zugleich Ausstellungsort der großen Kunstsammlung sein. Fotos aus den Räumlichkeiten werden 1929/30 veröffentlicht und zeigen den geschmackvoll-avantgardistischen, noch heute in jedem Detail modern und zeitgemäß anmutenden Rahmen, in dem die Kunstwerke fortan präsentiert werden. Edvard Munch und Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff und Georg Kolbe, Karl Hofer und Max Pechstein zählen nun bereits zu den Koryphäen dieser bedeutenden Sammlung (siehe: Edmund Hausen und Hermann Graf, Haus und Sammlung Gläser, in: Hand und Maschine 1, 1929, S. 105-124, sowie Edmund Hausen, Die Sammlung Max Glaeser, Eselsfürth, in: Der Sammler, Nr. 2, 15.1.1930, S. 25f.). Und im Oktober 1930, nur Monate vor dem Tod des schwer herzkranken Fabrikanten, teilt Glaeser dem Kunsthändler Thannhauser mit, er wolle die Sammlung abgeben und nur noch moderne Künstler weiter ankaufen (Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels ZADIK, Köln, A 77, Nachlass Thannhauser, XIX 0063: Kundenkartei Glaeser).

Kirchner und Max Glaeser
Auch zwei Werke von Ernst Ludwig Kirchner werden um 1930/31 Teil der Sammlung Glaeser. Das eine ist lange bekannt: die "Frühlingslandschaft", die sich heute in der Pfalzgalerie in Kaiserslautern befindet. Das zweite Gemälde Kirchners in der Sammlung Glaeser sieht die Öffentlichkeit nun zum ersten Mal seit einem Jahrhundert: "Tanz im Varieté".

"Tanz im Varieté" geht sicher nach 1928, sehr wahrscheinlich sogar erst nach Januar 1930 in die Sammlung Glaeser ein. Bereits 1928 stattet der Sammler dem Künstler in Davos einen Besuch ab, offenbar angeregt durch seinen Berater, den bedeutenden Kunsthistoriker Gustav Hartlaub. Glaeser kauft nichts, und Kirchner äußert sich betont übellaunig über die Visite. Glaesers erster Ankauf eines Kirchner-Gemäldes wird die rund 70 x 90 Zentimeter große "Frühlingslandschaft". Sie ist im Januar 1930 auch in der letzten zeitgenössisch publizierten Sammlungsbeschreibung als "Landschaft mit Blütenbäumen" genannt - "Tanz im Varieté" ist hier jedoch noch nicht aufgeführt.
1935, vier Jahre nach dem Tod Glaesers, forciert die Witwe Anna an verschiedenen Stellen den Verkauf der Sammlung. Die Ursache dieser Verkäufe ist unklar, liegt aber nicht in der NS-Diktatur begründet. Die evangelische Familie Glaeser zählt nicht zu den Verfolgten des Regimes.
Anlässlich der zahlreichen Verkäufe von 1935 erinnert sich nun auch Kirchner wieder an den Besuch von 1928. Gegenüber Hagemann berichtet er, dass Glaeser bei seinem Aufenthalt in Davos zwar nichts erworben habe, jedoch später im Kunsthandel ein Bild "Artisten" gekauft habe, das er, Kirchner, aber nicht identifizieren könne: Glaeser "kaufte im Kunsthandel, nicht bei mir das Bild Artisten, von dem ich nicht weiss, was es ist". (19.11.1935, Kirchner an Hagemann, in: Hans Delfs (Hrsg.), Kirchner, Schmidt-Rottluff, Nolde, Nay ... Briefe an den Sammler und Mäzen Carl Hagemann 1906-1940, Ostfildern 2004, Brief 642, S. 502). Gemeint ist hier wohl: "Tanz im Varieté".

Warum aber entscheidet sich Max Glaeser gerade für dieses Bild, das in seinem Großformat, seiner Farbgebung und Motivwahl so besonders ist? Zumindest erwähnt sei hier eine Anekdote, wie sie aus der Familie des Sammlers mitgeteilt wird: Denn Max Glaeser, der beruflich viel reist, sieht in Paris einen Auftritt von Josefine Baker. Sogar auf der Bühne tanzt er mit ihr (die vormals noch von diesem Abend erhaltenen Fotografien sind jedoch verloren). Vielleicht ist es also auch die Erinnerung an einen besonderen Abend in Paris, die Max Glaesers Entscheidung für "Tanz im Varieté" begründet.

Im Nachlass Glaeser: 1931-1944
Als Max Glaeser im Mai 1931 verstirbt, befindet sich "Tanz im Varieté" in seinem Nachlass. Am 29. September desselben Jahres bietet sein Nachlassverwalter es der öffentlichen Kunstsammlung in Basel als "Varietészene" zum Kauf an. Im Frühjahr und Sommer 1932 befindet sich das Bild in Kommission der Galerie Buck in Mannheim, und erneut ist hier ein Schriftwechsel mit dem Baseler Museum überliefert. Trotz nun ernsthaften Interesses des Konservators an beiden Kirchner-Gemälden aus dem Nachlass Glaeser, die mit den durchaus beachtlichen Preisen von 2.800 Reichsmark für die "Frühlingslandschaft" und 5.500 Reichsmark für "Tanz im Varieté" vorgestellt werden, kommt ein Ankauf nicht zustande. Ebenso wenig mit dem Kunstmuseum Düsseldorf, dem das Gemälde gleichermaßen 1932 durch die Galerie Buck angeboten wird.
"Tanz im Varieté" bleibt im Eigentum der Witwe Anna Glaeser und ist hier schriftlich zuletzt in einem Sammlungsinventar aus dem Februar 1943 nachzuweisen. Fast genau ein Jahr nach dieser Sammlungsaufstellung verstirbt Anna Glaeser im Februar 1944. Die verbliebene Kollektion - zehn Gemälde hauptsächlich moderner Künstler wie Pechstein, Schmidt-Rottluff, Feininger und Heckel sowie zwei Plastiken von Kolbe - wird unter den Enkeln verteilt. "Tanz im Varieté" ist im Verteilungsplan enthalten, wird jedoch keinem Erben mehr zugewiesen, sondern mit einem Haken versehen - das Werk ist verkauft.

Verkauf und Rettung: 1944-2024
An dieser Stelle schließt die Überlieferung aus der Familie des damaligen Käufers an und kann die Geschichte von "Tanz im Varieté" vervollständigen.
Der neue Eigentümer ist ein Schmuckdesigner aus dem Badischen, Jahrgang 1905, der bereits in den frühen 1930er Jahren avantgardistischen Schmuck entwirft. Zu seinem der Moderne verschriebenen Künstler-Freundeskreis hält er auch in den Kriegsjahren so gut er kann Kontakt. Zu jenem gehört die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aus der Kunsthalle Karlsruhe entlassene Lilli Fischel. In München untergetaucht, hält sie sich als freie Mitarbeiterin für die Galerie Günther Franke über Wasser. Lilli Fischel vermittelt 1944 den Ankauf von "Tanz im Varieté". Im März 1944 schreibt sie, vermutlich mit Bezug auf eben jenen Vorgang, an den Kunsthändler Ferdinand Möller: "Hätten Sie nicht vielleicht ein gutes Bild von Kirchner abzugeben, wie ich deren früher bei Ihnen sah? Ein Freund von mir, guter Kenner, wünscht sich eines" (Berlinische Galerie, Nachlass Ferdinand Möller, BG-GFMC,II 1,169).

Es ist kein Zufall, dass Lilli Fischel ihrem Freund ausgerechnet ein Gemälde aus dem Nachlass Glaeser vermittelt. Denn diese Sammlung kennt sie lange und gut: Max Glaeser versucht bereits 1930, gesundheitlich schon schwer angeschlagen, seine Bilder geschlossen an ein Museum zu vermitteln. Der Wunsch des Sammlers ist es, seine Kollektion auf diesem Wege für die Nachwelt zu erhalten. Auch mit Lilli Fischel, damals an der Kunsthalle Karlsruhe, steht er diesbezüglich in Kontakt. Am 20. Oktober 1930 notiert der Kunsthändler Thannhauser über ein Gespräch mit dem Sammler: "Frl. Fischel, vom Museum Karlsruhe hat ihm dafür 150 000 Mark geboten, dabei hätte sie sich doch das Recht vorbehalten, einiges zu verkaufen, da ihr nicht alles passt für ihr Museum. Er ist ziemlich ungehalten über sie, wegen dieses schlechten Gebots" (Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels ZADIK, Köln, A 77, Nachlass Thannhauser, XIX 0063: Kundenkartei Glaeser). So liegt es durchaus nahe, dass Lilli Fischel, auf der Suche nach einem passenden Kirchner-Gemälde für ihren Freund, die Erben der Sammlung Glaeser kontaktiert. Auf diesem Weg gelangt das Gemälde in den Besitz des Schmuckdesigners. Er zeigt sich früh begeistert von den avantgardistischen Kunstströmungen, etwa vom Expressionismus und der Kunst des Bauhauses. Seine Ausbildung absolviert er 1923-1927 zeitgleich mit Alexander Calder an der Art Students League in New York, anschließend verbringt er ein Jahr in Paris zur Vertiefung seiner Studien.

Im Jahr 1944 jedoch ist der Ankauf eines solchen Kunstwerkes mit Schwierigkeiten verbunden. Wohin nun mit dem großformatigen Werk eines "Entarteten", wie kann es mitten im Zweiten Weltkrieg vor Bomben und den nationalsozialistischen Behörden geschützt werden? In einem Bauernhof auf dem Land hält man das Gemälde für sicher. In einer Kiste, gut verpackt, wird es dort versteckt. Doch 1945 nehmen französische Truppen das Dorf ein. Die Kiste wird gefunden und gewaltsam geöffnet, der Schmuckrahmen des Werkes wird zerstört, die Leinwand durch einen Schuss und einen Bajonettstich beschädigt - zielgerichtet auf das zentrale Tanzpaar. Eine Kugel trifft den Kopf der Tänzerin, der Rumpf des Tänzers wird durchstochen. Die Soldaten aber lassen die Kiste mit dem Gemälde geöffnet zurück. So kann ein hochbedeutendes Stück deutscher Kunstgeschichte gerettet werden. Nach dem Krieg wird das Gemälde, erneut vermittelt durch Lilli Fischel, in der Kunsthalle Karlsruhe durch Verena Baier fachmännisch restauriert. Die Kriegsbeschädigung der Leinwand ist heute insbesondere von der Rückseite erkennbar. Hier, in der Rückansicht, wird Geschichte physisch greifbar. Bis heute befindet sich "Tanz im Varieté" in der Familie des Käufers von 1944. 1980, anlässlich seines 75. Geburtstages, schenkt der Sammler das Gemälde seinen beiden Kindern. Mit diesem Geschenk gibt er ihnen aber auch eine Aufgabe an die Hand: die Rückführung des Gemäldes in die Öffentlichkeit, für die auch der Künstler selbst es vorgesehen hatte. Dieses besondere Vermächtnis eines besonderen Sammlers ermöglicht es uns, heute dieses Kunstwerk wiederzuentdecken. Mehr als 100 Jahre sind seit der letzten Publikation des Bildes vergangen. Nun ist es zurück. "Tanz im Varieté" kann seinen vorgesehenen Platz in der Kunstgeschichte einnehmen. [AT]



124000159
Ernst Ludwig Kirchner
Tanz im Varieté, 1911.
Öl auf Leinwand
Schätzpreis: € 2.000.000 - 3.000.000
Informationen zu Aufgeld, Steuern und Folgerechtsvergütung sind ab vier Wochen vor Auktion verfügbar.